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Suchtprävention

Suchtprävention in der Schule ist gut untersucht, und die Ergebnisse sind unbequem für alle, die auf Aufklärungsvorträge setzen.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein leerer Stuhlkreis in einem Klassenraum mit heller Wand und Fenstern
Was in diesem Kreis geschieht, entscheidet über die Wirkung. Ein Vortrag über Substanzen gehört nicht dazu. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Kaum ein Feld der Prävention ist so gut untersucht und so oft falsch umgesetzt. Die Cochrane-Übersicht dazu ist ungewöhnlich groß und ihre Schlussfolgerung ungewöhnlich klar.

  • Kombinierte Programme zeigten kleine, aber beständige Schutzwirkungen.
  • Reine Wissensvermittlung zeigte in der einzigen Studie dazu keinen Effekt.
  • Bei harten Drogen fand sich langfristig kein Unterschied.
  • Die Autoren halten schulische Programme allein für unzureichend.
  • Gezielte Ansätze für Risikogruppen sind der aussichtsreichere Weg.

Die Grundlage

Die maßgebliche Übersicht schließt ausschließlich randomisierte Studien zu universellen, also an alle gerichteten schulischen Programmen gegen illegalen Drogenkonsum ein.

51

eingeschlossene Studien

127.146

Teilnehmende

6. und 7.

überwiegende Klassenstufen

USA

Herkunft der meisten Studien

Unterschieden wurden vier Ansätze: der auf soziale Kompetenz, der auf sozialen Einfluss, die Kombination aus beiden und der rein auf Wissen ausgerichtete. Der Ansatz der sozialen Kompetenz arbeitet an allgemeinen Fähigkeiten wie Entscheiden, Selbstbehauptung und Umgang mit Gefühlen. Der Einflussansatz arbeitet an der Wahrnehmung von Gruppendruck und an Vorstellungen darüber, was andere angeblich tun.

Was die Ansätze leisten

Relative Risiken für Cannabiskonsum

Kontrollgruppe als Bezugswert

1

Bezugswert

Kombinierter Ansatz, über 12 Monate

0,83

VB 0,69 bis 0,99, sechs Studien, 26.910 Teilnehmende

Sozialkompetenz-Ansatz, unter 12 Monate

0,9

VB 0,81 bis 1,01, vier Studien, 9.456 Teilnehmende

MerkmalWert in
Kontrollgruppe als Bezugswert1
Kombinierter Ansatz, über 12 Monate0.83
Sozialkompetenz-Ansatz, unter 12 Monate0.9

Ein Wert unter 1 bedeutet weniger Konsum in der Programmgruppe. Quelle: Faggiano, Minozzi, Versino & Buscemi 2014.

Weitere Ergebnisse. Quelle: Faggiano et al. 2014
ZielgrößeErgebnisErgebnissicherheit
Jeglicher Drogenkonsum unter 12 Monaten, kombinierter AnsatzRelatives Risiko 0,76 mit Vertrauensbereich 0,64 bis 0,89, eine Studie mit 6.362 TeilnehmendenNicht berichtet
Harte Drogen unter 12 MonatenWidersprüchlich: kein Unterschied bei der ja-nein-Auswertung, aber ein Vorteil bei der stetigen AuswertungHoch
Harte Drogen über 12 MonateKein Unterschied, relatives Risiko 0,86 mit Vertrauensbereich 0,39 bis 1,90, zwei Studien mit 1.066 TeilnehmendenHoch
Da die Effekte schulischer Programme klein sind, sollten sie Teil umfassenderer Strategien zur Drogenprävention sein, um eine Wirkung auf Bevölkerungsebene zu erzielen.
Faggiano, Minozzi, Versino & Buscemi 2014

Der Vertrauensbereich bis 0,99

Der beste Wert der ganzen Übersicht, 0,83 für Cannabis nach über zwölf Monaten, hat einen Vertrauensbereich, der bis 0,99 reicht. Er ist also gerade eben statistisch bedeutsam. Wer daraus ein starkes Versprechen macht, überzieht. Wer daraus schließt, Prävention bringe nichts, ebenfalls: Die Wirkung ist vorhanden, sie ist nur klein.

Der Befund zur reinen Aufklärung

Der praktisch folgenreichste Satz der Übersicht ist ein Nebensatz.

Nur eine Studie prüfte die Wirkung eines wissensorientierten Ansatzes auf den Drogenkonsum und fand keinen Effekt.
Faggiano et al. 2014
  • Eine einzige Studie ist keine belastbare Grundlage. Der Befund beweist nicht, dass Aufklärung nichts bringt.
  • Er zeigt aber, wie wenig geprüft wurde. Der in Schulen häufigste Ansatz, der Vortrag über Substanzen und ihre Wirkungen, ist der am schlechtesten untersuchte.
  • Die geprüften wirksamen Ansätze arbeiten an etwas anderem: an Fähigkeiten und an Gruppennormen, nicht an Faktenwissen.
  • Der Erstautor weist einen Interessenkonflikt aus. Er ist Autor einer der eingeschlossenen Studien und hat nach eigener Angabe nicht an deren Bewertung und Datenauswertung mitgewirkt.

Der gezielte Ansatz

Neben den an alle gerichteten Programmen gibt es solche, die gezielt Jugendliche mit erhöhtem Risiko ansprechen. Der am besten untersuchte Vertreter setzt an vier Persönlichkeitsmerkmalen an, die mit Substanzkonsum zusammenhängen.

Die geprüfte Studienreihe
StudieAufbau
Australische LangzeitstudieClusterrandomisierte Studie an 14 weiterführenden Schulen in New South Wales und Victoria, Beginn 2012 in der achten Klasse, Nachbeobachtung über sieben Jahre bis ins junge Erwachsenenalter
Londoner Wirkmechanismus-Studie1.210 Schülerinnen und Schüler mit erhöhtem Risiko an 19 Schulen, mittleres Alter 13,7 Jahre, Nachbeobachtung über zwei Jahre
AnpassungsstudieAcht Gruppengespräche mit 69 Schülerinnen und Schülern sowie Rückmeldungen von 12 Lehrkräften und Fachleuten zur Übertragung des Programms

Die Zuordnung zu den vier Merkmalen erfolgt über einen Kurzfragebogen. Die Jugendlichen erhalten dann jeweils eine auf ihr Profil abgestimmte Kurzintervention.

Warum gezielt oft besser ist als universell

Universelle Programme erreichen alle, auch die vielen, bei denen ohnehin nichts passiert wäre. Der mögliche Gewinn ist deshalb klein. Gezielte Programme erreichen jene mit dem höchsten Ausgangsrisiko, wo der mögliche Gewinn größer ist. Denselben Befund gibt es in der Prävention für Kinder psychisch kranker Eltern.

Die Anpassungsstudie ist ein Beispiel für sorgfältige Übertragung: Bevor das Programm in Australien erprobt wurde, empfahlen Schülerinnen, Schüler, Lehrkräfte und Fachleute konkrete Änderungen an Inhalten, Sprache, Fallbeispielen und Grafiken. Ein Programm, das in Großbritannien wirkt, wirkt nicht automatisch anderswo.

Wie er wirkt

Die Londoner Untersuchung hat geprüft, worüber die Wirkung eigentlich läuft, und dazu drei konkurrierende Erklärungen verglichen.

  • Frühe Veränderungen des Trinkverhaltens trugen einen Teil. Veränderungen in den ersten sechs Monaten erklärten teilweise die längerfristige Wirkung auf den Beginn von Rauschtrinken und auf Trinkprobleme über zwei Jahre.
  • Der überraschende Weg läuft über die Stimmung. Die Wirkung auf Angstbeschwerden und auf Verhaltensprobleme wurde teilweise durch frühe Rückgänge depressiver Beschwerden vermittelt.
  • Das Programm wirkt also nicht nur auf Substanzen. Es verändert offenbar den Umgang mit Gefühlen, und der Substanzkonsum folgt.
  • Teilweise vermittelt heißt nicht vollständig. Ein Teil der Wirkung lief an diesen Wegen vorbei.

Praktisch

Für Schulen

  • Ein Vortrag über Substanzen ist der am schlechtesten belegte Ansatz. Nur eine Studie hat ihn geprüft, und sie fand keinen Effekt.
  • Wirksam war die Kombination. Soziale Kompetenz und Arbeit an Gruppennormen zusammen zeigten die konsistentesten Schutzwirkungen.
  • Erwarte kleine Effekte und plan entsprechend. Die Autorengruppe empfiehlt ausdrücklich, schulische Programme in umfassendere Strategien einzubetten.
  • Erwäge zusätzlich einen gezielten Ansatz. Programme für Jugendliche mit erhöhtem Risiko sind über sieben Jahre nachbeobachtet worden.
  • Prüf die Übertragbarkeit. Die meisten eingeschlossenen Studien stammen aus den USA. Auch die australische Arbeitsgruppe hat ihr Programm vor der Erprobung gezielt angepasst.

Für Eltern

  • Wissen über Substanzen schützt nicht. Das ist der ernüchterndste Befund und erklärt, warum Aufklärungsgespräche allein oft folgenlos bleiben.
  • Die Stimmung ist ein Ansatzpunkt. In der Wirkmechanismus-Studie lief ein Teil der Wirkung über frühe Rückgänge depressiver Beschwerden.
  • Falsche Vorstellungen über andere sind ein eigener Faktor. Jugendliche überschätzen meist, wie viel Gleichaltrige konsumieren. Genau hier setzt der Einflussansatz an.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Bei regelmäßigem Konsum, bei Konsum allein oder zur Beruhigung, bei Kontrollverlust oder wenn Schule und Freundeskreis darunter leiden, ist Beratung angezeigt. Die Sucht- und Drogenhotline ist unter 01806 313031 erreichbar, die Beratung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter 0221 892031, für Jugendliche selbst die Nummer gegen Kummer unter 116 111.

Passend dazu

Fazit

Über 51 randomisierte Studien mit 127.146 Teilnehmenden zeigten schulische Programme, die soziale Kompetenz und Einflussarbeit verbinden, im Mittel kleine, aber beständige Schutzwirkungen. Der beste Einzelwert war ein relatives Risiko von 0,83 für Cannabiskonsum nach über zwölf Monaten, mit einem Vertrauensbereich bis 0,99.

Zwei Befunde begrenzen die Erwartung. Bei harten Drogen fand sich nach über zwölf Monaten kein Unterschied, bei hoher Ergebnissicherheit. Und der rein wissensorientierte Ansatz wurde nur in einer einzigen Studie auf den Konsum geprüft, die keinen Effekt fand.

Der aussichtsreichere Weg führt über gezielte Programme für Jugendliche mit erhöhtem Risiko. In einer Untersuchung mit 1.210 Schülerinnen und Schülern lief die Wirkung teilweise über frühe Veränderungen des Trinkverhaltens und teilweise über frühe Rückgänge depressiver Beschwerden. Das Programm veränderte demnach den Umgang mit Gefühlen, und der Konsum folgte.

Häufige Fragen

Wirken schulische Präventionsprogramme?

Ja, aber schwach. Eine Cochrane-Übersicht über 51 Studien mit 127.146 Teilnehmenden fand für Programme, die soziale Kompetenz und Einflussarbeit verbinden, im Mittel kleine, aber beständige Schutzwirkungen.

Wie groß sind die Effekte?

Beispielhaft: Für Cannabiskonsum nach mehr als zwölf Monaten lag das relative Risiko bei 0,83 mit einem Vertrauensbereich von 0,69 bis 0,99 über sechs Studien mit 26.910 Teilnehmenden.

Hilft reine Wissensvermittlung?

Nur eine einzige Studie in der Übersicht hat einen rein wissensorientierten Ansatz auf den Drogenkonsum geprüft, und sie fand keinen Effekt.

Was ist mit harten Drogen?

Nach mehr als zwölf Monaten fand sich über zwei Studien mit 1.066 Teilnehmenden kein Unterschied, bei hoher Ergebnissicherheit.

Gibt es wirksamere gezielte Ansätze?

Ein Programm, das an vier Persönlichkeitsmerkmalen ansetzt, wurde in einer clusterrandomisierten Studie mit Achtklässlern an 14 Schulen geprüft und über sieben Jahre nachbeobachtet.

Worüber wirkt so ein Programm?

In einer Untersuchung mit 1.210 Schülerinnen und Schülern erklärten frühe Veränderungen des Trinkverhaltens einen Teil der langfristigen Wirkung, und die Wirkung auf Angst und Verhaltensprobleme lief teilweise über frühe Rückgänge depressiver Beschwerden.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Faggiano, F., Minozzi, S., Versino, E. & Buscemi, D. (2014): Universal school-based prevention for illicit drug use. Cochrane Database of Systematic Reviews. 51 eingeschlossene randomisierte Studien mit 127.146 Teilnehmenden, überwiegend sechste und siebte Klassen

  2. 2

    Newton, N. C. et al. (2022): Effect of Selective Personality-Targeted Alcohol Use Prevention on 7-Year Alcohol-Related Outcomes Among High-risk Adolescents: A Secondary Analysis of a Cluster Randomized Clinical Trial. JAMA Network Open. Clusterrandomisierte Studie an 14 weiterführenden Schulen in New South Wales und Victoria, Beginn 2012 in der achten Klasse

  3. 3

    O'Leary-Barrett, M., Castellanos-Ryan, N., Pihl, R. O. & Conrod, P. J. (2016): Mechanisms of personality-targeted intervention effects on adolescent alcohol misuse, internalizing and externalizing symptoms. Journal of Consulting and Clinical Psychology. 1.210 Schülerinnen und Schüler mit erhöhtem Risiko an 19 Londoner Schulen, mittleres Alter 13,7 Jahre, Nachbeobachtung über zwei Jahre

  4. 4

    Barrett, E. L., Newton, N. C., Teesson, M., Slade, T. & Conrod, P. J. (2015): Adapting the personality-targeted Preventure program to prevent substance use and associated harms among high-risk Australian adolescents. Early Intervention in Psychiatry. Acht Gruppengespräche mit 69 Schülerinnen und Schülern aus drei Schulen sowie schriftliche Rückmeldungen von 12 Lehrkräften und Fachleuten