
Auf einen Blick
Dieser Artikel richtet sich an Menschen, deren Konsum im gesellschaftlich üblichen Rahmen liegt und die ihn zur Entlastung einsetzen. Genau diese Gruppe wird von den üblichen Warnungen nicht erreicht, weil sie nicht viel trinkt.
- Nicht die Menge sagt Probleme voraus, sondern das Motiv.
- Bewältigungsmotive gehörten zu den stärksten Vorhersagegrößen für Alkoholprobleme.
- Alkohol verkürzt die Einschlafzeit und zerstört die zweite Nachthälfte.
- Wer mit dem Rauchen aufhört, hat weniger Angst und weniger Stress, nicht mehr.
- Kurze Beratungsgespräche senken den Konsum leicht, das Rauschtrinken kaum.
Der Grund entscheidet
Die Suchtforschung unterscheidet vier Gründe zu trinken. Sie sind nicht gleich riskant, und der Unterschied ist der wichtigste Befund dieses Artikels.
| Motiv | Was gemeint ist | Beispielsatz |
|---|---|---|
| Verstärkung | Trinken, weil es sich gut anfühlt | „Weil es Spaß macht.“ |
| Bewältigung | Trinken, um Unangenehmes auszuhalten | „Um abzuschalten.“ |
| Soziales | Trinken, weil andere es tun | „Weil wir zusammen waren.“ |
| Anpassung | Trinken, um nicht aufzufallen | „Damit keiner fragt.“ |
229
Studien in der Metaanalyse zu Trinkmotiven
130.705
ausgewertete Personen
−0,37
Angstverringerung nach Rauchstopp
−20 g
Wochenkonsum nach kurzer Beratung
Was die Metaanalyse zeigt
2021 erschien eine umfangreiche Auswertung dieser Frage. Eingeschlossen wurden 229 Studien mit 254 Stichproben und insgesamt 130.705 Personen, ausgewertet mit Strukturgleichungsmodellen, die direkte und indirekte Wege trennen können.
| Motiv | Sagt den Konsum voraus? | Sagt Alkoholprobleme voraus? |
|---|---|---|
| Verstärkung | ja, am stärksten | ja, mit am stärksten |
| Bewältigung | nur indirekt, über die Probleme | ja, mit am stärksten |
| Soziales | indirekt | indirekt |
| Anpassung | schwächer | schwächer |
Die Ergebnisse fielen bei Querschnitts- und Längsschnittdaten unterschiedlich aus. Der Längsschnittanteil war mit fünf Studien und 6283 Personen deutlich kleiner als der Querschnittsanteil.
Wer trinkt, weil es schön ist, trinkt mehr. Wer trinkt, um etwas auszuhalten, bekommt eher Probleme, ohne dass die Menge auffällig wäre.
Warum genau das die Falle ist
Das Bewältigungsmotiv ist selbstverstärkend, das Genussmotiv nicht. Wer trinkt, weil es schmeckt, hört auf, wenn das Glas leer ist. Wer trinkt, weil die Anspannung sonst unerträglich wäre, trinkt beim nächsten Mal, wenn die Anspannung wiederkommt, und sie kommt zuverlässig wieder. Das Mittel wird zur Voraussetzung, entlastet zu werden.
- 1
Anspannung
Der Tag hinterlässt Erregung, die nicht abklingt.
- 2
Griff zum Mittel
Alkohol wirkt schnell und zuverlässig dämpfend.
- 3
Kurze Entlastung
Die Anspannung sinkt, und zwar sofort.
- 4
Lernvorgang
Das Gehirn merkt sich: Das funktioniert.
- 5
Schlechterer Schlaf
Die zweite Nachthälfte wird unruhig, die Erholung sinkt.
- 6
Mehr Anspannung
Der nächste Tag beginnt schlechter als der vorige.
Der Kreis läuft über Wochen bis Jahre und braucht keine Steigerung der Menge, um sich zu festigen.
Der Fall Schlaf
Der häufigste Grund für abendlichen Alkohol ist das Einschlafen. Dafür funktioniert er auch, und genau darin liegt das Problem.
| Zeitraum | Wirkung |
|---|---|
| Erste Nachthälfte, hoher Blutalkohol | kürzere Einschlafzeit, veränderter Schlafaufbau |
| Zweite Nachthälfte | gestörter Schlaf von schlechter Qualität |
| Bei wiederholtem Konsum | Toleranzentwicklung für die einschlaffördernde Wirkung |
| Bei Missbrauch und Abhängigkeit | chronische Schlafstörung, weniger Tiefschlaf, mehr Traumschlaf als normal |
| In der Abstinenz | die Schlafveränderungen halten lange an und spielen möglicherweise eine Rolle bei Rückfällen |
Die Toleranz ist der eigentliche Mechanismus
Die einschlaffördernde Wirkung lässt bei wiederholter Anwendung nach, die schlafstörende Wirkung in der zweiten Nachthälfte nicht. Deshalb braucht es nach einigen Wochen mehr für denselben Einschlafeffekt, während der Schlaf insgesamt weiter schlechter wird. Wer glaubt, ohne Alkohol nicht mehr einschlafen zu können, beschreibt damit nicht ein Schlafproblem, sondern den Verlauf dieser Toleranz.
Der Fall Rauchen
Beim Rauchen ist die Überzeugung noch verbreiteter: Die Zigarette beruhige. Diese Behauptung ist gut untersucht, und die Ergebnisse gehen eindeutig in die andere Richtung.
Positive Stimmung (Anstieg)
0,4
Angst (Verringerung)
0,37
Gemischte Angst und Depressivität (Verringerung)
0,31
Stress (Verringerung)
0,27
Depressivität (Verringerung)
0,25
Psychische Lebensqualität (Anstieg)
0,22
| Merkmal | Wert in |
|---|---|
| Positive Stimmung (Anstieg) | 0.4 |
| Angst (Verringerung) | 0.37 |
| Gemischte Angst und Depressivität (Verringerung) | 0.31 |
| Stress (Verringerung) | 0.27 |
| Depressivität (Verringerung) | 0.25 |
| Psychische Lebensqualität (Anstieg) | 0.22 |
Standardisierte Mittelwertdifferenzen im Vergleich zu Weiterrauchenden, Beträge. Quelle: Taylor et al. 2014.
Bemerkenswert ist eine Zusatzauswertung: Es fand sich kein Hinweis darauf, dass die Effektgröße sich zwischen der Allgemeinbevölkerung und Menschen mit körperlichen oder psychischen Erkrankungen unterschied. Die Nachbeobachtung reichte von sieben Wochen bis neun Jahre.
Die Zigarette beruhigt tatsächlich, aber sie beruhigt den Entzug, den sie selbst erzeugt hat. Wer aufhört, hat nach einigen Wochen weniger Anspannung als vorher, nicht mehr.
Was beim Ausstieg hilft
Für Menschen mit riskantem, aber nicht abhängigem Konsum ist das kurze Beratungsgespräch die am besten untersuchte Maßnahme. Eine Cochrane-Übersicht hat dazu 69 randomisierte Studien mit 33.642 Teilnehmenden ausgewertet.
| Zielgröße | Ergebnis nach einem Jahr | Ergebnissicherheit |
|---|---|---|
| Wochenkonsum | 20 Gramm weniger pro Woche | mittel |
| Rauschtrinken pro Woche | kaum verändert | mittel |
| Trinktage pro Woche | kaum verändert | mittel |
| Trinkmenge pro Trinktag | kein Unterschied | mittel |
| Längere Beratung gegenüber kurzer | kein zusätzlicher Nutzen nachweisbar | niedrig |
20 Gramm reinen Alkohols entsprechen etwa einem halben Liter Bier oder zwei kleinen Gläsern Wein. Die Streuung zwischen den Studien war mit 73 Prozent hoch. Männer und Frauen verringerten den Konsum gleichermaßen.
Was diese Zahl über die Erwartung sagt
Ein halbes Bier weniger pro Woche nach einem Jahr Beratung ist bescheiden, und die Übersicht sagt das auch. Zugleich ist es der Effekt eines Gesprächs von unter einer Stunde. Für die Bevölkerung insgesamt ist das viel, für den Einzelfall wenig. Wer mehr braucht, braucht mehr als ein Gespräch.
Was du praktisch machst
Aus dem stärksten Befund dieses Artikels folgt eine ungewöhnliche Selbstprüfung: Sie fragt nicht nach der Menge.
Die Motivprüfung
Zwei Wochen, jeweils 30 Sekunden- 1
Notieren, bevor du eingießt
Ein Wort auf einem Zettel oder im Telefon: Genuss, Gesellschaft, oder Anspannung. Nicht wie viel, sondern wozu. - 2
Nach zwei Wochen auszählen
Wie oft stand Anspannung da? Das ist die einzige Zahl, auf die es nach der Befundlage ankommt. - 3
Ein Ersatzverhalten festlegen
Für die Anspannungsfälle etwas anderes vorbereiten, das auch schnell wirkt: rausgehen, duschen, telefonieren. Der Punkt ist die Geschwindigkeit, denn dagegen tritt der Alkohol an. - 4
Zwei alkoholfreie Abende festlegen
Feste Tage, nicht nach Tagesform. Wenn das über zwei Wochen nicht gelingt, ist das eine wichtige Information und kein Versagen.
Vier Warnzeichen, die zählen
- Du trinkst allein und nur zur Entlastung. Das Motiv mit dem stärksten Zusammenhang zu Problemen.
- Du brauchst mehr für dieselbe Wirkung. Toleranzentwicklung ist ein körperlicher Vorgang und kein Charakterfehler.
- Du kannst ohne nicht einschlafen. Das beschreibt den Verlauf der Toleranz, nicht ein Schlafproblem.
- Du verschweigst die Menge. Wer sich um die Frage herumredet, hat sie sich meist schon selbst beantwortet.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Bei täglichem Konsum über längere Zeit ist ein abrupter Entzug gefährlich und kann zu Krampfanfällen und Delir führen. Er gehört ärztlich begleitet und nicht im Alleingang versucht. Anlaufstellen: die Sucht- und Drogenhotline unter 01806 313031 und das Infotelefon zur Suchtvorbeugung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter 0221 892031. Beide beraten auch Angehörige.
Passend dazu
Fazit
Der wichtigste Befund zu diesem Thema betrifft nicht die Menge, sondern den Grund. Über 229 Studien mit 130.705 Personen hinweg gehörten Bewältigungsmotive zu den stärksten Vorhersagegrößen für Alkoholprobleme, während der Konsum selbst vor allem durch Genussmotive vorhergesagt wurde.
Beide populären Begründungen halten der Prüfung nicht stand. Alkohol verkürzt die Einschlafzeit und zerstört die zweite Nachthälfte, mit Toleranzentwicklung genau für den erwünschten Teil. Und wer mit dem Rauchen aufhört, hat weniger Angst und weniger Stress als vorher, nicht mehr.
Die brauchbarste Selbstprüfung fragt deshalb nicht, wie viel du trinkst, sondern wozu. Wenn die Antwort über zwei Wochen meistens Anspannung lautet, ist das die Information, um die es geht.
Häufige Fragen
Ist ein Feierabendbier ein Problem?
Das hängt vom Grund ab, nicht von der Menge. Eine Metaanalyse über 229 Studien mit 130.705 Personen unterschied vier Trinkmotive und fand, dass Bewältigungsmotive und Verstärkungsmotive die stärksten Vorhersagegrößen für Alkoholprobleme waren, während nur Verstärkungsmotive den Konsum selbst vorhersagten.
Was heißt das konkret?
Wer trinkt, weil es Spaß macht, trinkt tendenziell mehr. Wer trinkt, um Belastung auszuhalten, entwickelt eher Probleme, auch ohne besonders viel zu trinken. Das Bewältigungsmotiv war in dieser Auswertung nur über die Probleme selbst mit dem Konsum verbunden.
Hilft Alkohol beim Einschlafen?
Beim Einschlafen ja, beim Schlafen nein. Eine größere Menge vor dem Schlafen verkürzt die Einschlafzeit und verändert den Schlafaufbau in der ersten Nachthälfte, wenn der Blutalkohol hoch ist. In der zweiten Nachthälfte folgt gestörter Schlaf von schlechter Qualität.
Und bei dauerhaftem Konsum?
Alkoholmissbrauch und Abhängigkeit gehen mit chronischer Schlafstörung, weniger Tiefschlaf und mehr Traumschlaf als normal einher. Diese Veränderungen halten bis weit in Abstinenzphasen hinein an und spielen möglicherweise eine Rolle bei Rückfällen.
Beruhigt Rauchen?
Die Beleglage sagt das Gegenteil. Eine Metaanalyse über 26 Längsschnittstudien fand bei Menschen, die aufhörten, im Vergleich zu weiterrauchenden bedeutsame Verringerungen von Angst (-0,37), gemischter Angst und Depressivität (-0,31), Stress (-0,27) und Depressivität (-0,25), dazu verbesserte Lebensqualität und positive Stimmung.
Bringen kurze Beratungsgespräche etwas?
Ein wenig. Eine Cochrane-Übersicht über 69 randomisierte Studien mit 33.642 Teilnehmenden fand nach einem Jahr einen um 20 Gramm pro Woche geringeren Alkoholkonsum bei mittlerer Ergebnissicherheit. Auf Rauschtrinken, Trinktage und Trinkmenge pro Tag wirkten sie dagegen kaum.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Bresin, K. & Mekawi, Y. (2021): The "Why" of Drinking Matters: A Meta-Analysis of the Association Between Drinking Motives and Drinking Outcomes. Alcoholism: Clinical and Experimental Research. 229 Studien, 254 Stichproben, 130.705 Personen, Strukturgleichungsmodellierung
- 2
Colrain, I. M. et al. (2014): Alcohol and the sleeping brain. Handbook of Clinical Neurology. Übersicht über akute und chronische Alkoholwirkungen auf Schlafaufbau und Schlaf-EEG
- 3
Taylor, G. et al. (2014): Change in mental health after smoking cessation: systematic review and meta-analysis. BMJ. 26 Längsschnittstudien, Nachbeobachtung zwischen sieben Wochen und neun Jahren
- 4
Kaner, E. F. et al. (2018): Effectiveness of brief alcohol interventions in primary care populations. Cochrane Database of Systematic Reviews. 69 randomisierte Studien mit 33.642 Teilnehmenden