Persönliche ResilienzKörper & Gesundheit

Zirkadiane Rhythmen

In dieser Rubrik geht es überwiegend um Zusammenhänge ohne geklärte Richtung. Die innere Uhr ist die Ausnahme: Hier liefert ein genetisches Verfahren einen belastbaren Hinweis darauf, was Ursache und was Folge ist.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Blick aus einem Fenster auf die ersten Sonnenstrahlen über Dächern, im Vordergrund eine Tasse auf der Fensterbank
Helles Licht am Morgen ist der stärkste Taktgeber der inneren Uhr und der einzige, den du täglich ohne Aufwand stellen kannst. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Von allen Themen dieser Rubrik ist dieses das mit dem klarsten Handlungsauftrag. Es ist zugleich das einzige, bei dem ein methodisch aufwendiges Verfahren einen Hinweis auf die Richtung des Zusammenhangs liefert.

  • Ein früher Chronotyp schützt laut genetischer Analyse vor Depression.
  • Der Beleg stammt aus Mendelscher Randomisierung an bis zu 451.025 Personen.
  • Lichttherapie wirkt auch bei nicht saisonaler Depression, bei niedriger Ergebnisqualität.
  • Schichtarbeit mit zirkadianer Störung gilt als wahrscheinlich krebserregend.
  • Der wirksamste Hebel ist Licht am Morgen und Dunkelheit am Abend.

Was die innere Uhr ist

Nahezu jede Zelle des Körpers folgt einem Tagesrhythmus von ungefähr 24 Stunden. Koordiniert wird das von einer kleinen Zellgruppe im Zwischenhirn, die ihre wichtigste Information über die Augen bekommt: Helligkeit.

Der Tagesverlauf der wichtigsten Rhythmen
innere Uhr123456
  1. 1

    Morgen

    Cortisol steigt steil an, die Körpertemperatur beginnt zu steigen.

  2. 2

    Vormittag

    Wachheit und Leistungsfähigkeit erreichen ein erstes Hoch.

  3. 3

    Früher Nachmittag

    Ein natürliches Tief, unabhängig vom Mittagessen.

  4. 4

    Später Nachmittag

    Körpertemperatur und körperliche Leistungsfähigkeit sind am höchsten.

  5. 5

    Abend

    Bei Dunkelheit beginnt die Melatoninausschüttung.

  6. 6

    Nacht

    Körpertemperatur am tiefsten, Melatonin am höchsten.

Die Zeitangaben gelten für einen mittleren Chronotyp und verschieben sich bei Früh- und Spättypen entsprechend.

Warum Licht so viel stärker wirkt als alles andere

Essenszeiten, Bewegung und Sozialkontakte stellen die Uhr ebenfalls, aber schwach. Licht ist der mit Abstand stärkste Taktgeber. Ein Vormittag draußen liefert ein Vielfaches der Beleuchtungsstärke eines gut beleuchteten Büros, auch bei bedecktem Himmel.

Der Chronotyp und die Ursächlichkeit

Dass Abendtypen häufiger über depressive Beschwerden berichten, ist seit Langem bekannt und für sich genommen wenig aussagekräftig: Eine Depression verschiebt den Schlaf, und Abendtypen leben häufiger gegen ihre innere Uhr.

2021 wurde die Frage mit einem anderen Verfahren angegangen. Die Mendelsche Randomisierung nutzt genetische Varianten als Ersatz für eine zufällige Zuteilung. Weil Gene bei der Zeugung zufällig verteilt werden und sich durch eine spätere Depression nicht ändern, lässt sich die Richtung besser eingrenzen.

451.025

Personen in der genetischen Analyse

0,92

Chancenverhältnis für depressive Beschwerden bei Morgenpräferenz

23

randomisierte Studien zur Lichttherapie

2A

IARC-Einstufung für Schichtarbeit mit zirkadianer Störung

Die Autoren berichten belastbare Hinweise darauf, dass eine frühe Tagespräferenz vor Depression schützt und das Wohlbefinden verbessert. Eine Verdopplung der genetischen Neigung zur Morgenpräferenz war mit einem Chancenverhältnis von 0,92 für depressive Beschwerden verbunden.
Das Ergebnis

Was daraus nicht folgt

Nicht, dass du dich zum Frühaufsteher umerziehen sollst. Der Chronotyp ist zu großen Teilen erblich und lässt sich nur begrenzt verschieben. Die Autoren vermuten, dass Verhaltensfaktoren wie die Fehlausrichtung zwischen innerer Uhr und Alltag zum Zusammenhang beitragen, halten aber weitere Arbeit für nötig. Der praktische Hebel liegt also weniger im Chronotyp selbst als in der Passung zwischen ihm und dem Tagesablauf.

Sozialer Jetlag

Genau diese Fehlpassung hat einen Namen. Als sozialer Jetlag wird der Unterschied zwischen der Schlafmitte an Arbeitstagen und an freien Tagen bezeichnet. Bei jungen Menschen ist er besonders ausgeprägt, weil sich der Chronotyp in der Pubertät nach hinten verschiebt, während Schulzeiten früh bleiben.

Eine systematische Übersicht hat sieben Studien zu diesem Zusammenhang bei jungen Menschen gefunden. Das Ergebnis ist ehrlicherweise unklar.

Was die Übersicht ergab. Quelle: Henderson et al. 2019
BefundEinordnung
Die Ergebnisse erschienen insgesamt uneindeutigkeine klare Gesamtaussage möglich
Bedeutsame Zusammenhänge zeigten sich mit klinischer und saisonaler Depressionvor allem bei weiblichen Teilnehmenden und in Regionen hoher Breitengrade
Studienqualität moderat10 bis 13 von den geprüften Kriterien erfüllt
Keine Metaanalyse möglichdie Methoden der Studien waren zu unterschiedlich

Die Autoren führen die Uneindeutigkeit unter anderem darauf zurück, dass sozialer Jetlag und psychische Gesundheit in den Studien nicht vergleichbar gemessen wurden, und fordern eine einheitliche Definition.

Schichtarbeit

Wo die Fehlpassung am größten ist, nämlich bei Nacht- und Schichtarbeit, ist die Beleglage deutlich klarer und deutlich unerfreulicher.

  • Krebsrisiko. Die Internationale Agentur für Krebsforschung führt Schichtarbeit mit zirkadianer Störung in der Gruppe 2A, also als wahrscheinlich krebserregend für den Menschen. In derselben Gruppe steht unter anderem die Arbeit als Flugbegleitung.
  • Herz und Kreislauf. Eine systematische Übersicht wertete 14 Arbeiten aus, darunter fünf Metaanalysen und sechs prospektive Kohortenstudien. Jede einzelne berichtete einen bedeutsamen Zusammenhang zwischen Schichtarbeit und einem Aspekt der Herz-Kreislauf-Erkrankung.
  • Was konkret zunimmt. Berichtet werden erhöhte Risiken für Herzinfarkt, koronare Herzkrankheit, Bluthochdruck, Gefäßverkalkung und metabolisches Syndrom.
  • Was dazu beiträgt. Neben der zirkadianen Störung selbst werden ungünstige Ernährung sowie emotionale und körperliche Belastung genannt. Oxidative Schäden und Entzündungsmarker scheinen beteiligt zu sein.

Was daraus für Schichtarbeitende folgt

Nicht, den Beruf aufzugeben. Die Übersicht hält ausdrücklich fest, dass es trotz der Fülle an Belegen kaum Forschung zu den nötigen Schutzmaßnahmen im Betrieb gibt und dass der Schwerpunkt auf vorbeugende Regelungen und ihre Wirksamkeit verlagert werden muss. Das ist eine Aufgabe für Arbeitsschutz und Schichtplanung, nicht für Selbstoptimierung.

Lichttherapie

Bei saisonaler Depression ist die Wirksamkeit heller Lichttherapie seit Langem belegt. Weniger klar war lange, ob sie auch bei nicht saisonalen Depressionen hilft.

Eine Metaanalyse von 2020 hat dazu 23 randomisierte Studien mit 1120 Teilnehmenden ausgewertet. Die Lichttherapie erwies sich als bedeutsam wirksamer als die Vergleichsbehandlungen, mit einem leichten bis mittleren Effekt auf depressive Beschwerden. Untergruppenanalysen konnten die beträchtliche Streuung zwischen den Studien nicht erklären.

Der Vorbehalt der Autoren

Sie halten fest, dass die Qualität der Belege weiterhin niedrig ist und größere, besser angelegte Studien nötig sind. Lichttherapie ist damit eine vertretbare Option mit geringem Risiko, aber kein gesicherter Ersatz für eine etablierte Behandlung.

Was du praktisch machst

Die Empfehlungen zur inneren Uhr sind ungewöhnlich konkret, weil der Taktgeber bekannt und kostenlos ist.

Die Uhr stellen

Umstellung über zwei Wochen
  1. 1

    Licht in der ersten Stunde

    Innerhalb einer Stunde nach dem Aufstehen 20 bis 30 Minuten nach draußen, auch bei bedecktem Himmel. Fenster zählen nur eingeschränkt, weil Glas die Beleuchtungsstärke stark senkt.
  2. 2

    Gleiche Aufstehzeit

    An freien Tagen höchstens eine Stunde später als an Arbeitstagen. Das ist der direkte Angriff auf den sozialen Jetlag.
  3. 3

    Abends dunkler werden

    Zwei Stunden vor dem Schlafen Deckenlicht aus, kleine warme Lichtquellen an. Der Effekt kommt aus der Beleuchtungsstärke, nicht aus der Farbe des Bildschirms.
  4. 4

    Essenszeiten stabil halten

    Regelmäßige Mahlzeiten stellen die Uhren in Leber und Verdauung. Das späte Abendessen ist der häufigste Störfaktor.

Für Schichtarbeitende

  • Nach der Nachtschicht Sonnenbrille auf dem Heimweg. Morgenlicht stellt die Uhr genau in die falsche Richtung, wenn du gleich schlafen willst.
  • Vorwärts rotierende Schichtpläne, also Früh, Spät, Nacht, sind körperlich besser verträglich als rückwärts rotierende. Das ist ein Punkt für die Dienstplangestaltung, nicht für dich allein.
  • Vollständige Dunkelheit am Schlafort. Verdunklung ist bei Tagschlaf keine Bequemlichkeit, sondern die Voraussetzung dafür, dass er funktioniert.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Anhaltende Ein- oder Durchschlafstörungen über mehr als vier Wochen gehören ärztlich abgeklärt. Sie können auf eine behandelbare Schlafstörung hinweisen, etwa eine Schlafapnoe, die sich mit Lichthygiene nicht bessert. Bei einer Depression ist die Schlafstörung häufig Teil des Krankheitsbildes und bessert sich mit der Behandlung.

Passend dazu

Fazit

Die innere Uhr ist der bestbelegte körperliche Faktor dieser Rubrik. Genetische Analysen an bis zu 451.025 Menschen liefern belastbare Hinweise darauf, dass eine frühe Tagespräferenz vor Depression schützt, und zwar in einer Richtung, die sich durch umgekehrte Verursachung schlecht erklären lässt.

Bei Schichtarbeit, also bei maximaler Fehlpassung, ist die Lage eindeutig unerfreulich: Einstufung als wahrscheinlich krebserregend, durchgehende Zusammenhänge mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und kaum Forschung zu wirksamen Schutzmaßnahmen.

Praktisch bleibt eine der wenigen Empfehlungen dieser Rubrik, die nichts kostet und deren Wirkmechanismus geklärt ist: helles Licht am Morgen, Dunkelheit am Abend, gleiche Aufstehzeit auch am Wochenende.

Häufige Fragen

Beeinflusst der Chronotyp die psychische Gesundheit?

Danach sieht es aus, und der Beleg ist ungewöhnlich stark. Eine Untersuchung mit mehreren Verfahren der Mendelschen Randomisierung an bis zu 451.025 Personen liefert nach Aussage der Autoren belastbare Hinweise darauf, dass eine frühe Tagespräferenz vor Depression schützt und das Wohlbefinden verbessert.

Wie groß ist dieser Effekt?

Eine Verdopplung der genetischen Neigung zur Morgenpräferenz war mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit depressiver Beschwerden verbunden, mit einem Chancenverhältnis von 0,92. Das ist ein kleiner, aber richtungsweisender Effekt.

Was ist sozialer Jetlag?

Der Unterschied zwischen der Schlafzeit an Arbeitstagen und an freien Tagen. Junge Menschen verschieben sich natürlicherweise nach hinten, während Schule und Arbeit frühes Aufstehen verlangen. Eine systematische Übersicht über sieben Studien fand uneindeutige Ergebnisse, mit bedeutsamen Zusammenhängen vor allem bei Frauen und in hohen Breitengraden.

Wie gefährlich ist Schichtarbeit?

Die Internationale Agentur für Krebsforschung stuft Schichtarbeit mit zirkadianer Störung als wahrscheinlich krebserregend für den Menschen ein, das entspricht der Gruppe 2A. Für die Herz-Kreislauf-Gesundheit fand eine systematische Übersicht über 14 Arbeiten in jeder einzelnen einen bedeutsamen Zusammenhang.

Hilft Lichttherapie auch bei nicht saisonaler Depression?

Eine Metaanalyse über 23 randomisierte Studien mit 1120 Teilnehmenden fand einen statistisch bedeutsamen leichten bis mittleren Effekt. Die Autoren stufen die Ergebnisqualität allerdings weiterhin als niedrig ein.

Was ist der wirksamste einzelne Hebel?

Helles Licht am Morgen und Dunkelheit am Abend. Beides stellt die innere Uhr, kostet nichts und ist der einzige Punkt dieser Rubrik, für den es einen Hinweis auf Ursächlichkeit gibt.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    O’Loughlin, J. et al. (2021): Using Mendelian Randomisation methods to understand whether diurnal preference is causally related to mental health. Molecular Psychiatry. Mehrere Verfahren der Mendelschen Randomisierung an bis zu 451.025 Personen, sieben Zielgrößen

  2. 2

    Tao, L. et al. (2020): Light therapy in non-seasonal depression: An update meta-analysis. Psychiatry Research. 23 randomisierte Studien mit 1120 Teilnehmenden, Untergruppenanalysen zur Streuung

  3. 3

    Henderson, S. E. M. et al. (2019): Associations between social jetlag and mental health in young people: A systematic review. Chronobiology International. Sieben eingeschlossene Studien, Qualitätsbewertung mit dem Appraisal Tool for Cross-Sectional Studies

  4. 4

    Hanif, A. et al. (2024): Shifting Rhythms: A Systematic Review Exploring the Multifaceted Effects of Shift Work and Circadian Disruption on Employee Cardiovascular Health. Cureus. 14 eingeschlossene Arbeiten, darunter fünf systematische Übersichten und Metaanalysen