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Vitamin D und Omega-3

Wenige Nahrungsergänzungsmittel sind so verbreitet und so gut untersucht wie diese beiden. Das Ergebnis ist ungewöhnlich klar, aber nur, wenn man zwei Fragen trennt, die im Alltag ständig vermischt werden: Vorbeugen und Behandeln.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Gebratenes Lachsfilet mit Zitrone auf einem Teller neben einer Schale Blattgemüse auf einem Holztisch
Was in der Studie geprüft wurde, war eine Kapsel. Was auf dem Teller liegt, ist damit nicht gemeint. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Wer diesen Unterschied zwischen Vorbeugen und Behandeln einmal verstanden hat, kann fast jede Nahrungsergänzungsdebatte selbst einordnen. Er ist der Kern dieses Artikels.

  • Zur Vorbeugung von Depression taugen beide Mittel nach der besten Studie nicht.
  • Bei Omega-3 war das Depressionsrisiko in der Behandlungsgruppe sogar leicht höher.
  • Bei bereits bestehenden Beschwerden zeigen Metaanalysen dagegen Verbesserungen.
  • Bei Omega-3 entscheidet die Zusammensetzung: EPA wirkt, DHA nicht.
  • Die Vitamin-D-Befunde bei Erkrankten sind positiv, aber von sehr niedriger Ergebnissicherheit.

Zwei verschiedene Fragen

In Werbung und Alltagsgesprächen wird eine Frage gestellt: Hilft das? Die Forschung stellt zwei, und die Antworten fallen unterschiedlich aus.

Vorbeugen

  • Gesunde Menschen nehmen ein Mittel über Jahre
  • Gemessen wird, wie viele neu erkranken
  • Braucht sehr große Stichproben und lange Laufzeiten
  • Hier liegt die beste Studie zu beiden Mitteln

Behandeln

  • Bereits Erkrankte nehmen ein Mittel über Wochen
  • Gemessen wird die Veränderung der Beschwerden
  • Kleinere Studien reichen aus
  • Hier liegen viele kleine Studien und Metaanalysen vor

Warum das kein Wortklauben ist

Ein Mittel kann bei einem Mangel oder bei bestehenden Beschwerden etwas bewirken und trotzdem völlig ungeeignet sein, um bei Gesunden einer Erkrankung vorzubeugen. Das ist keine Ausnahme, sondern der Normalfall in der Ernährungsforschung.

Die große Präventionsstudie

Zu beiden Mitteln liegt eine ungewöhnlich gute Untersuchung vor. In einer amerikanischen Studie wurden 25.871 Erwachsene zufällig auf vier Gruppen verteilt: Vitamin D, Omega-3, beides oder Scheinpräparat. Für die Depressionsfrage wurden 18.353 Teilnehmende ab 50 Jahren ausgewertet, davon 16.657 ohne und 1696 mit Depression in der Vorgeschichte.

18.353

ausgewertete Teilnehmende

5,3

Jahre mediane Behandlungsdauer

2000

internationale Einheiten Vitamin D pro Tag

1 g

Fischöl pro Tag, davon 465 mg EPA und 375 mg DHA

Ergebnisse der Präventionsstudie. Quelle: Okereke et al. 2020 und 2021
MittelDepressionsrisiko gegenüber ScheinpräparatStimmungswerte
Vitamin D3Risikoverhältnis 0,97 (0,87 bis 1,09), kein Unterschiedkeine bedeutsamen Unterschiede
Omega-3Risikoverhältnis 1,13 (1,01 bis 1,26), also leicht höheres Risikokein Unterschied, mittlere Abweichung 0,03 Punkte

Die Studie hatte eine sehr hohe Abschlussquote von über 90 Prozent. Eine Wechselwirkung zwischen den beiden Mitteln ließ sich nicht nachweisen.

In der Omega-3-Gruppe traten 651 Depressionsereignisse auf, unter Scheinpräparat 583. Das ist kein großer Unterschied, aber es ist die Gegenrichtung zu dem, was erwartet wurde.
Das unerwartete Ergebnis

Wie stark dieses Ergebnis wiegt

Der untere Rand des Vertrauensbereichs liegt bei 1,01, also unmittelbar an der Grenze. Ein einzelnes Ergebnis dieser Art ist kein Beleg dafür, dass Fischöl schadet. Es ist aber ein klarer Beleg dafür, dass es Gesunden nicht vorbeugend hilft, und genau damit wird es beworben.

Bei bereits Erkrankten

Bei Menschen, die bereits depressive Beschwerden haben, ergibt sich ein anderes Bild. Eine Metaanalyse über 26 doppelblinde, placebokontrollierte Studien mit 2160 Teilnehmenden fand insgesamt eine Verbesserung.

Omega-3 bei bestehenden depressiven Beschwerden

EPA-überwiegende Präparate (≥ 60 % EPA), bis 1 g/Tag

1,03

p = 0,03; sehr großer Effekt, aber wenige Studien

Reine EPA-Präparate, bis 1 g/Tag

0,5

p = 0,003

Alle Omega-3-Präparate zusammen

0,28

p = 0,004; kleiner Effekt

DHA-überwiegende Präparate

0

kein Nutzen nachweisbar

MerkmalWert in
EPA-überwiegende Präparate (≥ 60 % EPA), bis 1 g/Tag1.03
Reine EPA-Präparate, bis 1 g/Tag0.5
Alle Omega-3-Präparate zusammen0.28
DHA-überwiegende Präparate0

Standardisierte Mittelwertdifferenzen, Beträge. Quelle: Liao et al. 2019.

Zu dieser Arbeit ist eine Berichtigung erschienen, und sie hat einen veröffentlichten Kommentar erhalten. Beides ist bei viel zitierten Metaanalysen nicht ungewöhnlich, gehört aber erwähnt, wenn man die Zahlen weitergibt.

Auf die Form kommt es an

Der praktisch wichtigste Befund dieses Artikels steckt in der Zusammensetzung. Fischöl besteht im Wesentlichen aus zwei Fettsäuren, und sie verhalten sich in diesen Studien unterschiedlich.

  • Eicosapentaensäure, kurz EPA. In der Auswertung zeigten Präparate mit reiner oder überwiegender EPA bei einer Dosis bis 1 Gramm pro Tag einen klinischen Nutzen.
  • Docosahexaensäure, kurz DHA. Präparate mit reiner oder überwiegender DHA zeigten diesen Nutzen nicht.
  • Die Dosis nach oben ist keine Verbesserung. Der Nutzen zeigte sich bei bis zu 1 Gramm EPA pro Tag. Mehr ist in diesen Daten nicht besser.
  • Handelsübliche Präparate nennen das Verhältnis meist. Wer es nicht angibt, macht eine Prüfung unmöglich.

Der Zusammenhang zum Präventionsergebnis

Das in der großen Präventionsstudie verwendete Präparat enthielt 465 Milligramm EPA und 375 Milligramm DHA, war also weit von einer EPA-überwiegenden Zusammensetzung entfernt. Das erklärt den Widerspruch nicht vollständig, macht ihn aber nachvollziehbarer.

Vitamin D genauer

Für Vitamin D liegt eine Metaanalyse über 41 randomisierte Studien mit 53.235 Teilnehmenden vor. Eingeschlossen wurden gesunde wie klinische Stichproben sowie Menschen mit körperlichen Erkrankungen.

Vitamin D und depressive Beschwerden. Quelle: Mikola et al. 2023
KennzahlWertEinordnung
Gesamteffektg = -0,317 (-0,405 bis -0,230)kleiner bis mittlerer Effekt
Streuung zwischen den StudienI² = 88 Prozentsehr hoch
Ergebnissicherheit nach GRADEsehr niedrigder entscheidende Vorbehalt
Verzerrungsrisikoin den meisten Studien bedenklichvon den Autoren selbst so bewertet
Dosisab 2000 internationalen Einheiten pro Tagunterhalb davon zeigte sich der Effekt nicht
Eine sehr große randomisierte Studie findet bei Gesunden nichts. Eine Metaanalyse aus vielen kleineren Studien findet bei gemischten Gruppen etwas, bewertet ihre eigene Beleglage aber als sehr unsicher. Das ist ein bekanntes Muster, und im Zweifel gilt die große, saubere Einzelstudie.
Wie beides zusammenpasst

Der Sonderfall Mangel

Von all dem unberührt bleibt die Behandlung eines nachgewiesenen Vitamin-D-Mangels. Sie ist medizinisch begründet, betrifft Knochen und Muskeln und hat mit der Depressionsfrage nichts zu tun. Wer einen Mangel hat, sollte ihn ausgleichen, und zwar unabhängig davon, wie diese Debatte ausgeht.

Was daraus folgt

  • Nicht vorbeugend einnehmen. Für beide Mittel liegt dazu die beste vorhandene Studie vor, und sie ist eindeutig.
  • Bei bestehenden Beschwerden nur als Ergänzung. Und nach Rücksprache, nicht statt einer Behandlung.
  • Wenn Omega-3, dann EPA-betont und bis 1 Gramm. Das ist die einzige Zusammensetzung, für die die Auswertung einen klinischen Nutzen zeigt.
  • Vitamin D messen lassen statt raten. Ein Mangel gehört behandelt, ein Normalwert braucht keine Kapsel.
  • Fisch essen ist etwas anderes als Kapseln schlucken. Diese Studien haben Präparate geprüft, nicht Ernährung. Aus einem Kapselergebnis folgt nichts über den Speiseplan.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Hochdosiertes Vitamin D über längere Zeit ohne Kontrolle kann zu einem gefährlichen Anstieg des Kalziumspiegels führen. Omega-3-Präparate können die Blutgerinnung beeinflussen, was vor Operationen und bei blutverdünnenden Medikamenten wichtig ist. Beides gehört ärztlich abgesprochen. Und keines von beidem ersetzt die Behandlung einer Depression.

Passend dazu

Fazit

Zur Vorbeugung von Depression taugen Vitamin D und Omega-3 nach der besten vorliegenden Studie nicht. Bei Vitamin D fand sich kein Unterschied, bei Omega-3 sogar ein leicht erhöhtes Risiko in der Behandlungsgruppe.

Bei bereits bestehenden Beschwerden sieht es anders aus. Für Omega-3 zeigt sich ein Nutzen, allerdings nur für EPA-betonte Präparate bis 1 Gramm täglich. Für Vitamin D zeigen 41 Studien einen Effekt, bei sehr niedriger Ergebnissicherheit und sehr hoher Streuung.

Die brauchbarste Regel lautet deshalb: Ein Mangel gehört ausgeglichen. Eine Depression gehört behandelt. Und eine Kapsel als Vorbeugung ist bei diesen beiden Mitteln nachweislich keine gute Idee.

Häufige Fragen

Schützt Vitamin D vor Depression?

Nach der besten vorliegenden Studie nicht. In einem randomisierten Versuch mit 18.353 Menschen ab 50 Jahren über im Mittel 5,3 Jahre unterschied sich das Risiko für Depression oder klinisch bedeutsame depressive Beschwerden zwischen Vitamin-D-Gruppe und Scheinpräparat nicht (Risikoverhältnis 0,97).

Und Omega-3?

Dort fiel das Ergebnis noch deutlicher aus, aber in die andere Richtung: Das Depressionsrisiko war in der Omega-3-Gruppe höher als unter Scheinpräparat (Risikoverhältnis 1,13, Vertrauensbereich 1,01 bis 1,26). Bei den Stimmungswerten zeigte sich kein Unterschied.

Heißt das, Omega-3 macht depressiv?

Nein. Der Effekt ist klein, der Vertrauensbereich beginnt knapp über 1,00, und es handelt sich um ein Ergebnis unter mehreren geprüften. Was es sicher heißt: Als Vorbeugung gegen Depression lässt sich Omega-3 nicht empfehlen.

Wirken die Mittel bei bestehender Depression?

Hier sieht es anders aus. Eine Metaanalyse über 26 doppelblinde Studien mit 2160 Teilnehmenden fand für Omega-3-Fettsäuren insgesamt eine Verbesserung depressiver Beschwerden mit einer standardisierten Mittelwertdifferenz von -0,28.

Spielt die Zusammensetzung eine Rolle?

Entscheidend. In derselben Auswertung zeigten Präparate mit reiner oder überwiegender Eicosapentaensäure bei einer Dosis bis 1 Gramm pro Tag deutliche Effekte. Präparate mit überwiegend Docosahexaensäure zeigten keinen solchen Nutzen.

Und Vitamin D bei bestehenden Beschwerden?

Eine Metaanalyse über 41 Studien mit 53.235 Teilnehmenden fand einen positiven Effekt auf depressive Beschwerden mit g = -0,317. Die Ergebnissicherheit wurde allerdings als sehr niedrig eingestuft, die Streuung war sehr hoch und das Verzerrungsrisiko in den meisten Studien bedenklich.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Okereke, O. I. et al. (2021): Effect of Long-term Supplementation With Marine Omega-3 Fatty Acids vs Placebo on Risk of Depression or Clinically Relevant Depressive Symptoms and on Change in Mood Scores: A Randomized Clinical Trial. JAMA. 18.353 Teilnehmende der VITAL-DEP-Studie, mediane Behandlungsdauer 5,3 Jahre

  2. 2

    Okereke, O. I. et al. (2020): Effect of Long-term Vitamin D3 Supplementation vs Placebo on Risk of Depression or Clinically Relevant Depressive Symptoms and on Change in Mood Scores: A Randomized Clinical Trial. JAMA. Der Vitamin-D-Arm derselben Studie, 9181 gegen 9172 Teilnehmende

  3. 3

    Liao, Y. et al. (2019): Efficacy of omega-3 PUFAs in depression: A meta-analysis. Translational Psychiatry. 26 doppelblinde randomisierte Studien mit 2160 Teilnehmenden, getrennte Auswertung nach Zusammensetzung und Dosis

  4. 4

    Mikola, T. et al. (2023): The effect of vitamin D supplementation on depressive symptoms in adults: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Critical Reviews in Food Science and Nutrition. 41 randomisierte Studien mit 53.235 Teilnehmenden, Bewertung nach GRADE