Persönliche ResilienzKörper & Gesundheit

Entzündungen und Depressionen

Von allen körperlichen Erklärungen für Depression ist diese die belastbarste. Sie hat große Stichproben, einen zeitlichen Vorlauf, ein plausibles Modell und sogar ein Experiment am Menschen. Was ihr fehlt, ist der Schritt zur Behandlung.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Person liegt mit Erkältung unter einer Decke auf dem Sofa, daneben ein Glas Wasser und ein Fieberthermometer
Das Verhalten bei einer Infektion, also Rückzug, Antriebslosigkeit und Freudlosigkeit, ähnelt dem bei Depression auffällig. Das ist der Ausgangspunkt dieser Forschung. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Dieser Artikel beschreibt den stärksten körperlichen Erklärungsansatz für Depression, den es derzeit gibt. Was daraus für dich folgt, ist trotzdem bescheiden, und auch das gehört zur Wahrheit.

  • Entzündungsmarker sind bei Depression im Mittel deutlich erhöht.
  • Die Verschiebung betrifft die gesamte Verteilung, nicht nur eine entzündete Teilgruppe.
  • In einer Kohorte mit über 585.000 Personen gingen erhöhte Werte der Diagnose bis zu 30 Jahre voraus.
  • Ein Medikament, das Entzündung auslöst, löst bei fast der Hälfte auch Stimmungsstörungen aus.
  • Entzündungshemmer wirken in Studien, aber ausgerechnet die verträglichsten kaum.

Der Ausgangspunkt

Der Ausgangspunkt dieser ganzen Forschungsrichtung ist eine Alltagsbeobachtung. Wer eine Grippe hat, zieht sich zurück, verliert den Appetit, hat keinen Antrieb, schläft viel und findet an nichts Freude. Diese Reaktion hat einen Namen, sie heißt Krankheitsverhalten, und sie ist ein sinnvoller Schutzmechanismus.

Die Ähnlichkeit zur Depression ist auffällig. Die Frage lag deshalb nahe, ob es sich um verwandte Vorgänge handelt.

Der vermutete Weg
  1. Schritt 1

    Entzündungsreiz

    Infektion, chronische Erkrankung, Übergewicht, Dauerstress.

  2. Schritt 2

    Botenstoffe

    Entzündungsfördernde Zytokine steigen im Blut an.

  3. Schritt 3

    Signal ins Gehirn

    Die Botenstoffe wirken über mehrere Wege auf das Gehirn.

  4. Schritt 4

    Stoffwechselumbau

    Der Abbauweg der Aminosäure Tryptophan verschiebt sich.

  5. Schritt 5

    Krankheitsverhalten

    Rückzug, Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit.

Der Weg ist gut beschrieben. Wie viel er beim einzelnen Menschen erklärt, ist die offene Frage.

Die Werte im Blut

2020 erschien eine umfangreiche Zusammenfassung der Messwerte. Ausgewertet wurden 107 Studien, in denen Entzündungsmarker im Blut von Menschen mit Depression und passenden gesunden Vergleichspersonen bestimmt worden waren.

107

Fall-Kontroll-Studien

5.166

Menschen mit Depression

5.083

Vergleichspersonen

30

Jahre Vorlauf in der prospektiven Kohorte

Unterschiede zwischen Erkrankten und Vergleichspersonen

Interleukin 18

1,97

Vertrauensbereich 1,00 bis 2,95, sehr weit

Interleukin 12

1,18

C-reaktives Protein

0,71

löslicher Interleukin-2-Rezeptor

0,71

Interleukin 6

0,61

Tumornekrosefaktor alpha

0,54

MerkmalWert in
Interleukin 181.97
Interleukin 121.18
C-reaktives Protein0.71
löslicher Interleukin-2-Rezeptor0.71
Interleukin 60.61
Tumornekrosefaktor alpha0.54

Hedges’ g, alle Unterschiede statistisch bedeutsam. Quelle: Osimo et al. 2020.

Der clevere Teil dieser Arbeit

Die Autoren haben nicht nur die Mittelwerte verglichen, sondern auch die Streuung. Dahinter steckt eine wichtige Frage: Ist die Depression insgesamt ein entzündlicher Zustand, oder gibt es eine kleine, stark entzündete Gruppe, die den Mittelwert nach oben zieht?

Für C-reaktives Protein, Interleukin 12 und den löslichen Interleukin-2-Rezeptor war die Streuung bei Erkrankten sogar geringer. Es handelt sich also nicht um eine entzündete Teilgruppe, sondern um eine Verschiebung der gesamten Verteilung nach rechts.
Die Antwort

Der zeitliche Vorlauf

Erhöhte Werte bei Erkrankten sagen nichts über die Richtung: Eine Depression verändert Bewegung, Schlaf, Rauchverhalten und Gewicht, und all das beeinflusst Entzündungswerte. Deshalb ist die entscheidende Frage, ob die Werte schon vor der Erkrankung erhöht sind.

Eine schwedische Kohortenstudie hat das an 585.279 Personen ohne psychiatrische Vorgeschichte untersucht und die Ergebnisse an 485.620 Personen der UK Biobank überprüft.

Entzündungsmarker und späteres Erkrankungsrisiko. Quelle: Zeng et al. 2024
MarkerRisikoverhältnisEinordnung
Haptoglobin über dem Median1,13 (1,12 bis 1,14)kleiner, aber sehr genau geschätzter Zusammenhang
Leukozyten über dem Median1,11 (1,09 bis 1,14)kleiner Zusammenhang
C-reaktives Protein über dem Median1,02 (1,00 bis 1,04)sehr klein, der Vertrauensbereich berührt die 1,00
Immunglobulin G0,92 (0,89 bis 0,94)gegenläufig, also mit niedrigerem Risiko verbunden

Die Verläufe zeigten erhöhte Leukozyten- und Haptoglobinwerte sowie erniedrigte Immunglobulin-G-Werte bis zu 30 Jahre vor der Diagnose. Die Mendelsche Randomisierung legte einen möglichen ursächlichen Zusammenhang zwischen Leukozyten und Depression nahe.

Wie das zusammenpasst

Der Unterschied zwischen Erkrankten und Gesunden ist deutlich, die Risikoerhöhung vor der Erkrankung ist klein. Das ist kein Widerspruch: Ein Faktor kann an einer Erkrankung beteiligt sein und trotzdem für das Einzelrisiko wenig aussagen. Für die Vorhersage bei einer bestimmten Person taugen diese Werte nicht.

Das unfreiwillige Experiment

Der stärkste Hinweis auf eine Ursache stammt nicht aus einer Beobachtungsstudie, sondern aus der Medizin selbst. Interferon alpha ist ein körpereigener Botenstoff, der als Medikament bei chronischer Hepatitis B und C sowie bei Melanom und Lymphom eingesetzt wurde.

Interferon alpha löst bei fast der Hälfte aller behandelten Patienten in klinisch bedeutsamem Ausmaß Störungen von Konzentration, Gedächtnis, Antrieb und Stimmung aus.
Was dabei auffiel

Damit liegt etwas vor, was in der Depressionsforschung selten ist: Ein Eingriff, der gezielt Entzündungssignale erhöht, erzeugt beim Menschen depressive Beschwerden. Die Übersicht dazu beschreibt auch die beteiligten Wege: Interferon alpha aktiviert ein Enzym, das den Abbau der Aminosäure Tryptophan umlenkt. In der Folge entstehen weniger Serotonin und Dopamin, dafür mehr eines nervenschädigenden Zwischenprodukts.

Die Einschränkung dieses Modells

Es handelt sich um eine sehr hohe, künstlich zugeführte Dosis eines einzelnen Botenstoffs bei Menschen, die zugleich schwer krank sind. Dass sich daraus depressive Beschwerden entwickeln, zeigt, dass der Weg grundsätzlich existiert. Es zeigt nicht, dass eine leicht erhöhte Entzündungslage im Alltag dasselbe bewirkt. Wegen dieser Nebenwirkungen wird Interferon alpha inzwischen zunehmend durch gezielter wirkende Medikamente ersetzt.

Was das für Behandlung heißt

Wenn Entzündung beteiligt ist, liegt der Gedanke nahe, sie zu behandeln. Eine Metaanalyse von 2024 hat 48 randomisierte Studien zu entzündungshemmenden Mitteln bei Depression ausgewertet.

Entzündungshemmer bei Depression. Quelle: Du et al. 2024
VergleichChancenverhältnis
Entzündungshemmer gegen Scheinmedikament2,04 (1,41 bis 2,97)
Als Ergänzung zur üblichen Behandlung2,17 (1,39 bis 3,37)
Bei nicht behandlungsresistenter Depression2,33 (1,53 bis 3,54)

Die Autoren halten zugleich fest, dass nichtsteroidale Entzündungshemmer zwar die höchste Verträglichkeit erreichten, ihre Wirksamkeit aber dem Scheinmedikament vergleichbar sei.

Warum daraus keine Selbstbehandlung folgt

Die untersuchten Mittel reichen von Entzündungshemmern über Antibiotika bis zu biologischen Wirkstoffen, alle verschreibungspflichtig und alle mit ernsthaften Nebenwirkungen bei Dauergebrauch. Der Befund gehört in die Behandlungsforschung und nicht in die Hausapotheke. Wer bei niedergedrückter Stimmung dauerhaft zu Schmerzmitteln greift, riskiert Magenblutungen und Nierenschäden für einen Effekt, den ausgerechnet diese Wirkstoffgruppe laut derselben Arbeit kaum aufweist.

Was du tun kannst

Aus einem gut belegten Zusammenhang folgt hier ausnahmsweise kein neues Werkzeug, sondern eine zusätzliche Begründung für Dinge, die ohnehin empfohlen werden. Das ist weniger spektakulär und ehrlicher.

  • Bewegung. Regelmäßige körperliche Aktivität senkt Entzündungswerte und wirkt unabhängig davon auf die Stimmung. Der am besten begründete Punkt dieser Liste.
  • Schlaf. Schlafmangel erhöht Entzündungsmarker messbar. Wer an einer Sache arbeitet, arbeitet hier an beiden.
  • Zahn- und Zahnfleischgesundheit. Eine unbehandelte chronische Entzündung im Mund ist eine dauerhafte Entzündungsquelle und wird regelmäßig übersehen.
  • Bauchfett und Rauchen. Beides sind eigenständige, gut belegte Entzündungstreiber. Das ist keine neue Erkenntnis, aber hier ein zusätzlicher Grund.
  • Kein Entzündungsmarker als Selbsttest. Ein einzelner CRP-Wert sagt über dein Depressionsrisiko praktisch nichts. Das Risikoverhältnis lag bei 1,02.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Diese Forschung erklärt einen Teil des Geschehens und ersetzt keine Behandlung. Wenn gedrückte Stimmung, Antriebs- oder Freudlosigkeit länger als zwei Wochen anhalten, gehört das in die hausärztliche oder psychotherapeutische Sprechstunde. Setz kein Antidepressivum ab, um stattdessen etwas gegen Entzündung zu unternehmen. Bei Suizidgedanken ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar.

Passend dazu

Fazit

Von allen körperlichen Erklärungsansätzen für Depression steht dieser am besten da. Entzündungsmarker sind bei Erkrankten deutlich erhöht, die Verschiebung betrifft die gesamte Verteilung, die Werte gehen der Diagnose in großen Kohorten um Jahrzehnte voraus, und ein entzündungsauslösendes Medikament erzeugt beim Menschen depressive Beschwerden.

Was fehlt, ist der Nutzen für dich. Die Risikoerhöhung durch einen einzelnen erhöhten Wert ist minimal, und die Behandlung mit Entzündungshemmern ist Sache der Forschung und der Verschreibung, nicht der Selbstmedikation.

Bleibt der unspektakuläre Rest: Bewegung, Schlaf, keine unbehandelten Entzündungsherde, kein Rauchen. Das ist dieselbe Liste wie immer, jetzt mit einer weiteren Begründung.

Häufige Fragen

Sind Entzündungswerte bei Depression erhöht?

Ja, und zwar deutlich. Eine Metaanalyse über 107 Studien mit 5166 Erkrankten und 5083 Kontrollpersonen fand für C-reaktives Protein einen Unterschied von g = 0,71, für Interleukin 6 von 0,61 und für den Tumornekrosefaktor alpha von 0,54. Die Autoren bezeichnen Depression daraufhin als bestätigt entzündlichen Zustand.

Betrifft das nur eine Untergruppe von Erkrankten?

Offenbar nicht. Dieselbe Arbeit hat zusätzlich die Streuung untersucht. Für mehrere Marker war sie bei Erkrankten nicht größer, sondern kleiner. Das spricht dafür, dass die gesamte Verteilung verschoben ist und nicht nur eine entzündete Teilgruppe die Mittelwerte hochzieht.

Kommt die Entzündung vor der Depression?

In einer schwedischen Kohorte mit 585.279 Personen ohne psychiatrische Vorgeschichte war das der Fall. Erhöhte Werte für Leukozyten und Haptoglobin sowie erniedrigte für Immunglobulin G zeigten sich bis zu 30 Jahre vor der Diagnose. Die Ergebnisse wurden an 485.620 Personen der UK Biobank weitgehend bestätigt.

Wie groß sind diese Risiken?

Klein. Die Risikoverhältnisse lagen bei 1,11 für Leukozyten, 1,13 für Haptoglobin und 1,02 für C-reaktives Protein, wobei der Vertrauensbereich des letzten Werts die 1,00 berührt. Für Immunglobulin G fand sich ein gegenläufiger Zusammenhang.

Gibt es ein Experiment am Menschen?

Unfreiwillig ja. Interferon alpha wird bei chronischer Hepatitis, Melanom und Lymphom eingesetzt und löst bei fast der Hälfte aller Behandelten in klinisch bedeutsamem Ausmaß Störungen von Konzentration, Gedächtnis, Antrieb und Stimmung aus.

Helfen entzündungshemmende Medikamente gegen Depression?

Eine Metaanalyse über 48 Studien fand einen Effekt gegenüber Scheinmedikament mit einem Chancenverhältnis von 2,04. Die Autoren halten allerdings zugleich fest, dass ausgerechnet die am besten verträglichen Mittel, nämlich nichtsteroidale Entzündungshemmer, in ihrer Wirksamkeit dem Scheinmedikament vergleichbar seien.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Osimo, E. F. et al. (2020): Inflammatory markers in depression: A meta-analysis of mean differences and variability in 5,166 patients and 5,083 controls. Brain, Behavior, and Immunity. 107 Fall-Kontroll-Studien, zusätzlich Auswertung der Streuung der Messwerte

  2. 2

    Zeng, Y. et al. (2024): Inflammatory Biomarkers and Risk of Psychiatric Disorders. JAMA Psychiatry. Prospektive Kohorte mit 585.279 Personen, Überprüfung an 485.620 Personen der UK Biobank, dazu Mendelsche Randomisierung

  3. 3

    Hoyo-Becerra, C. et al. (2014): Insights from interferon-α-related depression for the pathogenesis of depression associated with inflammation. Brain, Behavior, and Immunity. Übersicht über das Modell der interferonbedingten Depression und die beteiligten Stoffwechselwege

  4. 4

    Du, Y. et al. (2024): Efficacy and acceptability of anti-inflammatory agents in major depressive disorder: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Psychiatry. 48 randomisierte Studien, Netzwerkmetaanalyse mit Rangfolge der Verträglichkeit