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Allostatische Last

Cortisol allein sagt wenig. Blutdruck allein auch. Die Idee der allostatischen Last ist, mehrere Werte aus verschiedenen Körpersystemen zusammenzuzählen und daraus abzulesen, was Dauerbelastung angerichtet hat. Der Ansatz ist der bislang beste, den die Stressforschung hervorgebracht hat, und er hat eine offene Flanke.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Blutdruckmessgerät, Maßband und beschriftete Blutröhrchen nebeneinander auf einer hellen Ablage in einer Arztpraxis
Kein einzelner Wert, sondern mehrere aus verschiedenen Systemen. Genau darin liegt die Stärke und die Schwäche des Ansatzes. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Von allen Versuchen, Dauerstress körperlich messbar zu machen, ist dieser der ernsteste. Er verzichtet auf den einen Wert, der alles erklären soll, und rechnet stattdessen zusammen, was in mehreren Systemen aus dem Gleichgewicht geraten ist.

  • Allostatische Last ist der körperliche Preis wiederholter Anpassung an Belastung.
  • Gemessen wird über einen Index aus mehreren Werten verschiedener Körpersysteme.
  • In der Ausgangsstudie sagte der Index Abbau von Denk- und Körperleistung sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorher.
  • 267 Originalarbeiten zeigen Zusammenhänge mit körperlicher und psychischer Gesundheit.
  • Schwachpunkt: Es gibt keine einheitliche Berechnungsformel.

Der Grundgedanke

Die Stressforschung hat lange nach dem einen Marker gesucht. Cortisol schien der naheliegende Kandidat, erwies sich aber als unbrauchbar für die Frage nach chronischer Belastung: Es schwankt über den Tag stark, reagiert auf alles Mögliche und liegt bei erschöpften Menschen mal hoch und mal niedrig.

Bruce McEwen hat daraus in den 1990er Jahren eine andere Frage gemacht. Nicht: Wie hoch ist der Stresswert? Sondern: Was hat die dauerhafte Aktivierung der Anpassungssysteme angerichtet? Seine Darstellung von 1998 erschien in einer der führenden medizinischen Zeitschriften und beschreibt den Kern in ihrem Titel: Stressbotenstoffe wirken schützend und schädigend zugleich.

Dieselben Botenstoffe, die dich durch eine akute Belastung bringen, richten Schaden an, wenn sie nicht wieder abgeschaltet werden. Nicht die Reaktion ist das Problem, sondern ihre Dauer.
Der Kerngedanke

Allostase und Homöostase

Der Begriff der Allostase ist die Voraussetzung für das Verständnis. Er unterscheidet sich von der bekannteren Homöostase in einem entscheidenden Punkt.

Homöostase

  • Halten eines festen Sollwerts.
  • Beispiel: Körpertemperatur bei etwa 37 Grad.
  • Abweichungen werden korrigiert.
  • Der Sollwert selbst bleibt gleich.

Allostase

  • Stabilität durch Veränderung der Einstellungen.
  • Beispiel: dauerhaft erhöhter Blutdruck bei anhaltender Anforderung.
  • Der Körper passt seine Sollwerte an die Lage an.
  • Sinnvoll auf Zeit, teuer auf Dauer.
Wie aus Anpassung Verschleiß wird

Ebene 3Verschleiß

Über Jahre entstehen Folgen: Gefäße, Stoffwechsel, Immunsystem und Gehirn tragen die Rechnung.

Ebene 2Verschobene Einstellung

Bleibt die Anforderung, verschiebt der Körper seine Sollwerte. Der neue Zustand fühlt sich normal an.

Ebene 1Akute Anpassung

Herzfrequenz steigt, Blutzucker wird bereitgestellt, Entzündungsbereitschaft nimmt zu. Sinnvoll und vorübergehend.

Der Übergang von der zweiten zur dritten Ebene ist der Punkt, um den es geht. Er ist nicht spürbar und deshalb schwer zu bemerken.

Was gemessen wird

Der Index besteht aus Werten mehrerer Körpersysteme. Für jeden Wert wird geprüft, ob eine Person im ungünstigsten Viertel der Verteilung liegt, und diese Treffer werden gezählt. Ein Mensch mit auffälligen Werten in fünf von zehn Bereichen hat einen Indexwert von fünf.

Die üblicherweise einbezogenen Systeme
1

Herz und Kreislauf

Systolischer und diastolischer Blutdruck, Ruhepuls.

2

Stoffwechsel

Langzeitblutzucker, Cholesterinwerte, Taillenumfang.

3

Stressachsen

Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin, meist im Urin über 12 Stunden.

4

Immunsystem

Entzündungswerte wie C-reaktives Protein und Interleukin 6.

Allostatischer Index

Die genaue Auswahl unterscheidet sich zwischen Studien. Gemeinsam ist das Prinzip: mehrere Systeme statt eines Werts, und Zählung der Auffälligkeiten statt Messung einer Größe.

Warum die Zählweise klug ist

Ein einzelner grenzwertiger Wert bedeutet wenig. Wenn aber vier verschiedene Systeme gleichzeitig im ungünstigsten Bereich liegen, ist das ein anderes Bild. Der Index bildet genau das ab: nicht die Höhe eines Wertes, sondern die Breite der Abweichung.

Was der Index vorhersagt

267

Originalarbeiten in der systematischen Durchsicht

Guidi et al. 2021

1997

Jahr der Ausgangsstudie mit dem Index

Seeman et al.

14

verglichene Berechnungsverfahren

McLoughlin et al. 2020

1998

Erscheinungsjahr der grundlegenden Darstellung

McEwen

Die Ausgangsstudie stammt aus einer Untersuchung zum Altern und prüfte, ob der Index mehr leistet als die Einzelwerte. Höhere Indexwerte gingen mit schlechterer geistiger und körperlicher Leistungsfähigkeit einher. Wichtiger noch: Sie sagten größere Verschlechterungen in beiden Bereichen vorher sowie ein höheres Risiko für neu auftretende Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Entscheidend ist ein Zusatz in den Ergebnissen: Diese Vorhersagen galten unabhängig von soziodemografischen Merkmalen und vom Gesundheitszustand zu Beginn. Der Index trug also etwas bei, was sich nicht schon aus Alter, Bildung und bestehenden Diagnosen ergab.

Was der Index in der Ausgangsstudie vorhersagte. Quelle: Seeman et al. 1997
ZielgrößeBefund
Geistige LeistungsfähigkeitSchlechter bei höherem Index, mit stärkerem Abbau im Verlauf
Körperliche LeistungsfähigkeitDasselbe Muster
Neu auftretende Herz-Kreislauf-ErkrankungErhöhtes Risiko bei höherem Index
Unabhängigkeit von anderen FaktorenDie Zusammenhänge blieben nach Berücksichtigung von Sozialdaten und Gesundheitszustand bestehen

Die breite Bestätigung

Eine systematische Durchsicht hat 267 Originalarbeiten zusammengetragen, die allostatische Last angemessen beschrieben und erhoben haben, aus der Allgemeinbevölkerung ebenso wie aus klinischen Zusammenhängen. Ihr Fazit fällt eindeutig aus: Allostatische Last geht mit schlechteren gesundheitlichen Verläufen einher, und zwar sowohl körperlich als auch psychisch.

Die Autorinnen und Autoren empfehlen einen Ansatz, der biologische Marker mit klinischen Kriterien verbindet. Das ist ein Hinweis darauf, dass der Index allein nicht als Diagnose taugt.

Die offene Flanke

Wer einen Index aus mehreren Werten bildet, muss entscheiden, welche Werte einfließen, wie sie gewichtet werden und ab welcher Schwelle ein Wert als auffällig gilt. Diese Entscheidungen sind in der Literatur nicht einheitlich getroffen worden.

Eine Untersuchung hat das an denselben Daten geprüft und 14 verschiedene Berechnungsverfahren miteinander verglichen: Zählungen nach Vierteln, nach Zehnteln, mit beidseitigen Schwellen, mit standardisierten Werten, mit Gewichtung nach Systemen, mit klinischen Grenzwerten, geschlechtsspezifisch und mit Berücksichtigung von Medikamenten.

Das Ergebnis ist besser als befürchtet

Insgesamt hatte die Wahl des Berechnungsverfahrens nur einen verhältnismäßig geringen Einfluss auf die Vorhersage mehrerer wichtiger Gesundheitsgrößen. Das Verfahren, das Medikamente berücksichtigt, schnitt bei Gehgeschwindigkeit und selbst eingeschätzter Gesundheit geringfügig besser ab. Bei der Handkraft sagte der Index generell nichts vorher.

  • Kein einheitlicher Standard. Studien mit verschiedenen Verfahren sind nur eingeschränkt vergleichbar, auch wenn der Einfluss geringer ist als befürchtet.
  • Aufwendige Erhebung. Ein vollständiger Index verlangt Blutwerte, Urinsammlung über zwölf Stunden und mehrere Messungen. Das ist nichts für die Praxis nebenbei.
  • Keine Diagnose. Ein hoher Indexwert benennt Risiko und keine Erkrankung. Die Durchsicht empfiehlt ausdrücklich die Verbindung mit klinischen Kriterien.
  • Nicht alles wird abgebildet. Die Handkraft ließ sich in der Verfahrensprüfung generell nicht vorhersagen. Der Index misst bestimmte Formen von Verschleiß und nicht jede.

Was praktisch daraus folgt

Einen allostatischen Index bekommt man nicht beim Hausarzt. Trotzdem lassen sich aus dem Konzept drei brauchbare Folgerungen ziehen.

Erstens: Auf die Breite achten, nicht auf einen Wert

Wenn Blutdruck, Blutzucker, Blutfette und Taillenumfang jeweils knapp im oberen Bereich liegen, ist das nach diesem Denken bedeutsamer als ein einzelner deutlich erhöhter Wert. Genau diese Sicht liegt auch dem metabolischen Syndrom zugrunde, das in der Praxis erhoben wird.

Zweitens: Erholung ist der Wirkmechanismus

Der Schaden entsteht nach diesem Modell nicht durch die Aktivierung, sondern durch das Ausbleiben ihrer Abschaltung. Damit rücken Schlaf, Pausen und arbeitsfreie Zeiten von Wellness in den Bereich der Vorsorge.

Drittens: Beschwerdefreiheit ist kein Beleg

Blutdruck, Blutzucker und Blutfette verursachen jahrelang keine Symptome. Wer sich gut fühlt, hat deshalb keinen Nachweis dafür, dass der Verschleiß ausbleibt. Das ist der praktisch wichtigste Punkt dieses Artikels.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Wer über Jahre unter starker Belastung steht, sollte die üblichen Vorsorgetermine wahrnehmen, auch ohne Beschwerden. Blutdruck, Blutzucker, Blutfette und Taillenumfang sind die Werte, die in jedem allostatischen Index vorkommen und in jeder Praxis erhoben werden können. Bei anhaltender Erschöpfung, die sich nicht durch Erholung bessert, ist eine ärztliche Abklärung angezeigt.

Passend dazu

Fazit

Die allostatische Last ist der bislang ernsthafteste Versuch, den körperlichen Preis von Dauerbelastung zu messen. Ihre Stärke liegt im Verzicht auf den einen Wert: Statt Cortisol zu erheben, zählt sie, in wie vielen Systemen etwas aus dem Rahmen fällt.

Belegt ist der Ansatz gut. Die Ausgangsstudie sagte Abbau von Denk- und Körperleistung sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorher, unabhängig von Sozialdaten und Vorerkrankungen, und eine Durchsicht über 267 Arbeiten bestätigt den Zusammenhang mit körperlicher und psychischer Gesundheit.

Die praktisch wichtigste Lehre steckt im Wort Verschleiß. Er entsteht lautlos, in Werten, die niemand spürt, und er entsteht nicht durch Belastung, sondern durch fehlende Abschaltung. Erholung ist deshalb kein Luxus, sondern der Mechanismus, um den es geht.

Häufige Fragen

Was ist allostatische Last?

Der Preis, den der Körper für wiederholte Anpassung an Belastung zahlt. Der Begriff stammt aus den 1990er Jahren und beschreibt Verschleiß, der entsteht, wenn Anpassungssysteme dauerhaft aktiviert bleiben. Gemessen wird er über einen Index aus mehreren Körperwerten.

Was ist der Unterschied zur Homöostase?

Homöostase meint das Halten eines Sollwerts, etwa der Körpertemperatur. Allostase meint das Erreichen von Stabilität durch Veränderung: Der Körper verschiebt seine Einstellungen, um mit wechselnden Anforderungen zurechtzukommen. Diese Verschiebung ist zunächst sinnvoll und wird zum Problem, wenn sie zum Dauerzustand wird.

Welche Werte gehören dazu?

Üblicherweise Werte aus vier bis fünf Systemen: Blutdruck und Herzfrequenz für das Herz-Kreislauf-System, Blutzucker und Blutfette für den Stoffwechsel, Cortisol und Adrenalin für die Stressachsen, Entzündungswerte für das Immunsystem, dazu häufig der Taillenumfang. Für jeden Wert wird gezählt, ob jemand im ungünstigsten Viertel liegt.

Was sagt der Index vorher?

In der Ausgangsstudie von 1997 gingen höhere Werte mit schlechterer geistiger und körperlicher Leistungsfähigkeit einher und sagten größere Verschlechterungen in beiden Bereichen sowie ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorher, unabhängig von soziodemografischen Merkmalen und dem Gesundheitszustand.

Wie gut ist das insgesamt belegt?

Eine systematische Durchsicht schloss 267 Originalarbeiten ein, aus der Allgemeinbevölkerung ebenso wie aus klinischen Zusammenhängen. Ihr Ergebnis: Allostatische Last geht mit schlechteren gesundheitlichen Verläufen einher, körperlich wie psychisch.

Wo liegt die Schwäche des Konzepts?

In der Berechnung. Es gibt keine einheitliche Formel. Eine Untersuchung hat 14 verschiedene Berechnungsverfahren an denselben Daten verglichen. Erfreulicherweise fiel der Unterschied gering aus, aber die Vielfalt bleibt ein Problem für die Vergleichbarkeit zwischen Studien.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    McEwen, B. S. (1998): Protective and damaging effects of stress mediators. New England Journal of Medicine. Die grundlegende Darstellung, warum dieselben Botenstoffe kurzfristig schützen und langfristig schaden

  2. 2

    Seeman, T. E. et al. (1997): Price of adaptation--allostatic load and its health consequences. MacArthur studies of successful aging. Archives of Internal Medicine. Die Studie, die den Index eingeführt und seine Vorhersagekraft geprüft hat

  3. 3

    Guidi, J. et al. (2021): Allostatic Load and Its Impact on Health: A Systematic Review. Psychotherapy and Psychosomatics. 267 eingeschlossene Originalarbeiten aus klinischen und nicht klinischen Zusammenhängen

  4. 4

    McLoughlin, S., Kenny, R. A. & McCrory, C. (2020): Does the choice of Allostatic Load scoring algorithm matter for predicting age-related health outcomes?. Psychoneuroendocrinology. Vergleich von 14 Berechnungsverfahren an denselben Daten einer Längsschnittstudie