
Auf einen Blick
Dieser Befund ist der unangenehmste der Resilienzforschung, weil er die Erfolgsgeschichte nicht widerlegt, sondern ergänzt. Beides ist wahr: Sie schaffen es, und es kostet sie etwas, das lange niemand gemessen hat.
- Wer sich unter schwierigen Bedingungen durchbeißt, schneidet seelisch gut ab und körperlich schlechter.
- Über 16 Jahre begleitet: Selbststeuerung führte zu Abschluss und weniger Depressivität, bei längerer Armut zugleich zu Stoffwechselauffälligkeiten.
- Das Muster zeigt sich bereits im Kindesalter, mit umgekehrtem Bild bei Kindern ohne Durchbeiß-Verhalten.
- Der Preis liegt in Werten, die niemand erhebt: Blutdruck, Bauchumfang, Langzeitzucker, Blutfette.
- Eine Bewältigungsform mit Annehmen statt Bekämpfen scheint diesen Preis nicht zu verlangen.
Der Befund
Die Resilienzforschung beruht auf einer hoffnungsvollen Beobachtung. Ann Masten hat sie 2001 auf eine Formel gebracht: Was wie ein Wunder aussieht, entsteht aus gewöhnlichen Vorgängen. Kinder, die unter schwierigen Bedingungen gut zurechtkommen, verfügen nicht über besondere Kräfte, sondern über funktionierende Grundausstattung: eine verlässliche Bezugsperson, brauchbare Denkfähigkeiten, Anschluss an eine Gemeinschaft.
Diese Botschaft ist richtig und wurde zur Grundlage vieler Programme. Sie hat nur eine Lücke: Sie betrachtet fast ausschließlich seelische und schulische Ergebnisse. Wenn man zusätzlich Blut abnimmt und den Blutdruck misst, entsteht ein anderes Bild.
Dieselbe Anstrengung, die die sichtbaren Folgen der Benachteiligung ausgleicht, hinterlässt Spuren in Werten, die niemand ansieht.
Wie das gemessen wurde
368
begleitete Jugendliche
Brody et al. 2020
11 bis 27
Lebensjahre Beobachtungszeitraum
3
Datenquellen: Eltern, Lehrkräfte und die Jugendlichen selbst
5
Bestandteile des Herz-Kreislauf- und Stoffwechselrisikos
Die aussagekräftigste Untersuchung begleitete 368 afroamerikanische Jugendliche über sechzehn Jahre. Die Eltern gaben Auskunft über die Armutsjahre zwischen dem elften und dem 18. Lebensjahr. Die Lehrkräfte schätzten zwischen dem elften und dem 13. Lebensjahr die planvolle Selbststeuerung der Jugendlichen ein, also genau das, was Erziehungsratgeber empfehlen: Impulse zurückstellen, vorausdenken, dranbleiben.
Mit 27 Jahren beantworteten die Teilnehmenden Fragen zu Bildungsabschluss und psychischer Verfassung und gaben eine Nüchternblutprobe ab, aus der das metabolische Syndrom und die Insulinresistenz bestimmt wurden.
Warum dieser Aufbau wichtig ist
Die Selbststeuerung wurde von Lehrkräften eingeschätzt, nicht von den Jugendlichen selbst. Die Armut wurde von den Eltern berichtet. Die körperlichen Werte stammen aus dem Labor. Damit hängen die drei entscheidenden Größen nicht an derselben Quelle, und ein Teil der üblichen Einwände gegen Selbstauskunftsstudien entfällt.
Das Muster im Detail
| Ergebnis mit 27 Jahren | Zusammenhang | Abhängig von der Armutsdauer? |
|---|---|---|
| Hochschulabschluss | Deutlich häufiger | Nein, unabhängig von den Armutsjahren |
| Depressive Beschwerden | Seltener | Nein, unabhängig von den Armutsjahren |
| Auffälliges Verhalten | Seltener | Nein, unabhängig von den Armutsjahren |
| Bestandteile des metabolischen Syndroms | Mehr, wenn zusätzlich viele Armutsjahre vorlagen | Ja, genau hier liegt der Preis |
| Insulinresistenz | Stärker, wenn zusätzlich viele Armutsjahre vorlagen | Ja |
Die dritte Spalte enthält die eigentliche Aussage. Die guten Ergebnisse gelten unabhängig davon, wie lange jemand in Armut gelebt hat. Die körperlichen Auffälligkeiten treten dagegen genau dort auf, wo beides zusammenkommt: hohe Selbststeuerung und viele Armutsjahre.
Durchbeißen ohne Not
Gute seelische Werte, keine auffälligen körperlichen Befunde. Die Anstrengung kostet hier nichts Zusätzliches.
Durchbeißen unter Benachteiligung
Gute seelische Werte, erhöhtes Herz-Kreislauf- und Stoffwechselrisiko. Die Zelle, um die es geht.
Kein Durchbeißen, wenig Not
Unauffällig in beiden Bereichen.
Kein Durchbeißen unter Benachteiligung
Mehr nach innen gerichtete Beschwerden, dafür kein erhöhtes körperliches Risiko. Genau das umgekehrte Bild.
Vereinfachte Darstellung der Befunde aus mehreren Untersuchungen. Die entscheidende Zelle ist oben rechts: gute seelische Werte und zugleich erhöhtes körperliches Risiko.
Diese Umkehrung ist der stärkste Beleg dafür, dass hier kein Zufall vorliegt. Bei Kindern mit ausgeprägtem Durchbeiß-Verhalten hing die soziale Benachteiligung nicht mit nach innen gerichteten Beschwerden zusammen, dafür mit dem körperlichen Risikomaß. Bei Kindern ohne dieses Verhalten war es genau andersherum: Benachteiligung hing mit den seelischen Beschwerden zusammen und nicht mit dem körperlichen Risiko.
Warum das so ist
Die naheliegende Erklärung ist eine anhaltende Aktivierung der Stresssysteme. Wer sich über Jahre gegen widrige Umstände stemmt, hält eine Reaktion aufrecht, die für kurze Belastungen gemacht ist. Der Körper zahlt diese Rechnung nicht sofort, sondern über Jahrzehnte in Form von Blutdruck, Bauchfett, Blutzuckerregulation und Entzündungswerten.
Der Begriff der hohen Anstrengungsbewältigung stammt aus der Forschung zu gesundheitlichen Ungleichheiten und beschreibt genau diese Haltung: sich mit aller Kraft gegen strukturelle Hindernisse stemmen, in der Überzeugung, es durch eigene Anstrengung schaffen zu müssen.
Kindheit
Die Anstrengung beginnt
Selbststeuerung, Vorausplanen, Dranbleiben unter widrigen Bedingungen. Von Lehrkräften positiv bemerkt.
Frühe Jugend
Erste körperliche Spuren
Bereits hier zeigen sich Zusammenhänge zwischen Benachteiligung, Durchbeiß-Verhalten und körperlichen Größen.
Jugend
Die sichtbaren Erfolge
Bessere Schulergebnisse, weniger auffälliges Verhalten, weniger depressive Beschwerden.
Mit 27
Die Rechnung
Bei denen mit vielen Armutsjahren: mehr Bestandteile des metabolischen Syndroms, stärkere Insulinresistenz.
Vereinfachte Darstellung nach der Befundlage. Der entscheidende Punkt ist die Verzögerung: Die guten Ergebnisse sind früh sichtbar, die körperlichen Folgen erst Jahre später.
Die Ausnahme: Nachgeben und Durchhalten
Es gibt eine Bewältigungsform, die den beschriebenen Preis offenbar nicht verlangt, und sie unterscheidet sich in einem Punkt grundlegend vom Durchbeißen.
Hohe Anstrengungsbewältigung
- Sich gegen die Umstände stemmen.
- Belastung als etwas behandeln, das besiegt werden muss.
- Gute sichtbare Ergebnisse.
- Anhaltende körperliche Stressaktivierung.
Nachgeben und Durchhalten
- Belastung annehmen wie sie ist und sich selbst anpassen.
- Umdeuten statt bekämpfen.
- Gleichzeitig an Sinn und Zuversicht festhalten.
- Gedämpfte körperliche Stressreaktion.
Das zugehörige Modell beschreibt, wie manche Kinder unter widrigen Bedingungen auf Vorbilder treffen, die ihnen beibringen, anderen zu vertrauen, ihre Gefühle besser zu regulieren und sich auf die Zukunft auszurichten. Daraus entwickelt sich über ein Leben hinweg eine Haltung, die zwei Dinge verbindet: das Anpassen der eigenen Sicht auf die Lage und das Aushalten mit Sinn und Zuversicht.
Der entscheidende Unterschied
Diese Verbindung dämpft nach dem Modell die Reaktionen des sympathischen Nervensystems und der Stresshormonachse auf die Vielzahl von Belastungen, denen benachteiligte Menschen ausgesetzt sind. Damit führt sie von der Bahn weg, die zu chronischer Erkrankung führt. Nicht die Anstrengung ist das Problem, sondern das dauerhafte Anrennen.
Ein Nebensatz aus derselben Arbeit ist bemerkenswert offen: Die Autoren begründen die Suche nach solchen Prozessen ausdrücklich damit, dass die Mittel zur Verbesserung der finanziellen Lage benachteiligter Menschen begrenzt seien. Damit benennen sie selbst, dass es sich um eine Notlösung handelt und nicht um die eigentliche Antwort.
Was daraus folgt
- Bei Erfolgsgeschichten auch körperlich hinsehen. Blutdruck, Bauchumfang, Langzeitzucker und Blutfette gehören zur Bilanz, wenn jemand sich unter schwierigen Bedingungen durchgesetzt hat.
- Anstrengung nicht als Ersatz für Entlastung behandeln. Die guten seelischen Ergebnisse dürfen nicht zu dem Schluss führen, die Benachteiligung sei ausgeglichen.
- Umdeuten und Sinn stärken, nicht nur Durchhalten loben. Die Bewältigungsform ohne körperlichen Preis arbeitet mit Annehmen und Umdeuten, nicht mit Anrennen.
- Vorbilder ernst nehmen. Im beschriebenen Modell entsteht die günstigere Haltung über Menschen, die sie vorleben und weitergeben.
- Den Befund nicht gegen die Betroffenen wenden. Er ist kein Argument gegen Anstrengung, sondern eines für Entlastung.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Wer über Jahre unter starker Belastung funktioniert hat und keine Beschwerden bemerkt, sollte trotzdem die üblichen Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen. Blutdruck, Blutzucker und Blutfette verursachen lange keine Symptome. Das ist genau der Grund, warum dieser Zusammenhang so lange unbemerkt blieb.
Passend dazu
Armut als Risiko
Der Zusammenhang, um den es hier geht, ausführlich betrachtet.
Allostatische Last
Der Fachbegriff für die Rechnung, die der Körper über Jahre aufmacht.
Kritik am Resilienzbegriff
Weitere Einwände, die aus der Resilienzforschung selbst stammen.
Resilienz in der Demografie
Wie ungleich die Ausgangslagen verteilt sind.
Fazit
Das Paradoxon besteht nicht darin, dass Resilienz eine Illusion wäre. Die jungen Menschen in diesen Studien schaffen tatsächlich mehr: bessere Abschlüsse, weniger depressive Beschwerden, weniger auffälliges Verhalten. Das ist echt und nicht kleinzureden.
Es besteht darin, dass die Rechnung an anderer Stelle auftaucht. Bei denjenigen, die zusätzlich viele Jahre in Armut verbracht haben, zeigen sich mit 27 mehr Bestandteile des metabolischen Syndroms und eine stärkere Insulinresistenz. Der Preis wird in Werten bezahlt, die kein Zeugnis ausweist.
Die praktische Lehre ist unbequem und einfach. Anstrengung kann die sichtbaren Folgen von Benachteiligung ausgleichen. Sie kann die Benachteiligung nicht ausgleichen. Wer eine Erfolgsgeschichte erzählt, ohne das mitzuerzählen, erzählt die halbe.
Häufige Fragen
Was ist das Resilienz-Paradoxon?
Der Befund, dass Menschen, die sich unter schwierigen Bedingungen mit großer Anstrengung durchsetzen, psychisch und in der Ausbildung gut abschneiden und zugleich erhöhte körperliche Risiken zeigen. Die Forschung nennt das Resilienz an der Oberfläche, weil die Widerstandskraft in den seelischen Maßen sichtbar ist und in den körperlichen nicht.
Wie gut ist das belegt?
Eine Längsschnittstudie begleitete 368 Jugendliche vom elften bis zum 27. Lebensjahr. Ausgeprägte Selbststeuerung im Kindesalter ging mit Hochschulabschluss, weniger depressiven Beschwerden und weniger auffälligem Verhalten einher. Bei genau diesen Jugendlichen war eine längere Armutszeit im Jugendalter mit mehr Bestandteilen des metabolischen Syndroms und stärkerer Insulinresistenz verbunden.
Gilt das auch schon bei Kindern?
Eine weitere Untersuchung fand das Muster bereits im Kindesalter. Bei Kindern mit ausgeprägtem Durchbeiß-Verhalten hing soziale Benachteiligung nicht mit nach innen gerichteten Beschwerden zusammen, dafür mit erhöhtem Herz-Kreislauf- und Stoffwechselrisiko. Bei Kindern ohne dieses Verhalten war es genau umgekehrt.
Heißt das, man sollte sich nicht anstrengen?
Nein. Die betroffenen jungen Menschen erreichen tatsächlich mehr, und das ist real und wertvoll. Der Befund richtet sich nicht gegen sie, sondern gegen die Vorstellung, ihre Anstrengung gleiche die Benachteiligung aus. Sie gleicht die sichtbaren Folgen aus und verschiebt die unsichtbaren.
Gibt es eine Bewältigungsform ohne diesen Preis?
Ein Modell beschreibt eine Kombination, die diesen Preis offenbar nicht verlangt: Belastung annehmen und umdeuten statt sie zu bekämpfen, verbunden mit dem Festhalten an Sinn und Zuversicht. Diese Verbindung geht mit gedämpfter Stressreaktion einher und wird als Weg beschrieben, der von der Krankheitsentwicklung wegführt.
Was folgt daraus für Schule und Politik?
Vor allem, bei Erfolgsgeschichten auch die körperliche Seite zu erheben. Die Autoren einer der Untersuchungen formulieren das ausdrücklich: Bemühungen zur Unterstützung gefährdeter Jugendlicher müssen sowohl die seelischen als auch die körperlichen Folgen des Sich-Durchbeißens im Blick haben.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Brody, G. H. et al. (2020): Persistence of skin-deep resilience in African American adults. Health Psychology. 368 Jugendliche, begleitet vom elften bis zum 27. Lebensjahr, mit Blutuntersuchung im Erwachsenenalter
- 2
Ehrlich, K. B. et al. (2024): Socioeconomic disadvantage and high-effort coping in childhood: evidence of skin-deep resilience. Journal of Child Psychology and Psychiatry. Prüfung des Musters im Kindesalter, mit einem Sammelmaß für Herz-Kreislauf- und Stoffwechselrisiko
- 3
Barton, A. W. et al. (2024): Skin-deep Resilience and Early Adolescence: Neighborhood Disadvantage, Executive Functioning, and Pubertal Development in Minority Youth. Journal of Youth and Adolescence. Untersuchung des Musters in der frühen Jugend
- 4
Chen, E. & Miller, G. E. (2012): "Shift-and-Persist" Strategies: Why Low Socioeconomic Status Isn't Always Bad for Health. Perspectives on Psychological Science. Modell einer Bewältigungsform, die den körperlichen Preis offenbar nicht verlangt
- 5
Masten, A. S. (2001): Ordinary magic. Resilience processes in development. American Psychologist. Die klassische Einordnung, dass Resilienz aus gewöhnlichen Vorgängen entsteht