
Auf einen Blick
Alle Resilienzmodelle beschreiben Vorgänge in einzelnen Menschen. Diese Vorgänge finden aber unter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen statt, und diese Unterschiede sind in großen Bevölkerungsstudien gut vermessen.
- Stadtbewohner haben häufiger Stimmungs- und Angststörungen, bei Suchterkrankungen zeigt sich kein Zusammenhang.
- Stadtleben und städtisches Aufwachsen wirken auf verschiedene Hirnbereiche.
- Das seelische Befinden verbessert sich mit dem Alter, entgegen der verbreiteten Erwartung.
- Frauen erhalten etwa doppelt so häufig eine Depressionsdiagnose, mit dem Höhepunkt in der Jugend.
- Die soziale Lage wirkt vor allem auf den Verlauf: Das Risiko anhaltender Depression ist mehr als verdoppelt.
Worum es geht
Wenn ein Modell sagt, dass verfügbare Mittel darüber entscheiden, ob eine Belastung bewältigt wird, dann ist die nächste Frage, wer diese Mittel hat. Diese Frage lässt sich nicht in der Sprechstunde beantworten, sondern nur in Bevölkerungsstudien.
Individuelle Resilienzforschung fragt, warum zwei Menschen unter denselben Bedingungen verschieden reagieren. Die demografische Perspektive fragt, warum sie so selten unter denselben Bedingungen leben.
Ebene 4Versorgung
Verfügbarkeit von Behandlung, Wartezeiten, Wege, Sprache.
Ebene 3Wohnumfeld
Stadt oder Land, Dichte, Lärm, Grünflächen, Anonymität.
Ebene 2Soziale Lage
Einkommen, Bildung, Beschäftigung. Der stärkste Einzelfaktor, besonders für den Verlauf.
Ebene 1Person
Alter und Geschlecht. Merkmale, die niemand wählt und die messbar mit Häufigkeiten zusammenhängen.
Die äußeren Ebenen sind für den Einzelnen am wenigsten beeinflussbar und wirken zugleich stark. Genau diese Reihenfolge geht in individuellen Resilienzangeboten meist verloren.
Stadt und Land
Der Zusammenhang zwischen Verstädterung und psychischer Gesundheit ist eines der beständigsten Ergebnisse der Sozialpsychiatrie. Eine Metaanalyse über 20 Bevölkerungserhebungen seit 1985 hat die Häufigkeiten zusammengeführt.
| Bereich | Befund | Einordnung |
|---|---|---|
| Psychische Erkrankungen insgesamt | Bedeutsam häufiger in städtischen Gebieten | Der Gesamtbefund, auf dem die Diskussion beruht |
| Stimmungsstörungen | Bedeutsam häufiger in städtischen Gebieten | Der deutlichste Einzelbefund |
| Angststörungen | Bedeutsam häufiger in städtischen Gebieten | Zweiter klarer Befund |
| Suchterkrankungen | Kein bedeutsamer Zusammenhang mit dem Grad der Verstädterung | Zeigt, dass es nicht um einen allgemeinen Stadteffekt geht |
| Nach Berücksichtigung von Störgrößen | Nur begrenzte Auswirkung auf die Ergebnisse | Der Zusammenhang lässt sich nicht auf Alter oder soziale Lage allein zurückführen |
Wo im Gehirn der Unterschied ansetzt
Interessanter als das Ob ist das Wo. Eine 2011 veröffentlichte Arbeit hat in drei unabhängigen Versuchen untersucht, wie Menschen unter sozialem Bewertungsstress reagieren, und dabei zwei Dinge getrennt: das aktuelle Wohnen in einer Stadt und das Aufwachsen in einer Stadt.
Zwei verschiedene Wirkungen
Aktuelles Stadtleben ging mit stärkerer Aktivität der Mandelkerne einher, also der Struktur, die Bedrohung meldet. Städtisches Aufwachsen zeigte sich dagegen in einem anderen Bereich, der für die Regulierung eben dieser Mandelkerne zuständig ist. Die Autoren schließen daraus, dass Hirnbereiche über die Lebensspanne unterschiedlich empfindlich für diesen Umweltfaktor sind. Beide Befunde waren auf Stresssituationen beschränkt, in Kontrollversuchen ohne Stress zeigte sich nichts.
Für die Resilienzdiskussion ist das aufschlussreich. Wenn der Ort des Aufwachsens auf die Regulierungsfähigkeit wirkt und der Ort des Wohnens auf die Alarmbereitschaft, dann sind das zwei verschiedene Ansatzpunkte, und nur einer davon lässt sich im Erwachsenenalter noch verändern.
Das Alter und sein Paradox
Die verbreitete Erwartung lautet, dass mit dem Alter die Belastung steigt und das Wohlbefinden sinkt: mehr Krankheit, mehr Verluste, weniger Möglichkeiten. Die Daten sagen etwas anderes, und das ist einer der stabilsten Befunde der Alternsforschung.
10+
Jahre wiederholter Alltagsmessungen
Carstensen et al. 2011
13
Jahre Beobachtung bis zur Sterblichkeitsauswertung
1,7 Mio.
Menschen in der Metaanalyse zu Depressionsdiagnosen
Salk et al. 2017
90+
einbezogene Länder
Eine Untersuchung hat Menschen über zehn Jahre hinweg mehrfach für jeweils eine Woche mehrmals täglich nach ihrem Befinden gefragt. Höheres Alter ging mit besserem seelischem Befinden insgesamt einher, mit größerer Gefühlsstabilität und mit einem komplexeren Erleben, in dem positive und negative Gefühle häufiger gleichzeitig auftraten.
Diese Befunde blieben bestehen, nachdem Persönlichkeit, Sprachfähigkeit, körperliche Gesundheit und demografische Merkmale berücksichtigt worden waren. Ein weiterer Befund derselben Arbeit verbindet Erleben und Lebensdauer: Menschen, die im Alltag verhältnismäßig mehr positive als negative Gefühle erlebten, überlebten den Beobachtungszeitraum von 13 Jahren häufiger, auch nach Berücksichtigung von Alter, Geschlecht und Herkunft.
Was das für Resilienzmodelle bedeutet
Ältere Menschen verfügen über weniger Ressourcen im Sinne von Gesundheit, Kraft und beruflichen Möglichkeiten und erleben trotzdem besser. Das spricht dafür, dass mit dem Alter etwas hinzukommt, was die Bilanz verändert: Erfahrung im Umgang mit Belastung, eine engere Auswahl an Beziehungen und eine andere Gewichtung dessen, was wichtig ist.
Geschlecht
Beim Geschlecht ist Vorsicht geboten, weil Häufigkeiten von Diagnosen leicht als Aussagen über Widerstandskraft missverstanden werden. Gut belegt ist der Häufigkeitsunterschied bei Depression.
Eine Metaanalyse hat 65 Arbeiten zu Diagnosen und 95 Arbeiten zu Symptomen ausgewertet, mit Daten von über 1,7 beziehungsweise 1,9 Millionen Menschen aus mehr als 90 Ländern. Frauen erhielten etwa doppelt so häufig eine Depressionsdiagnose.
Alter 13 bis 15 Jahre
3,02
Der Höhepunkt. In dieser Altersspanne ist der Unterschied am größten.
Alter 12 Jahre
2,37
Der Unterschied entsteht früher als lange angenommen.
Gesamt über alle Altersgruppen
1,95
Im Erwachsenenalter geht der Unterschied zurück und bleibt dann stabil.
| Merkmal | Wert in |
|---|---|
| Alter 13 bis 15 Jahre | 3.02 |
| Alter 12 Jahre | 2.37 |
| Gesamt über alle Altersgruppen | 1.95 |
Chancenverhältnisse für eine Depressionsdiagnose bei Frauen gegenüber Männern. Der stärkste Vorhersagefaktor für die Größe des Unterschieds war das Alter. Quelle: Salk, Hyde und Abramson 2017.
Ein Befund aus derselben Arbeit ist besonders bemerkenswert: Größere Geschlechtsunterschiede fanden sich in Ländern mit höherer Gleichstellung, allerdings nur bei den Diagnosen und nicht bei den Symptomwerten. Das spricht dafür, dass ein Teil des Unterschieds mit Diagnosestellung und Inanspruchnahme zusammenhängt und nicht allein mit dem Befinden.
Was aus diesen Zahlen nicht folgt
Ein doppelt so hohes Diagnoserisiko ist keine Aussage über Widerstandskraft. Die Autorinnen und Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass Depression bei Männern deshalb nicht übersehen werden darf. Männer suchen seltener Hilfe, und ihre Beschwerden zeigen sich häufiger in Reizbarkeit und Rückzug, was die Erkennung erschwert.
Die soziale Lage
Der stärkste und zugleich am wenigsten diskutierte Faktor ist die soziale Lage. Eine Metaanalyse hat 51 Häufigkeitsstudien, fünf Studien zu Neuerkrankungen und vier zum Verlauf ausgewertet.
Anhaltende Depression
2,06
Mehr als verdoppelt. Die soziale Lage wirkt vor allem darauf, ob eine Erkrankung bestehen bleibt.
Depression überhaupt vorhanden
1,81
Der Gesamtbefund über 51 Häufigkeitsstudien.
Neu auftretende Depression
1,24
Deutlich schwächer. Neu zu erkranken ist weniger ungleich verteilt als krank zu bleiben.
| Merkmal | Wert in |
|---|---|
| Anhaltende Depression | 2.06 |
| Depression überhaupt vorhanden | 1.81 |
| Neu auftretende Depression | 1.24 |
Chancenverhältnisse für die unterste gegenüber der obersten sozialen Schicht. Der Unterschied zwischen der obersten und der untersten Zeile ist der eigentliche Befund dieser Arbeit. Quelle: Lorant et al. 2003.
Die Aufschlüsselung ist der Kern dieser Arbeit. Wer arm ist, erkrankt etwas häufiger neu, bleibt aber deutlich häufiger krank. Für Bildung und Einkommen zeigte sich zudem ein Dosis-Wirkungs-Zusammenhang: Je niedriger, desto höher das Risiko, ohne erkennbaren Schwellenwert.
Der Unterschied zwischen Erkranken und Krankbleiben
Ob jemand erkrankt, hängt an vielem, auch am Zufall. Ob jemand wieder gesund wird, hängt an Behandlung, Zeit, Entlastung und Rückhalt, und genau das ist ungleich verteilt. Für Resilienzmodelle ist das der wichtigste demografische Befund, weil er zeigt, an welcher Stelle die Ungleichheit wirkt.
Was daraus folgt
- Individuelle Angebote haben einen begrenzten Wirkungsbereich. Sie können an Wohnort, Einkommen und Versorgungslage nichts ändern, und dort liegen erhebliche Teile des Unterschieds.
- Der Verlauf ist der Hebel, nicht die Entstehung. Wenn anhaltende Erkrankung stärker mit der sozialen Lage zusammenhängt als das erstmalige Auftreten, dann ist ein zugänglicher Behandlungsweg das wirksamste Mittel.
- Alter ist kein Risikofaktor für das Erleben. Die Erwartung, mit dem Alter werde es seelisch schlechter, ist nach den Alltagsdaten nicht haltbar.
- Diagnosehäufigkeiten sind keine Maße für Widerstandskraft. Sie hängen auch davon ab, wer sich meldet und wer erkannt wird.
- Frühe Umgebung wirkt anders als aktuelle. Der Bildgebungsbefund zum Aufwachsen legt nahe, dass manche Wirkungen früh entstehen und später schwerer erreichbar sind.
Passend dazu
Fazit
Widerstandskraft ist ungleich verteilt, und die Verteilung folgt Mustern, die sich in großen Bevölkerungsstudien wiederfinden. Städtisches Wohnen geht mit häufigeren Stimmungs- und Angststörungen einher, nicht aber mit häufigeren Suchterkrankungen. Frauen erhalten häufiger eine Depressionsdiagnose, mit dem größten Unterschied in der Jugend. Und die soziale Lage wirkt vor allem darauf, ob eine Erkrankung bestehen bleibt.
Der überraschendste Befund betrifft das Alter. Entgegen der Erwartung verbessert sich das seelische Erleben, und zwar auch dann, wenn Gesundheit und Persönlichkeit herausgerechnet werden. Wer über Resilienz im Alter spricht, sollte von einem Zugewinn ausgehen und nicht von einem Abbau.
Für die Modelle bedeutet das eine Ergänzung, keine Widerlegung. Sie beschreiben zutreffend, was zwischen Belastung und Bewältigung geschieht. Sie sagen nur nichts darüber, warum die Ausgangslagen so verschieden sind. Diese Frage lässt sich nicht mit einem Training beantworten.
Häufige Fragen
Gibt es einen Unterschied zwischen Stadt und Land?
Ja, und er ist messbar. Eine Metaanalyse über 20 Bevölkerungserhebungen fand für Stadtbewohner eine höhere Häufigkeit psychischer Erkrankungen insgesamt sowie speziell von Stimmungs- und Angststörungen. Für Suchterkrankungen zeigte sich kein Zusammenhang mit dem Grad der Verstädterung. Die Berücksichtigung möglicher Störgrößen änderte wenig.
Woran liegt der Stadt-Land-Unterschied?
Eine Bildgebungsarbeit von 2011 hat zwei getrennte Wirkungen gefunden. Aktuelles Stadtleben ging mit stärkerer Aktivität der Mandelkerne unter sozialem Bewertungsstress einher, städtisches Aufwachsen dagegen mit veränderter Aktivität in einem Bereich, der genau diese Mandelkerne reguliert. Aufwachsen und Wohnen wirken also an verschiedenen Stellen.
Nimmt die Widerstandskraft im Alter ab?
Beim seelischen Erleben eher nicht, im Gegenteil. Eine Untersuchung über zehn Jahre mit wiederholten Alltagsmessungen fand, dass höheres Alter mit besserem seelischem Befinden, größerer Gefühlsstabilität und komplexerem Erleben einherging. Das galt auch nach Berücksichtigung von Persönlichkeit, körperlicher Gesundheit und demografischen Merkmalen.
Sind Frauen weniger widerstandsfähig?
Nein, aber die Häufigkeit von Depressionen unterscheidet sich deutlich. Eine Metaanalyse über mehr als 1,7 Millionen Menschen aus über 90 Ländern fand ein etwa doppelt so hohes Risiko für eine Depressionsdiagnose bei Frauen. Der Unterschied entsteht früher als lange angenommen, erreicht in der Jugend seinen Höhepunkt und bleibt im Erwachsenenalter stabil.
Wie stark wirkt die soziale Lage?
Sehr stark, und zwar unterschiedlich für Entstehung und Verlauf. Eine Metaanalyse fand für Menschen in der untersten sozialen Schicht ein etwa 1,8-fach erhöhtes Risiko, depressiv zu sein. Auffällig ist die Aufschlüsselung: Das Risiko für eine neue Erkrankung war um 24 Prozent erhöht, das Risiko für eine anhaltende Erkrankung dagegen mehr als verdoppelt.
Was heißt das für Resilienztrainings?
Dass ihr Wirkungsbereich begrenzt ist. Wenn ein erheblicher Teil der Unterschiede auf Wohnort, Einkommen, Bildung und Zugang zu Versorgung zurückgeht, dann sind das keine Trainingsfragen. Sinnvoll bleibt beides: individuelle Angebote und Verhältnisse, die den Unterschied überhaupt erst herstellen.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Peen, J. et al. (2010): The current status of urban-rural differences in psychiatric disorders. Acta Psychiatrica Scandinavica. Metaanalyse über 20 Bevölkerungserhebungen seit 1985, getrennt nach Störungsgruppen
- 2
Lederbogen, F. et al. (2011): City living and urban upbringing affect neural social stress processing in humans. Nature. Drei unabhängige Bildgebungsversuche zur Frage, wo Stadtleben und städtisches Aufwachsen jeweils ansetzen
- 3
Carstensen, L. L. et al. (2011): Emotional experience improves with age: evidence based on over 10 years of experience sampling. Psychology and Aging. Wiederholte Alltagsmessungen über zehn Jahre, mit Verknüpfung zur späteren Sterblichkeit
- 4
Salk, R. H., Hyde, J. S. & Abramson, L. Y. (2017): Gender differences in depression in representative national samples: Meta-analyses of diagnoses and symptoms. Psychological Bulletin. 65 und 95 Arbeiten mit Daten von über 1,7 beziehungsweise 1,9 Millionen Menschen aus mehr als 90 Ländern
- 5
Lorant, V. et al. (2003): Socioeconomic inequalities in depression: a meta-analysis. American Journal of Epidemiology. 51 Häufigkeits-, fünf Neuerkrankungs- und vier Verlaufsstudien, mit Dosis-Wirkungs-Analyse