Persönliche ResilienzStress & Coping

Altersresilienz

Die Vorstellung vom Alter als Abstiegsstrecke ist so verbreitet, dass der gegenteilige Befund überrascht: Das emotionale Wohlbefinden nimmt über die Lebensspanne zu. Das ist gut gemessen und stabil. Zugleich ist ausgerechnet die Forschung zur Widerstandskraft im Alter erstaunlich dünn.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Älterer Mann sitzt in einem Schrebergarten auf einer Bank, ein Werkzeug neben sich, und blickt ruhig über die Beete
Weniger Ziele, aber genauer ausgewählte: So beschreibt die Alternsforschung, was mit den Jahren an Prioritäten passiert. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Dieser Artikel setzt zwei Dinge nebeneinander, die selten zusammen erzählt werden: dass das Gefühlsleben mit den Jahren besser wird, und dass die Widerstandskraft im Alter erstaunlich schlecht untersucht ist.

  • Emotionales Wohlbefinden nimmt über die Lebensspanne im Mittel zu, nicht ab.
  • Gemessen wurde das im Alltag, fünfmal täglich, über zehn Jahre hinweg.
  • Ältere erleben Gefühle stabiler und häufiger vielschichtig, also positiv und negativ zugleich.
  • Zur körperlichen Widerstandskraft im Alter existiert praktisch keine Interventionsforschung.
  • Unter geriatrischen Krankenhauspatienten liegt der Anteil mit Gebrechlichkeit bei 47,4 Prozent.

Das Paradox

Wenn man Menschen fragt, wie sie sich das Alter vorstellen, kommt fast immer eine Verlustliste: weniger Kraft, weniger Gesundheit, weniger Menschen, weniger Zukunft. Diese Liste stimmt in wesentlichen Teilen. Die Erwartung, dass daraus ein schlechteres Gefühlsleben folgt, stimmt aber nicht.

Genau darin liegt das, was in der Alternsforschung als Paradox bezeichnet wird: Objektiv nimmt manches ab, subjektiv nimmt das Wohlbefinden zu.

10

Jahre Beobachtungszeitraum mit Alltagsmessung

Abfragen pro Tag über je eine Woche

13

Jahre, über die das Überleben nachverfolgt wurde

1

Interventionsstudie in der gesamten Übersicht zu körperlicher Resilienz

Wie gut ist das gemessen?

Bei Aussagen über Lebenszufriedenheit lohnt immer der Blick auf die Messmethode, weil rückblickende Selbstberichte anfällig sind. Diese Untersuchung hat deshalb einen deutlich aufwendigeren Weg gewählt.

Das Vorgehen der Studie
  1. Schritt 1

    Alltagsmessung

    Fünf zufällig gewählte Zeitpunkte pro Tag, eine Woche lang. Gefragt wird nach dem Zustand jetzt, nicht nach der Erinnerung.

  2. Schritt 2

    Wiederholung

    Dieselbe Messwoche nach fünf und nach zehn Jahren.

  3. Schritt 3

    Kontrolle

    Der Befund blieb bestehen, auch wenn Persönlichkeit, Wortflüssigkeit, körperliche Gesundheit und demografische Merkmale berücksichtigt wurden.

  4. Schritt 4

    Nachverfolgung

    Über 13 Jahre wurde zusätzlich das Überleben erfasst.

Der Aufwand dieses Verfahrens ist der Grund, warum der Befund belastbar ist. Quelle: Carstensen et al. 2011.

Was mit dem Alter zunahm. Quelle: Carstensen et al. 2011
MerkmalBefund
Emotionales Wohlbefinden insgesamtpositiver mit steigendem Alter
Emotionale Stabilitätgrößer mit steigendem Alter
Vielschichtigkeit des Erlebensgrößer, erkennbar am häufigeren gleichzeitigen Auftreten positiver und negativer Gefühle
Zusammenhang mit ÜberlebenWer im Alltag verhältnismäßig mehr positive als negative Gefühle erlebte, überlebte die 13 Jahre häufiger

Die letzte Zeile beschreibt einen Zusammenhang in einer Beobachtungsstudie. Ob das Gefühlsleben die Lebensdauer beeinflusst oder eine bessere Gesundheit beides bewirkt, ist damit nicht entschieden.

Die Erklärung

Die Autorinnen und Autoren ordnen ihre Befunde in eine Theorie ein, die sich sozioemotionale Selektivität nennt. Ihr Kern ist einfach und für jedes Alter brauchbar: Wie Menschen ihre Zeit einsetzen, hängt davon ab, wie viel Zeit sie noch vor sich sehen.

Wer viel Zukunft vor sich sieht, investiert in Möglichkeiten. Wer wenig Zukunft vor sich sieht, investiert in Bedeutung.
Der Gedanke in einem Satz

Praktisch heißt das: Der Bekanntenkreis wird kleiner, die verbleibenden Beziehungen werden aber enger. Neue Kontakte, die vielleicht irgendwann nützlich wären, verlieren an Reiz. Konflikte werden seltener ausgetragen, weil sich der Aufwand nicht mehr lohnt. Diese Verschiebung ist keine Resignation, sondern eine Auswahl.

Das Gegenstück in der Alternspsychologie

Eng verwandt ist ein Modell, das in einer Übersichtsarbeit zum erfolgreichen Altern ausführlich behandelt wird: die selektive Optimierung mit Kompensation. Es beschreibt drei Bewegungen, mit denen Menschen auf abnehmende Möglichkeiten reagieren.

  • Auswahl. Weniger Ziele verfolgen und die verbleibenden bewusst wählen, statt an allem gleichzeitig festzuhalten.
  • Optimierung. Die Mittel für die verbliebenen Ziele verbessern, etwa gezielter üben oder mehr Zeit einplanen.
  • Kompensation. Wegfallende Fähigkeiten durch andere Wege ersetzen, vom Hörgerät bis zum schriftlichen Merkzettel.

Wo die Forschung schwach ist

So gut die Befunde zum Gefühlsleben sind, so dünn ist die Lage bei der Frage, was Widerstandskraft im Alter überhaupt ist und wie man sie fördert.

Eine systematische Übersicht von 2016 hat dafür die gesamte englischsprachige Literatur durchsucht, die den Begriff Resilienz auf die körperliche Gesundheit älterer Menschen anwendet. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Was die Übersicht fand. Quelle: Whitson et al. 2016
SchrittZahl
Gesichtete Kurzfassungen1078
Eingeschlossene Arbeiten49
Davon Leserbriefe oder Konzeptbeiträge16
Davon Interventionsstudien1

Die Definitionen reichten von der Zellebene bis zum ganzen Menschen und ließen sich drei Grundvorstellungen zuordnen: Resilienz als Eigenschaft, als Verlauf oder als Fähigkeit.

Was das für Angebote bedeutet

Wenn ein Kurs oder ein Programm Altersresilienz verspricht, stützt es sich auf ein Feld, in dem es zum Zeitpunkt dieser Übersicht genau eine Interventionsstudie gab und keinen Konsens darüber, was gemessen werden soll. Das macht solche Angebote nicht wertlos, aber es macht jedes Wirkungsversprechen unbelegt.

Ähnlich sieht es beim populären Begriff des erfolgreichen Alterns aus. Eine Übersichtsarbeit von 2015 kommt zu dem Schluss, dass Definition und Kriterien trotz jahrzehntelanger Forschung für Laien, Forschende und politisch Verantwortliche vage geblieben sind. Besonders ungeklärt sei, wie ein solches Konzept Behinderung sowie Sterben und Tod einbeziehen kann.

Die eingebaute Härte des Begriffs

Wenn Altern gelingen kann, kann es auch misslingen. Damit wird eine Krankheit, die niemand gewählt hat, zu einer Art Versäumnis. Genau deshalb ist die offene Frage nach Behinderung und Sterben in dieser Übersicht keine akademische Fußnote, sondern der wunde Punkt des ganzen Konzepts.

Der Wirklichkeitsabgleich

Damit aus dem guten Befund zum Gefühlsleben keine Verklärung wird, gehört eine zweite Zahl daneben. Eine Metaanalyse über 96 Studien mit einer zusammengefassten Stichprobe von 467.779 geriatrischen Krankenhauspatienten ermittelte den Anteil mit Gebrechlichkeit.

Gebrechlichkeit bei geriatrischen Krankenhauspatienten. Quelle: Doody et al. 2022
ZustandAnteil
Gebrechlichkeit47,4 Prozent (Vertrauensbereich 43,7 bis 51,1)
Vorstufe der Gebrechlichkeit25,8 Prozent (Vertrauensbereich 22,0 bis 29,6)

Bedeutsame Unterschiede fanden sich nach Alter, vorliegenden Erkrankungen, Stationsart, Patientengruppe und verwendeter Definition. Keine bedeutsamen Unterschiede zeigten sich nach Geschlecht oder Kontinent.

Wichtig ist die Einordnung: Diese Zahlen betreffen Menschen, die bereits im Krankenhaus sind, nicht die ältere Bevölkerung insgesamt. Sie beschreiben also nicht das Alter, sondern die Situation, in der Alter medizinisch sichtbar wird. Genau dort trifft die gute Nachricht über das Gefühlsleben auf ihre Grenze.

Was daraus folgt

Aus dem stärksten Befund dieses Artikels lässt sich etwas Praktisches ableiten, und zwar nicht erst mit siebzig. Wenn sich die Prioritäten mit der wahrgenommenen verbleibenden Zeit verschieben, dann lässt sich diese Verschiebung auch bewusst vornehmen.

Die Auswahl treffen

45 Minuten, einmal im Jahr
  1. 1

    Die Liste schreiben

    Notiere alles, was dir regelmäßig Zeit abverlangt: Menschen, Verpflichtungen, Gewohnheiten, Mitgliedschaften.
  2. 2

    Die Frage stellen

    Bei jedem Punkt: Tue ich das, weil es mir etwas bedeutet, oder weil es sich irgendwann einmal ergeben hat?
  3. 3

    Drei streichen

    Nicht alles umbauen. Drei Punkte, die zur zweiten Kategorie gehören, konkret beenden. Das ist der Auswahl-Teil.
  4. 4

    Eine Sache verstärken

    Die frei gewordene Zeit geht in eine Beziehung oder Tätigkeit, die zur ersten Kategorie gehört. Das ist der Optimierungs-Teil.

Und was beim Kompensieren hilft

  • Hilfsmittel früh statt spät. Hörgerät, Rollator und Merkzettel werden typischerweise Jahre zu spät angeschafft. In dieser Zeit schrumpft der Aktionsradius, und das ist der eigentliche Schaden.
  • Wohnraum vor dem Sturz anpassen. Schwellen, Beleuchtung, Haltegriffe. Nach dem ersten Sturz ist die Umbauentscheidung eine Notfallentscheidung.
  • Vertretung für die eigene Verwaltung. Vollmachten und Patientenverfügung gehören zu den Dingen, die nur im Voraus geregelt werden können.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Anhaltende Niedergeschlagenheit ist im Alter keine normale Begleiterscheinung. Sie wird häufig als verständliche Reaktion auf Verluste abgetan und deshalb nicht behandelt, obwohl sie behandelbar ist. Wenn Antriebslosigkeit oder Freudlosigkeit länger als zwei Wochen anhalten, gehört das in die hausärztliche Sprechstunde. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar.

Passend dazu

Fazit

Der beste Befund dieses Artikels widerspricht der Alltagserwartung: Das emotionale Wohlbefinden nimmt mit dem Alter zu. Gemessen wurde das nicht durch Rückblicke, sondern fünfmal täglich im Alltag, über zehn Jahre und mit Kontrolle für Persönlichkeit und Gesundheit.

Die Erklärung dafür ist brauchbar, weil sie sich anwenden lässt: Wer weniger Zukunft vor sich sieht, wählt genauer aus. Weniger Kontakte, aber engere. Weniger Ziele, aber bedeutsamere.

Zugleich sollte niemand daraus ein Programm machen. Zur Widerstandskraft im Alter gab es zum Zeitpunkt der jüngsten Übersicht genau eine Interventionsstudie und keine einheitliche Definition. Und beim Begriff des erfolgreichen Alterns bleibt eine unbeantwortete Frage stehen, die schwerer wiegt als alle Definitionsprobleme: wo darin Krankheit, Behinderung und Sterben ihren Platz haben.

Häufige Fragen

Wird man im Alter unzufriedener?

Im Durchschnitt nicht. Eine Untersuchung, die über zehn Jahre hinweg Menschen fünfmal täglich nach ihrem aktuellen Gefühlszustand fragte, fand, dass höheres Alter mit insgesamt positiverem emotionalem Wohlbefinden einherging, mit größerer emotionaler Stabilität und mit mehr Vielschichtigkeit im Erleben.

Wie wurde das gemessen?

Nicht durch einmaliges Rückblicken, sondern durch Alltagsmessung. Die Teilnehmenden meldeten eine Woche lang zu fünf zufällig gewählten Zeitpunkten am Tag ihren Gefühlszustand. Dieses Wochenverfahren wurde nach fünf und nach zehn Jahren wiederholt.

Was heißt mehr Vielschichtigkeit?

Dass positive und negative Gefühle häufiger gleichzeitig auftreten. Ältere Menschen erleben öfter beides nebeneinander, etwa Freude und Wehmut in derselben Situation. Das gilt in der Forschung als Zeichen emotionaler Reife, nicht als Widerspruch.

Hat das Gefühlsleben Folgen für die Lebenserwartung?

In dieser Untersuchung ja. Unter Berücksichtigung von Alter, Geschlecht und Herkunft überlebten Menschen, die im Alltag verhältnismäßig mehr positive als negative Gefühle erlebten, den Zeitraum von 13 Jahren häufiger. Es handelt sich um einen Zusammenhang, nicht um einen Beweis für eine Ursache.

Ist Altersresilienz gut erforscht?

Nein. Eine systematische Übersicht zur körperlichen Widerstandskraft im Alter durchsuchte 1078 Kurzfassungen, schloss 49 Arbeiten ein und fand darunter 16 Meinungs- oder Konzeptbeiträge und genau eine Interventionsstudie. Eine einheitliche Definition oder Messung gibt es nicht.

Was ist erfolgreiches Altern?

Das ist genau der Streitpunkt. Eine Übersichtsarbeit hält fest, dass Definition und Kriterien trotz jahrzehntelanger Forschung sowohl für Laien als auch für Forschende und politisch Verantwortliche vage geblieben sind. Offen ist besonders, wie ein solches Konzept Behinderung, Sterben und Tod einbeziehen soll.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Carstensen, L. L. et al. (2011): Emotional experience improves with age: evidence based on over 10 years of experience sampling. Psychology and Aging. Alltagsmessung in drei Erhebungswellen über zehn Jahre, 178 bis 191 Teilnehmende je Welle

  2. 2

    Whitson, H. E. et al. (2016): Physical Resilience in Older Adults: Systematic Review and Development of an Emerging Construct. The Journals of Gerontology, Series A. 1078 gesichtete Kurzfassungen, 49 eingeschlossene Arbeiten, davon eine Interventionsstudie

  3. 3

    Martin, P. et al. (2015): Defining successful aging: a tangible or elusive concept?. The Gerontologist. Übersicht und Bewertung der Modelle erfolgreichen Alterns, darunter selektive Optimierung mit Kompensation

  4. 4

    Doody, P. et al. (2022): The prevalence of frailty and pre-frailty among geriatric hospital inpatients and its association with economic prosperity and healthcare expenditure: A systematic review and meta-analysis of 467,779 geriatric hospital inpatients. Ageing Research Reviews. 96 Studien, zusammengefasste Stichprobe von 467.779 geriatrischen Krankenhauspatienten