
Auf einen Blick
Dieser Artikel liefert keine Anleitung zur Neuerfindung. Er zeigt, wie belastbar der Befund ist, auf den sich solche Anleitungen berufen, und was danach übrig bleibt.
- Die strenge Fassung des Begriffs Midlife-Crisis gilt fachlich als nicht haltbar.
- Ein Zufriedenheitstief in der Lebensmitte findet sich in Auswertungen über 145 Länder.
- Eine Gegenposition hält die Beleglage für uneinheitlich und die Schlussfolgerung für verfrüht.
- Die Antwort darauf wirft der Gegenposition eine falsche Einordnung der Studien vor.
- Selbst wenn das Tief existiert, ist es ein Durchschnitt und kein persönlicher Auftrag.
Was der Begriff behauptet
Das gängige Bild ist schnell erzählt: Ein Mann Mitte vierzig hält inne, blickt auf das Erreichte und das Nichterreichte, bemerkt die Begrenztheit der verbleibenden Zeit und ergreift daraufhin drastische Maßnahmen, um sich seine Träume noch zu erfüllen.
Eine Fachdiskussion von 2009 hat dieses Konzept auseinandergenommen und dabei drei Fassungen unterschieden.
| Fassung | Was sie behauptet | Bewertung |
|---|---|---|
| Streng | Eine regelhafte Entwicklungskrise, die in der Lebensmitte bei den meisten Menschen auftritt | empirisch und theoretisch nicht haltbar |
| Mittel | Eine abgeschwächte, aber weiterhin typische Krise der Lebensmitte | ebenfalls nicht haltbar |
| Weit | Ein Zusammenspiel gesellschaftlicher Erwartungen mit persönlichen Zielen in dieser Lebensphase | geeignet, neue Forschungsrichtungen anzuregen |
Nicht dass Menschen in der Lebensmitte Krisen erleben, wird bestritten. Bestritten wird, dass es sich um eine eigene, regelhaft auftretende Entwicklungsstufe handelt.
Die U-Kurve
Der empirische Anker der ganzen Debatte ist eine Kurve. Trägt man Lebenszufriedenheit gegen das Alter auf, ergibt sich in vielen Datensätzen ein U: hoch in jungen Jahren, ein Tiefpunkt in der Lebensmitte, danach wieder ansteigend.
2021 erschien dazu eine Auswertung, die den Anspruch erhebt, die Frage zu klären. Sie untersucht verschiedene Maße des Wohlbefindens im Verhältnis zum Alter in 145 Ländern, darunter 109 Entwicklungsländer, unter Berücksichtigung von Bildung, Familienstand und Erwerbsstatus.
145
untersuchte Länder, davon 109 Entwicklungsländer
~50
Lebensjahr des Tiefpunkts in dieser Auswertung
8,5 Mio.
Beobachtungen in der späteren Antwort
353
weitere Arbeiten mit U-Form laut der Antwort
Das Ergebnis fällt eindeutig aus: Die U-Form wird nachdrücklich bestätigt, mit einem Tiefpunkt in der Lebensmitte um das 50. Lebensjahr, und zwar in getrennten Auswertungen für Entwicklungs- und Industrieländer ebenso wie für den afrikanischen Kontinent. Ein Nebenbefund verdient Beachtung: Das Alter des Tiefpunkts ist in Europa und den USA über die Zeit gestiegen.
Der Widerspruch
2020 erschien in einer angesehenen psychologischen Zeitschrift eine Arbeit, die genau diese Sicherheit bestreitet. Sie führt sechs Einwände an, von denen jeder für sich bedenkenswert ist.
- Querschnitt ist nicht Längsschnitt. Aus Daten, die verschiedene Menschen verschiedenen Alters zum selben Zeitpunkt vergleichen, lässt sich nicht auf Veränderungen innerhalb einer Person schließen.
- Die Querschnittsbefunde selbst sind uneinheitlich, was Verbreitung und Robustheit der U-Form angeht.
- Auch die Längsschnittbefunde sind uneinheitlich.
- Andere Maße des Wohlbefindens als allgemeines Glück und Lebenszufriedenheit stellen die U-Form in Längsschnittuntersuchungen infrage.
- Der Rückblick spricht dagegen. Wenn ältere Menschen auf ihr Leben zurückblicken, erinnern sie die Lebensmitte eher als eine der positiveren Phasen.
- Eine einzige Verlaufskurve nützt wenig, weil sie die Vielfalt der tatsächlichen Lebenswege und ihre Ursachen verdeckt.
Der fünfte Punkt ist der interessanteste
Dass Menschen im Rückblick ausgerechnet die angeblich schwerste Phase als eine der besseren erinnern, lässt zwei Deutungen zu. Entweder ist das Tief kleiner, als die Kurven nahelegen. Oder das Erinnern arbeitet anders als das Erleben. Beides wäre für den Umgang mit der eigenen Lebensmitte bedeutsam.
Die Antwort
2021 antworteten die Verfasser der U-Kurven-Arbeiten in derselben Zeitschrift, und der Ton ist für ein Fachblatt bemerkenswert direkt.
Vorwurf der Übersichtsarbeit
- Die Beleglage ist nicht so robust wie angenommen
- Von 33 Arbeiten fanden 12 eine U-Form, 7 keine, 14 gemischte Ergebnisse
- Der Schluss auf einen Abfall bis zur Lebensmitte ist verfrüht und möglicherweise falsch
Antwort darauf
- Die meisten dieser Arbeiten sind falsch eingeordnet
- Tatsächlich sind 4 nicht einschlussfähig, 25 finden eine U-Form, 4 sind gemischt
- 353 weitere Arbeiten mit U-Form wurden übersehen, davon 329 begutachtet
Zusätzlich legen die Antwortenden eigene Auswertungen vor: rund achteinhalb Millionen Einzelbeobachtungen aus bevölkerungsrepräsentativen Befragungen für die USA und Europa. Der Tiefpunkt liegt darin in der Mitte der vierziger Jahre.
Der Einbruch in der Lebensmitte entspricht etwa drei Vierteln des beispiellosen Rückgangs im Wohlbefinden, der während der Coronapandemie gemessen wurde.
Wie du mit einem laufenden Fachstreit umgehst
Nicht, indem du dich für eine Seite entscheidest. Der Vorwurf der falschen Einordnung ist überprüfbar und wird geprüft werden. Bis dahin gilt: Ein Zufriedenheitstief in der Lebensmitte ist ein häufiger, aber nicht gesicherter Befund. Wer dir mit der U-Kurve einen Lebensumbau verkauft, verkauft dir eine Momentaufnahme aus einem offenen Streit.
Was gesichert ist
Trotz des Streits lassen sich drei Dinge festhalten, die von keiner Seite bestritten werden.
- Midlife-Crisis als Entwicklungsstufe
- Universelle U-Form der Zufriedenheit
- Tiefpunkt in der Lebensmitte in vielen Datensätzen
- Große Unterschiede zwischen einzelnen Lebenswegen
Einordnung der Kernaussagen dieses Artikels nach ihrer Beleglage.
Warum die Vielfalt der wichtigste Punkt ist
Der letzte Einwand der Übersichtsarbeit von 2020 ist der praktisch bedeutsamste: Eine einzige Verlaufskurve verdeckt die Vielfalt der Lebenswege und ihre Ursachen. Ein Bevölkerungsdurchschnitt sagt über einen einzelnen Menschen im Zweifel gar nichts.
Wenn es dir mit 47 schlecht geht, liegt das mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht daran, dass du 47 bist. Es liegt an dem, was mit 47 typischerweise gleichzeitig läuft: berufliche Verantwortung auf dem Höhepunkt, Kinder in einer fordernden Phase, alternde Eltern, erste eigene gesundheitliche Einschränkungen, und eine Zukunft, die nicht mehr unbegrenzt wirkt.
Was praktisch folgt
Der Titel dieses Artikels verspricht die Krise als Chance. Diese Formel ist nur unter einer Bedingung brauchbar: Sie darf nicht dazu führen, dass große und schlecht umkehrbare Entscheidungen aus einer Stimmung heraus getroffen werden.
Die Zieldurchsicht
Zwei Abende, mit einer Woche Abstand- 1
Erster Abend: aufschreiben
Was in deinem Leben läuft gerade nach deinen Zielen, und was nach den Zielen, die andere oder frühere Umstände gesetzt haben? Nur sortieren, keine Schlüsse. - 2
Die Umkehrbarkeitsfrage
Sortiere die Änderungswünsche in umkehrbare und schlecht umkehrbare. Job wechseln ist umkehrbar. Trennung, Hauskauf, Kündigung ohne Anschluss sind es kaum. - 3
Eine Woche Abstand
Nichts entscheiden. Dieser Schritt fühlt sich falsch an und ist der wichtigste. - 4
Zweiter Abend: eine umkehrbare Sache beginnen
Genau eine. Wenn sich nach drei Monaten daran nichts geändert hat, war es die falsche Sache und nicht der falsche Weg.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Eine anhaltend gedrückte Stimmung, Freudlosigkeit und Antriebsverlust über mehr als zwei Wochen sind keine Lebensmitte, sondern die Kennzeichen einer Depression. Sie ist in diesem Alter häufig und wird häufig als Sinnkrise fehlgedeutet. Das gehört in die hausärztliche Sprechstunde. Bei Suizidgedanken ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar, bei akuter Gefahr der Notruf 112.
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Warum zwei Auswertungen derselben Literatur verschieden ausfallen können.
Fazit
Die Midlife-Crisis als eigene Entwicklungsstufe gilt fachlich als nicht haltbar. Das Zufriedenheitstief in der Lebensmitte dagegen findet sich in sehr vielen Datensätzen, und eine Auswertung über 145 Länder hält es für nachdrücklich bestätigt.
Dass eine ebenso ernstzunehmende Gruppe das bestreitet und daraufhin den Vorwurf einer falschen Einordnung von Studien einsteckt, gehört zum Bild dazu. Der Streit ist offen, und das ist keine Schwäche der Wissenschaft, sondern ihr Normalfall.
Für den Alltag bleibt der unspektakulärste Teil der Debatte der wichtigste: Eine Durchschnittskurve sagt über deinen Lebensweg nichts. Was in der Lebensmitte drückt, sind meist konkrete gleichzeitige Belastungen und keine Entwicklungsstufe. Entsprechend konkret, umkehrbar und klein sollten die ersten Schritte dagegen ausfallen.
Häufige Fragen
Gibt es die Midlife-Crisis?
In der strengen Form vermutlich nicht. Eine Fachdiskussion von 2009 kommt zu dem Schluss, dass eine strenge und selbst eine mittlere Fassung des Begriffs empirisch und theoretisch nicht haltbar erscheint. Eine weiter gefasste Lesart hält sie dagegen für geeignet, neue Forschung anzuregen.
Was ist die U-Kurve des Glücks?
Die Beobachtung, dass Zufriedenheit in jungen Jahren hoch ist, in der Lebensmitte einen Tiefpunkt erreicht und danach wieder steigt. Eine Auswertung über 145 Länder bestätigt diese Form nachdrücklich, mit einem Tiefpunkt um das 50. Lebensjahr, und zwar in Industrie- wie in Entwicklungsländern.
Ist die U-Kurve unumstritten?
Nein. Eine Übersichtsarbeit von 2020 führt sechs Einwände an, darunter: Querschnittsdaten taugen nicht für Aussagen über Veränderungen innerhalb einer Person, die Längsschnittbefunde sind uneinheitlich, und ältere Menschen erinnern die Lebensmitte im Rückblick eher als eine der positiveren Phasen.
Wie ging der Streit aus?
Er ist nicht entschieden. Die Verfasser der U-Kurven-Arbeiten antworteten 2021 mit dem Vorwurf, die eingeschlossenen Studien seien überwiegend falsch eingeordnet worden, und benannten 353 weitere Arbeiten, die eine U-Form fanden und in der Übersicht fehlten. Zusätzlich legten sie eigene Auswertungen mit rund achteinhalb Millionen Beobachtungen vor.
Wie groß ist das Tief überhaupt?
In dieser Antwort wird es beziffert: Der Tiefpunkt liegt in der Mitte der vierziger Jahre, und der Einbruch entspricht etwa drei Vierteln des Rückgangs, der während der Coronapandemie im Wohlbefinden gemessen wurde. Das ist deutlich, aber es ist ein Bevölkerungsdurchschnitt und keine persönliche Diagnose.
Was folgt daraus praktisch?
Dass ein Stimmungstief in der Lebensmitte weder eine Einbildung noch ein Auftrag ist. Es rechtfertigt keine großen irreversiblen Entscheidungen, wohl aber eine ernsthafte Überprüfung der eigenen Ziele.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Freund, A. M. & Ritter, J. O. (2009): Midlife crisis: a debate. Gerontology. Kritische Diskussion des Konzepts und der Belege für eine strenge, mittlere und weite Fassung
- 2
Blanchflower, D. G. (2021): Is happiness U-shaped everywhere? Age and subjective well-being in 145 countries. Journal of Population Economics. 145 Länder, darunter 109 Entwicklungsländer, Stichproben unter 70 Jahren
- 3
Galambos, N. L. et al. (2020): The U Shape of Happiness Across the Life Course: Expanding the Discussion. Perspectives on Psychological Science. Sechs Einwände gegen die Verallgemeinerbarkeit der U-Form
- 4
Blanchflower, D. G. & Graham, C. L. (2021): The U Shape of Happiness: A Response. Perspectives on Psychological Science. Antwort auf die Einwände, mit eigener Auswertung von rund 8,5 Millionen Beobachtungen