
Auf einen Blick
Dieser Artikel korrigiert zuerst eine Zahl und nimmt danach das Problem ernster als die meisten Beiträge, die den Begriff großzügig verwenden.
- Nur etwa 3 Prozent der Mittvierziger pflegen Eltern und versorgen gleichzeitig Kinder.
- In absoluten Zahlen ist das trotzdem eine erhebliche Gruppe.
- Bei ihnen verschlechtert sich die psychische Gesundheit messbar und über Jahre.
- Ab etwa 20 Pflegestunden pro Woche wird der Effekt besonders deutlich.
- Einen Geschlechtsunterschied bei der Gesundheit fand die Untersuchung nicht.
Wie viele sind es wirklich?
Der Begriff Sandwich-Generation wird häufig auf alle Menschen zwischen 40 und 55 angewendet. Dass diese Altersgruppe zwischen zwei Generationen steht, stimmt auch. Die Frage ist, wie viele davon tatsächlich in beide Richtungen versorgen.
Eine norwegische Auswertung an 15.109 Personen zwischen 18 und 84 Jahren hat das nachgerechnet, und die Zahlen fallen deutlich anders aus als der Begriff nahelegt.
In der Lebensmitte zwischen zwei Generationen
78%
75 bis 80 Prozent
Kinder UND Eltern mit Bedarf gleichzeitig
8,5%
8 bis 9 Prozent
Zusätzlich tatsächlich pflegend
3%
| Merkmal | Wert in % |
|---|---|
| In der Lebensmitte zwischen zwei Generationen | 78% |
| Kinder UND Eltern mit Bedarf gleichzeitig | 8.5% |
| Zusätzlich tatsächlich pflegend | 3% |
Anteile in der norwegischen Bevölkerung. Die letzten beiden Werte beziehen sich auf die 35- bis 45-Jährigen. Quelle: Daatland et al. 2010.
Die Autoren halten ausdrücklich fest: Auch wenn es gemessen an ihrer Altersgruppe wenige sind, ergeben sie in absoluten Zahlen eine beträchtliche Menge an Personen.
Was die Begriffsdehnung praktisch anrichtet
Wenn eine ganze Alterskohorte als Sandwich-Generation angesprochen wird, verwässert das die Anspruchslage derer, die tatsächlich zwei Zuständigkeiten tragen. Wer sich überlastet fühlt, weil Kinder und Beruf gleichzeitig laufen, ist damit nicht gemeint und hat trotzdem ein reales Problem. Es ist nur ein anderes.
Was tatsächlich passiert
Die aussagekräftigste Untersuchung dazu stammt aus Großbritannien. Ausgewertet wurden zehn Erhebungswellen einer großen Haushaltsstudie zwischen 2009 und 2020. Als Sandwich-Pflegende galten Eltern, die mit Kindern unter 16 Jahren zusammenlebten und zusätzlich unbezahlte Pflege für ein Familienmitglied der älteren Generation übernahmen.
Entscheidend am Vorgehen: Diese Gruppe wurde mit Eltern verglichen, die keine Erwachsenenpflege übernahmen und ihr in den übrigen Merkmalen ähnelten. Anschließend wurden die Gesundheitsverläufe vor, während und nach dem Übergang in die Pflege modelliert.
davor
Vor dem Übergang
Die Verläufe unterscheiden sich noch nicht auffällig von denen vergleichbarer Eltern.
Beginn
Übernahme der Pflege
Die psychische Gesundheit verschlechtert sich. Bei intensiver Pflege sinkt zusätzlich die körperliche Gesundheit.
Jahre
Die Zeit danach
Die Verschlechterung hält mehrere Jahre an. Es handelt sich nicht um einen kurzen Einbruch mit rascher Erholung.
Vereinfachte Darstellung des in der Studie modellierten Verlaufs. Quelle: Xue et al. 2025.
Der letzte Punkt ist der wichtigste und wird in Ratgebern regelmäßig unterschlagen. Es geht nicht um eine anstrengende Phase, die vorübergeht, sondern um eine Verschiebung, die über Jahre bestehen bleibt.
Die 20-Stunden-Schwelle
Die Untersuchung hat außerdem nach der Dosis gefragt, und dort zeigt sich eine brauchbare Orientierungsmarke.
| Pflegeumfang | Psychische Gesundheit | Körperliche Gesundheit |
|---|---|---|
| Pflegeübernahme allgemein | Verschlechterung, über mehrere Jahre anhaltend | kein hervorgehobener Befund |
| Mehr als 20 Stunden pro Woche | besonders ausgeprägte Verschlechterung | stärkere Einbußen während des Übergangs |
Wofür diese Schwelle taugt
Sie ist keine Sicherheitsgrenze, sondern ein Anlass zum Rechnen. Wer nicht weiß, wie viele Stunden pro Woche tatsächlich zusammenkommen, sollte das zwei Wochen lang mitschreiben, Fahrzeiten und Telefonate eingeschlossen. Die meisten Menschen unterschätzen den Umfang deutlich, weil er aus vielen kleinen Einheiten besteht.
Der Befund zum Geschlecht
Ein Ergebnis der britischen Untersuchung widerspricht der gängigen Erzählung: Für die beschriebenen Zusammenhänge zwischen Pflegeübernahme und Gesundheitsverlauf fanden sich keine Hinweise auf einen Geschlechtsunterschied.
Das heißt nicht, dass die Last gleich verteilt ist. Es heißt, dass sie sich bei denen, die sie tragen, ähnlich auswirkt. Ungleich verteilt ist etwas anderes, nämlich wer sie übernimmt und was es beruflich kostet.
Frauen reduzieren ihre Arbeitszeit als Reaktion auf familiäre Bedarfe häufiger als Männer.
Zusammengenommen ergeben die beiden Befunde ein klareres Bild als jeder für sich: Wer pflegt, zahlt gesundheitlich ähnlich, unabhängig vom Geschlecht. Aber Frauen übernehmen häufiger und bezahlen zusätzlich mit Erwerbsarbeit, Einkommen und Rentenansprüchen.
Der Engpass ist die Erwerbsarbeit
Wie stark sich Pflege auf die Erwerbstätigkeit auswirkt, hängt stark davon ab, wie man Pflegeintensität überhaupt misst. Eine wirtschaftswissenschaftliche Untersuchung hat dafür ein neues Maß eingeführt: nicht die Stunden pro Woche und nicht das Zusammenwohnen, sondern die Länge der Pflegeepisode.
Grundlage waren monatliche Angaben zum Pflegestatus über sechs Jahre. Das Ergebnis: Die gängigen Maße verdecken erhebliche Unterschiede in der Wirkung von Pflege auf die Erwerbstätigkeit. Gerade für das Verständnis der Unterschiede zwischen Frauen und Männern sei diese Unterscheidung wichtig.
Was das für den Arbeitsplatz heißt
Eine niederländische Untersuchung hat sich einer besonders betroffenen Gruppe gewidmet: Pflegekräften, die beruflich pflegen und zu Hause zusätzlich Angehörige versorgen. Sie umfasste eine Übersicht über 20 Arbeiten und zwei Fokusgruppen mit 17 Teilnehmenden, ist also sondierend und nicht repräsentativ.
- Flexibilität und Verständnis am Arbeitsplatz wurden als notwendig beschrieben, um beide Aufgaben zu vereinbaren.
- Soziale Unterstützung durch Kollegen reicht nicht. Das war das deutlichste Ergebnis der Fokusgruppen. Wohlwollen ersetzt keine geänderte Dienstzeit.
- Der eigene Bedarf muss benannt werden können. Die Autoren beschreiben die Fähigkeit, gegenüber Arbeitgeber und Pflegediensten klar zu sagen, welche Unterstützung nötig ist, als eigenen Wirkfaktor.
- Gleichbehandlung mit anderen Pflegenden. Einrichtungen sollten Beschäftigten, die privat pflegen, dieselbe Unterstützung anbieten wie allen anderen pflegenden Angehörigen.
Was du praktisch machst
Aus der Befundlage folgen drei Schritte, und der erste ist der unbeliebteste, weil er nichts löst, sondern zunächst nur sichtbar macht.
Die Stundenrechnung
Zwei Wochen mitschreiben, dann 30 Minuten auswerten- 1
Alles zählen
Pflege, Fahrten, Telefonate mit Ärzten und Kassen, Organisation, Nachtstörungen. Nur so kommst du an die tatsächliche Wochenzahl. - 2
An der Schwelle prüfen
Liegst du über 20 Stunden, bist du in der Gruppe, für die die Studie die deutlichsten Verschlechterungen fand. Das ist ein sachlicher Grund, Entlastung zu beantragen, kein Eingeständnis. - 3
Eine Aufgabe abgeben, nicht eine Stunde
Ganze Zuständigkeiten lassen sich übergeben, einzelne Stunden nicht. „Du machst ab jetzt alles mit der Krankenkasse“ funktioniert, „hilf mal mit“ nicht. - 4
Mit dem Arbeitgeber sprechen, bevor es kippt
Pflegezeit, Familienpflegezeit und Freistellungen sind gesetzlich geregelt. Ein Gespräch nach dem Zusammenbruch führt zu schlechteren Lösungen als eines davor.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Wenn die Belastung über Monate anhält, der Schlaf leidet und du dich zunehmend gereizt oder leer fühlst, gehört das in die hausärztliche Sprechstunde. Die britische Untersuchung zeigt, dass die Verschlechterung nicht von selbst vorbeigeht. Das bundesweite Pflegetelefon berät unter 030 20 179 131 zu Entlastungsangeboten, die Telefonseelsorge ist unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 rund um die Uhr erreichbar.
Passend dazu
Resilienz für pflegende Angehörige
Der ausführliche Blick auf die Pflegeseite dieser Doppelrolle.
Die Midlife-Crisis als Chance
Dieselbe Lebensphase, andere Frage.
Zeit- und Energiemanagement
Wenn zwei Zuständigkeiten in einen Tag müssen.
Wenn Eltern krank sind
Die Perspektive der Kinder, die im selben Haushalt mitbetroffen sind.
Fazit
Die Sandwich-Generation ist als Begriff zu groß und als Problem zu klein geschrieben. Nur rund 3 Prozent der Mittvierziger versorgen tatsächlich gleichzeitig Kinder und pflegen ihre Eltern. In absoluten Zahlen sind das trotzdem sehr viele Menschen.
Für diese Gruppe ist der Befund eindeutig: Mit der Übernahme der Pflege verschlechtert sich die psychische Gesundheit, besonders ab etwa 20 Wochenstunden, und die Verschlechterung hält Jahre an. Einen Geschlechtsunterschied gab es dabei nicht, wohl aber bei der Frage, wer die Arbeitszeit reduziert.
Der wirksamste Hebel liegt deshalb nicht in besserer Selbstorganisation, sondern in der Verbindung von Erwerbsarbeit und Pflege: verbindliche Absprachen am Arbeitsplatz, ganze abgegebene Zuständigkeiten und ein ehrlicher Blick auf die tatsächliche Stundenzahl.
Häufige Fragen
Wie viele Menschen gehören zur Sandwich-Generation?
Deutlich weniger, als der Begriff nahelegt. Eine norwegische Untersuchung an 15.109 Personen zwischen 18 und 84 Jahren fand, dass zwar 75 bis 80 Prozent der Bevölkerung in der Lebensmitte zwischen einer jüngeren und einer älteren Familiengeneration stehen, aber nur 8 bis 9 Prozent der 35- bis 45-Jährigen gleichzeitig Kinder und Eltern mit Bedarf haben. Nur 3 Prozent pflegen dabei auch tatsächlich ihre älteren Eltern.
Ist das dann ein aufgebauschtes Problem?
Nein, es ist ein falsch etikettiertes. Die Autoren halten fest, dass diese wenigen Prozent in absoluten Zahlen eine erhebliche Zahl von Menschen ergeben. Der Begriff beschreibt nur eine kleinere und stärker belastete Gruppe, als er suggeriert.
Was passiert mit der Gesundheit dieser Gruppe?
Eine britische Längsschnittstudie über zehn Erhebungswellen von 2009 bis 2020 verglich Eltern, die zusätzlich Pflege übernahmen, mit vergleichbaren Eltern ohne Pflegeaufgabe. Die Übernahme der Pflege ging mit einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit einher, und diese Verschlechterung hielt mehrere Jahre an.
Gibt es eine Belastungsschwelle?
Ja. Besonders deutlich fiel die Verschlechterung bei denen aus, die mehr als 20 Stunden pro Woche pflegten. Diese Gruppe erlebte während des Übergangs auch stärkere Einbußen der körperlichen Gesundheit.
Trifft es Frauen härter?
Bei der Gesundheit offenbar nicht. Die britische Untersuchung fand keine Hinweise auf einen Geschlechtsunterschied bei diesen Zusammenhängen. Bei der Erwerbsarbeit sieht es anders aus: Frauen reduzieren laut der norwegischen Untersuchung ihre Arbeitszeit häufiger als Männer, wenn familiäre Bedarfe entstehen.
Was hilft berufstätigen Pflegenden?
Eine niederländische Untersuchung an Pflegekräften, die zusätzlich privat pflegen, kommt zu dem Schluss, dass Verständnis und Flexibilität am Arbeitsplatz nötig sind, soziale Unterstützung durch die Kollegen allein aber nicht ausreicht. Es sei zusätzlich die Fähigkeit nötig, den benötigten Unterstützungsbedarf klar zu benennen.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Daatland, S. O. et al. (2010): Norwegian sandwiches: On the prevalence and consequences of family and work role squeezes over the life course. European Journal of Ageing. Auswertung der NorLAG- und LOGG-Studien mit 15.109 Personen im Alter von 18 bis 84 Jahren
- 2
Xue, B. et al. (2025): Do mental and physical health trajectories change around transitions into sandwich care? Results from the UK household longitudinal study. Public Health. 10 Erhebungswellen von 2009 bis 2020, abgeglichene Vergleichsgruppe, stückweise Wachstumskurvenmodellierung
- 3
Simard-Duplain, G. (2022): Heterogeneity in informal care intensity and its impact on employment. Journal of Health Economics. Auswertung der Longitudinal and International Study of Adults mit monatlichen Angaben über sechs Jahre
- 4
Detaille, S. I. et al. (2020): Supporting Double Duty Caregiving and Good Employment Practices in Health Care Within an Aging Society. Frontiers in Psychology. Sondierende Studie: Übersicht über 20 Arbeiten sowie zwei Fokusgruppen mit 17 Teilnehmenden