
Auf einen Blick
Die Weitergabe psychischer Erkrankungen über Generationen gilt als eine der bedeutsamsten Ursachen psychiatrischer Krankheitslast. Das klingt entmutigend. Die Präventionsforschung dazu liefert jedoch einen der ermutigendsten Befunde ihres Fachs.
- Vorbeugende Programme senkten neue Diagnosen um 40 Prozent.
- Das ist eine harte Zielgröße, keine Fragebogenveränderung.
- Die Effekte auf Beschwerdewerte sind dagegen klein.
- Bei Kindern und Jugendlichen nahmen sie über die Zeit zu.
- Für mitpflegende Kinder ist die Belegqualität niedrig.
Wie häufig das ist
Wie viele Kinder betroffen sind, lässt sich nur annähern. Ein Anhaltspunkt aus einem eng umgrenzten Bereich: der Wochenbettdepression, also der Erkrankung eines Elternteils in der frühesten Lebensphase des Kindes.
133.313
einbezogene Frauen
14,0 %
gepoolte Häufigkeit
5,0 bis 26,3 %
Spanne zwischen Ländern
27
ausgewertete Erhebungen
| Faktor | Quotenverhältnis |
|---|---|
| Frühere Depression in der Schwangerschaft in der Vorgeschichte | 4,82 |
| Depression in der Vorgeschichte | 3,09 |
| Schwangerschaftsdiabetes | 2,71 |
| Depression während der Schwangerschaft | 2,40 |
Die Autorengruppe weist bei mehreren dieser Werte auf hohe Unterschiede zwischen den Studien hin. Für weitere untersuchte Faktoren schlossen die Vertrauensbereiche den Wert 1 ein.
Warum diese Zahlen hier stehen
Sie sollen zeigen, dass es sich nicht um einen Randbereich handelt. Eine Erkrankung, die in einem von sieben Wochenbetten auftritt, betrifft eine sehr große Zahl von Kindern in ihrem ersten Lebensjahr. Zur Häufigkeit psychischer Erkrankungen bei Eltern insgesamt liegen keine vergleichbar belastbaren Metaanalysen vor.
Der harte Befund
Die meisten Präventionsstudien messen Fragebogenwerte. Eine Metaanalyse hat für dieses Feld etwas Selteneres zusammengetragen: die Zahl neu aufgetretener psychischer Erkrankungen bei den Kindern.
Kontrollgruppe als Bezugswert
1
Bezugswert
Programmgruppe
0,6
Vertrauensbereich 0,45 bis 0,79
| Merkmal | Wert in |
|---|---|
| Kontrollgruppe als Bezugswert | 1 |
| Programmgruppe | 0.6 |
Kombiniertes relatives Risiko der Programmgruppen gegenüber den Kontrollgruppen. Ein Wert unter 1 bedeutet weniger neue Erkrankungen. Quelle: Siegenthaler, Munder & Egger 2012.
Insgesamt wurden 161 neue Diagnosen psychischer Erkrankungen erfasst, wobei die Maßnahmen das Risiko um 40 Prozent senkten.
- Die Zielgröße ist ungewöhnlich streng. Gezählt wurden neue Diagnosen derselben Art wie bei den Eltern, nicht Veränderungen auf einer Skala.
- Der Vertrauensbereich schließt die 1 nicht ein. Er reicht von 0,45 bis 0,79, der Effekt ist also statistisch gesichert.
- Die Bestandteile waren gewöhnlich. Die Programme umfassten kognitive, verhaltensbezogene oder aufklärende Anteile, nichts Exotisches.
- Die Grundlage ist überschaubar. 13 Studien und 1.490 Kinder sind wenig für eine Aussage dieser Tragweite. Sieben Studien erfassten Neuerkrankungen, sieben die Beschwerdewerte.
Die kleineren Effekte
Eine größere und neuere Metaanalyse hat 96 Arbeiten mit 50 unabhängigen Stichproben aus randomisierten Studien ausgewertet und dabei nach Ansatzpunkt getrennt.
| Ansatzpunkt | Effektstärke | Verlauf über zwölf Monate |
|---|---|---|
| Verhalten der Mütter | 0,33 | Stabil |
| Verhalten der Kinder | 0,31 | Stabil |
| Interaktion zwischen Mutter und Säugling | 0,26 | Stabil |
| Verhalten der Säuglinge | Teil der obigen Gruppe | Nicht stabil |
| Allgemeine Belastung bei Kindern und Jugendlichen | 0,13 | Nahm über die Zeit bedeutsam zu |
| Nach innen gerichtete Beschwerden | 0,17 | Nahm über die Zeit bedeutsam zu |
| Nach außen gerichtete Beschwerden | 0,17 | Erreichte erst in der Nachbeobachtung Bedeutsamkeit |
Der scheinbare Widerspruch
Wie passt eine Senkung neuer Diagnosen um 40 Prozent zu Effektstärken von 0,13? Beides misst Verschiedenes. Eine kleine Verschiebung der gesamten Verteilung kann an der Diagnosegrenze viele Fälle vermeiden, ohne dass sich der Mittelwert stark ändert. Wer nur die Effektstärken zitiert, unterschätzt den Nutzen; wer nur die Diagnosen zitiert, überschätzt die spürbare Veränderung im Alltag.
Ein zweiter Punkt ist bemerkenswert: Bei Kindern und Jugendlichen wuchsen die Effekte über die Zeit, statt zu verblassen. Das ist bei Präventionsprogrammen ungewöhnlich und spricht dafür, dass hier etwas gelernt wurde, das weiterwirkt.
Wenn Kinder mitpflegen
Ein Teil der betroffenen Kinder übernimmt Aufgaben in der Versorgung. Eine systematische Übersicht hat quantitative Studien zu Pflegenden bis 25 Jahre zusammengetragen, die Pflegende und Nichtpflegende verglichen.
- Neun von zehn Studien fanden einen Zusammenhang zwischen jungem Pflegen und schlechterer psychischer Gesundheit. Erfasst wurden Depressivität, Angst und weitere emotionale Probleme.
- Die Gesamtqualität der Belege war niedrig. Die Autorengruppe nennt als Hauptquellen der Verzerrung die Störgrößen und die Art der Erhebung der Zielgrößen.
- Nur drei Arbeiten waren Längsschnittstudien. Ob junges Pflegen zu schlechterer psychischer Gesundheit führt, ist damit nicht geklärt.
- Die Folgerung bleibt trotzdem praktisch. Die Autorengruppe leitet daraus ab, Unterstützung und Mittel gezielt zuzuweisen, hält aber methodisch belastbarere Forschung für nötig.
Praktisch
Für betroffene Familien
- Es gibt wirksame Programme, und sie sind unspektakulär. Die geprüften Bestandteile waren kognitiv, verhaltensbezogen oder aufklärend. Es braucht keine Sonderform.
- Sprich mit den Kindern über die Erkrankung. Aufklärende Bestandteile gehörten zu den geprüften Programmen. Kinder ohne Erklärung suchen die Erklärung meist bei sich.
- Der frühe Ansatzpunkt ist die Eltern-Kind-Interaktion. Programme dazu hatten Effektstärken von 0,26 bis 0,33 und blieben über zwölf Monate stabil.
- Achte auf übernommene Aufgaben. Neun von zehn Studien fanden bei jungen Pflegenden schlechtere psychische Gesundheit. Auch wenn die Belegqualität niedrig ist, ist die Richtung eindeutig.
- Rechne mit Wirkung über die Zeit. Bei Kindern und Jugendlichen nahmen die Effekte im Verlauf zu. Nach dem Programm nichts zu merken, ist kein Beleg für Wirkungslosigkeit.
Für Fachkräfte
- Frag in der Erwachsenenbehandlung nach den Kindern. Sie sind die Gruppe, für die die Prävention nachweislich funktioniert, und sie tauchen in der Behandlungsdokumentation der Eltern nicht auf.
- Der Nutzen liegt bei den Diagnosen, nicht bei den Skalenwerten. Wer den Erfolg an Fragebogenveränderungen misst, wird enttäuscht und stellt möglicherweise ein wirksames Angebot ein.
- Erfasse mitpflegende Kinder. Sie sind in der Versorgung praktisch unsichtbar und tauchen in keiner Statistik auf.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Wenn ein Kind wegen der Erkrankung eines Elternteils Schuldgefühle äußert, den Schulbesuch einschränkt, sich zurückzieht oder Aufgaben übernimmt, die es überfordern, gehört das besprochen. Anlaufstellen sind der sozialpsychiatrische Dienst, Erziehungsberatungsstellen, die Nummer gegen Kummer unter 116 111 und für Erwachsene das Elterntelefon unter 0800 111 0 550.
Passend dazu
Fazit
Kinder psychisch kranker Eltern sind eine Risikogruppe, und die Prävention für sie ist besser belegt als in fast jedem anderen Bereich. In 13 randomisierten Studien mit 1.490 Kindern senkten vorbeugende Programme die Zahl neuer psychischer Erkrankungen um 40 Prozent, mit einem kombinierten relativen Risiko von 0,60 und einem Vertrauensbereich von 0,45 bis 0,79.
Auf den Beschwerdewerten sind die Effekte klein: 0,13 für die allgemeine Belastung, 0,17 für nach innen gerichtete Beschwerden. Beides ist kein Widerspruch, sondern misst Verschiedenes. Bemerkenswert ist, dass diese Effekte bei Kindern und Jugendlichen über die Zeit zunahmen, statt zu verblassen.
Weniger klar ist die Lage bei den Kindern, die selbst mitpflegen. Neun von zehn Studien fanden einen Zusammenhang mit schlechterer psychischer Gesundheit, aber die Belegqualität war niedrig und nur drei Arbeiten waren Längsschnittstudien. Die Richtung ist eindeutig, die Ursache nicht.
Häufige Fragen
Wie häufig ist psychische Erkrankung bei Eltern?
Allein für die Wochenbettdepression ergab eine Metaanalyse über 27 Erhebungen mit 133.313 Frauen eine gepoolte Häufigkeit von 14,0 Prozent, mit Länderwerten zwischen 5,0 und 26,32 Prozent.
Lässt sich das Risiko für die Kinder senken?
Ja. In einer Metaanalyse über 13 randomisierte Studien mit 1.490 Kindern senkten vorbeugende Programme die Zahl neuer psychischer Erkrankungen um 40 Prozent, mit einem kombinierten relativen Risiko von 0,60.
Wie groß sind die Effekte auf die Beschwerden?
Deutlich kleiner. Über 50 unabhängige Stichproben lagen die Effektstärken bei 0,13 für die allgemeine Belastung und bei 0,17 für nach innen gerichtete Beschwerden.
Wirken die Programme dauerhaft?
Teilweise. Die Effekte auf das Verhalten der Mütter und der Kinder blieben über zwölf Monate stabil, bei Säuglingen nicht. Bei Kindern und Jugendlichen nahmen die Effekte über die Zeit sogar zu.
Was ist mit Kindern, die mitpflegen?
Eine systematische Übersicht über zehn Studien fand in neun davon einen Zusammenhang zwischen jungem Pflegen und schlechterer psychischer Gesundheit. Die Gesamtqualität der Belege war allerdings niedrig.
Woran setzen die wirksamen Programme an?
An mehreren Stellen: an der Interaktion zwischen Mutter und Säugling, am Verhalten der Eltern und an den Kindern selbst. Die geprüften Bestandteile waren kognitiv, verhaltensbezogen oder aufklärend.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Siegenthaler, E., Munder, T. & Egger, M. (2012): Effect of preventive interventions in mentally ill parents on the mental health of the offspring: systematic review and meta-analysis. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry. 13 randomisierte Studien mit 1.490 Kindern, Zufallseffektmodelle
- 2
Thanhäuser, M., Lemmer, G., de Girolamo, G. & Christiansen, H. (2017): Do preventive interventions for children of mentally ill parents work? Results of a systematic review and meta-analysis. Current Opinion in Psychiatry. 96 Arbeiten mit 50 unabhängigen Stichproben aus randomisierten Studien, Nachbeobachtung über zwölf Monate
- 3
Fleitas Alfonzo, L., Singh, A., Disney, G., Ervin, J. & King, T. (2022): Mental health of young informal carers: a systematic review. Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology. Zehn eingeschlossene Arbeiten zu Pflegenden bis 25 Jahre, Bewertung des Verzerrungsrisikos mit ROBINS-E
- 4
Liu, X., Wang, S. & Wang, G. (2022): Prevalence and Risk Factors of Postpartum Depression in Women: A Systematic Review and Meta-analysis. Journal of Clinical Nursing. 27 Erhebungen zur Häufigkeit aus 33 Untersuchungsgruppen mit insgesamt 133.313 Frauen