Persönliche ResilienzStress & Coping

Resilienz für pflegende Angehörige

Über pflegende Angehörige kursiert eine erschreckende Zahl: 63 Prozent höheres Sterberisiko. Sie stimmt, aber nicht für alle Pflegenden. Der Unterschied zwischen denen, für die sie gilt, und denen, für die sie nicht gilt, ist die brauchbarste Information dieses Artikels.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Erwachsene Tochter sitzt dicht neben ihrer alten Mutter auf dem Sofa, beide blicken schweigend in dieselbe Richtung
Der belastende Teil ist selten die einzelne Handreichung. Es ist die Dauer, in der keine Entscheidung mehr allein die eigene ist. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Dieser Artikel nimmt dir die Pflege nicht ab und redet sie auch nicht klein. Er sortiert, was tatsächlich mit dem Schaden zusammenhängt, damit du deine Kraft an der richtigen Stelle einsetzt.

  • Das erhöhte Sterberisiko gilt nur für Pflegende, die seelische Belastung angeben.
  • Pflegende ohne diese Belastung hatten in derselben Studie kein erhöhtes Risiko.
  • Eine größere, sorgfältig abgeglichene Studie fand sogar eine niedrigere Sterblichkeit.
  • Der Ansatzpunkt ist deshalb nicht das Pflegen, sondern das Erleben von Überforderung.
  • Ausgerechnet die Verhinderungspflege hat die dünnste Beleglage von allen.

Die bekannte Zahl

1999 erschien im Fachblatt JAMA eine Studie, die bis heute in jedem zweiten Ratgeber zitiert wird. Untersucht wurden 392 pflegende und 427 nicht pflegende Menschen zwischen 66 und 96 Jahren, die mit ihrem Ehepartner zusammenlebten, über durchschnittlich viereinhalb Jahre.

Entscheidend ist, dass die Studie nicht zwei, sondern vier Gruppen unterschied. Genau diese Unterteilung geht bei der Zitierung meistens verloren.

Vier Gruppen, ein Ergebnis. Quelle: Schulz & Beach 1999
GruppeSterberisiko gegenüber Nichtpflegenden
Partner nicht pflegebedürftigVergleichsgruppe
Partner pflegebedürftig, keine Hilfe geleistetrelatives Risiko 1,37, nicht bedeutsam
Pflege geleistet, keine Belastung angegebenrelatives Risiko 1,08, nicht bedeutsam
Pflege geleistet und seelische Belastung angegebenrelatives Risiko 1,63, also 63 Prozent höher

Der Vertrauensbereich der letzten Zeile reichte von 1,00 bis 2,65. Die untere Grenze berührt damit genau den Wert, ab dem kein Unterschied mehr besteht.

Nicht: Pflegen verkürzt das Leben. Sondern: Sich beim Pflegen überfordert zu fühlen hing mit einer höheren Sterblichkeit zusammen. Wer pflegte und sich nicht überfordert fühlte, unterschied sich nicht von den Nichtpflegenden.
Was diese Tabelle wirklich sagt

Die Gegenzahl

Seither ist die Forschungslage komplizierter geworden, und zwar in eine Richtung, die selten berichtet wird. Mehrere Untersuchungen fanden bei pflegenden Angehörigen eine niedrigere Sterblichkeit als bei vergleichbaren Nichtpflegenden.

Die sorgfältigste davon stammt aus einer großen amerikanischen Bevölkerungsstudie. 3580 pflegende Angehörige wurden jeweils einzeln mit einem Nichtpflegenden abgeglichen, und zwar über 15 Merkmale zu Demografie, Vorerkrankungen und Gesundheitsverhalten.

+63 %

Sterberisiko bei Pflege MIT Belastung (1999)

−16,5 %

Sterblichkeit bei Pflegenden insgesamt (2018)

3.580

abgeglichene Paare in der neueren Studie

28

Studien in der Metaanalyse zu Unterstützungsangeboten

Das Ergebnis über sieben Jahre: Die Pflegenden hatten eine um 16,5 Prozent niedrigere Sterblichkeit. Und zugleich berichteten dieselben Menschen deutlich mehr depressive Beschwerden und mehr empfundenen Stress als ihre Vergleichspersonen.

Wie beides zusammenpasst

Die Autoren prüften eine Erklärung, die den Widerspruch auflöst. Bei den Nichtpflegenden sagten depressive Beschwerden und empfundener Stress die Sterblichkeit deutlich voraus. Bei den Pflegenden taten sie das nicht. Belastung schlägt bei Pflegenden also offenbar weniger stark auf den Körper durch.

Vorsicht mit dem Umkehrschluss

Daraus folgt nicht, dass Pflege gesund ist. Es folgt, dass die verbreitete Gleichsetzung von Pflege und Selbstzerstörung nicht haltbar ist. Beide Studien zusammen zeigen auf dieselbe Stelle: Nicht die Tätigkeit ist der Risikofaktor, sondern das Erleben, ihr nicht gewachsen zu sein.

Belastung ist der Hebel

Wenn die Überforderung der eigentliche Faktor ist, lohnt es sich zu unterscheiden, woraus sie besteht. Sie ist selten die Summe der Handgriffe.

Was die Waage kippen lässt
BelastungEntlastung
  • Keine Planbarkeit des eigenen Tages
  • Rollenumkehr gegenüber dem Elternteil
  • Ständige Erreichbarkeit
  • Verhaltensänderungen bei Demenz
  • Verlässliche Vertretung
  • Eigene feste Termine außer Haus
  • Jemand, der ohne Bewertung zuhört

Die Punkte auf der linken Seite lassen sich selten abschaffen. Die auf der rechten lassen sich fast alle vergrößern.

Der am häufigsten genannte Belastungspunkt bei pflegenden Angehörigen ist nicht die körperliche Arbeit, sondern der Verlust der Planbarkeit. Wer nicht weiß, ob der Nachmittag ihm gehört, kann sich auch dann nicht erholen, wenn gerade nichts zu tun ist.

Was Programme leisten

Eine Metaanalyse von 2024 wertete 28 randomisierte Studien mit 4160 pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz aus acht Ländern aus. Untersucht wurden technikgestützte psychosoziale Angebote, also Schulungen, Beratung und Begleitung über Telefon, Video oder App.

Ergebnisse der Metaanalyse. Quelle: Cheng et al. 2024
ZielgrößeErgebnis
Depressivitätleichte Verringerung
Belastungserlebenwahrscheinlich leichte Verringerung
Angstwahrscheinlich leichte Verringerung
Selbstwirksamkeitleichter Anstieg
Was besser wirkteAngebote mit vorbeugendem Zuschnitt und Anwendungen auf dem Mobiltelefon zeigten größere Effekte

Die Autoren schränken ein, dass das hohe Verzerrungsrisiko der eingeschlossenen Studien die Ergebnissicherheit senkt. Die Abbruchquote erwies sich als bedeutsamer Einflussfaktor auf das Ergebnis bei Depressivität.

Das Muster ist inzwischen vertraut: mehrfach belegte, aber kleine Verbesserungen. Für die Praxis heißt das, dass ein Beratungsangebot einen Beitrag leistet und keine Wende bringt. Das ist kein Grund, es auszulassen, aber ein Grund, die Erwartung anzupassen.

Die Lücke bei der Entlastung

Jetzt zu dem Punkt, der am meisten überrascht. Was pflegende Angehörige am häufigsten fordern und was in jeder politischen Debatte als Lösung genannt wird, ist die zeitweise Entlastung: Verhinderungspflege, Tagespflege, Kurzzeitpflege. Die Beleglage dazu ist erstaunlich dünn.

Eine Cochrane-Übersicht dazu fand insgesamt vier randomisierte Studien mit 753 Teilnehmenden. Sie unterschieden sich in Maßnahme, Dauer, Zielgrößen und Vergleichsgruppe so stark, dass sich die Daten nicht zusammenfassen ließen. Die Beleggüte wurde insgesamt als sehr niedrig eingestuft. In der Neuauswertung der veröffentlichten Ergebnisse zeigten sich keine bedeutsamen Wirkungen auf irgendeine Kenngröße der Pflegenden.

Wie dieser Befund NICHT zu lesen ist

Die Autoren sagen es selbst deutlich: Das Ergebnis spiegelt möglicherweise das Fehlen hochwertiger Forschung wider und nicht ein tatsächliches Fehlen von Nutzen. Angesichts der Häufigkeit, mit der Entlastungsangebote empfohlen und bereitgestellt werden, halten sie gut gemachte Studien für dringend nötig. Nimm dir deine Tagespflege also nicht weg, weil hier eine Forschungslücke steht.

Eine Maßnahme, die millionenfach empfohlen, öffentlich finanziert und politisch verhandelt wird, ist in vier randomisierten Studien untersucht worden.
Der eigentliche Skandal

Was du praktisch machst

Aus der Befundlage folgt eine ungewöhnliche Empfehlung. Der Ansatzpunkt ist nicht, weniger zu pflegen, sondern die Punkte anzugehen, die aus Pflege Überforderung machen. Und der erste davon ist die Planbarkeit.

Die geschützte Zeit

Einrichtung eine Woche, dann dauerhaft
  1. 1

    Einen festen Block bestimmen

    Zwei Stunden in der Woche, gleicher Tag, gleiche Uhrzeit. Nicht „wenn es passt“, sondern als Termin.
  2. 2

    Die Vertretung vorher klären

    Eine namentlich benannte Person oder ein Dienst. Ohne geklärte Vertretung findet der Block nicht statt, das ist keine Willensfrage.
  3. 3

    Den Block nicht für Besorgungen nutzen

    Er ist keine verschobene Arbeitszeit. Wer ihn für Behördengänge verwendet, hat ihn abgeschafft.
  4. 4

    Nach vier Wochen prüfen

    Nicht ob es dir besser geht, sondern ob der Block stattgefunden hat. Das ist die Kenngröße, die du steuern kannst.

Vier Sätze, die im Alltag helfen

  • „Ich brauche eine Antwort bis Freitag.“ Gegenüber Geschwistern, die Hilfe zusagen und nichts tun. Unbestimmte Zusagen sind schlimmer als klare Absagen.
  • „Kannst du donnerstags von 15 bis 17 Uhr?“ Konkrete Bitten werden deutlich häufiger erfüllt als allgemeine.
  • „Das kann ich nicht mehr leisten.“ Gegenüber der pflegebedürftigen Person, wenn eine Grenze erreicht ist. Sie zu benennen ist Teil der Pflege, nicht ihr Gegenteil.
  • „Ich möchte über die Pflegegrad-Einstufung sprechen.“ Der einzige Satz in dieser Liste, der Geld und Stunden bringt. Eine Höherstufung verschiebt tatsächliche Entlastung, ein Ratschlag nicht.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Wenn du dauerhaft erschöpft bist, nachts nicht mehr abschaltest oder dir Gedanken kommen, der pflegebedürftigen Person oder dir selbst zu schaden, ist das der Punkt für ärztliche Hilfe und nicht für mehr Durchhaltevermögen. Die Telefonseelsorge ist kostenfrei und anonym unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar, rund um die Uhr. Das bundesweite Pflegetelefon unter 030 20 179 131 berät zu Entlastungsangeboten und Leistungen.

Passend dazu

Fazit

Die berühmte Zahl vom erhöhten Sterberisiko ist richtig zitiert und falsch verstanden. Sie galt für pflegende Ehepartner, die seelische Belastung angaben. Wer pflegte und diese Belastung nicht angab, unterschied sich statistisch nicht von den Nichtpflegenden.

Eine neuere, methodisch aufwendigere Untersuchung findet bei Pflegenden sogar eine niedrigere Sterblichkeit, obwohl dieselben Menschen mehr Stress und mehr depressive Beschwerden berichten. Beide Befunde zeigen auf denselben Punkt: Der Risikofaktor ist die Überforderung, nicht die Aufgabe.

Daraus folgt eine klare Prioritätenliste. Nicht weniger pflegen, sondern Planbarkeit zurückholen, Vertretung verbindlich regeln und Bitten konkret formulieren. Und beim Entlastungsangebot ruhig hartnäckig bleiben, denn dass die Forschung dazu fehlt, heißt nicht, dass die Entlastung fehlt.

Häufige Fragen

Stimmt es, dass Pflegen das Sterberisiko erhöht?

Nur mit einer entscheidenden Einschränkung. In der bekanntesten Studie dazu von 1999 hatten pflegende Ehepartner, die dabei seelische Belastung angaben, ein um 63 Prozent erhöhtes Sterberisiko. Pflegende ohne diese Belastung hatten kein erhöhtes Risiko. Es ist also nicht das Pflegen, sondern die Überforderung dabei.

Wie belastbar ist diese Zahl?

Sie steht knapp. Der Vertrauensbereich reichte von 1,00 bis 2,65, berührt also gerade eben die Grenze zur Bedeutungslosigkeit. Die Studie umfasste 392 Pflegende und 427 Nichtpflegende im Alter von 66 bis 96 Jahren über durchschnittlich viereinhalb Jahre.

Es gibt Studien, die das Gegenteil finden. Wie passt das zusammen?

Eine Untersuchung mit 3580 Pflegenden, die jeweils einzeln mit vergleichbaren Nichtpflegenden abgeglichen wurden, fand über sieben Jahre eine um 16,5 Prozent niedrigere Sterblichkeit bei den Pflegenden. Dieselben Menschen berichteten dabei mehr depressive Beschwerden und mehr Stress. Beides ist also gleichzeitig wahr.

Wie kann jemand belasteter sein und trotzdem länger leben?

Die Autoren dieser Studie prüften eine Erklärung: Belastung wirkt bei Pflegenden anders. Bei den Nichtpflegenden sagten depressive Beschwerden und empfundener Stress die Sterblichkeit deutlich voraus, bei den Pflegenden nicht. Helfendes Handeln scheint den Zusammenhang zwischen Stress und körperlichem Schaden abzupuffern.

Was bringen Unterstützungsangebote?

Eine Metaanalyse über 28 Studien mit 4160 pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz fand für technikgestützte psychosoziale Angebote eine leichte Verringerung von Depressivität sowie wahrscheinlich eine leichte Verringerung von Belastung und Angst. Das Verzerrungsrisiko der Studien war hoch.

Und die klassische Verhinderungspflege?

Hier klafft die größte Lücke. Eine Cochrane-Übersicht fand dazu nur vier Studien mit 753 Teilnehmenden, die sich so stark unterschieden, dass keine Zusammenfassung möglich war. Es zeigten sich keine bedeutsamen Wirkungen auf irgendeine Kenngröße der Pflegenden, bei sehr niedriger Beleggüte.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Schulz, R. & Beach, S. R. (1999): Caregiving as a risk factor for mortality: the Caregiver Health Effects Study. JAMA. Bevölkerungsbezogene Kohortenstudie, 392 Pflegende und 427 Nichtpflegende, durchschnittlich 4,5 Jahre Nachbeobachtung

  2. 2

    Roth, D. L. et al. (2018): Reduced mortality rates among caregivers: Does family caregiving provide a stress-buffering effect?. Psychology and Aging. 3580 Pflegende, einzeln nach 15 Merkmalen mit Nichtpflegenden abgeglichen, 7 Jahre Überlebenszeit

  3. 3

    Cheng, J. Y. et al. (2024): Effectiveness of Technology-Delivered Psychosocial Interventions for Family Caregivers of Patients With Dementia: A Systematic Review, Meta-Analysis and Meta-Regression. International Journal of Mental Health Nursing. 28 Studien, 4160 pflegende Angehörige aus acht Ländern

  4. 4

    Maayan, N. et al. (2014): Respite care for people with dementia and their carers. Cochrane Database of Systematic Reviews. 4 randomisierte Studien, 753 Teilnehmende, Beleggüte insgesamt sehr niedrig