Persönliche ResilienzStress & Coping

Resilienz in der Pflege

Wenn in einer Klinik über Belastung gesprochen wird, endet das Gespräch oft bei einem Resilienzkurs. Die Forschung dazu ist dünn und die Effekte sind klein. Der belastbarste Befund dieses ganzen Feldes steht in einer Studie, in der es um Resilienz gar nicht geht.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Pflegekraft steht am Ende einer Nachtschicht in einem leeren Krankenhausflur und lehnt sich kurz an die Wand
Die Erschöpfung entsteht selten in einer einzelnen Schicht. Sie entsteht darin, dass jede Schicht so verläuft. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Dieser Artikel richtet sich an Menschen, die in der Pflege arbeiten, und an die, die über Angebote für sie entscheiden. Er nimmt das Resilienztraining ernst und zeigt zugleich, wogegen es antritt.

  • Die zusammengefasste Häufigkeit von Burnout-Symptomen bei Pflegekräften lag bei 11,23 Prozent.
  • Resilienztraining zeigt kleine bis mittlere Effekte, alle bei sehr niedriger Ergebnissicherheit.
  • Auf Angst und Wohlbefinden wirkte es kaum oder gar nicht.
  • Organisationale Maßnahmen sind kaum untersucht, nicht etwa widerlegt.
  • Ein Patient mehr pro Pflegekraft erhöhte die 30-Tage-Sterblichkeit um 7 Prozent.

Wie verbreitet ist Burnout?

Die Weltgesundheitsorganisation hat Burnout in der elften Ausgabe ihrer Krankheitsklassifikation als berufsbezogenes Phänomen aufgenommen. Wie häufig es in der Pflege tatsächlich ist, hat eine Metaanalyse von 2020 zusammengetragen.

11,23 %

zusammengefasste Häufigkeit von Burnout-Symptomen

45.539

Pflegekräfte aus 49 Ländern

44

randomisierte Studien zu Resilienztraining

422.730

Patienten in der europäischen Personalstudie

Warum diese Zahl niedriger ist als erwartet

In der öffentlichen Diskussion kursieren Zahlen von 40 oder 50 Prozent. Die Metaanalyse findet erhebliche Unterschiede je nachdem, welches Messinstrument verwendet wurde, in welcher Weltregion gemessen wurde und in welchem Fachbereich. Wer eine Häufigkeit nennt, sollte deshalb immer dazusagen, wie gemessen wurde. Am höchsten lag sie in Subsahara-Afrika, am niedrigsten in Europa und Zentralasien.

Auch zwischen den Fachbereichen gab es Unterschiede: Am höchsten waren die Werte in der Kinderkrankenpflege, am niedrigsten in der geriatrischen Pflege. Das widerspricht der verbreiteten Annahme, die Altenpflege sei automatisch der belastendste Bereich, und ist ein guter Anlass, die eigenen Vorannahmen zu prüfen.

Was Resilienztraining bewirkt

2020 erschien die Cochrane-Übersicht zu psychologischen Maßnahmen zur Förderung von Resilienz bei Gesundheitsberufen. Eingeschlossen wurden 44 randomisierte Studien, davon 36 aus einkommensstarken Ländern. 39 Studien betrafen ausschließlich Gesundheitsberufe mit insgesamt 6892 Teilnehmenden.

Effektstärken direkt nach dem Training

Stress und Stresserleben

0,61

17 Studien, 997 Personen; mittlerer Effekt

Resilienz

0,45

12 Studien, 690 Personen; mittlerer Effekt

Depressivität

0,29

14 Studien, 788 Personen; kleiner Effekt

Wohlbefinden

0,14

13 Studien, 1494 Personen; kaum oder kein Effekt

Angst

0,06

5 Studien, 231 Personen; kaum oder kein Effekt

MerkmalWert in
Stress und Stresserleben0.61
Resilienz0.45
Depressivität0.29
Wohlbefinden0.14
Angst0.06

Standardisierte Mittelwertdifferenzen, Beträge. Alle Befunde mit sehr niedriger Ergebnissicherheit. Quelle: Kunzler et al. 2020.

Das Muster ist bemerkenswert. Am stärksten verändert sich das, was am direktesten abgefragt wird: das Stresserleben und die Resilienz selbst. Beim Wohlbefinden und bei der Angst kommt nichts Belastbares an.

Sämtliche Ergebnisse dieser Übersicht wurden mit sehr niedriger Ergebnissicherheit bewertet. Bei den meisten Studien war das Verzerrungsrisiko hoch oder unklar, und Daten zu mittel- oder langfristigen Wirkungen fehlten weitgehend.
Die Einschränkung, die alles betrifft

Positiv festzuhalten ist: In den drei Studien, die unerwünschte Wirkungen erfassten, wurden keine berichtet. Resilienztraining ist also risikoarm. Es ist nur eben auch wirkungsarm, jedenfalls nach dem, was sich belastbar sagen lässt.

Individuell oder organisational?

Auf die schwache Beleglage folgt üblicherweise der Einwand, man müsse eben an der Organisation ansetzen statt am einzelnen Menschen. Das klingt richtig, ist aber schlechter belegt, als die Selbstverständlichkeit der Aussage vermuten lässt.

Eine Metaanalyse von 2024 hat für Assistenzärztinnen und -ärzte genau diese Trennung untersucht: 33 Studien mit insgesamt 2536 Teilnehmenden.

Individuelle und organisationale Maßnahmen im Vergleich. Quelle: Kiratipaisarl et al. 2024
MaßnahmenartAnzahl StudienErgebnis
Individuell (Coaching, Meditation und Ähnliches)25 von 33emotionale Erschöpfung d = −0,25, Depersonalisation d = −0,17, beide statistisch bedeutsam
Organisational8 von 33kein bedeutsamer Zusammenhang mit irgendeiner Kenngröße

Die Autoren bewerten die praktische Bedeutsamkeit insgesamt als von nicht vorhanden bis gering. Uneinheitliche Daten und ein hohes Verzerrungsrisiko schränken die Gültigkeit der zusammengefassten Ergebnisse ein.

Der häufigste Fehlschluss an dieser Stelle

Aus diesem Ergebnis folgt nicht, dass organisationale Maßnahmen nicht wirken. Es lagen acht Studien vor. Bei acht Studien mit hohem Verzerrungsrisiko lässt sich ein Effekt kaum nachweisen, selbst wenn er da ist. Der Befund sagt vor allem: Dieses Feld ist überwiegend am Einzelnen geforscht worden, nicht an den Bedingungen.

Der Befund aus dem Dienstplan

Der methodisch stärkste Befund dieses ganzen Themenfelds stammt aus einer Untersuchung, in der das Wort Resilienz nicht vorkommt. Für die europäische RN4CAST-Studie wurden die Entlassdaten von 422.730 Patientinnen und Patienten ab 50 Jahren aus 300 Krankenhäusern in neun Ländern ausgewertet, die sich häufigen chirurgischen Eingriffen unterzogen hatten. Ergänzend wurden 26.516 Pflegekräfte dieser Häuser befragt.

Zusammenhang von Personalausstattung und Sterblichkeit. Quelle: Aiken et al. 2014
VeränderungWirkung auf die Sterbewahrscheinlichkeit innerhalb von 30 Tagen
Ein Patient mehr pro Pflegekraft7 Prozent höher (Chancenverhältnis 1,068)
10 Prozentpunkte mehr Pflegekräfte mit Hochschulabschluss7 Prozent niedriger (Chancenverhältnis 0,929)
ZusammengenommenPatienten in Häusern mit 60 Prozent Hochschulabschluss und 6 Patienten pro Pflegekraft hätten eine fast 30 Prozent niedrigere Sterblichkeit als Patienten in Häusern mit 30 Prozent und 8 Patienten

Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Sie belegt einen Zusammenhang, keine Ursache. Gerechnet wurde mit Anpassung für Alter, Geschlecht, Aufnahmeart, 43 Eingriffsarten und 17 Begleiterkrankungen.

Er misst nicht das Befinden der Pflegekräfte, sondern das Überleben der Patienten. Genau deshalb ist er in der Debatte um Belastung in der Pflege das stärkste vorliegende Argument.
Warum dieser Befund hierhergehört

Was daraus folgt

Drei Befunde stehen nebeneinander, und ihre Beleggüte ist sehr unterschiedlich. Das ist die eigentliche Botschaft dieses Artikels.

  • Resilienztraining: mehrfach untersucht, kleine bis mittlere Effekte, durchgehend sehr niedrige Ergebnissicherheit, keine bekannten Nebenwirkungen. Brauchbar als persönliche Ausstattung.
  • Organisationale Maßnahmen: kaum untersucht. Acht Studien in der vorliegenden Metaanalyse. Das ist eine Forschungslücke, kein Wirksamkeitsnachweis in die eine oder andere Richtung.
  • Personalschlüssel und Qualifikation: die mit Abstand größte Datengrundlage, ein Zusammenhang mit der Sterblichkeit von Patienten, und keine einzige Maßnahme, die eine einzelne Pflegekraft davon umsetzen könnte.

Der Satz, der in Fortbildungen fehlt

Wenn eine Einrichtung auf Personalmangel mit einem Resilienzkurs antwortet, verschiebt sie ein Problem mit sehr guter Datenlage auf ein Werkzeug mit sehr schlechter. Das ist kein Argument gegen den Kurs. Es ist ein Argument dagegen, ihn als Antwort gelten zu lassen.

Was du im Dienst tun kannst

Trotz allem bleibt die Frage, was zwischen Dienstbeginn und Dienstende hilft. Die folgenden Punkte richten sich nach dem, was in den untersuchten Programmen tatsächlich drinsteckte, und nicht nach dem, was gut klingt.

Der Schichtabschluss

5 Minuten, am Ende jeder Schicht
  1. 1

    Übergabe abschließen

    Nicht gedanklich, sondern körperlich: Kittel aus, Hände waschen, Tür hinter dir zu. Der Übergang braucht ein Zeichen.
  2. 2

    Eine Sache benennen, die gelungen ist

    Konkret und klein. Nicht als Selbstlob, sondern als Gegengewicht zu einem Gedächtnis, das nur die Fehler behält.
  3. 3

    Eine Sache benennen, die nicht in deiner Hand lag

    Personalausfall, fehlendes Material, eine Entscheidung von oben. Diese Trennung ist die eigentliche Schutzarbeit.
  4. 4

    Nichts mitnehmen, was aufgeschrieben werden kann

    Was für morgen wichtig ist, gehört in die Übergabe oder auf einen Zettel, nicht in den Feierabend.

Und was auf Stationsebene wirkt

  • Belastungsanzeigen schriftlich. Eine mündlich geäußerte Überlastung existiert im Nachhinein nicht. Eine dokumentierte schon.
  • Nachbesprechung nach schweren Ereignissen. Kurz, im Team, im Dienst. Nicht als Angebot in der Freizeit, das faktisch niemand annimmt.
  • Pausenzeiten als Dienstzeit behandeln. Die Pause, die man sich nehmen darf, wenn gerade Zeit ist, findet nicht statt.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Anhaltende Erschöpfung, Zynismus gegenüber Patienten und das Gefühl, nichts mehr zu bewirken, sind die drei Kennzeichen, mit denen Burnout gemessen wird. Wenn sie über Wochen bestehen, gehört das in eine betriebsärztliche oder hausärztliche Sprechstunde. Burnout ist keine Diagnose, hinter der sich aber behandelbare Erkrankungen verbergen können, allen voran eine Depression.

Passend dazu

Fazit

Resilienztraining für Gesundheitsberufe ist gut untersucht und schlecht belegt. 44 randomisierte Studien liefern kleine bis mittlere Effekte auf Stresserleben, Resilienz und Depressivität, kaum etwas bei Angst und Wohlbefinden, und alles davon mit sehr niedriger Ergebnissicherheit.

Organisationale Maßnahmen gelten als die bessere Antwort, sind aber kaum untersucht. In der einen vorliegenden Vergleichsanalyse standen acht organisationale Studien 25 individuellen gegenüber.

Der belastbarste Befund des Feldes betrifft dagegen weder Training noch Programme, sondern den Personalschlüssel: Ein Patient mehr pro Pflegekraft ging mit einer um 7 Prozent höheren Sterbewahrscheinlichkeit der Patienten einher. Wer über Belastung in der Pflege spricht und dabei nur über Resilienz spricht, redet über das am schwächsten belegte Ende des Problems.

Häufige Fragen

Wie viele Pflegekräfte sind ausgebrannt?

Weniger, als die Schlagzeilen nahelegen, aber die Zahl hängt stark vom Messverfahren ab. Eine Metaanalyse über 61 Studien mit 45.539 Pflegekräften aus 49 Ländern kam auf eine zusammengefasste Häufigkeit von Burnout-Symptomen von 11,23 Prozent. Zwischen Weltregionen, Fachbereichen und verwendeten Messinstrumenten fanden sich bedeutsame Unterschiede.

Wirkt Resilienztraining bei Pflegekräften?

Ein wenig, aber die Beleglage ist durchweg sehr unsicher. Eine Cochrane-Übersicht über 44 randomisierte Studien fand nach dem Training höhere Resilienzwerte, weniger depressive Symptome und weniger Stress. Bei Angst und beim Wohlbefinden zeigte sich kaum oder kein Effekt. Alle Befunde wurden mit sehr niedriger Ergebnissicherheit bewertet.

Sind organisationale Maßnahmen besser als individuelle?

Das wird oft behauptet, ist aber schlechter belegt als gedacht. In einer Metaanalyse über 33 Studien mit 2536 Assistenzärztinnen und -ärzten zeigten individuelle Maßnahmen kleine Effekte auf emotionale Erschöpfung und Depersonalisation, organisationale Maßnahmen dagegen keinen bedeutsamen Zusammenhang. Allerdings waren nur 8 der 33 Studien organisational.

Was ist der stärkste Befund in diesem Feld?

Er kommt aus einer Studie ohne jeden Bezug zu Resilienz. In neun europäischen Ländern wurden 422.730 chirurgische Patienten in 300 Krankenhäusern ausgewertet. Ein zusätzlicher Patient pro Pflegekraft erhöhte die Wahrscheinlichkeit, innerhalb von 30 Tagen zu sterben, um 7 Prozent.

Spielt die Ausbildung eine Rolle?

Ja, in derselben Studie. Jede Steigerung des Anteils an Pflegekräften mit Hochschulabschluss um 10 Prozentpunkte war mit einer um 7 Prozent geringeren Sterbewahrscheinlichkeit verbunden.

Heißt das, Resilienztraining ist sinnlos?

Nein. Es heißt, dass es ein schwaches Mittel gegen ein starkes Problem ist. Wer es nutzt, sollte es als persönliche Ausstattung verstehen und nicht als Antwort der Einrichtung auf eine strukturelle Frage.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Woo, T. et al. (2020): Global prevalence of burnout symptoms among nurses: A systematic review and meta-analysis. Journal of Psychiatric Research. 113 Studien in der Übersicht, 61 in der Metaanalyse, 45.539 Pflegekräfte aus 49 Ländern

  2. 2

    Kunzler, A. M. et al. (2020): Psychological interventions to foster resilience in healthcare professionals. Cochrane Database of Systematic Reviews. 44 randomisierte Studien, GRADE-Bewertung aller Zielgrößen

  3. 3

    Kiratipaisarl, W. et al. (2024): Individual and organizational interventions to reduce burnout in resident physicians: a systematic review and meta-analysis. BMC Medical Education. 33 Studien mit 2536 Teilnehmenden, getrennte Auswertung individueller und organisationaler Maßnahmen

  4. 4

    Aiken, L. H. et al. (2014): Nurse staffing and education and hospital mortality in nine European countries: a retrospective observational study. The Lancet. 422.730 Patienten in 300 Krankenhäusern, Befragung von 26.516 Pflegekräften