Grundlagen & WissenWas ist Resilienz?

Kollektive Resilienz

Die verbreitete Vorstellung von Katastrophen ist die Panik: eine kopflose Menge, jeder gegen jeden. Videoauswertungen realer Vorfälle zeichnen ein anderes Bild. Und aus der Katastrophenforschung gibt es ein Modell, das erklärt, worauf es in Gemeinschaften tatsächlich ankommt.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Mehrere Nachbarn verschiedenen Alters tragen gemeinsam Kisten mit Sandsäcken durch eine knietief überflutete Wohnstraße
Der häufigste Befund aus der Katastrophenforschung: Menschen helfen einander, bevor die Rettungskräfte eintreffen. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Dieser Artikel handelt von der Ebene oberhalb des Einzelnen. Sie ist besser untersucht, als man vermuten würde, und sie widerspricht der verbreiteten Vorstellung von Katastrophen an einer entscheidenden Stelle.

  • Die Annahme kopfloser Panik in Katastrophen ist empirisch nicht gedeckt.
  • In einer Videoauswertung eines realen Angriffs griffen Umstehende in jeder Phase koordiniert ein.
  • Das Modell der Gemeinschaftsresilienz nennt vier Kapazitäten, keine davon allein ausreichend.
  • Sozialkapital gilt als zentraler Mechanismus für Schadensbegrenzung und Erholung.
  • Eine der Kernempfehlungen lautet, für den Fall zu planen, dass der Plan nicht greift.

Die Panikannahme

Die klassische Annahme über Menschenmengen in bedrohlichen Lagen lautet, dass Verhalten gleichförmig, eigennützig und krankhaft wird. Aus dieser Annahme folgen praktische Entscheidungen: Informationen werden zurückgehalten, um keine Panik auszulösen, Rettungsplanung geht von unkontrollierbaren Massen aus, und die Anwesenden gelten als Problem statt als Ressource.

Menschen fliehen in Gefahr, das stimmt. Sie tun dabei aber die ganze Zeit etwas, das die Panikannahme nicht vorsieht: Sie kümmern sich um andere.
Die Gegenbeobachtung

Was tatsächlich passiert

27

ausgewertete Überwachungskameras

Au-Yeung et al. 2024

8

unterschiedene Kategorien spontanen Handelns

4

Anpassungskapazitäten im Modell der Gemeinschaftsresilienz

Norris et al. 2008

2015

Jahr des ausgewerteten Vorfalls

Eine Untersuchung hat einen realen Vorfall so genau ausgewertet, wie es sonst kaum möglich ist: einen Messerangriff in einer Londoner U-Bahn-Station im Jahr 2015. Die Grundlage bildeten Aufnahmen von 27 Überwachungskameras, ergänzt um Beiträge in sozialen Netzwerken, Nachrichtenmaterial, Funkprotokolle und Einsatzberichte. Das Verhalten wurde örtlich und zeitlich kartiert.

Das Ergebnis widerspricht der Panikannahme. Zwar kam es zu raschen Fluchtbewegungen, als die Bedrohung zunahm. In jeder Phase des Vorfalls griffen aber Anwesende spontan ein, mit koordinierten, zielgerichteten und auf andere bezogenen Handlungen. Die Autoren unterscheiden acht sich ergänzende Kategorien solcher Handlungen, die in der kurzen Zeit vor dem Eintreffen der Polizei der Sicherheit der Gruppe dienten.

Warum das praktisch wichtig ist

Wenn Anwesende in den ersten Minuten koordiniert handeln, sind sie in genau dem Zeitraum die wichtigste Ressource, in dem professionelle Hilfe noch nicht da ist. Planung, die sie als unkontrollierbare Masse behandelt, verschenkt diese Ressource und behindert sie im schlimmsten Fall.

Die vier Kapazitäten

Die einflussreichste Theorie zur Widerstandsfähigkeit von Gemeinschaften beschreibt sie nicht als Eigenschaft, sondern als Prozess, der ein Netz von Anpassungskapazitäten mit der tatsächlichen Anpassung nach einer Störung verbindet.

Die vier Anpassungskapazitäten
1

Wirtschaftliche Entwicklung

Vorhandene Mittel, Vielfalt der Wirtschaftszweige, Verteilung der Ressourcen.

2

Sozialkapital

Beziehungen, Vertrauen, Netzwerke, Zugehörigkeit, gegenseitige Unterstützung.

3

Information und Kommunikation

Verlässliche Quellen, gemeinsame Deutungen, funktionierende Wege der Verständigung.

4

Gemeinschaftskompetenz

Fähigkeit zu gemeinsamem Handeln, Beteiligung, Entscheidungsfähigkeit vor Ort.

Wohlergehen der Bevölkerung

Der Sockel ist im Modell ausdrücklich als hohes und gleichmäßig verteiltes Niveau von seelischer Gesundheit, Funktionsfähigkeit und Lebensqualität definiert. Gleichmäßig verteilt ist dabei nicht schmückendes Beiwerk, sondern Teil der Definition.

Aus diesem Modell leiten die Autoren fünf Empfehlungen ab, und sie sind konkreter, als es bei Theorien dieser Art üblich ist.

Die fünf Empfehlungen zum Aufbau kollektiver Resilienz. Quelle: Norris et al. 2008
EmpfehlungWas gemeint ist
Risiko und Ressourcenungleichheit verringernNicht nur die Gefahr senken, sondern auch die ungleiche Verteilung der Mittel, mit denen ihr begegnet wird
Menschen vor Ort einbeziehenVorsorge nicht über die Köpfe hinweg planen, sondern mit denen, die betroffen wären
Organisatorische Verbindungen schaffenStellen und Einrichtungen müssen einander vorher kennen, nicht erst im Ernstfall
Soziale Unterstützung stärken und schützenBestehende Netze sind im Ereignisfall die schnellste verfügbare Hilfe
Für den Fall planen, dass der Plan nicht greiftBeweglichkeit, Entscheidungsfähigkeit und vertrauenswürdige Informationsquellen bei Unklarheit

Die fünfte Empfehlung ist die ungewöhnlichste

Sie verlangt ausdrücklich, sich nicht auf den ausgearbeiteten Plan zu verlassen. Katastrophen halten sich selten an Annahmen, und ein Plan, der nur den erwarteten Fall abdeckt, kann im unerwarteten schaden, indem er Handeln blockiert. Was hilft, sind Entscheidungsfähigkeit vor Ort und Quellen, denen auch unter Unsicherheit vertraut wird.

Der zentrale Mechanismus

Eine Übersicht über die neuere Forschungslage benennt drei Entwicklungen: Fortschritte in der Messung, Programme zur Stärkung von Anpassungskapazitäten, und vor allem einen Befund, der sich durchgehend bestätigt.

Sozialkapital bleibt der zentrale Mechanismus, über den Gemeinschaftsresilienz die Auswirkungen von Katastrophen verringert und die Erholung verbessert.
Aus der Forschungsübersicht

Damit ist nicht die spontane Hilfsbereitschaft im Ereignisfall gemeint, sondern das, was davor da war: Nachbarschaften, in denen man sich kennt, Vereine, Gemeinden, informelle Netze. Diese Verbindungen entscheiden mit darüber, wer wen sucht, wer bei wem unterkommt, wer erfährt, wo es Wasser gibt.

Was das für die Vorsorge bedeutet

Es verschiebt den Schwerpunkt. Katastrophenvorsorge wird üblicherweise als technische und logistische Aufgabe behandelt: Vorräte, Warnsysteme, Einsatzpläne. Der Befund zum Sozialkapital legt nahe, dass ein gut vernetzter Stadtteil ohne Sirene besser durchkommen kann als ein anonymer mit.

Grenzen des Begriffs

  • Die Messung ist unfertig. Die Übersicht von 2019 hält ausdrücklich fest, dass an der Klärung des Begriffs und an der Operationalisierung der Mechanismen noch Arbeit zu leisten bleibt.
  • Der Begriff kann Verantwortung verschieben. Wenn eine Gemeinde als resilient gilt, lässt sich damit begründen, ihr weniger Mittel zuzuweisen. Das Modell selbst spricht dagegen: Es nennt die Verringerung von Ressourcenungleichheit als erste Empfehlung.
  • Gleichmäßige Verteilung gehört zur Definition. Wohlergehen der Bevölkerung meint im Modell ausdrücklich hohe und nicht ungleich verteilte Niveaus. Eine Gemeinde, in der es der Hälfte gut geht, ist danach nicht resilient.
  • Ein einzelner Vorfall ist keine Regel. Die Videoauswertung betrifft einen Vorfall in einer bestimmten Umgebung. Sie widerlegt die Panikannahme als Allgemeinaussage, sie belegt nicht, dass Menschenmengen immer so handeln.

Was daraus folgt

  • Früh und vollständig informieren. Die Sorge, Informationen könnten Panik auslösen, ist nach der Befundlage unbegründet und verhindert sinnvolles Handeln.
  • Anwesende als Helfende einplanen. In den ersten Minuten sind sie die einzige verfügbare Hilfe, und sie handeln koordinierter, als die Planung meist annimmt.
  • Nachbarschaft ist Vorsorge. Wer im Haus wen kennt, ist im Ernstfall eine praktische Größe und keine Sozialromantik.
  • Verbindungen vor dem Ereignis knüpfen. Organisationen, die einander erst im Ernstfall kennenlernen, verlieren die entscheidenden Stunden.
  • Ungleichheit ist ein Risikofaktor. Sie steht im Modell an erster Stelle der Empfehlungen, noch vor Beteiligung und Vernetzung.

Passend dazu

Fazit

Der wichtigste Befund dieses Feldes ist ein negativer: Die Panikannahme stimmt nicht. Wo reales Verhalten in einer Bedrohungslage genau ausgewertet wurde, zeigte sich in jeder Phase koordiniertes, auf andere bezogenes Handeln.

Der wichtigste positive Befund ist ebenso schlicht: Sozialkapital ist der zentrale Mechanismus. Nicht die Vorräte im Keller entscheiden über die Erholung einer Gemeinde, sondern die Verbindungen, die vorher da waren.

Und die eigenwilligste Empfehlung der maßgeblichen Theorie lautet, für den Fall zu planen, dass der Plan nicht greift. Das ist kein Widerspruch, sondern die Übertragung dessen, was Resilienz auch beim Einzelnen ausmacht: nicht die perfekte Vorbereitung, sondern die Fähigkeit, ohne sie zurechtzukommen.

Häufige Fragen

Bricht in Katastrophen Panik aus?

In aller Regel nicht. Eine Auswertung von 27 Überwachungskameras zu einem Messerangriff in der Londoner U-Bahn zeigte, dass sich Menschen zwar rasch entfernten, zugleich aber in jeder Phase spontan eingriffen, koordiniert und auf andere bezogen. Die Autoren beschreiben acht sich ergänzende Handlungskategorien, die der Sicherheit der Gruppe dienten, bevor die Polizei eintraf.

Was ist kollektive Resilienz?

Ein Modell aus der Katastrophenforschung beschreibt sie als Prozess, der ein Netz von Anpassungskapazitäten mit der Anpassung nach einer Störung verbindet. Das Ergebnis wird als Wohlergehen der Bevölkerung gefasst, also als hohes und gleichmäßig verteiltes Niveau von seelischer Gesundheit, Funktionsfähigkeit und Lebensqualität.

Welche vier Kapazitäten sind gemeint?

Wirtschaftliche Entwicklung, Sozialkapital, Information und Kommunikation sowie Gemeinschaftskompetenz. Zusammen bilden sie nach diesem Modell die Grundlage der Katastrophenvorsorge. Keine davon ist allein ausreichend.

Was ist der wichtigste Einzelfaktor?

Sozialkapital. Eine Übersicht zur Forschungslage hält fest, dass es weiterhin der zentrale Mechanismus ist, über den Gemeinschaftsresilienz die Auswirkungen von Katastrophen verringert und die Erholung verbessert. Gemeint sind bestehende Beziehungen, Vertrauen und Netzwerke, nicht spontane Hilfsbereitschaft im Ereignisfall.

Warum ist die Panikannahme gefährlich?

Weil sie zu falschen Entscheidungen führt. Wer Panik erwartet, hält Informationen zurück, um sie zu vermeiden, und beraubt Menschen damit der Grundlage für sinnvolles Handeln. Wer dagegen von hilfsbereiten und handlungsfähigen Menschen ausgeht, informiert früh und vollständig und nutzt die vorhandene Selbsthilfefähigkeit.

Was heißt Planen für den Fall, dass der Plan nicht greift?

Eine der ausdrücklichen Empfehlungen des Modells. Weil sich Katastrophen selten an Annahmen halten, braucht es Beweglichkeit, Entscheidungsfähigkeit vor Ort und Informationsquellen, denen auch dann vertraut wird, wenn Unklarheit herrscht. Ein detaillierter Plan für den erwarteten Fall ersetzt das nicht.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Norris, F. H. et al. (2008): Community resilience as a metaphor, theory, set of capacities, and strategy for disaster readiness. American Journal of Community Psychology. Die maßgebliche Theorie der Gemeinschaftsresilienz mit den vier Anpassungskapazitäten

  2. 2

    Au-Yeung, T., Philpot, R. & Stott, C. (2024): Spontaneous public response to a marauding knife attack on the London underground: Sociality, coordination and a repertoire of actions evidenced by CCTV footage. British Journal of Social Psychology. Auswertung von 27 Überwachungskameras eines realen Angriffs von 2015

  3. 3

    Mayer, B. (2019): A Review of the Literature on Community Resilience and Disaster Recovery. Current Environmental Health Reports. Übersicht über Messung, Mechanismen und Programme der Gemeinschaftsresilienz