
Auf einen Blick
Wer einsam ist und mehr unter Menschen geht, ändert oft wenig. Das ist kein persönliches Versagen, sondern die logische Folge davon, was Einsamkeit ist. Dieser Artikel zeigt, wo der Hebel stattdessen liegt.
- Einsamkeit ist ein wahrgenommener Mangel, nicht eine gezählte Menge.
- Sie sagte spätere depressive Beschwerden voraus, umgekehrt galt das nicht.
- Empfundene und tatsächliche Isolation unterschieden sich im Sterberisiko nicht.
- Über die Lebensspanne ist Einsamkeit so stabil wie ein Persönlichkeitsmerkmal.
- Die wirksamsten Angebote setzten an Denkmustern an, nicht an Gelegenheiten.
Der Unterschied
In der Forschung werden drei Dinge getrennt gemessen, die im Alltag durcheinandergehen: wie viele Beziehungen jemand hat, ob jemand allein wohnt, und wie sehr jemand seine Beziehungen als unzureichend empfindet. Nur das Letzte ist Einsamkeit.
Soziale Isolation
- Ein zählbarer Zustand
- Kontakte, Rollen, Netzwerkgröße
- Von außen feststellbar
- Kann ohne Leidensdruck bestehen
Einsamkeit
- Ein Empfinden
- Der Abstand zwischen Wunsch und Wirklichkeit
- Nur durch Befragung zugänglich
- Besteht auch inmitten von Menschen
Wenn Einsamkeit ein Abstand ist, lässt sie sich auf zwei Wegen verkleinern: indem mehr Verbundenheit entsteht oder indem sich verändert, was als Mangel erlebt wird. Die Ratschläge kennen fast nur den ersten Weg. Die Wirksamkeitsdaten sprechen für den zweiten.
Die Richtung des Zusammenhangs
Dass Einsamkeit und Niedergeschlagenheit zusammenhängen, ist unstrittig. Interessanter ist die Frage, was zuerst kommt. Eine Untersuchung aus Chicago hat sie 2010 sauber geprüft.
229 Menschen zwischen 50 und 68 Jahren wurden über fünf Jahre begleitet. Ausgewertet wurde mit einem Verfahren, das beide Richtungen gleichzeitig prüft: Sagt Einsamkeit spätere depressive Beschwerden vorher, oder sagen depressive Beschwerden spätere Einsamkeit vorher?
| Geprüfte Richtung | Befund |
|---|---|
| Einsamkeit sagt spätere Niedergeschlagenheit vorher | Ja |
| Niedergeschlagenheit sagt spätere Einsamkeit vorher | Nein |
| Ließ sich der Zusammenhang wegerklären? | Nein. Er blieb bestehen unter Berücksichtigung von Geschlecht, Herkunft, Bildung, körperlicher Funktionsfähigkeit, Medikamenten, Netzwerkgröße, Neurotizismus, Belastungen und wahrgenommener Unterstützung |
Warum diese Reihenfolge wichtig ist
Wenn Einsamkeit der Niedergeschlagenheit vorausgeht und nicht umgekehrt, ist sie kein bloßes Begleitsymptom, das mit der Stimmung von selbst vergeht. Sie ist ein eigener Ansatzpunkt. Besonders bemerkenswert ist, dass der Zusammenhang auch bestehen blieb, als die tatsächliche Netzwerkgröße herausgerechnet wurde. Es ging also wirklich um das Empfinden.
Was in den Gesundheitsdaten steht
Zur Frage, wie schwer Einsamkeit wiegt, gibt es zwei große Auswertungen derselben Arbeitsgruppe. Die erste fasste 2010 insgesamt 148 Studien mit 308.849 Personen zusammen und fand für stärkere soziale Beziehungen eine um 50 Prozent höhere Überlebenswahrscheinlichkeit.
Die zweite trennte 2015 die drei Größen auf und rechnete mehrere mögliche Störgrößen heraus.
Alleinwohnen
32%
Soziale Isolation
29%
Einsamkeit
26%
| Merkmal | Wert in % |
|---|---|
| Alleinwohnen | 32% |
| Soziale Isolation | 29% |
| Einsamkeit | 26% |
Quelle: Holt-Lunstad et al. 2015. Zwischen objektiver und empfundener Isolation fand sich kein bedeutsamer Unterschied.
Die drei Werte liegen nah beieinander, und genau das ist die Aussage: Das Empfinden wiegt nicht leichter als der zählbare Zustand. Wer sich einsam fühlt, obwohl er viele Menschen um sich hat, ist damit nicht in einem harmloseren Zustand.
Ein wichtiger Nebenbefund
Die Zusammenhänge fielen bei Menschen unter 65 stärker aus als bei älteren. Das widerspricht dem Bild, Einsamkeit sei vor allem ein Thema des hohen Alters, und passt zu dem, was der nächste Abschnitt zeigt.
Erstaunlich stabil
2020 legte eine Arbeitsgruppe der Universität Jena die bislang gründlichste Auswertung zur Entwicklung von Einsamkeit über das Leben vor. Zusammengefasst wurden 75 Längsschnitte aus vier Erdteilen mit 83.679 Personen.
75
ausgewertete Längsschnittstudien
83.679
einbezogene Personen
4
Erdteile
0
allgemeiner Anstieg mit dem Alter
Zwei Ergebnisse stechen heraus. Erstens ist die Rangordnung stabil: Wer im Vergleich zu anderen einsam ist, ist es Jahre später mit ähnlicher Verlässlichkeit noch, und zwar in derselben Größenordnung wie bei Persönlichkeitsmerkmalen. Zweitens nimmt Einsamkeit im Mittel während der Kindheit ab und bleibt danach von der Jugend bis ins höchste Alter im Wesentlichen unverändert.
Was das über die öffentliche Erzählung sagt
Einsamkeit gilt als Problem des Alters. In diesen Daten steigt sie mit dem Alter nicht an. Was im Alter zunimmt, sind die Anlässe: Verluste, Krankheit, weniger Mobilität. Das Empfinden selbst folgt dem Lebensalter nicht. Wer sich mit dreißig einsam fühlt, sollte deshalb nicht darauf warten, dass es eine Lebensphase ist.
Diese Stabilität hat eine unangenehme und eine tröstliche Seite. Unangenehm: Einsamkeit verschwindet selten von allein, und ein voller Terminkalender ändert daran wenig. Tröstlich: Sie ist damit ein eigenständiges Thema, an dem man arbeiten kann, und nicht ein Nebeneffekt der Lebensumstände.
Was wirkt
2011 verglich eine Metaanalyse vier Vorgehensweisen, mit denen versucht wird, Einsamkeit zu verringern. Die vier Ansätze decken ziemlich genau das ab, was auch im Alltag geraten wird.
| Ansatz | Was damit gemeint ist |
|---|---|
| Soziale Fertigkeiten verbessern | Üben, wie Gespräche beginnen und Beziehungen gepflegt werden |
| Unterstützung ausbauen | Vorhandene Hilfe zugänglicher machen, etwa durch Besuchsdienste |
| Gelegenheiten schaffen | Mehr Anlässe für Kontakt, etwa Gruppen, Kurse, Treffpunkte |
| Denkmuster bearbeiten | Ungünstige Annahmen über das eigene Ankommen bei anderen prüfen und verändern |
Zwei Ergebnisse sind für die Praxis entscheidend. Erstens fielen die Effekte in Studien ohne Vergleichsgruppe und in nicht zufällig zugeteilten Vergleichen größer aus als in randomisierten Studien. Das ist der übliche Befund und ein Grund, Erfolgsmeldungen aus Programmen ohne Kontrollgruppe zurückhaltend zu lesen.
Zweitens waren unter den randomisierten Studien diejenigen Angebote am erfolgreichsten, die an den Denkmustern ansetzten. Nicht mehr Gelegenheiten, nicht mehr Besuche, sondern die Arbeit an den Annahmen darüber, wie man bei anderen ankommt.
Warum das zusammenpasst
Der Befund ist genau das, was aus der Bestimmung von Einsamkeit folgt. Wenn Einsamkeit der Abstand zwischen gewünschter und erlebter Verbundenheit ist, verändert ein weiterer Termin im Kalender diesen Abstand nur, wenn sich auch das Erleben in Begegnungen verändert. Deshalb kann jemand in einem Verein sein und einsam bleiben.
Was du tun kannst
Aus der Befundlage ergibt sich eine ungewohnte Reihenfolge: nicht zuerst mehr Kontakte, sondern zuerst genaueres Hinsehen bei den Kontakten, die es gibt.
Die Begegnungsnotiz
2 Minuten nach einer Begegnung, zwei Wochen lang- 1
Die Begegnung festhalten
Mit wem, wie lange, in welchem Rahmen. Ohne Bewertung. - 2
Die Erwartung vorher
Was hast du vorher gedacht, wie es laufen würde? Diese Erwartung ist der Teil, an dem die wirksamsten Angebote ansetzen. - 3
Das Erleben danach
Hast du dich verbunden gefühlt oder nicht? Und woran genau hast du das festgemacht? - 4
Nach zwei Wochen vergleichen
Suche nach Begegnungen, die deiner Erwartung widersprachen. Sie sind die brauchbarste Information, die du hast, weil sie zeigen, dass die Erwartung eine Schätzung ist.
Die Frage, die weiterführt
Nicht „Wie treffe ich mehr Menschen?“, sondern „In welchen der bestehenden Kontakte fühle ich mich verbunden, und was ist dort anders?“ Diese Frage nutzt das, was schon da ist, statt den Kalender zu füllen, und sie führt zu der Ebene, auf der die Angebote in der Metaanalyse am besten abschnitten.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Einsamkeit sagte in der Untersuchung von 2010 spätere depressive Beschwerden voraus. Wenn zu dem Empfinden Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, Freudlosigkeit über Wochen oder Gedanken kommen, nicht mehr leben zu wollen, ist der Punkt für fachliche Hilfe erreicht. Das gehört in eine hausärztliche oder psychotherapeutische Sprechstunde. Für die akute Not gibt es die Telefonseelsorge rund um die Uhr und kostenfrei unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.
Passend dazu
Toxic Independence
Dieselben Sterblichkeitsdaten, gelesen von der anderen Seite.
Resilienz nach einer Trennung
Der Anlass, nach dem Einsamkeit am häufigsten neu entsteht.
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Die Denkmuster, an denen die wirksamsten Angebote ansetzen.
Die Kraft der Verletzlichkeit
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Fazit
Einsamkeit ist kein Mangel an Menschen, sondern ein Abstand. Das ist der Grund, warum sie in vollen Räumen bestehen kann und warum ein voller Kalender sie nicht auflöst. In den Gesundheitsdaten wiegt dieses Empfinden ähnlich schwer wie die zählbare Isolation.
Zwei Befunde machen sie zu einem eigenständigen Thema. Sie ging in einer fünfjährigen Untersuchung der Niedergeschlagenheit voraus und nicht umgekehrt. Und sie ist über die Lebensspanne so stabil wie ein Persönlichkeitsmerkmal, ohne allgemein mit dem Alter zuzunehmen. Wer wartet, dass es sich auswächst, wartet nach dieser Datenlage vergeblich.
Der Hebel liegt deshalb nicht dort, wo ihn die üblichen Ratschläge vermuten. Unter den randomisierten Studien schnitten die Angebote am besten ab, die an den Annahmen darüber ansetzten, wie man bei anderen ankommt. Mehr Gelegenheiten schaden nicht. Sie genügen nur selten.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein?
Alleinsein ist ein Zustand, der sich zählen lässt: wie viele Menschen jemand kennt, wie oft er sie sieht. Einsamkeit ist ein Empfinden, nämlich der wahrgenommene Mangel an Qualität oder Menge der eigenen Beziehungen. Beide hängen zusammen, sind aber nicht dasselbe, und beide sagen die Sterblichkeit in ähnlicher Stärke voraus.
Führt Einsamkeit zu Depression oder umgekehrt?
In einer über fünf Jahre laufenden Untersuchung an 229 Personen zwischen 50 und 68 Jahren sagte Einsamkeit spätere depressive Beschwerden voraus, aber depressive Beschwerden nicht die spätere Einsamkeit. Der Zusammenhang blieb bestehen, auch als Netzwerkgröße, wahrgenommene Unterstützung, Belastungen und die Neigung zu negativen Gefühlen berücksichtigt wurden.
Wie stark hängt Einsamkeit mit der Sterblichkeit zusammen?
Eine Metaanalyse fand unter statistischer Kontrolle mehrerer Störgrößen eine um 26 Prozent erhöhte Sterbewahrscheinlichkeit bei Einsamkeit, um 29 Prozent bei sozialer Isolation und um 32 Prozent beim Alleinwohnen. Zwischen objektiver und empfundener Isolation fand sich kein Unterschied.
Nimmt Einsamkeit im Alter zu?
Nach der Datenlage nicht. Eine Metaanalyse aus Jena über 75 Langzeitstudien mit 83.679 Personen fand, dass Einsamkeit während der Kindheit abnimmt und von der Jugend bis ins höchste Alter im Mittel im Wesentlichen gleich bleibt. Anders als bei anderen Persönlichkeitsmerkmalen hängen Veränderungen der Einsamkeit nicht allgemein mit dem Alter zusammen.
Was hilft am besten gegen Einsamkeit?
Eine Metaanalyse verglich vier Ansätze: soziale Fertigkeiten verbessern, Unterstützung ausbauen, Gelegenheiten für Kontakt schaffen und ungünstige soziale Denkmuster bearbeiten. Unter den randomisierten Studien waren die Angebote am erfolgreichsten, die an den Denkmustern ansetzten, also nicht an der Zahl der Gelegenheiten.
Warum wirken mehr Kontakte oft nicht?
Weil Einsamkeit ein Abstand ist und keine Menge. Wer den eigenen Wert in Begegnungen dauerhaft niedrig einschätzt oder mit Ablehnung rechnet, erlebt auch in einer vollen Gruppe den Abstand. Genau hier setzen die Angebote an, die in der Auswertung am besten abschnitten.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Cacioppo, J. T. et al. (2010): Perceived social isolation makes me sad: 5-year cross-lagged analyses of loneliness and depressive symptomatology in the Chicago Health, Aging, and Social Relations Study. Psychology and Aging. Fünfjährige Längsschnittstudie an 229 Personen zwischen 50 und 68 Jahren mit wechselseitiger Prüfung beider Richtungen
- 2
Holt-Lunstad, J. et al. (2015): Loneliness and social isolation as risk factors for mortality: a meta-analytic review. Perspectives on Psychological Science. Getrennte Auswertung von Einsamkeit, sozialer Isolation und Alleinwohnen unter statistischer Kontrolle möglicher Störgrößen
- 3
Mund, M. et al. (2020): The Stability and Change of Loneliness Across the Life Span: A Meta-Analysis of Longitudinal Studies. Personality and Social Psychology Review. 75 Längsschnittstudien aus Asien, Australien, Europa und Nordamerika mit 83.679 Personen, Friedrich-Schiller-Universität Jena
- 4
Masi, C. M. et al. (2011): A meta-analysis of interventions to reduce loneliness. Personality and Social Psychology Review. Vergleich von vier Vorgehensweisen, getrennt nach Studiendesign
- 5
Holt-Lunstad, J. et al. (2010): Social relationships and mortality risk: a meta-analytic review. PLoS Medicine. 148 Studien mit 308.849 Personen, ausgewertet nach Art des verwendeten Beziehungsmaßes