
Auf einen Blick
Der wichtigste Satz für die ersten Wochen steht in der Übersichtsarbeit von 2015: Die beiden Befunde, dass die meisten Menschen gut zurechtkommen und dass eine Trennung das Risiko erhöht, widersprechen sich nicht. Sie beschreiben verschiedene Gruppen.
- Die Zufriedenheit sinkt schon vor der Trennung und erholt sich danach allmählich.
- Im Mittel bleibt ein kleiner Rest, das frühere Niveau wird nicht ganz erreicht.
- Ein Teil des Unterschieds bestand schon vor der Eheschließung.
- Das erhöhte Sterberisiko wird überwiegend von einer Minderheit getragen.
- Über die Trennung zu schreiben verschlechterte bei einer Untergruppe das Ergebnis.
Die Kurve über 18 Jahre
Die beste Antwort auf die Frage, wie lange es dauert, stammt aus deutschen Daten. Ein amerikanischer Forscher wertete 2005 ein Panel aus, in dem mehr als 30.000 Menschen in Deutschland über 18 Jahre hinweg regelmäßig befragt worden waren, und verfolgte, wie sich ihre Lebenszufriedenheit rund um eine Scheidung entwickelte.
Schritt 1
Vor der Trennung
Die Zufriedenheit sinkt bereits, während man sich der Scheidung nähert.
Schritt 2
Um den Zeitpunkt
Der Tiefpunkt liegt nicht erst nach dem Ereignis, sondern in dessen Umfeld.
Schritt 3
Danach
Die Zufriedenheit steigt allmählich wieder an, über Jahre hinweg.
Schritt 4
Auf lange Sicht
Der Anstieg bleibt im Mittel unterhalb des früheren Niveaus.
Vereinfachte Darstellung des in Lucas 2005 berichteten Verlaufs.
Was daran entlastend ist
Der Tiefpunkt liegt nicht nach der Trennung, sondern davor und darum herum. Wer im Moment der Entscheidung denkt, es könne nur schlimmer werden, verwechselt den Zeitpunkt des Entschlusses mit dem Zeitpunkt der größten Belastung. In diesen Daten ist die Belastung zu diesem Zeitpunkt bereits am höchsten.
Der Teil vor der Trennung
Der zweite Befund derselben Auswertung ist der methodisch wichtigere und wird selten zitiert. Weil das Panel Menschen über viele Jahre begleitete, ließ sich auch nachsehen, wie zufrieden sie waren, bevor sie überhaupt geheiratet hatten.
Menschen, die sich später scheiden ließen, waren schon vor ihrer Eheschließung weniger zufrieden als jene, die verheiratet blieben. Der Zusammenhang zwischen Scheidung und Lebenszufriedenheit geht also auf beides zurück: auf vorbestehende Unterschiede und auf dauerhafte Veränderungen nach dem Ereignis.
Das ist der Grund, warum Zahlen zu Geschiedenen mit Vorsicht zu lesen sind. Ein Teil des Unterschieds, den Querschnittsvergleiche zeigen, war schon vorher da. Wer sich mit solchen Zahlen prüft, misst sich an einer Gruppe, in die er möglicherweise nie gehört hat.
Das Gesundheitsrisiko
Die andere Zahlenreihe, die zu diesem Thema kursiert, betrifft die Sterblichkeit. Sie stammt aus einer Metaanalyse von 2011, die 32 Langzeitstudien zusammenfasste.
32
ausgewertete Langzeitstudien
6,5 Mio.
einbezogene Menschen
11
Herkunftsländer
755.000
erfasste Scheidungen
Getrennte und geschiedene Erwachsene hatten gegenüber verheirateten ein erhöhtes Risiko, früh zu sterben. Der Zusammenhang fiel bei Männern deutlich stärker aus als bei Frauen und bei jüngeren Erwachsenen stärker als bei älteren.
Was diese Zahl nicht sagt
Es handelt sich um Beobachtungsdaten. Die Autoren nennen selbst vier mögliche Erklärungswege und lassen offen, welcher zutrifft: dass gesündere Menschen eher verheiratet bleiben, dass mit der Trennung Mittel und Unterstützung wegfallen, dass sich das Gesundheitsverhalten ändert, oder dass anhaltende seelische Belastung wirkt. Aus der Zahl folgt kein persönliches Risiko und schon gar kein Grund, in einer Beziehung zu bleiben.
Wer das Risiko trägt
Damit stehen zwei Befunde nebeneinander, die einander zu widersprechen scheinen: Die meisten Menschen kommen nach einer Trennung gut zurecht, und zugleich erhöht sie das Risiko für schlechte Verläufe. Eine Übersichtsarbeit von 2015 löst diesen Widerspruch auf.
Ihre Antwort lautet: Der überwiegende Teil des Risikos wird von einer Minderheit getragen. Die Durchschnittswerte in den großen Studien entstehen nicht dadurch, dass es allen ein bisschen schlechter geht, sondern dadurch, dass es einem kleineren Teil sehr viel schlechter geht.
Der häufigere Verlauf
- Deutliche Belastung um den Zeitpunkt der Trennung
- Allmähliche Erholung über Monate und Jahre
- Kein anhaltender Einbruch der Funktionsfähigkeit
- Kein erhöhtes Gesundheitsrisiko in relevantem Ausmaß
Der seltenere Verlauf
- Anhaltende starke Belastung über die Trennung hinaus
- Wenig oder keine Erholung über lange Zeit
- Beeinträchtigung von Arbeit, Kontakten, Alltag
- Trägt den überwiegenden Teil des gemessenen Risikos
Warum das praktisch wichtig ist
Die Frage lautet nicht, ob eine Trennung schädlich ist, sondern ob du zu der kleineren Gruppe gehörst. Und diese Frage lässt sich nicht am Ausmaß des Schmerzes in den ersten Wochen ablesen, sondern daran, wie es nach Monaten aussieht und ob der Alltag hält.
Der Rat, der schadete
Nach einer Trennung wird häufig empfohlen, das Erlebte aufzuschreiben. Das Verfahren stammt aus einer bekannten Forschungstradition und gilt allgemein als harmlos. In einer der wenigen kontrollierten Untersuchungen an frisch Getrennten war es das nicht.
90 Erwachsene wurden zufällig einer von drei Schreibaufgaben zugeteilt: dem üblichen Aufschreiben der eigenen Gefühle zur Trennung, einer erzählenden Abwandlung davon oder einem neutralen Kontrolltext. Nachbeobachtet wurde bis zu neun Monate.
| Bedingung | Ergebnis in dieser Untergruppe |
|---|---|
| Übliches Schreiben über die Trennung | Deutlich schlechtere emotionale Ergebnisse als bei der Kontrollaufgabe |
| Erzählende Abwandlung | Ebenfalls deutlich schlechtere Ergebnisse als bei der Kontrollaufgabe |
| Neutrales Kontrollschreiben | Die geringste trennungsbezogene Belastung innerhalb dieser Bedingung |
Der Befund gilt ausdrücklich für Menschen, die zum Zeitpunkt des Versuchs aktiv damit beschäftigt waren, ihrer Trennung einen Sinn abzugewinnen. Für sie machte es die Sache schlechter, dieses Suchen auch noch schriftlich zu betreiben. Innerhalb der Kontrollgruppe waren gerade diese Menschen am wenigsten belastet.
Wie weit dieser Befund trägt
Es ist eine Untersuchung mit 90 Personen, und der Effekt betrifft eine Untergruppe. Er beweist nicht, dass Schreiben schadet. Er reicht aber aus, um den pauschalen Rat aufzugeben, nach einer Trennung müsse man alles aufarbeiten. Wer merkt, dass das Aufschreiben in immer dieselbe Runde führt, hat einen guten Grund, damit aufzuhören, und nun auch einen Beleg dafür.
Was in den Daten half
2012 ging dieselbe Arbeitsgruppe der Gegenfrage nach und wählte dafür ein ungewöhnliches Vorgehen. 109 sich trennende Erwachsene sprachen im Labor vier Minuten lang frei über ihre Trennung. Diese Aufnahmen wurden anschließend von vier unabhängigen Personen daraufhin beurteilt, wie selbstmitfühlend jemand über sich sprach.
Warum die Methode besser ist als ein Fragebogen
Beurteilt wurde nicht, was die Betroffenen über sich angaben, sondern wie sie tatsächlich sprachen. Die vier Beurteilenden stimmten dabei erheblich überein. Wer freundlicher mit sich umging, das eigene Erleben als etwas Menschliches einordnete und emotional ausgeglichener davon sprach, berichtete zu Beginn weniger Eindringen der Trennung in den Alltag, und dieser Unterschied hielt bis neun Monate später an.
Der Bezug zum vorigen Abschnitt
Beides zusammengenommen ergibt eine brauchbare Regel. Nicht das Ausmaß der Beschäftigung mit der Trennung sagt den Verlauf vorher, sondern der Ton, in dem sie geschieht. Wer viel darüber nachdenkt und dabei hart mit sich ist, steht schlechter da als jemand, der weniger, aber freundlicher über sich spricht.
Was du tun kannst
Aus den Befunden ergibt sich weniger ein Programm als eine Reihenfolge der Fragen.
Die Bestandsaufnahme nach drei Monaten
20 Minuten, danach alle vier Wochen- 1
Den Alltag prüfen, nicht das Gefühl
Arbeit, Schlaf, Essen, Kontakte: Was davon funktioniert, was nicht? Der Unterschied zwischen dem häufigeren und dem selteneren Verlauf zeigt sich hier, nicht an der Stärke des Schmerzes. - 2
Die Richtung bestimmen
Vergleiche mit dem Vormonat, nicht mit der Zeit vor der Trennung. In den Panelverläufen geht es langsam aufwärts, nicht sprunghaft. - 3
Den Ton prüfen
Wenn du über die Trennung sprichst, in welchem Ton tust du das über dich selbst? Genau dieser Ton sagte in der Untersuchung von 2012 den weiteren Verlauf voraus. - 4
Die Sinnsuche begrenzen
Wenn du merkst, dass du immer wieder dieselbe Frage nach dem Warum durchgehst, ist das der Punkt, an dem in der Schreibuntersuchung die Ergebnisse schlechter wurden. Setz dir dafür eine feste Zeit statt sie unbegrenzt laufen zu lassen.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Wenn nach mehreren Monaten keine Richtung nach oben erkennbar ist, wenn Arbeit und Kontakte dauerhaft wegbrechen, wenn Alkohol oder Medikamente zur Regel werden oder wenn Gedanken auftreten, nicht mehr leben zu wollen, ist das der Punkt für fachliche Hilfe. Genau diese Verläufe sind es, die in den großen Studien das Risiko tragen, und genau hier wirkt Behandlung. Für die akute Not gibt es die Telefonseelsorge rund um die Uhr und kostenfrei unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.
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Fazit
Die belastbarsten Zahlen zu diesem Thema kommen aus Langzeitdaten, ein zentraler Teil davon aus Deutschland. Sie zeigen einen Tiefpunkt bereits vor der Trennung, eine allmähliche Erholung danach und im Mittel einen kleinen bleibenden Rest. Ein Teil des Unterschieds zu dauerhaft Verheirateten bestand schon, bevor überhaupt geheiratet wurde.
Das erhöhte Gesundheitsrisiko, das in großen Auswertungen auftaucht, ist real, wird aber überwiegend von einer Minderheit getragen. Für die meisten Menschen ist eine Trennung ein schweres, vorübergehendes Ereignis, und die entscheidende Frage lautet nicht, wie stark der Schmerz ist, sondern ob der Alltag nach Monaten wieder trägt.
Und ein verbreiteter Rat gehört eingeschränkt. Über die Trennung zu schreiben half in einem kontrollierten Versuch nicht allen, sondern schadete jenen, die ohnehin nach einem Sinn suchten. Was den Verlauf vorhersagte, war nicht die Menge der Aufarbeitung, sondern der Ton, in dem jemand über sich selbst sprach.
Häufige Fragen
Wie lange dauert es, über eine Trennung hinwegzukommen?
Eine Auswertung von Daten aus 18 Jahren mit mehr als 30.000 Menschen in Deutschland zeigt: Die Lebenszufriedenheit sinkt schon vor der Scheidung, steigt danach allmählich wieder an, erreicht im Durchschnitt aber nicht ganz das frühere Niveau. Es gibt also eine Erholung, sie ist nur nicht vollständig.
Sind Menschen nach einer Trennung dauerhaft unglücklicher?
Im Mittel bleibt ein kleiner Rest. Dieselbe Auswertung zeigt allerdings noch etwas anderes: Menschen, die sich später scheiden ließen, waren bereits vor ihrer Eheschließung weniger zufrieden als jene, die verheiratet blieben. Der Unterschied geht also auf zwei Dinge zurück, auf vorbestehende Unterschiede und auf bleibende Veränderungen.
Erhöht eine Trennung das Sterberisiko?
Eine Metaanalyse über 32 Langzeitstudien mit mehr als 6,5 Millionen Menschen aus elf Ländern fand ein erhöhtes Risiko für einen frühen Tod bei getrennten und geschiedenen gegenüber verheirateten Erwachsenen. Bei Männern und bei jüngeren Erwachsenen fiel der Zusammenhang deutlich stärker aus als bei Frauen und Älteren.
Widerspricht das nicht dem Befund, dass die meisten gut zurechtkommen?
Nur auf den ersten Blick. Eine Übersichtsarbeit von 2015 löst den scheinbaren Widerspruch auf: Der überwiegende Teil des Risikos wird von einer Minderheit getragen. Für die meisten Menschen ist eine Trennung ein schweres, aber vorübergehendes Ereignis. Die Durchschnittswerte entstehen durch eine kleinere, stark belastete Gruppe.
Hilft es, über die Trennung zu schreiben?
Nicht bei allen. In einem Versuch mit 90 frisch getrennten Erwachsenen wurden drei Schreibaufgaben verglichen. Teilnehmende, die aktiv nach einem Sinn in ihrer Trennung suchten, berichteten bis zu neun Monate später schlechtere Ergebnisse, wenn sie eine der beiden Schreibaufgaben zum Thema Trennung erhalten hatten, verglichen mit dem neutralen Schreiben.
Was sagte in den Daten eine bessere Erholung voraus?
Selbstmitgefühl. In einer Untersuchung mit 109 sich trennenden Erwachsenen sprachen die Teilnehmenden vier Minuten frei über ihre Trennung. Wie mitfühlend sie dabei mit sich selbst umgingen, wurde von vier unabhängigen Personen beurteilt und sagte den Verlauf bis neun Monate später voraus.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Lucas, R. E. (2005): Time Does Not Heal All Wounds. Psychological Science. Untertitel: A Longitudinal Study of Reaction and Adaptation to Divorce. Auswertung eines 18-jährigen deutschen Panels mit mehr als 30.000 Personen
- 2
Sbarra, D. A. et al. (2011): Divorce and Death: A Meta-Analysis and Research Agenda for Clinical, Social, and Health Psychology. Perspectives on Psychological Science. 32 Langzeitstudien mit über 6,5 Millionen Menschen, 160.000 Todesfällen und 755.000 Scheidungen in elf Ländern
- 3
Sbarra, D. A. et al. (2015): Divorce and Health: Beyond Individual Differences. Current Directions in Psychological Science. Übersichtsarbeit zur Auflösung des Widerspruchs zwischen guten Durchschnittsverläufen und erhöhtem Risiko
- 4
Sbarra, D. A. et al. (2013): Expressive Writing Can Impede Emotional Recovery Following Marital Separation. Clinical Psychological Science. 90 frisch getrennte Erwachsene, drei zufällig zugeteilte Schreibaufgaben, Nachbeobachtung bis neun Monate
- 5
Sbarra, D. A. et al. (2012): When leaving your ex, love yourself: observational ratings of self-compassion predict the course of emotional recovery following marital separation. Psychological Science. 109 sich trennende Erwachsene, Beurteilung durch vier unabhängige Personen, Verlauf über neun Monate