
Auf einen Blick
Wenn du gerade trauerst und dich fragst, ob du in der falschen Phase bist: Es gibt keine Phasen, in denen du sein müsstest. Die Erwartung, sie zu durchlaufen, gilt in der Fachliteratur selbst als möglicher Schaden.
- Das Modell beschreibt Sterbende, nicht Hinterbliebene.
- In der einzigen großen Prüfung war Akzeptanz von Anfang an die häufigste Reaktion.
- Die vorherrschende belastende Reaktion war durchgehend Sehnsucht, nicht Leugnen.
- Eine Bestandsaufnahme von 2017 fordert, das Modell ganz aufzugeben.
- Trauerbegleitung wirkt vor allem dort, wo Menschen erkennbar Schwierigkeiten haben.
Woher das Modell kommt
1969 erschien das Buch, das die Vorstellung von Trauer bis heute prägt. Die Ärztin Elisabeth Kübler-Ross beschrieb darin, wie unheilbar kranke Menschen auf die Nachricht ihres bevorstehenden Todes reagieren. Ihre Grundlage waren Gespräche mit Patientinnen und Patienten, geführt und ausgewertet ohne standardisiertes Verfahren.
Das Modell entstand aus der Sicht von Menschen, die ihren eigenen Tod vor sich hatten. Es wird heute angewandt auf Menschen, die einen Tod hinter sich haben. Diese Übertragung ist nie geprüft worden, sie hat einfach stattgefunden.
Das Verdienst des Buches ist unbestritten. Es hat das Sterben in der Medizin überhaupt erst zum Thema gemacht, zu einer Zeit, als Diagnosen häufig verschwiegen wurden. Der Fehler liegt nicht bei der Autorin, sondern in dem, was aus der Beschreibung wurde: eine Abfolge, die Trauernde zu durchlaufen haben.
1969
Beschreibung von Sterbenden
Kübler-Ross veröffentlicht ihre Beobachtungen an unheilbar kranken Menschen.
ab den 1970ern
Übertragung auf Hinterbliebene
Das Modell wandert in Lehrbücher, Ausbildungen und Beratungspraxis, ohne dass die Übertragung geprüft wird.
2007
Erste große Prüfung
Die Yale Bereavement Study untersucht 233 Hinterbliebene über zwei Jahre.
2017
Forderung nach Abschaffung
Eine internationale Arbeitsgruppe empfiehlt, das Modell aus Wissenschaft und Praxis zu entfernen.
Die Reihenfolge zeigt das Kernproblem: Die Anwendung kam Jahrzehnte vor der Prüfung.
Die einzige große Prüfung
2007 erschien in einer der wichtigsten medizinischen Fachzeitschriften die Arbeit, die das Modell erstmals an Hinterbliebenen prüfte. Begleitet wurden 233 Menschen in Connecticut, die einen Angehörigen durch natürliche Ursachen verloren hatten, von einem Monat bis zwei Jahre nach dem Tod. Fünf Reaktionen wurden dabei regelmäßig erhoben.
| Behauptung des Modells | Befund |
|---|---|
| Am Anfang steht das Leugnen als vorherrschende Reaktion | Ungläubigkeit war nicht die anfangs vorherrschende Reaktion |
| Akzeptanz steht am Ende, als Ergebnis der durchlaufenen Phasen | Akzeptanz war die am häufigsten bejahte Reaktion, und zwar über den gesamten Zeitraum |
| Die Phasen lösen einander ab | Über die gesamten 24 Monate war die Sehnsucht die vorherrschende belastende Reaktion |
| Die Abfolge Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression, Akzeptanz | Nach rechnerischer Umskalierung erreichten die Reaktionen ihre Höchstwerte in der vorhergesagten Reihenfolge |
Die letzte Zeile ist der Grund, warum diese Studie oft als Bestätigung des Modells zitiert wird. Sie besagt jedoch etwas anderes, als es klingt. Verglichen wurde, wann jede der fünf Reaktionen ihren höchsten Wert erreicht, nachdem alle Werte auf eine gemeinsame Skala gebracht worden waren. Die Gipfel lagen bei einem, vier, fünf und sechs Monaten, während die Akzeptanz durchgehend zunahm.
Warum das den Kern nicht rettet
Dass Zorn seinen Höchstwert später erreicht als Ungläubigkeit, sagt nichts darüber, ob Zorn jemals die vorherrschende Reaktion war. Genau das behauptet aber das Phasenmodell. Wenn Akzeptanz vom ersten Monat an der häufigste Zustand ist und Sehnsucht über zwei Jahre der stärkste belastende, dann durchläuft niemand fünf Zustände nacheinander. Die Zustände sind von Anfang an alle da, in unterschiedlicher Stärke.
233
begleitete Hinterbliebene
24
Monate Beobachtungszeit
4
Monate bis zum Gipfel der Sehnsucht
6
Monate bis zum Gipfel der Niedergeschlagenheit
Ein praktischer Hinweis der Autoren ist unabhängig vom Modell brauchbar: Da alle belastenden Reaktionen ihren Höchstwert innerhalb von etwa sechs Monaten erreichten, könnten Menschen, die danach weiterhin hohe Werte zeigen, von einer genaueren Abklärung profitieren.
Die Forderung nach Abschaffung
2017 legten drei Forschende aus den Niederlanden und den USA eine Bestandsaufnahme vor, deren Ton für eine Fachzeitschrift ungewöhnlich deutlich ausfällt. Ihr Befund lässt sich in vier Punkten zusammenfassen.
Was dem Modell fehlt
- Belastbare empirische Grundlage
- Begriffliche Klarheit
- Erklärungskraft für den Verlauf
- Nutzen für die Gestaltung von Angeboten
Was es anrichtet
- Fachleute geben Phasen wie eine Verordnung weiter
- Es hilft nicht, Gefährdete zu erkennen
- Trauernde messen sich an einer erfundenen Norm
- Wer nicht ins Schema passt, hält sich für falsch
Der letzte Punkt ist der, den die Autoren als am beunruhigendsten bezeichnen: Die Erwartung, dass Trauernde bestimmte Phasen durchlaufen werden oder sogar sollen, kann denen schaden, die es nicht tun. Ihre Empfehlung lautet, das Modell aufzugeben, und zwar von allen Beteiligten einschließlich der Trauernden selbst.
Was stattdessen gilt
Wenn keine Abfolge existiert, was dann? Die einflussreichste Antwort stammt aus dem Jahr 2004 und dreht die Fragestellung um. Statt zu fragen, welche Phasen alle durchlaufen, fragt sie, welche Verläufe sich überhaupt unterscheiden lassen.
Der Kernbefund lautet: Ein stabiler Verlauf mit nur geringen und vorübergehenden Einschränkungen ist nach Verlust und schweren Ereignissen häufiger, als lange angenommen wurde. Und er ist kein abgekürzter Erholungsweg, sondern ein eigener Verlauf. Dass er so lange übersehen wurde, führt der Autor auf die Datengrundlage zurück: Das Wissen über Trauer stammte überwiegend von Menschen, die Hilfe gesucht hatten oder stark belastet waren.
Was das für dich heißt, wenn du gerade trauerst
Weder das eine noch das andere ist ein Fehler. Wer nach wenigen Wochen wieder weitgehend funktioniert, verdrängt nicht notwendigerweise. Wer nach einem Jahr noch schwer damit zu tun hat, hat nichts falsch gemacht. Beides sind beschriebene Verläufe. Was das Phasenmodell hier anrichtet, ist die Erzeugung eines schlechten Gewissens in beide Richtungen.
Hilft Trauerbegleitung?
2008 fasste eine Metaanalyse 61 kontrollierte Studien zu psychologischen Angeboten für Trauernde zusammen. Das Gesamtergebnis fiel ernüchternd aus: ein kleiner Effekt unmittelbar nach dem Angebot und kein statistisch bedeutsamer Nutzen mehr bei der Nachuntersuchung.
Der entscheidende Teil steht aber in der Aufschlüsselung. Angebote, die ausschließlich Menschen mit erkennbar deutlichen Anpassungsschwierigkeiten ansprachen, erreichten Ergebnisse, die sich mit Psychotherapien bei anderen Beschwerden vergleichen lassen. Die enttäuschenden Zahlen stammten aus Studien, die nicht nach Belastung vorsortierten.
Der Grund dafür ist eine gute Nachricht
Die Autoren führen die schwachen Ergebnisse bei unausgelesenen Gruppen darauf zurück, dass sich die Vergleichsgruppen ohne jedes Angebot im Zeitverlauf von selbst besserten. Wo die meisten Menschen ohnehin zurechtkommen, kann ein Angebot kaum etwas hinzufügen. Das spricht nicht gegen Trauerbegleitung. Es spricht dagegen, sie allen anzubieten und zu erwarten, dass sie bei allen etwas bewirkt.
Zum gleichen Ergebnis kam eine Auswertung von 13 kontrollierten Studien zu Angeboten für trauernde Kinder aus dem Jahr 2007: Auch dort erreichten die Verfahren nicht das, was Psychotherapie sonst erreicht.
Wann es mehr als Trauer ist
Seit der jüngsten Fassung der beiden großen Diagnosesysteme gibt es für die Fälle, in denen Trauer über lange Zeit das Leben bestimmt, eine eigene Bezeichnung: die anhaltende Trauerstörung.
Wie häufig sie ist, hat 2022 eine repräsentative deutsche Befragung untersucht. Von 2531 Befragten berichteten 1371, im Leben einen bedeutsamen Verlust erlebt zu haben. Von diesen erfüllten 3,4 Prozent die Kriterien. Am häufigsten berichtet wurden starker seelischer Schmerz und starke Sehnsucht nach der verstorbenen Person.
| Merkmal | Bedeutung |
|---|---|
| Zeit seit dem Tod | Ein kürzer zurückliegender Verlust ging häufiger mit der Diagnose einher |
| Beziehung zur verstorbenen Person | Die Nähe der Beziehung sagte die Diagnose mit voraus |
| Unvorbereitetheit auf den Tod | Ein plötzlicher, unerwarteter Verlust war ein eigener Vorhersagefaktor |
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Wenn der Verlust länger als ein Jahr zurückliegt und die Sehnsucht, der Schmerz oder das Kreisen um die verstorbene Person den Alltag weiterhin bestimmen, wenn Arbeit, Kontakte und Selbstversorgung darunter dauerhaft leiden oder wenn Gedanken auftreten, nicht mehr leben zu wollen, dann ist das kein Grund zu warten. Das gehört in eine hausärztliche oder psychotherapeutische Sprechstunde. Für die akute Not gibt es die Telefonseelsorge rund um die Uhr und kostenfrei unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.
Was du tun kannst
Aus der Befundlage folgt kein Trauerprogramm. Es folgt vor allem der Wegfall einer Erwartung, und das ist mehr wert, als es klingt.
Was aus den Studien tatsächlich hervorgeht
Erstens: Sehnsucht ist die häufigste belastende Reaktion, nicht Leugnen und nicht Zorn. Wer sie bei sich findet, ist damit im Regelfall. Zweitens: Akzeptanz ist kein Ziel am Ende einer Strecke, sondern von Anfang an in wechselnder Stärke vorhanden. Drittens: Die belastenden Reaktionen erreichten in der einen großen Untersuchung ihren Höhepunkt innerhalb von etwa einem halben Jahr.
Die Woche beschreiben statt einordnen
10 Minuten, einmal pro Woche- 1
Drei Momente notieren
Schreib drei Augenblicke der vergangenen Woche auf, in denen der Verlust spürbar war. Was war der Auslöser, wie lange hat es gedauert? - 2
Keine Phase benennen
Widersteh dem Reflex, das Erlebte einzuordnen. Nicht „Ich bin in der Zornphase“, sondern „Am Dienstag war ich wütend, als der Brief kam.“ Die Einordnung ist der Teil, der laut Fachliteratur schadet. - 3
Die Dauer beachten
Nach einigen Wochen wirst du sehen, dass sich weniger die Häufigkeit ändert als die Länge der einzelnen Wellen. Genau das beschreibt die Forschung als Verlauf. - 4
Nach sechs Monaten hinsehen
Wenn die Belastung ein halbes Jahr nach dem Verlust unverändert stark ist, ist das der Zeitpunkt, an dem auch die Autoren der Untersuchung eine Abklärung nahelegen.
Für Angehörige und Begleitende
Der wirksamste Beitrag ist, keine Phase zu vermuten. Sätze wie „Du bist wohl noch in der Verleugnung“ oder „Der Zorn muss auch mal raus“ stammen aus einem Modell, das sich nicht bestätigt hat. Brauchbarer ist die schlichte Frage, wie diese Woche war, und die Bereitschaft, die Antwort ohne Einordnung stehen zu lassen.
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Fazit
Die fünf Trauerphasen sind das bekannteste und zugleich am schlechtesten belegte Modell dieses Themenbereichs. Sie beschreiben ursprünglich Sterbende, wurden ohne Prüfung auf Hinterbliebene übertragen und halten der einzigen großen Untersuchung an Hinterbliebenen in ihren zentralen Aussagen nicht stand.
Was diese Untersuchung stattdessen zeigte, ist unspektakulär und tröstlicher: Akzeptanz war von Anfang an die häufigste Reaktion, Sehnsucht die stärkste belastende, und die Belastung erreichte ihren Höhepunkt innerhalb eines halben Jahres. Wer trauert, arbeitet keine Liste ab.
Der praktische Ertrag ist deshalb ein Wegfall. Es gibt keine Phase, in der du sein müsstest, und keine, die du übersprungen hast. Es gibt Wellen, die kürzer werden, es gibt Menschen, bei denen das lange dauert, und es gibt für diese Fälle eine eigene Diagnose und eine Behandlung, die bei erkennbarer Belastung nachweislich wirkt.
Häufige Fragen
Woher stammen die fünf Trauerphasen?
Aus einem Buch der schweizerisch-amerikanischen Ärztin Elisabeth Kübler-Ross von 1969. Sie beschrieb darin, wie unheilbar kranke Menschen auf ihre eigene Todesnachricht reagieren. Es ging also um Sterbende, nicht um Hinterbliebene. Die Übertragung auf Trauernde kam später und stammt nicht aus einer Prüfung des Modells.
Sind die Trauerphasen wissenschaftlich belegt?
Nein. Eine ausführliche Bestandsaufnahme von 2017 kommt zu dem Schluss, dass es an belastbaren Belegen, an begrifflicher Klarheit und an Erklärungskraft fehlt, und fordert, das Modell aufzugeben. Die einzige große Prüfung an Hinterbliebenen widerspricht dem Modell in mehreren zentralen Punkten.
Was ergab die große Untersuchung von 2007?
Sie begleitete 233 Hinterbliebene von einem bis 24 Monate nach dem Verlust. Entgegen dem Modell war Ungläubigkeit nicht die anfangs vorherrschende Reaktion. Am häufigsten bejaht wurde Akzeptanz, und zwar von Anfang an. Die vorherrschende belastende Reaktion war über den gesamten Zeitraum die Sehnsucht nach der verstorbenen Person.
Warum wird die Studie trotzdem als Beleg zitiert?
Weil ein Teilergebnis passt: Nachdem die Werte rechnerisch umskaliert worden waren, erreichten die fünf Reaktionen ihre Höchstwerte in der vom Modell vorhergesagten Reihenfolge. Das betrifft aber nur den Zeitpunkt der Gipfel, nicht die Frage, welche Reaktion überwiegt. Genau diese zweite Frage entscheidet über das Modell.
Was tritt an die Stelle der Phasen?
Verlaufsmuster statt Stufen. Eine einflussreiche Arbeit von 2004 beschreibt, dass ein stabiler, weitgehend unbeeinträchtigter Verlauf nach Verlust häufiger ist als angenommen und einen eigenen Weg darstellt, nicht bloß eine schnellere Erholung.
Wann ist Trauer behandlungsbedürftig?
Wenn sie über Monate hinweg das Leben bestimmt. In einer repräsentativen deutschen Befragung erfüllten 3,4 Prozent derjenigen, die einen bedeutsamen Verlust erlebt hatten, die Kriterien der anhaltenden Trauerstörung nach DSM-5-TR. Vorhersagend waren die Zeit seit dem Tod, die Beziehung zur verstorbenen Person und die Unvorbereitetheit.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Kübler-Ross, E. (1969): On Death and Dying. Macmillan, New York. Ursprungsdarstellung des Phasenmodells, entstanden aus Gesprächen mit unheilbar kranken Menschen
- 2
Maciejewski, P. K. et al. (2007): An empirical examination of the stage theory of grief. JAMA. Yale Bereavement Study, 233 Hinterbliebene in Connecticut, Erhebung von einem bis 24 Monate nach dem Verlust
- 3
Stroebe, M. et al. (2017): Cautioning Health-Care Professionals. Omega, Journal of Death and Dying. Untertitel: Bereaved Persons Are Misguided Through the Stages of Grief. Bestandsaufnahme und Empfehlung zur Abschaffung des Phasenmodells
- 4
Bonanno, G. A. (2004): Loss, trauma, and human resilience: have we underestimated the human capacity to thrive after extremely aversive events?. American Psychologist. Übersichtsarbeit zur Unterscheidung von Widerstandsfähigkeit und Erholung als getrennte Verläufe
- 5
Currier, J. M. et al. (2008): The effectiveness of psychotherapeutic interventions for bereaved persons: a comprehensive quantitative review. Psychological Bulletin. 61 kontrollierte Studien, getrennte Auswertung nach Auswahl der Teilnehmenden
- 6
Treml, J. et al. (2022): Prevalence, Factor Structure and Correlates of DSM-5-TR Criteria for Prolonged Grief Disorder. Frontiers in Psychiatry. Repräsentative deutsche Bevölkerungsstichprobe mit 2531 Personen, davon 1371 mit einem bedeutsamen Verlust