
Auf einen Blick
Der Befund, der diesen Artikel von den üblichen Texten unterscheidet, steht in Abschnitt fünf. Vergebung ist keine Handlung ohne Adressat. Sie hat Folgen für den, dem vergeben wird, und diese Folgen sind nicht immer gut.
- Vergebungsverfahren wirken, auch im Vergleich mit anderen Behandlungen.
- Die längsten Behandlungen brachten die größten Veränderungen.
- Der Zusammenhang mit körperlicher Gesundheit ist mit 0,14 klein.
- Vergebungsbereitschaft sagte über vier Jahre fortgesetzte Aggression in der Ehe voraus.
- Vergebung ist nicht Versöhnung, und diese Trennung entscheidet über alles Weitere.
Was Vergebung nicht ist
Die häufigste Verwechslung im Alltag entscheidet über die gesamte Frage. Vergebung wird mit Versöhnung gleichgesetzt, und weil Versöhnung mit manchen Menschen nicht in Frage kommt, gilt Vergebung dann als unmöglich oder als Zumutung.
Vergebung
- Betrifft die eigene innere Haltung
- Braucht die andere Seite nicht
- Ist auch bei Verstorbenen möglich
- Ändert nichts an der Bewertung der Tat
Versöhnung
- Betrifft eine Beziehung zwischen zweien
- Setzt eine Veränderung der anderen Seite voraus
- Braucht Verlässlichkeit über Zeit
- Ist eine Entscheidung über die Zukunft
Ebenso wenig ist Vergebung ein Urteil über die Tat. Sie besagt nicht, dass etwas nicht so schlimm war, sie entlastet niemanden von Verantwortung, und sie verlangt kein Vergessen. In den geprüften Verfahren geht es um etwas Engeres: die eigene anhaltende Beschäftigung mit einer bestimmten Verletzung zu verändern.
Was die Studien zeigen
2014 fasste eine amerikanische Arbeitsgruppe zusammen, was die Wirksamkeitsforschung hergibt. Berücksichtigt wurden nur Studien, in denen ausgebildete Fachleute mit einem ausdrücklich auf Vergebung gerichteten Verfahren arbeiteten und in denen es um eine konkrete Verletzung ging, nicht um Vergebung als allgemeine Haltung.
Gegenüber Unbehandelten
0,56
Vertrauensbereich 0,43 bis 0,68
Gegenüber einer anderen Behandlung
0,45
Vertrauensbereich 0,21 bis 0,69
| Merkmal | Wert in |
|---|---|
| Gegenüber Unbehandelten | 0.56 |
| Gegenüber einer anderen Behandlung | 0.45 |
Quelle: Wade et al. 2014, 53 Effektstärken mit 2323 Personen.
Warum der zweite Balken der wichtigere ist
In den meisten Bereichen dieser Website muss an dieser Stelle stehen, dass fast nur gegen Wartelisten verglichen wurde. Hier nicht. Der Vergleich mit einer anderen aktiven Behandlung fiel deutlich zugunsten der Vergebungsverfahren aus. Das ist der seltenere und aussagekräftigere Befund, auch wenn sein Vertrauensbereich breit ist.
Zusätzlich veränderten sich Depression, Angst und Hoffnung stärker als bei Unbehandelten. Eine zweite Auswertung, die 2018 erschien und ausschließlich randomisierte kontrollierte Studien berücksichtigte, kommt zu ähnlichen Zahlen.
Stress und Belastung
0,66
Vertrauensbereich 0,41 bis 0,91
Ärger und Feindseligkeit
0,49
Vertrauensbereich 0,22 bis 0,77
Depression
0,37
Vertrauensbereich 0,07 bis 0,68
Positive Stimmung
0,29
Vertrauensbereich 0,06 bis 0,52
| Merkmal | Wert in |
|---|---|
| Stress und Belastung | 0.66 |
| Ärger und Feindseligkeit | 0.49 |
| Depression | 0.37 |
| Positive Stimmung | 0.29 |
Quelle: Akhtar & Barlow 2018. Die Vorzeichen wurden für die Darstellung umgedreht, alle Werte bedeuten eine Verbesserung.
Der Befund zur Dosis
Interessanter als die Höhe der Effekte ist die Frage, wovon sie abhingen. Die Metaanalyse von 2014 prüfte mehrere mögliche Einflussgrößen und fand vier: die Menge der Behandlung, die Schwere der Verletzung, das verwendete Modell und die Form der Durchführung.
| Einflussgröße | Befund |
|---|---|
| Menge der Behandlung | Längere Verfahren führten zu mehr Veränderung, und zwar als eigenständiger Einfluss |
| Form der Durchführung | Einzelbehandlung wirkte stärker als Gruppenbehandlung |
| Verwendetes Modell | Die Unterschiede zwischen den Ansätzen verschwanden, sobald die anderen Einflüsse berücksichtigt wurden |
| Schwere der Verletzung | Im Vergleich mit anderen Behandlungen nur knapp bedeutsam |
Wer länger behandelt wird, verändert sich mehr. Dass die Unterschiede zwischen den konkurrierenden Vergebungsmodellen verschwanden, sobald man Dauer und Form herausrechnete, spricht nicht für ein bestimmtes Verfahren, sondern für die aufgewendete Zeit.
Das entwertet die Befunde nicht. Es verschiebt nur, was man daraus schließen darf: dass es hilft, sich anhaltend und angeleitet mit einer alten Verletzung zu befassen, und nicht, dass ein bestimmtes Sieben-Schritte-Modell überlegen wäre.
Die Gesundheitsversprechen
Bleibt die Behauptung, die in Ratgebern am häufigsten fällt: Groll mache körperlich krank, Vergebung mache gesund. 2019 erschien dazu die bislang größte Zusammenfassung mit 128 Studien und 58.531 Personen.
128
Studien zum Zusammenhang mit körperlicher Gesundheit
58.531
Personen darin
0,14
mittlere Korrelation, also ein kleiner Zusammenhang
0
gefundene Einflussgrößen, die daran etwas änderten
Ein Wert von 0,14 ist ein kleiner Zusammenhang. Zum Vergleich: Die Unsicherheitsintoleranz erreicht in vergleichbaren Auswertungen Werte um 0,5. Der Befund ist stabil, weil er über sehr viele Personen hinweg gilt und von keiner geprüften Einflussgröße verändert wurde. Er ist aber klein, und er stammt ausschließlich aus Zusammenhangsdaten.
Wer diese Forschung betreibt
Die Vergebungsforschung ist ein kleines Feld, und dieselben Namen tauchen als Modellentwickler und als Autoren der Wirksamkeitsnachweise auf. Der Mitautor dieser Gesundheitsmetaanalyse ist zugleich Urheber eines der beiden untersuchten Behandlungsmodelle und im Vorstand eines Instituts, das dieses Modell verbreitet. Auch die Metaanalyse von 2014 hat einen Modellentwickler unter ihren Autoren. Das ist in angewandter Forschung üblich und macht die Ergebnisse nicht falsch. Es ist aber ein Grund, bei euphorischen Formulierungen genauer hinzusehen.
Die dunkle Seite
2011 veröffentlichte ein amerikanischer Forscher eine Untersuchung, die in Vergebungsratgebern praktisch nie vorkommt. Sie begleitete frisch verheiratete Paare über die ersten vier Ehejahre und verband zwei Angaben miteinander: die Neigung eines Menschen, dem Partner zu vergeben, und die vom Partner selbst berichtete Aggression.
Das Ergebnis fiel eindeutig aus. Bei Menschen mit stärkerer Vergebungsneigung blieb die psychische und körperliche Aggression über die vier Jahre stabil. Bei Menschen mit geringerer Vergebungsneigung ging sie in derselben Zeit zurück.
Die dahinterliegende Überlegung
Ärger, Kritik und Rückzug sind unangenehme Folgen. Sie sind aber auch die Rückmeldung, an der sich ein Verhalten korrigiert. Wer sie zuverlässig ausräumt, nimmt dem Gegenüber genau den Anlass, etwas zu ändern. Vergebung ist in dieser Lesart kein rein innerer Vorgang, sondern eine Mitteilung, und sie wird auch als solche verstanden.
In dieselbe Richtung weist eine Untersuchung an Frauen, die Gewalt durch ihren Partner erlebt hatten. Sie fand, dass die Bindung an die Beziehung die Vergebung der Gewalt vorhersagte, und dass dieser Zusammenhang über das Verkleinern der Gewalt vermittelt wurde. Wer bleiben will, macht die Tat kleiner, und wer sie kleiner macht, vergibt eher.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Daraus folgt eine klare Grenze für diesen Artikel. Solange eine Verletzung andauert, ist Vergebung nicht der nächste Schritt. Bei fortgesetzter Gewalt oder Übergriffigkeit in einer bestehenden Beziehung ist der nächste Schritt Sicherheit, und dafür gibt es das bundesweite Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen unter 116 016, rund um die Uhr und kostenfrei. Vergebung kann später ein Thema werden. Vorher ist sie ein Risiko.
Wo sie ihren Platz hat
Damit ist die Sache aber nicht erledigt, denn dieselbe Forschungsrichtung zeigt auch das Gegenteil. Eine Interviewstudie mit 25 Frauen, die eine Gewaltbeziehung hinter sich gelassen hatten, zeichnete nach, welche Rolle Vergebung in ihrer Erholung spielte.
Beschrieben wird ein Verlauf in drei Abschnitten: zuerst die Rückgewinnung von Handlungs- und Entscheidungsmacht, dann eine Veränderung im Denken und Fühlen gegenüber dem früheren Partner, schließlich die Einordnung des Erlebten in das eigene Leben. Manche Frauen durchliefen die Abschnitte der Reihe nach, andere pendelten zwischen den ersten beiden hin und her.
Was diese Studie beitragen kann und was nicht
Es handelt sich um eine qualitative Arbeit mit 25 Teilnehmerinnen. Sie beweist nichts über Häufigkeiten oder Wirkungen. Ihr Beitrag ist die Reihenfolge, und die passt genau zu den Befunden aus dem vorigen Abschnitt: Die Rückgewinnung eigener Macht kam zuerst, die Vergebung danach. Umgekehrt funktioniert es offenbar nicht.
Was du tun kannst
Aus der Befundlage ergeben sich zwei Fragen vor jeder Übung und erst danach ein Vorgehen.
Die zwei Vorfragen
10 Minuten, einmalig- 1
Ist es vorbei?
Vergebung setzt voraus, dass die Verletzung abgeschlossen ist. Läuft sie weiter, ist die vorrangige Frage nicht, wie du damit umgehst, sondern wie sie aufhört. - 2
Vergebung oder Versöhnung?
Kläre für dich, worum es geht. Wer bloß seinen inneren Zustand verändern will, braucht die andere Seite nicht und schuldet ihr auch nichts. Wer eine Beziehung wiederherstellen will, braucht eine Veränderung dort, nicht nur bei sich.
Die vier Spalten
30 Minuten, verteilt auf mehrere Sitzungen- 1
Was ist passiert
Der Vorgang in nüchternen Sätzen, ohne Deutung und ohne Milderung. Beides verhindert den nächsten Schritt. - 2
Was es gekostet hat
Die Folgen für dich, bis heute. Diese Spalte ist der Teil, den Vergebungsübungen am häufigsten überspringen und den die geprüften Verfahren ausdrücklich enthalten. - 3
Was ich weiterhin tue
Womit hältst du die Sache am Laufen? Gedankliches Durchgehen, Gespräche darüber, das Vermeiden bestimmter Orte oder Menschen. Hier liegt der Teil, der dir gehört. - 4
Was ich davon lasse
Wähle einen einzigen Punkt aus der dritten Spalte und lass ihn eine Woche lang weg. Nicht die Bewertung der Tat ändert sich dabei, sondern dein Aufwand für sie.
Ein Satz, der die Trennung hält
„Ich muss das nicht mehr auf dem Tisch liegen lassen, und ich nehme es trotzdem nicht zurück.“ Damit ist beides gesagt: dass die Beschäftigung endet und dass die Bewertung bleibt. Wer die Bewertung mit aufgibt, betreibt nicht Vergebung, sondern Selbstumdeutung, und die kommt nach einiger Zeit zurück.
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Fazit
Vergebung gehört zu den besser belegten Themen dieser Rubrik. Die Verfahren wirken, und sie wirken sogar im Vergleich mit anderen Behandlungen, was in dieser Literatur selten geprüft und noch seltener bestanden wird.
Gleichzeitig sind zwei Einschränkungen ernst zu nehmen. Der stärkste Vorhersagewert lag bei der Dauer der Behandlung, nicht beim Modell. Und das viel zitierte Gesundheitsversprechen beruht auf einem kleinen, rein korrelativen Zusammenhang von 0,14.
Die wichtigste Einschränkung ist aber die dritte. Vergebungsbereitschaft sagte über vier Jahre hinweg fortgesetzte Aggression voraus. Was innen als Loslassen erlebt wird, kommt außen als Freibrief an. Deshalb steht am Anfang keine Übung, sondern eine Frage: Ist es vorbei? Erst wenn die Antwort ja lautet, ist alles Weitere sinnvoll.
Häufige Fragen
Wirkt Vergebungstherapie wirklich?
Ja, und das ist besser belegt als bei den meisten Themen dieser Art. Eine Metaanalyse von 2014 wertete 53 Effektstärken mit 2323 Personen aus. Die Teilnehmenden vergaben deutlich mehr als Unbehandelte und, was seltener geprüft wird, auch mehr als Personen in einer anderen Behandlung.
Hilft Vergebung auch gegen Depression und Ärger?
Eine Auswertung ausschließlich randomisierter Studien fand mittlere Effekte auf Stress und Belastung, auf Ärger und Feindseligkeit sowie kleinere auf Depression und positive Stimmung. Die Autorinnen bezeichnen das als mäßig starke Belege und fordern weitere Forschung.
Macht Vergebung körperlich gesünder?
Der Zusammenhang ist vorhanden, aber klein. Eine Metaanalyse über 128 Studien mit 58.531 Personen fand eine Korrelation von 0,14 zwischen Vergebung und körperlicher Gesundheit. Die Daten sind zudem korrelativ, die Autoren fordern selbst mehr Interventionsstudien zur Ursachenfrage.
Kann Vergebung auch schaden?
Ja, und dazu gibt es einen klaren Befund. Eine Längsschnittstudie an frisch verheirateten Paaren über vier Jahre fand: Bei Menschen, die eher zur Vergebung neigten, blieb die psychische und körperliche Aggression des Partners stabil. Bei weniger vergebungsbereiten Menschen ging sie in dieser Zeit zurück.
Ist Vergebung dasselbe wie Versöhnung?
Nein, und diese Unterscheidung ist der wichtigste Satz zum Thema. Vergebung betrifft die eigene innere Haltung gegenüber dem Geschehenen. Versöhnung betrifft die Wiederaufnahme einer Beziehung und setzt voraus, dass die andere Seite etwas ändert. Das eine ist ohne das andere möglich.
Was gilt bei Gewalt in der Partnerschaft?
Hier ist besondere Vorsicht angebracht. Eine Untersuchung an Frauen, die Gewalt durch den Partner erlebt hatten, fand, dass die Bindung an die Beziehung die Vergebung vorhersagte, vermittelt über das Verkleinern der Gewalt. Vergebung ist in solchen Lagen kein neutraler Vorgang, sondern kann Teil des Musters sein, das die Gewalt aufrechterhält.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Wade, N. G. et al. (2014): Efficacy of psychotherapeutic interventions to promote forgiveness: a meta-analysis. Journal of Consulting and Clinical Psychology. 53 Effektstärken mit 2323 Personen nach Behandlungsende, 41 mit 1716 Personen bei Nachuntersuchung
- 2
Akhtar, S. & Barlow, J. (2018): Forgiveness Therapy for the Promotion of Mental Well-Being: A Systematic Review and Meta-Analysis. Trauma, Violence, & Abuse. Auswertung ausschließlich randomisierter kontrollierter Studien mit Bewertung des Verzerrungsrisikos
- 3
Lee, Y. R. & Enright, R. D. (2019): A meta-analysis of the association between forgiveness of others and physical health. Psychology & Health. 128 Studien mit 58.531 Personen, ausschließlich Zusammenhangsdaten
- 4
McNulty, J. K. (2011): The dark side of forgiveness: the tendency to forgive predicts continued psychological and physical aggression in marriage. Personality and Social Psychology Bulletin. Längsschnittstudie an frisch verheirateten Paaren über die ersten vier Ehejahre
- 5
Gilbert, S. E. & Gordon, K. C. (2017): Predicting Forgiveness in Women Experiencing Intimate Partner Violence. Violence Against Women. Untersuchung der Frage, welche Faktoren Vergebung nach Partnergewalt vorhersagen
- 6
Wu, Q. et al. (2022): Process of forgiveness in the recovery of Chinese women survivors of intimate partner violence: Empowerment, transformation, and integration. Health & Social Care in the Community. Qualitative Interviewstudie mit 25 Frauen nach dem Ende der Gewaltbeziehung