
Auf einen Blick
Wer wissen will, was Resilienz ursprünglich bedeutet hat, muss in die Ökologie schauen. Dort ist der Begriff schärfer definiert als in der Psychologie, und zwar an genau der Stelle, an der die psychologische Verwendung unscharf ist.
- Der Begriff stammt aus der Ökologie und wurde 1973 eingeführt.
- Resilienz meint dort, wie viel Störung ein System verträgt, nicht wie schnell es zurückkehrt.
- Ein System kann in einen anderen dauerhaften Zustand kippen, aus dem es nicht zurückfindet.
- Verlangsamte Erholung nach kleinen Störungen gilt als Frühwarnsignal.
- Übertragbar sind drei Ideen: Vielfalt vor Wirkungsgrad, verlangsamte Erholung als Warnzeichen, und die Möglichkeit dauerhafter Zustandswechsel.
Woher der Begriff stammt
1973 veröffentlichte der kanadische Ökologe C. S. Holling einen Aufsatz über Widerstandsfähigkeit und Stabilität ökologischer Systeme. Sein Anliegen war eine Unterscheidung, die bis dahin nicht gemacht wurde. Bis dahin galt ein System als stabil, wenn es nach einer Störung schnell zum Ausgangszustand zurückkehrte.
Holling wies darauf hin, dass diese Betrachtung eine zweite Frage übergeht: Wie groß darf die Störung überhaupt sein, bevor das System nicht mehr zurückkehrt? Ein System kann sehr schnell zurückschwingen und trotzdem bei einer etwas größeren Störung endgültig kippen.
Stabilität fragt nach der Geschwindigkeit der Rückkehr. Resilienz fragt nach der Menge an Störung, die möglich ist, ohne dass das System etwas anderes wird.
Zwei Definitionen, die sich widersprechen
Aus dieser Unterscheidung sind zwei Resilienzbegriffe entstanden, die in der Fachliteratur bis heute nebeneinander verwendet werden und Verschiedenes meinen.
Ingenieurresilienz
- Wie schnell kehrt das System zum Ausgangszustand zurück?
- Setzt einen einzigen Gleichgewichtszustand voraus.
- Optimiert auf Effizienz und schnelle Rückkehr.
- Entspricht dem, was Alltagssprache unter Resilienz versteht.
Ökologische Resilienz
- Wie viel Störung verträgt das System, ohne zu kippen?
- Rechnet mit mehreren möglichen Dauerzuständen.
- Setzt auf Vielfalt und Redundanz statt auf Effizienz.
- Entspricht Hollings ursprünglicher Definition.
Der praktische Unterschied
Ein auf Effizienz optimiertes System ist im Sinne der ersten Definition gut und im Sinne der zweiten schlecht. Eine Lieferkette mit einem einzigen Zulieferer schwingt bei kleinen Störungen schnell zurück und bricht bei einer größeren zusammen. Wer Resilienz im ökologischen Sinn will, baut Doppelungen ein und nimmt dafür Ineffizienz in Kauf.
Regimewechsel und Kipppunkte
Der zweite große Beitrag der Ökologie ist die Beobachtung, dass Systeme nicht nur beschädigt werden, sondern in einen anderen dauerhaften Zustand übergehen können. Das klassische Beispiel ist ein Korallenriff, das nach einer Störung nicht wieder Riff wird, sondern zu einer Algenfläche und dort bleibt.
- 1
Belastung nimmt zu
Das System verträgt sie zunächst, sichtbar ändert sich wenig. Die Resilienz sinkt unbemerkt.
- 2
Erholung verlangsamt sich
Nach kleinen Störungen dauert die Rückkehr länger, die Schwankungen werden größer.
- 3
Schwelle wird überschritten
Eine oft kleine zusätzliche Störung genügt, und der Zustand kippt.
- 4
Neuer Zustand festigt sich
Der neue Zustand hat eigene stabilisierende Kräfte. Zurück geht es nicht einfach über den gleichen Weg.
Vereinfachte Darstellung. Der entscheidende Punkt ist der vierte: Nach dem Wechsel stabilisiert sich der neue Zustand selbst, und die Rückkehr verlangt mehr als das Zurücknehmen der ursprünglichen Störung.
1973
Jahr der Einführung des Begriffs
Holling
2009
Übersicht zu allgemeinen Frühwarnsignalen
Scheffer et al.
5
Erkenntnisse aus empirischen Untersuchungen abrupter Veränderungen
Turner et al. 2020
4
Fachgebiete mit vergleichbaren Kipppunkten: Ökologie, Klima, Finanzmärkte, Medizin
Eine Übersicht von 2020 fasst fünf Erkenntnisse aus der empirischen Forschung zu abrupten Veränderungen zusammen, und mehrere davon sind auch außerhalb der Ökologie aufschlussreich.
| Erkenntnis | Was das bedeutet |
|---|---|
| Systeme zeigen abrupte Veränderungen in manchen Dimensionen und in anderen nicht | Ein System kann in einem Bereich kippen und in einem anderen stabil bleiben |
| Extreme können wichtiger sein als Durchschnittswerte | Nicht die mittlere Belastung entscheidet, sondern die Spitzen |
| Meist wirken mehrere Antriebskräfte zusammen | Einzelursachen sind die Ausnahme, das Zusammentreffen die Regel |
| Vorgeschichte, Abfolge und räumlicher Zusammenhang zählen | Ökologisches Gedächtnis und die Reihenfolge der Störungen machen einen Unterschied |
| Kipppunkte sind oft, aber nicht immer beteiligt | Nicht jede abrupte Veränderung ist ein Regimewechsel |
Frühwarnsignale
Die praktisch interessanteste Frage lautet, ob sich ein bevorstehender Kipppunkt erkennen lässt. Eine viel beachtete Arbeit von 2009 hat dazu Erkenntnisse aus mehreren Fachgebieten zusammengetragen, von Ökosystemen über Finanzmärkte bis zum Klima.
Ihr Befund ist zweigeteilt und deshalb glaubwürdig. Die Vorhersage solcher Punkte ist äußerst schwierig. Zugleich zeichnen sich in verschiedenen Fachgebieten allgemeine Frühwarnsignale ab, die für eine breite Klasse von Systemen anzeigen können, dass sich eine kritische Schwelle nähert.
Das wichtigste Signal: verlangsamte Erholung
Nähert sich ein System einem Kipppunkt, braucht es nach kleinen Störungen länger, um zurückzufinden. Die Schwankungen werden dabei größer und ähneln einander stärker über die Zeit. Fachlich heißt das kritische Verlangsamung. Es ist das allgemeinste der beschriebenen Signale und dasjenige, das sich am ehesten übertragen lässt.
Was sich übertragen lässt
Die Übertragung ökologischer Begriffe auf Menschen ist eine Denkfigur und kein Nachweis. Drei Ideen sind trotzdem brauchbar, und die dritte ist unbequem.
Erstens: Vielfalt schlägt Wirkungsgrad
Im ökologischen Sinn resiliente Systeme sind selten die effizientesten. Sie haben Doppelungen, ungenutzte Kapazitäten und mehrere Wege zum selben Ergebnis. Übertragen heißt das: Ein Leben mit einer einzigen tragenden Säule ist effizient und wenig resilient. Wer alles auf die Arbeit setzt oder auf eine einzige Beziehung, hat kein zweites Standbein, wenn das erste wegbricht.
Zweitens: Verlangsamte Erholung ist ein Warnzeichen
Das ist die praktisch nützlichste Übertragung. Nicht die Höhe der Belastung ist das brauchbarste Warnsignal, sondern die Erholungsdauer. Wenn ein anstrengender Tag früher einen Abend zur Erholung brauchte und jetzt ein Wochenende, ist das ein Hinweis, auch wenn die Belastung gleich geblieben ist.
- Wie lange brauchst du nach einer anstrengenden Woche? Diese Zahl ist aussagekräftiger als die Zahl der Aufgaben.
- Schwanken deine Tage stärker als früher? Zunehmende Schwankungsbreite gehört zu den beschriebenen Signalen.
- Reagierst du auf Kleinigkeiten wie früher auf Großes? Auch das gehört zum Muster der verlangsamten Erholung.
Drittens: Manche Zustände sind keine Rückkehr wert
Der unbequeme Teil betrifft die Vorstellung, Resilienz bedeute Rückkehr zum Ausgangszustand. In der Ökologie ist das nicht immer wünschenswert. Wenn der Ausgangszustand die Bedingungen enthielt, die zur Störung geführt haben, ist ein Wechsel in einen anderen Zustand nicht das Scheitern, sondern die Lösung.
Der Punkt, an dem die Analogie unangenehm wird
Wer nach einem Zusammenbruch in dieselbe Arbeitssituation zurückkehrt, stellt genau die Bedingungen wieder her, die den Zusammenbruch erzeugt haben. Aus ökologischer Sicht wäre das keine Resilienz, sondern die Wiederherstellung eines Zustands mit geringer Resilienz. Der Wechsel in einen anderen Zustand kann die widerstandsfähigere Antwort sein.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Bei aller Nützlichkeit solcher Analogien: Menschen sind keine Ökosysteme, und Kipppunktmodelle lassen sich auf einzelne Lebensläufe nicht rechnerisch anwenden. Wer über Wochen erschöpft ist, sich nicht mehr erholt und den Alltag nicht mehr bewältigt, braucht ärztliche Abklärung und keine Systemtheorie.
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Ein weiterer Systembegriff und seine Grenzen.
Fazit
Die Ökologie hat den Begriff geliefert und ihn dabei schärfer gefasst, als er in der Psychologie verwendet wird. Resilienz ist dort nicht die Geschwindigkeit der Rückkehr, sondern die Menge an Störung, die möglich ist, ohne dass etwas anderes entsteht.
Zwei Ideen daraus sind für Menschen unmittelbar brauchbar. Vielfalt und Doppelungen schlagen Wirkungsgrad, wenn es um Belastbarkeit geht. Und die Erholungsdauer ist ein besseres Warnsignal als die Belastungshöhe.
Die dritte Idee ist die interessanteste und wird selten mitzitiert: Nicht jede Rückkehr zum Ausgangszustand ist erstrebenswert. Wenn der alte Zustand die Bedingungen enthielt, die zum Einbruch geführt haben, ist ein Wechsel keine Niederlage.
Häufige Fragen
Woher kommt der Resilienzbegriff?
Aus der Ökologie. Der kanadische Ökologe C. S. Holling hat ihn 1973 in einem Aufsatz über Widerstandsfähigkeit und Stabilität ökologischer Systeme eingeführt. Sein Anliegen war, zwei Dinge zu trennen, die vorher zusammen betrachtet wurden: wie schnell ein System zurückkehrt und wie viel Störung es überhaupt verträgt.
Was ist der Unterschied zwischen Stabilität und Resilienz?
Stabilität meint, wie schnell ein System nach einer Störung zum Ausgangszustand zurückkehrt. Resilienz meint, wie viel Störung es aufnehmen kann, ohne in einen anderen Zustand zu kippen. Ein sehr stabiles System kann zugleich wenig resilient sein: Es schwingt schnell zurück, verträgt aber wenig.
Was ist ein Regimewechsel?
Der Übergang in einen anderen dauerhaften Systemzustand. Ein klares Beispiel ist ein Korallenriff, das nach einer Störung nicht wieder zum Riff wird, sondern zu einer Algenfläche, und dort bleibt. Solche Übergänge sind oft schwer oder gar nicht rückgängig zu machen.
Kann man Kipppunkte vorhersagen?
Nur eingeschränkt. Eine viel beachtete Arbeit von 2009 hält fest, dass die Vorhersage solcher Punkte äußerst schwierig ist, dass sich aber in verschiedenen Fachgebieten allgemeine Frühwarnsignale abzeichnen, die für eine breite Klasse von Systemen anzeigen können, wenn eine Schwelle näher rückt.
Was ist ein solches Frühwarnsignal?
Das bekannteste ist die verlangsamte Erholung: Ein System, das sich einem Kipppunkt nähert, braucht nach kleinen Störungen länger, um zum Ausgangszustand zurückzufinden. Die Schwankungen werden zugleich größer und ähneln einander stärker über die Zeit.
Lässt sich das auf Menschen übertragen?
Mit Vorsicht und in drei Punkten: dass Vielfalt und Redundanz wichtiger sind als Wirkungsgrad, dass verlangsamte Erholung ein Warnzeichen ist, und dass es Zustände gibt, aus denen man nicht einfach zurückkehrt. Die Übertragung ist eine Denkfigur, kein Nachweis.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Holling, C. S. (1973): Resilience and Stability of Ecological Systems. Annual Review of Ecology and Systematics. Die Arbeit, in der der Resilienzbegriff eingeführt und von Stabilität abgegrenzt wurde
- 2
Scheffer, M. et al. (2009): Early-warning signals for critical transitions. Nature. Übersicht zu allgemeinen Frühwarnsignalen vor Kipppunkten, von Ökosystemen über Finanzmärkte bis zum Klima
- 3
Turner, M. G. et al. (2020): Climate change, ecosystems and abrupt change: science priorities. Philosophical Transactions of the Royal Society B. Fünf Erkenntnisse aus empirischen Untersuchungen abrupter Veränderungen in Ökosystemen
- 4
Ratajczak, Z. et al. (2018): Abrupt Change in Ecological Systems: Inference and Diagnosis. Trends in Ecology & Evolution. Methodische Einordnung, wie abrupte Veränderungen erkannt und belegt werden