
Auf einen Blick
Redundanz ist die naheliegende Antwort auf alles, was sich nicht vorhersagen lässt. Sie wirkt aber nicht schon dadurch, dass etwas doppelt vorhanden ist. Vier gut untersuchte Beispiele zeigen, woran es hängt.
- Doppeltes Prüfen bei der Medikamentengabe ist nicht ausreichend belegt.
- Die chirurgische Sicherheitscheckliste wirkt auf nahezu alle Größen, für die sie entworfen wurde.
- Bei Notfallteams entscheidet die verpflichtende Alarmierung, nicht die Besetzung.
- Personal ist die am besten belegte Form von Redundanz.
- Drei Bedingungen entscheiden: Unabhängigkeit, Verbindlichkeit, gezielte Gestaltung.
Drei Arten von Redundanz
Der Begriff stammt aus der Technik und beschreibt dort, dass eine Funktion mehrfach vorhanden ist, damit der Ausfall eines Teils den Betrieb nicht beendet. Übertragen auf Organisationen zerfällt er in drei sehr unterschiedliche Formen.
| Form | Beispiel | Beleglage |
|---|---|---|
| Doppelte Ausführung derselben Aufgabe | Zwei Personen prüfen dieselbe Medikamentendosis | Nicht ausreichend belegt |
| Zweiter, anders gebauter Prüfweg | Eine Checkliste zusätzlich zur fachlichen Beurteilung | Gut belegt für die vorgesehenen Zwecke |
| Vorgehaltene Reserve | Ein Notfallteam, eine höhere Personalbesetzung, ein Puffer im Lager | Gut belegt, wenn die Nutzung verbindlich ist |
Die erste Form ist die billigste und die einzige ohne tragfähige Belege. Das ist kein Zufall.
Der Fall doppeltes Prüfen
Das doppelte Prüfen bei der Medikamentengabe gilt in vielen Häusern als Standard, besonders bei risikoreichen Wirkstoffen. Eine systematische Übersicht hat geprüft, was das bringt, und fünf Datenbanken einschließlich grauer Literatur durchsucht.
13
eingeschlossene Studien
3
davon guter Qualität
1
mit bedeutsamem Zusammenhang
0
Studien zu Schaden
Es gibt nicht genügend Belege dafür, dass doppeltes gegenüber einfachem Prüfen der Medikamentengabe mit niedrigeren Fehlerraten oder weniger Schaden verbunden ist.
| Befund | Angabe |
|---|---|
| Studien guter Qualität mit bedeutsamem Zusammenhang | Eine von drei |
| Studien guter Qualität ohne Zusammenhang | Eine |
| Studien guter Qualität, die nur die Regeltreue berichteten | Eine |
| Berichtete Regeltreue | Zwischen 52 und 97 Prozent der Gaben |
| Studien, die unabhängiges von voreingenommenem Prüfen unterschieden | Drei von 13 |
| Studien zu medikamentenbezogenem Schaden | Keine |
Der Unterschied zwischen unabhängig und voreingenommen
Unabhängig heißt: Die zweite Person rechnet selbst, ohne zu wissen, was die erste herausbekommen hat. Voreingenommen heißt: Sie sieht das Ergebnis und bestätigt es. Praktisch geschieht fast immer das Zweite, weil es schneller ist. Damit ist die Redundanz aufgehoben, ohne dass es jemandem auffällt. Nur drei der 13 Studien haben überhaupt zwischen beidem unterschieden.
Die Autorengruppe fordert deshalb bessere Studien, um zu klären, in welchem Zusammenhang doppeltes Prüfen genug Nutzen bringt, um den erheblichen Aufwand zu rechtfertigen. Das ist ein deutlicher Satz für eine Maßnahme, die als Standard gilt.
Der Fall Checkliste
Der Gegenfall ist die chirurgische Sicherheitscheckliste. Eine Auswertung hat 20 systematische Übersichten dazu zusammengeführt, darin 24 eigenständige Kohortenstudien mit Vorher-Nachher-Daten zu 18 klinischen Zielgrößen.
| Zielgröße | Richtung |
|---|---|
| Sterblichkeit | Vorteil für die Checkliste |
| Erkrankungshäufigkeit | Vorteil |
| Wundinfektionen | Vorteil |
| Lungenentzündung | Vorteil |
| Ungeplante Rückkehr in den Operationssaal | Vorteil |
| Harnwegsinfektionen | Vorteil |
| Transfusionspflichtiger Blutverlust | Vorteil |
| Ungeplante Intubation | Vorteil |
| Blutvergiftung | Vorteil |
| Tiefe Venenthrombose | Kein Vorteil |
Die Checkliste wirkt positiv auf die Dinge, die sie ausdrücklich adressieren sollte, und wirkt nicht positiv auf Dinge, für die sie nicht ausdrücklich entworfen wurde.
- Das ist der Kern des ganzen Artikels. Die Checkliste ist ein zweiter, anders gebauter Prüfweg mit festgelegtem Inhalt. Sie prüft nicht dasselbe noch einmal, sondern etwas anderes.
- Der Nullbefund bei der Thrombose stützt den Befund. Eine Maßnahme, die alles verbessert, ist verdächtig. Eine, die genau das verbessert, worauf sie zielt, wirkt vermutlich tatsächlich.
- Die Einschränkung: Es handelt sich um Vorher-Nachher-Daten aus Beobachtungsstudien, nicht um randomisierte Vergleiche. In Krankenhäusern, die eine Checkliste einführen, verändert sich meist mehr als nur die Checkliste.
Der Fall Notfallteam
Die dritte Form ist die vorgehaltene Reserve. Ein Notfallteam, das bei Verschlechterung gerufen wird, ist vorgehaltene Kapazität in Reinform. Eine Übersicht hat 26 Arbeiten dazu ausgewertet, überwiegend Vorher-Nachher-Studien.
| Merkmal | Befund |
|---|---|
| Zusammensetzung des Teams | Kein Zusammenhang mit den Ergebnissen. Zehn Teams waren ärztlich geleitet, 13 von Pflegefachpersonen der Intensivpflege, drei von spezialisierten Pflegekräften |
| Eingespieltes Team | Bedeutsame Ergebnisse |
| Eigens dafür freigestellt | Bedeutsame Ergebnisse |
| Regelmäßige eigene Visiten | Bedeutsame Ergebnisse |
| Verpflichtende statt freiwillige Alarmierung | Bedeutsame Ergebnisse |
Wo diese Merkmale zutrafen, sanken Herz-Kreislauf-Stillstände außerhalb der Intensivstation, ungeplante Intensivverlegungen, Krankenhaussterblichkeit und Verweildauer, und die Zufriedenheit der Beschäftigten stieg.
Der Befund zur Alarmierung ist der wichtigste
Bei freiwilliger Alarmierung wurde nach Angabe der Übersicht die Sorge berichtet, eine unangemessene Alarmierung auszulösen. Genau diese Sorge macht eine vorgehaltene Reserve wertlos: Sie existiert, wird aber nicht gerufen. Verpflichtende Auslösekriterien nehmen die Entscheidung aus der Situation heraus.
Ein zweiter Punkt betrifft die Zeit. Die Übersicht hält fest, dass kurze Beobachtungszeiträume nach Einführung eines Teams die Wirksamkeit möglicherweise nicht abbilden, weil die Ergebnisse mit der Reife des Teams besser wurden. Eine neu eingerichtete Reserve nach drei Monaten zu bewerten führt also in die Irre.
Redundanz in Menschen
Die am besten belegte Form von Redundanz ist die unspektakulärste: mehr Personal als unbedingt nötig. Eine Übersicht hat ausschließlich Längsschnittstudien zugelassen und 27 Arbeiten eingeschlossen.
- Der Befund ist einheitlich: Eine höhere Besetzung mit examinierten Pflegekräften verhindert Todesfälle. Für andere Zielgrößen ist die Lage weniger klar, stützt aber insgesamt dieselbe Richtung.
- Nur drei der 27 Studien hatten ein niedriges Verzerrungsrisiko, zwölf ein ernsthaftes und fünf ein kritisches.
- Und der entscheidende Zusatz: Die Studien mit dem höchsten Verzerrungsrisiko unterschätzen den Effekt vermutlich. Schlechte Studienqualität spricht hier nicht gegen den Befund.
- Der Beitrag anderer Personalgruppen blieb unklar. Redundanz in Köpfen ist also nicht beliebig austauschbar gegen Redundanz in Stellen.
Drei Bedingungen
Aus den vier Fällen ergeben sich drei Bedingungen, unter denen Redundanz tatsächlich trägt. Sie lassen sich an jeder geplanten Maßnahme prüfen.
| Bedingung | Woran sie sich zeigt | Beleg |
|---|---|---|
| Unabhängigkeit | Der zweite Prüfweg kennt das Ergebnis des ersten nicht oder arbeitet anders | Doppeltes Prüfen scheitert genau daran |
| Verbindlichkeit | Die Nutzung ist an feste Kriterien gebunden, nicht an eine Einschätzung im Moment | Notfallteams mit verpflichtender Alarmierung |
| Gezielte Gestaltung | Die Maßnahme ist für einen bestimmten Fehlermodus entworfen | Checkliste wirkt auf Vorgesehenes, nicht auf Übriges |
Warum billige Redundanz meist scheinbar ist
Die drei Bedingungen kosten Geld: Unabhängigkeit kostet Zeit, Verbindlichkeit kostet Fehlalarme, gezielte Gestaltung kostet Analyse. Eine Redundanz, die keine dieser Kosten verursacht, hat vermutlich auch keine der Wirkungen.
Praktisch
Fragen an jede geplante Redundanz
- Sieht die zweite Instanz das Ergebnis der ersten? Wenn ja, ist es Bestätigung und keine Prüfung.
- Wann muss die Reserve gerufen werden? Wenn die Antwort lautet, wenn jemand es für nötig hält, wird sie zu selten gerufen.
- Für welchen Fehler ist die Maßnahme gebaut? Wenn keine Antwort kommt, wird sie vermutlich nichts verbessern.
- Was kostet sie? Eine Redundanz ohne Kosten ist eine Absichtserklärung. Das gilt für Zeit, für Fehlalarme und für Personal.
- Wie lange läuft sie schon? Bei Notfallteams verbesserten sich die Ergebnisse mit der Reife. Eine Bewertung nach wenigen Monaten sagt wenig.
Übertragung auf andere Bereiche
- Vertretungsregeln. Eine Vertretung, die im Notfall erst eingearbeitet werden muss, ist keine. Verbindlichkeit heißt hier: regelmäßig tatsächlich vertreten.
- Datensicherungen. Unabhängigkeit heißt getrennter Ort und getrenntes System, Verbindlichkeit heißt geplante Rückspielübungen.
- Zweitlieferanten. Ein Zweitlieferant, von dem nie bestellt wird, ist keine Redundanz, sondern eine Adresse.
- Personalpuffer. Die am besten belegte Form, und die einzige, die auch im Normalbetrieb Nutzen bringt.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Redundanz darf nicht zur Begründung dafür werden, an anderer Stelle zu sparen. Wenn ein Notfallteam eingerichtet und gleichzeitig die Regelbesetzung gesenkt wird, ist unter dem Strich weniger Kapazität vorhanden als vorher. Genau die Regelbesetzung ist die Form mit der besten Beleglage.
Passend dazu
Fazit
Vier gut untersuchte Beispiele ergeben ein klares Bild. Doppeltes Prüfen bei der Medikamentengabe ist nicht ausreichend belegt, unter drei Studien guter Qualität fand nur eine einen bedeutsamen Zusammenhang, und keine untersuchte den Schaden. Die Regeltreue schwankte zwischen 52 und 97 Prozent, und nur drei von 13 Studien unterschieden unabhängiges von bestätigendem Prüfen.
Die chirurgische Sicherheitscheckliste dagegen zeigte über 24 Kohortenstudien hinweg Vorteile bei nahezu allen Zielgrößen, für die sie entworfen wurde, und keinen bei der einen, für die sie nicht gedacht war. Bei Notfallteams war die Zusammensetzung bedeutungslos, entscheidend waren Einspielung, Freistellung, eigene Visiten und verpflichtende Alarmierung.
Daraus folgen drei Bedingungen: Unabhängigkeit, Verbindlichkeit und gezielte Gestaltung. Alle drei kosten etwas. Eine Redundanz, die nichts kostet, wirkt vermutlich auch nicht.
Häufige Fragen
Wirkt doppeltes Prüfen bei der Medikamentengabe?
Nicht belegt. Eine systematische Übersicht über 13 Studien fand unter drei Studien guter Qualität nur eine mit einem bedeutsamen Zusammenhang. Keine einzige Studie untersuchte, ob dadurch weniger Schaden entstand.
Woran liegt das?
Vermutlich an der Ausführung. Die berichtete Regeltreue lag zwischen 52 und 97 Prozent der Gaben, und nur drei der 13 Studien unterschieden überhaupt, ob unabhängig oder voreingenommen geprüft wurde.
Wirken Sicherheitschecklisten?
Ja, für das, wofür sie entworfen wurden. Eine Auswertung über 20 systematische Übersichten mit 24 Kohortenstudien fand für Sterblichkeit, Erkrankungshäufigkeit, Wundinfektionen, Lungenentzündung, Rückkehr in den Operationssaal, Harnwegsinfektionen, transfusionspflichtigen Blutverlust, ungeplante Intubation und Blutvergiftung einen Vorteil.
Wo half die Checkliste nicht?
Bei tiefen Venenthrombosen war sie die einzige untersuchte Größe ohne Vorteil. Die Autorengruppe fasst zusammen, dass die Checkliste dort wirkt, wofür sie ausdrücklich entworfen wurde, und dort nicht, wofür nicht.
Was entscheidet bei Notfallteams?
Nicht die Besetzung. Eine Übersicht über 26 Arbeiten fand keinen Zusammenhang zwischen der Zusammensetzung des Teams und den Ergebnissen. Bedeutsame Ergebnisse hatten Teams, die eingespielt waren, eigens dafür freigestellt, regelmäßig Visiten machten und verpflichtend gerufen werden mussten.
Ist Personal auch Redundanz?
Ja, und es ist die am besten belegte Form. Eine Übersicht über 27 Längsschnittstudien kommt zu einem einheitlichen Bild: Eine höhere Besetzung mit examinierten Pflegekräften verhindert Todesfälle.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Koyama, A. K. et al. (2020): Effectiveness of double checking to reduce medication administration errors: a systematic review. BMJ Quality & Safety. 13 eingeschlossene Studien, davon zehn Beobachtungsstudien, zwei randomisierte Studien und eine randomisierte Studie im Simulationsumfeld
- 2
Sotto, K. T., Burian, B. K. & Brindle, M. E. (2021): Impact of the WHO Surgical Safety Checklist Relative to Its Design and Intended Use: A Systematic Review and Meta-Meta-Analysis. Journal of the American College of Surgeons. 20 systematische Übersichten mit 24 eigenständigen Kohortenstudien und Vorher-Nachher-Daten zu 18 klinischen Zielgrößen
- 3
Daniele, R. M. et al. (2011): Rapid response team composition effects on outcomes for adult hospitalised patients: A systematic review. JBI Library of Systematic Reviews. 26 eingeschlossene Arbeiten, überwiegend quasiexperimentelle Vorher-Nachher-Studien
- 4
Dall'Ora, C. et al. (2022): Nurse staffing levels and patient outcomes: A systematic review of longitudinal studies. International Journal of Nursing Studies. 27 eingeschlossene Längsschnittarbeiten, Verzerrungsrisiko mit ROBINS-I bewertet