
Auf einen Blick
Der wichtigste Beitrag dieses Modells ist eine Umdeutung: Hoffnung ist kein Zustand, der einen überkommt, sondern eine Fähigkeit mit zwei Bestandteilen. Damit wird sie überprüfbar und ansprechbar.
- Hoffnung besteht im Fachmodell aus zwei Teilen: Zielenergie und Wegedenken.
- Beide Teile zusammen ergeben Hoffnung, einer allein nicht.
- Der Unterschied zum Optimismus: Hoffnung verlangt konkrete Wege und eigene Beteiligung.
- Hoffnungsförderung wirkt in einer Metaanalyse mit kleinen, aber messbaren Effekten.
- Einzelne Risikofaktoren, auch Hoffnungslosigkeit, sagen Suizidalität kaum besser als der Zufall vorher.
Die Definition
Das verbreitetste Modell der Hoffnung stammt aus der Motivationsforschung und definiert sie als zielgerichtetes Denken mit zwei Bestandteilen. Der eine betrifft die Energie, ein Ziel zu verfolgen, der andere die Fähigkeit, Wege dorthin zu finden.
Hoffnung ist die wahrgenommene Fähigkeit, Wege zu erwünschten Zielen zu finden, verbunden mit der Motivation, diese Wege auch zu gehen.
Diese Definition unterscheidet sich vom Alltagsgebrauch an einer entscheidenden Stelle. Alltäglich hofft man auf etwas, das andere oder das Schicksal herbeiführen. Im Fachsinne ist Hoffnung ohne eigene Beteiligung nicht denkbar.
Die zwei Teile
| Bestandteil | Was er leistet | Wie sich sein Fehlen äußert |
|---|---|---|
| Zielenergie | Das Zutrauen, ein Ziel anzugehen und dranzubleiben | Ich weiß, was ich tun müsste, aber ich bringe es nicht auf |
| Wegedenken | Wege zum Ziel finden und bei Blockaden Alternativen entwickeln | Ich würde ja gern, aber es gibt keinen Weg |
Ungeduldiges Anrennen
Viel Energie, keine gangbaren Wege. Führt zu wiederholtem Scheitern am selben Hindernis und zu Erschöpfung.
Hoffnung
Beide Teile vorhanden. Ziel, Weg, Ersatzweg und die Energie, loszugehen.
Aufgeben
Weder Energie noch Wege. Der Zustand, den man umgangssprachlich Hoffnungslosigkeit nennt.
Wissen ohne Antrieb
Der Weg ist klar, die Energie fehlt. Typisch bei Erschöpfung und depressiven Zuständen.
Erst beide Teile zusammen ergeben Hoffnung im Fachsinne. Die beiden Zwischenfelder erklären, warum gutgemeinte Ermutigung so oft ins Leere geht: Sie spricht meist den falschen Teil an.
Warum diese Aufteilung praktisch nützlich ist
Sie sagt, welche Hilfe passt. Wer keine Wege sieht, braucht Informationen, Beispiele, Aufteilung in Teilschritte oder konkrete Beratung. Wer keine Energie hat, braucht kleine Erfolgserlebnisse und Entlastung. Ermutigende Worte helfen im ersten Fall gar nicht und im zweiten nur begrenzt.
Abgrenzung zu Optimismus
Hoffnung und Optimismus werden häufig gleichgesetzt und meinen Verschiedenes. Optimismus ist eine allgemeine Erwartungshaltung: Es wird schon gut ausgehen. Wie es gut ausgeht und wer dazu beiträgt, bleibt offen.
Hoffnung im Fachsinne verlangt beides: einen Weg und die eigene Rolle darin. Deshalb ist sie näher an der Selbstwirksamkeit als am Optimismus, und deshalb lässt sie sich auch gezielter ansprechen.
| Begriff | Kernaussage | Eigene Beteiligung nötig? |
|---|---|---|
| Optimismus | Es wird gut ausgehen | Nein |
| Selbstwirksamkeit | Ich kann diese bestimmte Sache bewältigen | Ja, bezogen auf eine Aufgabe |
| Hoffnung | Es gibt Wege dorthin, und ich kann sie gehen | Ja, bezogen auf Ziel und Weg |
Lässt sich Hoffnung fördern?
365
Studien in der Auswertung zu Suizidrisikofaktoren
Franklin et al. 2017
3428
ausgewertete Effektstärken darin
50
Jahre abgedeckter Forschung
~10
Jahre durchschnittliche Studiendauer
Zur Frage, ob sich Hoffnung gezielt fördern lässt, liegt eine Auswertung von Verfahren aus klinischen und gemeindenahen Zusammenhängen vor. Sie fand kleine, aber messbare Effekte auf die Hoffnung selbst, auf die Lebenszufriedenheit und auf seelische Belastung.
Diese bescheidene Größenordnung ist typisch für kurze psychologische Verfahren und sollte nicht überraschen. Interessanter ist, dass Hoffnung inzwischen auch als Zielgröße in klinischen Studien auftaucht. Eine Metaanalyse randomisierter Studien zu einem Verfahren für schwerkranke Menschen erhebt Hoffnung ausdrücklich neben Lebensqualität, Ängstlichkeit und Niedergeschlagenheit.
Was das über den Begriff aussagt
Dass Hoffnung in klinischen Studien als eigene Zielgröße geführt wird, ist ein Zeichen dafür, dass sie als etwas Eigenständiges behandelt wird und nicht als Nebenprodukt besserer Stimmung. Für einen Begriff aus dem Alltagswortschatz ist das ungewöhnlich.
Die Kehrseite
Hoffnungslosigkeit gilt seit Jahrzehnten als Warnzeichen für Suizidalität und wird in vielen Einschätzungsbögen abgefragt. Eine umfangreiche Auswertung hat geprüft, wie gut Risikofaktoren dieser Art tatsächlich vorhersagen.
Einbezogen wurden 365 Studien mit 3428 Effektstärken aus 50 Jahren Forschung, in denen Risikofaktoren längsschnittlich ein suizidbezogenes Ergebnis vorhersagen sollten. Die Befunde fielen ernüchternd aus.
| Befund | Bedeutung |
|---|---|
| Vorhersage nur wenig besser als der Zufall | Und zwar über alle geprüften Ergebnismaße hinweg |
| Keine Kategorie sagte deutlich besser vorher | Weder breite Kategorien noch einzelne Unterkategorien |
| Keine Verbesserung über 50 Jahre | Die Vorhersagegüte hat sich im Verlauf der Forschung nicht erhöht |
| Kombinationen kaum untersucht | Studien prüften fast immer einzelne Faktoren statt ihres Zusammenwirkens |
| Längere Studien halfen nicht | Auch bei durchschnittlich knapp zehn Jahren Beobachtung blieb die Vorhersage schwach |
Was daraus folgt und was nicht
Daraus folgt nicht, dass Hoffnungslosigkeit belanglos wäre. Es folgt, dass sich aus einzelnen Merkmalen keine verlässliche Vorhersage bauen lässt. Für die Praxis heißt das: weniger Vertrauen in Punktwerte auf Checklisten, mehr Gewicht auf das Gespräch, auf Veränderungen im Verhalten und auf die direkte Frage.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Wenn du selbst oder jemand in deinem Umfeld keinen Ausweg mehr sieht oder an Suizid denkt, wende dich an die Telefonseelsorge unter 0800 1110111 oder 0800 1110222, rund um die Uhr und kostenfrei, oder in akuten Fällen an den Notruf 112. Diese Gedanken sind behandelbar und kein Zeichen von Schwäche.
Praktische Anwendung
Den fehlenden Teil bestimmen
15 Minuten, bei einem festgefahrenen Vorhaben- 1
Das Ziel in einem Satz aufschreiben
Konkret und überprüfbar. Nicht: zufriedener sein. Sondern: bis Ende des Quartals drei Bewerbungen abgeschickt haben. - 2
Prüfen, welcher Teil fehlt
Zwei Fragen: Weiß ich, wie es ginge? Und: Habe ich die Kraft dafür? Wenn du die erste mit Nein beantwortest, fehlt das Wegedenken. Wenn die zweite, die Zielenergie. - 3
Bei fehlenden Wegen: drei Wege aufschreiben
Auch schlechte. Es geht nicht darum, den besten zu finden, sondern darum, dass es mehr als einen gibt. Der zweite und dritte Weg sind der eigentliche Zweck der Übung. - 4
Bei fehlender Energie: den Schritt kleiner machen
So klein, dass er heute möglich ist. Zielenergie entsteht aus Erfahrung von Wirksamkeit, und die entsteht nur, wenn etwas gelingt. - 5
Ein Hindernis vorwegnehmen
Was wird dazwischenkommen, und was ist dann der Ersatzweg? Das Wegedenken ist im Modell ausdrücklich die Fähigkeit, bei Blockaden Alternativen zu finden.
- Ermutigung trifft oft den falschen Teil. Wer keine Wege sieht, braucht keine Aufmunterung, sondern eine Idee.
- Beispiele wirken stärker als Zusprüche. Jemand, der es geschafft hat, liefert einen Weg und ein Beispiel für Wirksamkeit zugleich.
- Mehrere Wege sind wichtiger als der beste Weg. Genau darin unterscheidet sich das Modell von einfacher Zielplanung.
Passend dazu
Fazit
Die nützlichste Leistung dieses Modells ist die Zerlegung. Hoffnung ist kein Zustand, sondern die Verbindung aus Zielenergie und Wegedenken, und wenn Hoffnung fehlt, fehlt in der Regel einer der beiden Teile und nicht beide.
Damit wird aus einer schwer greifbaren Sache eine Frage mit einer Antwort. Wer keine Wege sieht, braucht Ideen und Beispiele. Wer keine Kraft hat, braucht kleinere Schritte und Entlastung. Gutgemeinte Ermutigung trifft meistens keines von beidem.
Bei der Kehrseite ist Zurückhaltung angebracht. Hoffnungslosigkeit ist ein ernstes Signal, taugt aber nach der bislang umfangreichsten Auswertung nicht als verlässlicher Vorhersagewert. Das spricht für Gespräche und gegen Punktwerte.
Häufige Fragen
Was ist Hoffnung in der Psychologie?
Nach dem verbreitetsten Modell besteht Hoffnung aus zwei Teilen: der Zielenergie, also dem Zutrauen, ein Ziel auch verfolgen zu können, und dem Wegedenken, also der Fähigkeit, Wege zu einem Ziel zu finden und bei Blockaden Alternativen zu entwickeln. Beide Teile zusammen ergeben Hoffnung, einer allein nicht.
Was unterscheidet Hoffnung von Optimismus?
Optimismus ist die allgemeine Erwartung, dass die Dinge gut ausgehen, unabhängig davon, wie. Hoffnung im psychologischen Sinn verlangt konkrete Wege und eigene Beteiligung. Wer optimistisch ist, erwartet ein gutes Ende. Wer hoffnungsvoll im Fachsinne ist, hat einen Plan und einen Ersatzplan.
Lässt sich Hoffnung fördern?
Eine Metaanalyse zu Verfahren der Hoffnungsförderung in klinischen und gemeindenahen Zusammenhängen fand kleine, aber messbare Effekte auf Hoffnung, Lebenszufriedenheit und seelische Belastung. Die Effekte fielen bescheiden aus, was für kurze Verfahren dieser Art dem üblichen Bild entspricht.
Was hilft am ehesten, wenn die Hoffnung fehlt?
Nach dem Modell hängt es davon ab, welcher Teil fehlt. Fehlen die Wege, hilft alles, was Handlungsmöglichkeiten sichtbar macht: Aufteilen in Teilschritte, Beispiele anderer, konkrete Beratung. Fehlt die Zielenergie, hilft Erfahrung von Wirksamkeit im Kleinen. Beides braucht unterschiedliche Ansätze.
Ist Hoffnungslosigkeit ein guter Vorhersagefaktor für Suizidalität?
Schwächer als lange angenommen. Eine Auswertung von 365 Studien aus 50 Jahren mit 3428 Effektstärken fand, dass die Vorhersage suizidaler Gedanken und Verhaltensweisen über alle geprüften Risikofaktoren hinweg nur wenig besser als der Zufall ausfiel. Keine Kategorie und keine Unterkategorie sagte deutlich besser vorher.
Heißt das, Hoffnungslosigkeit ist unwichtig?
Nein. Sie bleibt ein ernst zu nehmendes Signal im Einzelfall und ein Grund, nachzufragen und Hilfe zu holen. Was die Auswertung zeigt, ist etwas anderes: Aus einzelnen Risikomerkmalen lässt sich nicht zuverlässig vorhersagen, wer gefährdet ist. Das ist ein Argument gegen Checklisten, nicht gegen Aufmerksamkeit.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Snyder, C. R. (2002): TARGET ARTICLE: Hope Theory: Rainbows in the Mind. Psychological Inquiry. Die maßgebliche Darstellung des Zwei-Komponenten-Modells der Hoffnung
- 2
Weis, R. & Speridakos, E. C. (2011): A Meta-Analysis of hope enhancement strategies in clinical and community settings. Psychology of Well-Being. Auswertung von Verfahren zur Hoffnungsförderung mit Wirkung auf Hoffnung, Lebenszufriedenheit und Belastung
- 3
Franklin, J. C. et al. (2017): Risk factors for suicidal thoughts and behaviors: A meta-analysis of 50 years of research. Psychological Bulletin. 365 Studien mit 3428 Effektstärken, mit ernüchterndem Befund zur Vorhersagekraft einzelner Risikofaktoren
- 4
Zhang, Y. et al. (2022): The effectiveness of dignity therapy on hope, quality of life, anxiety, and depression in cancer patients: A meta-analysis of randomized controlled trials. International Journal of Nursing Studies. Beispiel eines Verfahrens, das Hoffnung als eigene Zielgröße erhebt