
Auf einen Blick
Diese Einwände stammen nicht von Gegnern des Konzepts, sondern überwiegend aus der Resilienzforschung selbst. Genau das macht sie belastbar.
- 19 Resilienzfragebögen geprüft, keiner vollständig dokumentiert, kein Goldstandard.
- Von 77 Verlaufsstudien setzten 86 Prozent gleiche Streuungen voraus, 68 Prozent nahmen gleiche Veränderungsraten an.
- 82 Prozent stuften Menschen anhand einer einzigen Zielgröße als resilient ein.
- Bei Eltern nach dem Tod eines Kindes waren nur 5 Prozent über alle fünf Zielgrößen hinweg resilient.
- Resilienztrainings wirken mit mittlerem Effekt, ein Teil der Forschung stammt von Anbietern.
Erstens: das Messproblem
Wer über Resilienz forscht, muss sie messen. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Fragebögen, und eine methodische Durchsicht hat 19 davon nach denselben Kriterien bewertet, darunter vier Überarbeitungen bestehender Verfahren.
- Bei allen fehlten Angaben. Kein einziges Verfahren war hinsichtlich seiner Messeigenschaften vollständig dokumentiert.
- Kein Goldstandard. Die Autorinnen und Autoren halten ausdrücklich fest, dass sich unter den geprüften Verfahren keines als Maßstab ausweisen ließ.
- Begriffliche Angemessenheit teils fraglich. Bei mehreren Verfahren war zweifelhaft, ob sie überhaupt erfassen, was sie zu erfassen vorgeben.
- Drei Verfahren schnitten am besten ab und brauchen laut Durchsicht trotzdem weitere Überprüfung.
Wenn zwei Studien unterschiedliche Fragebögen benutzen, messen sie nicht notwendigerweise dasselbe. Zahlen aus verschiedenen Resilienzstudien lassen sich deshalb nur eingeschränkt nebeneinanderstellen.
Zweitens: das Methodenproblem
Der bekannteste Satz der Resilienzforschung lautet, Resilienz sei nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Er stammt aus Studien, die Menschen über mehrere Zeitpunkte begleiten und ihre Verläufe zu Gruppen zusammenfassen. Dieses Verfahren hat Annahmen, und die sind geprüft worden.
77
ausgewertete Studien zu Resilienzverläufen
Infurna & Luthar 2018
86 %
setzten gleiche Streuungen über alle Verläufe voraus
68 %
nahmen an, dass sich das Ausmaß der Veränderung nicht unterscheidet
82 %
stuften Resilienz anhand einer einzigen Zielgröße ein
Gleiche Streuungen über alle Verläufe angenommen
86 %
Die folgenreichste Annahme. Sie begünstigt eine große, gut abgegrenzte resiliente Gruppe.
Resilienz anhand einer einzigen Zielgröße bestimmt
82 %
Wer bei einem Maß gut abschneidet, gilt als resilient, auch wenn andere Bereiche einbrechen.
Keine Unterschiede im Ausmaß der Veränderung angenommen
68 %
Setzt voraus, dass alle Menschen sich gleich schnell verändern.
| Merkmal | Wert in % |
|---|---|
| Gleiche Streuungen über alle Verläufe angenommen | 86 % |
| Resilienz anhand einer einzigen Zielgröße bestimmt | 82 % |
| Keine Unterschiede im Ausmaß der Veränderung angenommen | 68 % |
Anteil der 77 geprüften Studien, die die jeweilige Annahme trafen. In der Minderheit der Studien ohne diese Annahmen, besonders ohne die Annahme gleicher Streuungen, gehörte die resiliente Gruppe zu den kleinsten. Quelle: Infurna und Luthar 2018.
Der entscheidende Satz
In der Minderheit der Studien, in denen diese Annahmen nicht getroffen wurden, gehörte die resiliente Gruppe zu den kleinsten. Die Aussage, Resilienz sei die Regel, hängt also wesentlich an einer Auswertungsentscheidung und nicht nur an den Daten.
Warum die Einzelmessung besonders täuscht
Dieselbe Arbeitsgruppe hat das an einem der härtesten denkbaren Fälle geprüft: 461 Eltern aus einer Längsschnitterhebung, die den Tod eines Kindes erlebt hatten. Ausgewertet wurden fünf Zielgrößen getrennt.
| Zielgröße | Anteil resilienter Verläufe |
|---|---|
| Negatives Gefühlserleben | 56 Prozent |
| Lebenszufriedenheit | 44 Prozent |
| Allgemeine Gesundheit | 32 Prozent |
| Positives Gefühlserleben | 21 Prozent |
| Körperliche Funktionsfähigkeit | 16 Prozent |
| Über alle fünf Größen hinweg resilient | 5 Prozent |
| In keiner der fünf Größen resilient | 28 Prozent |
Je nachdem, welche Größe man betrachtet, ist etwas mehr als die Hälfte oder knapp ein Sechstel der Eltern resilient. Über alle Größen hinweg sind es 5 Prozent. Die Autoren ziehen daraus den naheliegenden Schluss: Resilienz ist keine eindimensionale Eigenschaft, und eine pauschale Einstufung als resilient sagt wenig.
Drittens: das Interessenproblem
Resilienztraining ist ein Markt. Das ist für sich genommen kein Vorwurf, verlangt aber dieselbe Aufmerksamkeit wie bei jedem anderen Anbieterfeld.
Eine Metaanalyse von 2018 hat 17 Studien eingeschlossen und elf randomisierte in die Berechnung aufgenommen. Sie fand einen mittleren positiven Effekt von 0,44 auf die individuelle Resilienz. Untergruppenanalysen sprachen dafür, dass verhaltenstherapeutische, achtsamkeitsbasierte und gemischte Programme wirken.
Der Blick auf die Offenlegung
In der Interessenerklärung derselben Arbeit steht, dass zwei der Autoren mit einem Unternehmen verbunden sind, das Resilienztraining anbietet, und dass zwei für eine Einrichtung arbeiten, die Resilienztrainings für andere Organisationen durchführt. Das ist vorbildlich offengelegt und sollte beim Lesen der Effektstärke mitlaufen. Es macht das Ergebnis nicht falsch, aber es ist ein Feld, in dem unabhängige Wiederholungen besonders wichtig sind.
Ein zweiter Punkt betrifft die Zielgröße. Gemessen wurde individuelle Resilienz, also überwiegend Fragebogenwerte. Angesichts des Messproblems aus dem ersten Abschnitt heißt das: Ein Resilienztraining verbessert nachweislich die Werte in Resilienzfragebögen. Was das für Belastungssituationen im Leben bedeutet, ist eine andere Frage.
Viertens: das politische Problem
Der bekannteste Einwand lautet, der Begriff verlagere die Verantwortung für Belastung von den Verhältnissen auf den Einzelnen. Wer unter zu großer Arbeitslast leidet, bekommt ein Resilienztraining statt einer zusätzlichen Stelle.
Dieser Einwand wird oft als politische Meinung abgetan. Er lässt sich aber fachlich stützen. Eine Cochrane-Übersicht hat Maßnahmen zur Unterstützung von Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialwesen während Krankheitsausbrüchen ausgewertet, mit 16 eingeschlossenen Studien aus SARS-, Ebola-, MERS- und COVID-19-Ausbrüchen.
| Punkt | Befund |
|---|---|
| Evidenzlage | Es fehlt sowohl an quantitativer als auch an qualitativer Evidenz, um die Auswahl wirksamer Maßnahmen anzuleiten |
| Untersuchte Maßnahmen | Sechs Studien zu betrieblichen Maßnahmen, acht zu psychologischer Unterstützung, zwei zu kombinierten Ansätzen |
| Empfehlung zur Auswahl | Organisatorische, soziale, persönliche und psychologische Faktoren können alle bedeutsam sein |
| Forschungsbedarf | Die Bestimmung der Wirksamkeit wird als hohe Priorität benannt |
Die sachliche Fassung des Einwands
Wenn organisatorische Faktoren ausdrücklich als eine von vier bedeutsamen Ebenen genannt werden, dann greift ein Ansatz zu kurz, der ausschließlich beim Einzelnen ansetzt. Das ist kein politisches Argument, sondern eine Frage der Vollständigkeit. Ein Resilienztraining in einer unterbesetzten Abteilung bearbeitet eine von vier Ebenen und lässt die anderen drei unberührt.
Was trotzdem bleibt
Vier ernst zu nehmende Einwände, und trotzdem bleibt der Gegenstand. Es lohnt sich, genau zu trennen, was die Kritik trifft und was nicht.
| Behauptung | Status |
|---|---|
| Menschen kommen unter vergleichbarer Belastung sehr unterschiedlich zurecht | Unbestritten. Das ist der Ausgangsbefund der gesamten Forschung |
| Bestimmte Bedingungen begünstigen ein gutes Zurechtkommen | Gut belegt, etwa für soziale Einbindung und verlässliche Bezugspersonen |
| Resilienz ist die Regel und nicht die Ausnahme | Fraglich. Hängt wesentlich an Auswertungsannahmen und an der Wahl der Zielgröße |
| Resilienz lässt sich zuverlässig messen | Nicht gedeckt. Kein Goldstandard unter 19 geprüften Verfahren |
| Resilienz lässt sich in einem Kurs trainieren | Teilweise. Belegt ist eine Verbesserung von Fragebogenwerten |
| Wer widerstandsfähig genug ist, kommt mit jeder Belastung zurecht | Nicht gedeckt und in dieser Form schädlich |
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Fazit
Die vier Einwände wiegen unterschiedlich schwer. Am schwersten wiegt das Methodenproblem, weil es die bekannteste Aussage der Resilienzforschung betrifft: In der Minderheit der Studien ohne die kritischen Auswertungsannahmen gehörte die resiliente Gruppe zu den kleinsten.
Am folgenreichsten für den Alltag ist die Erkenntnis, dass Resilienz keine eindimensionale Eigenschaft ist. Wer nach dem Tod eines Kindes seine Lebenszufriedenheit wiederfindet und körperlich einbricht, ist weder resilient noch nicht resilient. Er ist beides, in verschiedenen Bereichen.
Was bleibt, ist ein brauchbarer Begriff mit einem engeren Anspruch. Menschen kommen verschieden zurecht, bestimmte Bedingungen helfen dabei, und ein Teil dieser Bedingungen liegt außerhalb der Person. Wer mehr behauptet, geht über die Datenlage hinaus.
Häufige Fragen
Was ist der stärkste Einwand gegen den Resilienzbegriff?
Das Messproblem. Eine methodische Durchsicht von 19 Resilienzfragebögen fand bei allen fehlende Angaben zu den Messeigenschaften und stellte bei mehreren die begriffliche Angemessenheit infrage. Die Autorinnen und Autoren halten fest, dass sich kein Goldstandard finden ließ. Ohne einheitliches Maß sind Zahlen aus verschiedenen Studien nur eingeschränkt vergleichbar.
Stimmt es, dass Resilienz die Regel und nicht die Ausnahme ist?
Diese verbreitete Aussage beruht auf einer bestimmten Auswertungsmethode, deren Annahmen geprüft worden sind. Von 77 einschlägigen Studien setzten 86 Prozent gleiche Streuungen über alle Verläufe voraus und 68 Prozent nahmen an, dass sich das Ausmaß der Veränderung zwischen Personen nicht unterscheidet. Wo diese Annahmen nicht gemacht wurden, gehörte die resiliente Gruppe zu den kleinsten.
Was ist mit der Einzelmessung gemeint?
Dass 82 Prozent der geprüften Studien jemanden anhand einer einzigen Zielgröße als resilient einstuften. Eine Untersuchung an 461 Eltern nach dem Tod eines Kindes zeigt, warum das problematisch ist: Je nach Zielgröße lag der Anteil resilienter Verläufe zwischen 16 und 56 Prozent, aber nur 5 Prozent waren über alle fünf Größen hinweg resilient.
Wirken Resilienztrainings?
Eine Metaanalyse über elf randomisierte Studien fand einen mittleren positiven Effekt von 0,44 auf die individuelle Resilienz, am ehesten bei Programmen mit verhaltenstherapeutischen und achtsamkeitsbasierten Bestandteilen. Zwei der Autoren sind laut Offenlegung mit einem Anbieter von Resilienztraining verbunden. Das entwertet den Befund nicht, gehört aber zur Einordnung.
Verlagert der Begriff Verantwortung auf den Einzelnen?
Dieser Einwand ist nicht nur politisch, sondern lässt sich auch fachlich stützen. Eine Cochrane-Übersicht zu Maßnahmen für Beschäftigte im Gesundheitswesen während Epidemien fand keine ausreichende Evidenz für einzelne Maßnahmen und hält fest, dass organisatorische, soziale, persönliche und psychologische Faktoren gleichermaßen bedeutsam sein können. Wer nur beim Individuum ansetzt, lässt drei von vier Ebenen aus.
Ist der Begriff damit unbrauchbar?
Nein. Er beschreibt einen realen und wichtigen Gegenstand: dass Menschen unter vergleichbarer Belastung sehr unterschiedlich zurechtkommen. Was die Kritik erledigt, sind die starken Behauptungen: dass Resilienz die Regel sei, dass man sie zuverlässig messen könne und dass sie sich in acht Wochen trainieren lasse.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Windle, G., Bennett, K. M. & Noyes, J. (2011): A methodological review of resilience measurement scales. Health and Quality of Life Outcomes. Bewertung von 19 Resilienzfragebögen nach ihren psychometrischen Eigenschaften
- 2
Infurna, F. J. & Luthar, S. S. (2018): Re-evaluating the notion that resilience is commonplace: A review and distillation of directions for future research, practice, and policy. Clinical Psychology Review. Prüfung der methodischen Annahmen in 77 Studien zu Resilienzverläufen im Erwachsenenalter
- 3
Infurna, F. J. & Luthar, S. S. (2017): Parents’ adjustment following the death of their child: Resilience is multidimensional and differs across outcomes examined. Journal of Research in Personality. 461 Eltern aus einer Längsschnitterhebung, ausgewertet über fünf verschiedene Zielgrößen
- 4
Joyce, S. et al. (2018): Road to resilience: a systematic review and meta-analysis of resilience training programmes and interventions. BMJ Open. 17 eingeschlossene Studien, elf randomisierte in der zusammenfassenden Berechnung, mit Offenlegung von Interessenkonflikten
- 5
Pollock, A. et al. (2020): Interventions to support the resilience and mental health of frontline health and social care professionals during and after a disease outbreak, epidemic or pandemic: a mixed methods systematic review. Cochrane Database of Systematic Reviews. 16 eingeschlossene Studien aus SARS-, Ebola-, MERS- und COVID-19-Ausbrüchen