Was ist Coping?
Lazarus & Folkman (1984) definierten Coping als alle kognitiven und behavioralen Bemühungen, mit Anforderungen umzugehen, die die eigenen Ressourcen beanspruchen oder übersteigen. Coping ist keine Eigenschaft, sondern ein Prozess, kontextabhängig und dynamisch.
Problemorientiertes Coping
Handeln, um den Stressor selbst zu verändern. Sinnvoll bei kontrollierbaren Situationen.
- ·Aktives Coping
- ·Planung
- ·Informationssuche
- ·Ressourcenaktivierung
Emotionsorientiertes Coping
Umgang mit der emotionalen Reaktion auf den Stressor. Sinnvoll bei unkontrollierbaren Situationen.
- ·Reappraisal
- ·Akzeptanz
- ·Soziale Unterstützung
- ·Ablenkung
COPE vs. BRIEF-COPE: Das COPE-Inventar (1989) umfasst 60 Items für 15 Strategien. Die BRIEF-COPE-Version (2001) misst dieselben Strategien mit je 2 Items, ideal für Forschung und Praxis-Screenings.
Alle 15 COPE-Strategien im Überblick
| # | Strategie | Beschreibung | Typ |
|---|---|---|---|
| 1 | Aktives Coping | Konkrete Schritte unternehmen, um den Stressor zu bewältigen | Problem |
| 2 | Planung | Strategisch über Lösungsschritte nachdenken | Problem |
| 3 | Unterdrückung von konkurrierenden Aktivitäten | Andere Aufgaben zurückstellen, um sich zu fokussieren | Problem |
| 4 | Zurückhalten (restraint coping) | Warten auf den richtigen Moment zum Handeln | Problem |
| 5 | Soziale Unterstützung (instrumentell) | Andere um praktische Hilfe, Ressourcen oder Infos bitten | Problem |
| 6 | Soziale Unterstützung (emotional) | Andere um Verständnis, Mitgefühl und Rückhalt bitten | Emotion |
| 7 | Positives Reframing | Situation in einem positiven Licht sehen, etwas Gutes darin finden | Emotion |
| 8 | Akzeptanz | Die Realität der Situation annehmen und damit umgehen | Emotion |
| 9 | Verleugnung (denial) | Die Existenz oder Schwere des Stressors leugnen | Vermeidung |
| 10 | Hinwendung zur Religion | Religiöse Praktiken, Gebet, spirituelle Ressourcen nutzen | Emotion |
| 11 | Ablenkung (behavioral disengagement) | Aufhören, mit dem Stressor zu arbeiten; Aufgabe | Vermeidung |
| 12 | Mentales Disengagement | Ablenkung durch andere Aktivitäten, Tagträumen, Schlafen | Vermeidung |
| 13 | Ventilation | Eigene Gefühle ausdrücken und Distress äußern | Emotion |
| 14 | Substanznutzung | Alkohol oder Drogen zur Entlastung nutzen | Maladaptiv |
| 15 | Humor | Witze machen oder die lustige Seite finden | Emotion |
Problemorientiert
Den Stressor selbst verändern. Aktives Coping, Planung, Informationssuche, Ressourcen mobilisieren
Emotionsorientiert
Die eigene Reaktion regulieren. Neubewertung, Akzeptanz, Unterstützung suchen, Ablenkung
Die 15 Strategien der COPE-Skala
Die Einteilung entscheidet nicht über gut oder schlecht. Sie entscheidet über die Passung: Emotionsorientiertes Coping ist bei Unveränderlichem die sinnvollere Wahl, nicht die schlechtere.
Adaptive Wirkungsmatrix
Nicht alle Strategien sind gleich wirksam, und der Kontext entscheidet über Adaptivität:
✓ Hoch adaptiv
- ·Aktives Coping + Planung (kontrollierbar)
- ·Kognitives Reframing (immer)
- ·Akzeptanz (unkontrollierbar)
- ·Soziale Unterstützung
- ·Humor (nicht verdrängend)
↔ Kontextabhängig
- ·Restraint Coping (timing-abhängig)
- ·Emotionale Ventilation (nicht als Dauerstrategie)
- ·Religiöses Coping (individuelle Wirksamkeit)
- ·Mental Disengagement (kurz ok)
- ·Behavioral Disengagement (bei Hoffnungslosigkeit)
✗ Maladaptiv
- ·Denial (ignoriert Realität)
- ·Substanzkonsum
- ·Rumination
- ·Katastrophisieren
- ·Langfristige Isolation
Kontext-Matching: Welche Strategie wann?
Die wirksamste Einzelfähigkeit im Coping ist nicht eine bestimmte Strategie, sondern das Matching, die richtige Strategie zur richtigen Situation:
Kontrollierbar → problemorientiert
Wenn der Stressor durch Handlung beeinflusst werden kann: Aktives Coping, Planung, Ressourcensuche. Direkte Einflussnahme ist dann der wirksamste Weg.
Unkontrollierbar → emotionsorientiert
Bei Situationen ohne Handlungsmacht (Verlust, chronische Erkrankung): Akzeptanz, Reframing, soziale Unterstützung, Sinngebung.
Akut → regulierend
In akuten Stressspitzen: physiologische Regulation (Atmung, Bewegung), Affect Labeling, Distanzierung. Dann erst problemorientiert.
Coping-Repertoire erweitern
Wer nur ein oder zwei Strategien kennt, ist in anderen Kontexten hilflos. Resilienz = breites, flexibles Coping-Repertoire statt Spezialisierung.
Flexible Goal Adjustment (Brandtstädter & Renner 1990): Resilienz entsteht aus der Fähigkeit, hartnäckig Ziele zu verfolgen (Tenacity), und sie loszulassen, wenn sie nicht erreichbar sind (Flexibility). Diese Balance ist eine der stärksten Resilienz-Prädiktoren im höheren Alter.
Häufige Fragen zu den Coping-Strategien
Welche Coping-Strategien sind am wirksamsten?
Was unterscheidet gutes von schlechtem Coping?
Soll ich immer das Problem direkt angehen?
Was ist der COPE-Fragebogen?
Quellen & weiterführende Literatur
Carver, C. S., Scheier, M. F. & Weintraub, J. K. (1989)
Assessing Coping Strategies: A Theoretically Based Approach
Journal of Personality and Social Psychology, 56(2), 267–283
Lazarus, R. S. & Folkman, S. (1984)
Stress, Appraisal, and Coping
Springer, New York
Brandtstädter, J. & Renner, G. (1990)
Tenacious Goal Pursuit and Flexible Goal Adjustment
Psychology and Aging, 5(1), 58–67
Skinner, E. A. et al. (2003)
Searching for the Structure of Coping
Psychological Bulletin, 129(2), 216–269