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Klimaangst und Eco-Anxiety

Klimaangst gilt als Antrieb für Engagement. Die einzige Untersuchung, die beides getrennt gerechnet hat, kommt zu einem anderen Ergebnis.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Regentropfen auf einer Fensterscheibe, dahinter unscharf ein grauer Himmel über Hausdächern
Die Sorge ist begründet und weit verbreitet. Ob sie zu Handeln führt, ist eine andere Frage. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Klimaangst ist keine erfundene Größe, sie ist messbar und weit verbreitet. Der praktisch entscheidende Befund betrifft aber nicht ihr Ausmaß, sondern das, was sie bewirkt und was nicht.

  • 84 Prozent der Befragten waren mindestens mäßig besorgt.
  • Über 45 Prozent berichteten Beeinträchtigungen im Alltag.
  • Klimaangst hängt mit Depressivität zusammen, nicht mit allgemeiner Ängstlichkeit.
  • Sie sagte weder Engagement noch politische Unterstützung vorher.
  • Das tat nur der Umgang mit Unsicherheit.

Das Ausmaß

Die erste große internationale Erhebung dazu befragte 10.000 junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren, je 1.000 in Australien, Brasilien, Finnland, Frankreich, Indien, Nigeria, den Philippinen, Portugal, dem Vereinigten Königreich und den USA.

Anteile der Befragten

Mindestens mäßig besorgt

84 %

Sehr oder extrem besorgt

59 %

Alltag und Funktionsfähigkeit beeinträchtigt

45 %

mehr als

MerkmalWert in %
Mindestens mäßig besorgt84 %
Sehr oder extrem besorgt59 %
Alltag und Funktionsfähigkeit beeinträchtigt45 %

Angaben aus zehn Ländern mit je 1.000 Befragten zwischen 16 und 25 Jahren. Quelle: Hickman et al. 2021.

Mehr als 50 Prozent berichteten jedes der folgenden Gefühle: traurig, ängstlich, wütend, machtlos, hilflos und schuldig.
Hickman et al. 2021

Was diese Erhebung ist und was nicht

Es handelt sich um eine Onlinebefragung über eine Umfrageplattform, nicht um eine Zufallsstichprobe der Bevölkerung. Die Anteile sind daher als Größenordnung zu lesen. Die Arbeit prüfte außerdem, wie diese Gefühle mit der Wahrnehmung des Regierungshandelns zusammenhängen, und fand entsprechende Verknüpfungen.

Was genau gemessen wird

Ob Klimaangst eine eigene Größe ist oder nur allgemeine Ängstlichkeit mit anderem Etikett, war lange offen. Zwei vorregistrierte Studien mit 305 und 905 Teilnehmenden haben die gebräuchlichste Skala geprüft und drei konkurrierende Strukturen verglichen.

Ergebnisse der Prüfung. Quelle: Mouguiama-Daouda, Blanchard, Coussement & Heeren 2022
FrageErgebnis
Beste StrukturEine Fassung mit 13 Positionen und zwei Faktoren passte am besten, in beiden Studien
Erster FaktorGedankliche und gefühlsmäßige Anteile der Klimaangst
Zweiter FaktorDamit verbundene Beeinträchtigungen der Funktionsfähigkeit
Zusammenhang mit DepressivitätPositiv, für beide Faktoren
Zusammenhang mit umweltbezogener IdentitätPositiv, für beide Faktoren
Zusammenhang mit allgemeiner ÄngstlichkeitNicht vorhanden

Der fehlende Zusammenhang mit allgemeiner Ängstlichkeit ist der wichtigste Punkt. Klimaangst ist demnach nicht einfach eine ängstliche Persönlichkeit, die sich ein Thema sucht. Sie liegt näher an Depressivität und an der eigenen Verbundenheit mit Umweltfragen. Die ursprünglich vorgeschlagene Fassung mit 22 Positionen und vier Faktoren erwies sich als nicht die beste.

Angst und Handeln

Die verbreitete Annahme lautet, Sorge führe zu Handeln. Eine Untersuchung mit 441 Teilnehmenden in Florida hat das geprüft und dabei eine zweite Größe mitgerechnet, die in der Klimaforschung bis dahin vernachlässigt wurde: die Unfähigkeit, Unsicherheit auszuhalten.

441

Teilnehmende

0,43

Klimaangst und Belastung

0,27

Unsicherheitsintoleranz und Belastung

nur eine

Größe sagte Handeln vorher

Die drei Zielgrößen. Quelle: Goldwert et al. 2024
ZielgrößeKlimaangstUnfähigkeit, Unsicherheit auszuhalten
Belastung nach dem Videoβ = 0,43, p < 0,001β = 0,27, p < 0,001
Unterstützung für KlimapolitikKein eigenständiger Zusammenhangβ = 0,10, p = 0,034
Eigenes umweltbezogenes HandelnKein eigenständiger Zusammenhangβ = 0,12, p = 0,017

Bereinigt um demografische Merkmale. Die Teilnehmenden sahen ein Video über die Folgen des Klimawandels und beantworteten danach die drei Zielgrößen.

Klimaangst könnte die emotionale Belastung erhöhen, ohne bedeutsames Handeln oder Unterstützung zu fördern.
Goldwert, Dev, Broos, Broad & Timpano 2024
  • Die Angst kostet, ohne zu nützen. Das ist die unbequemste Aussage dieses Artikels und die praktisch wichtigste.
  • Die Effekte auf das Handeln sind ohnehin klein. Mit 0,10 und 0,12 erklärt auch der Umgang mit Unsicherheit nur einen kleinen Teil.
  • Es handelt sich um eine einzelne Studie. 441 Teilnehmende in einem US-Bundesstaat, mit einer Videovorlage statt einer echten Handlungssituation. Der Befund ist ein Hinweis, kein Beleg.
  • Praktisch heißt das: Wer Jugendliche zum Handeln bringen will, muss nicht ihre Sorge steigern. Er sollte ihnen helfen, mit der Ungewissheit umzugehen.

Wo der Schaden real ist

Neben der vorausschauenden Sorge gibt es die Folgen tatsächlicher Ereignisse. Eine Übersicht über 32 Studien von den Philippinen, einem der am stärksten betroffenen Länder, hat diese zusammengetragen.

  • Die Auswirkungen sind stark und negativ. Sie betreffen das Risiko psychischer Erkrankungen nach Naturkatastrophen und die Wahrscheinlichkeit posttraumatischer Belastungsstörungen.
  • Es gibt indirekte und langfristige Wege. Genannt werden Schlafstörungen sowie Belastungen durch Migration, Konflikte und Gewalt.
  • Widerstandskraft und Wachstum kommen ebenfalls vor. Ein eigener Abschnitt der Übersicht behandelt Widerstandsfähigkeit und posttraumatisches Wachstum nach Naturkatastrophen.
  • Die identifizierten Bewältigungswege sind gemeinschaftlich: zusammenrücken, Fachleute des Gesundheitswesens einbinden und die örtlichen Beziehungen zu Gesundheitspersonal ausbauen.

Zwei verschiedene Themen unter einem Namen

Die Sorge junger Menschen in wohlhabenden Ländern und die Belastung nach einem Taifun sind nicht dasselbe. Beide werden unter Klimaangst verhandelt, verlangen aber ganz unterschiedliche Antworten: das eine ein Umgang mit Ungewissheit, das andere Katastrophenhilfe und psychosoziale Versorgung.

Praktisch

Für Jugendliche

  • Deine Sorge ist keine Angststörung. Die Skala hing nicht mit allgemeiner Ängstlichkeit zusammen. Sie ist eine angemessene Reaktion auf eine reale Lage.
  • Achte auf den zweiten Faktor. Gedanken und Gefühle sind eine Sache, Beeinträchtigungen des Alltags eine andere. Erst der zweite Teil ist der, bei dem sich Unterstützung lohnt.
  • Handeln entsteht nicht aus mehr Sorge. In der geprüften Untersuchung sagte die Angst weder Unterstützung noch eigenes Handeln vorher.
  • Übe den Umgang mit Ungewissheit. Genau diese Größe war die einzige, die mit Handeln zusammenhing.

Für Erwachsene

  • Verstärke die Sorge nicht als Motivationsmittel. Die Daten stützen nicht, dass sie zu Handeln führt, wohl aber, dass sie belastet.
  • Nimm den Alltagsbezug ernst. Über 45 Prozent berichteten Beeinträchtigungen im täglichen Leben. Das ist kein Randphänomen.
  • Gemeinsames Tun ist der belegte Bewältigungsweg. Auch in der Übersicht aus den Philippinen war das Zusammenrücken die zuerst genannte Bewältigungsstrategie.
  • Der Zusammenhang zur Depressivität verdient Aufmerksamkeit. Er ist in beiden geprüften Faktoren vorhanden und stärker als der zur Ängstlichkeit.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Wenn die Sorge zu anhaltender Niedergeschlagenheit, Schlaflosigkeit, Rückzug oder Hoffnungslosigkeit führt, ist das keine Frage der Haltung mehr. Anlaufstellen sind die Hausarztpraxis, die Terminservicestelle unter 116 117 und die Nummer gegen Kummer unter 116 111.

Passend dazu

Fazit

Klimaangst ist verbreitet und beeinträchtigt. In einer Befragung von 10.000 jungen Menschen in zehn Ländern waren 59 Prozent sehr oder extrem besorgt, 84 Prozent mindestens mäßig, und über 45 Prozent berichteten Beeinträchtigungen ihres Alltags. Mehr als die Hälfte nannte Traurigkeit, Angst, Wut, Machtlosigkeit, Hilflosigkeit und Schuld.

Sie ist zugleich eine eigene Größe. In zwei vorregistrierten Studien hing die geprüfte Skala mit Depressivität und mit umweltbezogener Identität zusammen, nicht aber mit allgemeiner Ängstlichkeit.

Und sie tut nicht, was ihr zugeschrieben wird. In einer Untersuchung mit 441 Teilnehmenden erhöhte Klimaangst die Belastung deutlich, sagte aber weder die Unterstützung für Klimapolitik noch eigenes Handeln vorher. Das tat nur die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten, und auch die nur mit kleinen Werten von 0,10 und 0,12.

Häufige Fragen

Wie verbreitet ist Klimaangst bei jungen Menschen?

In einer Befragung von 10.000 jungen Menschen zwischen 16 und 25 Jahren in zehn Ländern waren 59 Prozent sehr oder extrem besorgt und 84 Prozent mindestens mäßig besorgt.

Beeinträchtigt die Sorge den Alltag?

Mehr als 45 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre Gefühle zum Klimawandel ihr tägliches Leben und ihre Funktionsfähigkeit beeinträchtigen.

Ist Klimaangst dasselbe wie eine Angststörung?

Nein. In zwei vorregistrierten Studien mit 305 und 905 Teilnehmenden hing die geprüfte Skala positiv mit Depressivität und mit umweltbezogener Identität zusammen, aber nicht mit allgemeiner Ängstlichkeit.

Führt Klimaangst zu mehr Engagement?

In einer Untersuchung mit 441 Teilnehmenden erhöhte Klimaangst zwar die Belastung nach einem Klimavideo deutlich, sagte aber weder die Unterstützung für Klimapolitik noch eigenes Handeln vorher.

Was sagte Handeln dann vorher?

Die Unfähigkeit, Unsicherheit auszuhalten. Sie war die einzige Größe, die eigenständig mit stärkerer Unterstützung für Klimapolitik und mit stärkerem eigenem Handeln zusammenhing.

Wie sieht es bei direkt Betroffenen aus?

Eine Übersicht über 32 Studien von den Philippinen beschreibt starke negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, sowohl direkt nach Naturkatastrophen als auch über indirekte Wege wie Schlafstörungen, Migration, Konflikte und Gewalt.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Hickman, C. et al. (2021): Climate anxiety in children and young people and their beliefs about government responses to climate change: a global survey. The Lancet Planetary Health. 10.000 junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren aus zehn Ländern, je 1.000 pro Land, Erhebung im Mai und Juni 2021

  2. 2

    Goldwert, D., Dev, A. S., Broos, H. C., Broad, K. & Timpano, K. R. (2024): The impact of anxiety and intolerance of uncertainty on climate change distress, policy support, and pro-environmental behaviour. British Journal of Clinical Psychology. 441 Teilnehmende, Onlinebefragung mit Video und drei Zielgrößen, bereinigt um demografische Merkmale

  3. 3

    Mouguiama-Daouda, C., Blanchard, M. A., Coussement, C. & Heeren, A. (2022): On the Measurement of Climate Change Anxiety: French Validation of the Climate Anxiety Scale. Psychologica Belgica. Zwei vorregistrierte Studien mit 305 und 905 Teilnehmenden, Vergleich dreier Faktorenmodelle

  4. 4

    Tito, V. R., Kazem, H., Kadia, S. O. & Paquito, B. (2024): A systematic review of mental health and climate change in the Philippines. Asian Journal of Psychiatry. 951 gesichtete Datensätze, 32 eingeschlossene Studien, erzählende Zusammenführung