
Auf einen Blick
Wer wissen will, wie gut er Uneindeutigkeit aushält, sollte nicht nach der eigenen Toleranz fragen, sondern nach dem Verhalten, mit dem er Ungewissheit beendet. Genau dieses Verhalten ist der Ansatzpunkt der Verfahren, die nachweislich wirken.
- Ambiguitätstoleranz ist begrifflich unscharf und schlecht gemessen.
- Ihr Gegenstück, die Unsicherheitsintoleranz, ist eine der bestbelegten klinischen Größen.
- Sie hängt fast gleich stark mit Angst, Depression und Zwang zusammen.
- Der ursprüngliche Anspruch, ein spezifisches Angstmerkmal zu sein, hat sich nicht bestätigt.
- Behandlungen senken sie deutlich, der Vorsprung gezielter Verfahren hält aber nicht an.
Was gemeint ist
Ambiguitätstoleranz beschreibt die Fähigkeit, eine Lage auszuhalten, die sich nicht eindeutig auflösen lässt: widersprüchliche Hinweise, unvollständige Angaben, ein Ausgang, der offen bleibt. Der Begriff stammt aus der Persönlichkeitsforschung der Nachkriegszeit und wird heute vor allem in Führung, Medizin und Pädagogik verwendet.
Im Alltag zeigt er sich weniger im Fühlen als im Tun. Wer Uneindeutigkeit schlecht aushält, beendet sie, und zwar zuverlässig: durch Nachfragen, Nachschauen, vorschnelles Festlegen, Absichern oder Vermeiden. Die Ungewissheit verschwindet, der Preis dafür fällt später an.
Aushalten
- Die Frage bleibt offen, bis Antworten möglich sind
- Mehrere Deutungen bleiben nebeneinander stehen
- Entscheidungen fallen, wenn sie fällig sind
- Unruhe wird bemerkt, ohne dass sie handeln lässt
Beenden
- Nachfragen, nachschauen, rückversichern
- Eine Deutung wird früh zur Gewissheit erklärt
- Entscheidungen fallen zu früh oder gar nicht
- Unruhe löst sofort eine Handlung aus
Das Messproblem
So verbreitet der Begriff ist, so unbefriedigend ist seine Messung. Eine britische Arbeitsgruppe, die 2015 eine eigene Skala für Medizinstudierende und junge Ärztinnen und Ärzte entwickelte, nannte den Grund unverblümt: Die Forschung zur Ambiguitätstoleranz werde durch mangelnde begriffliche Klarheit und unzureichende Messinstrumente behindert.
Die neue Skala mit 29 Fragen wurde an 411 Studierenden und 75 jungen Ärztinnen und Ärzten geprüft und erreichte eine gute innere Stimmigkeit. Interessant ist ein Nebenbefund: Die Toleranz fiel bei den Ärztinnen und Ärzten im zweiten Jahr höher aus als bei Studierenden im ersten, dritten und vierten Jahr.
Was dieser Nebenbefund nicht beweist
Es handelt sich um einen Vergleich verschiedener Gruppen zum selben Zeitpunkt, nicht um eine Begleitung derselben Personen über die Jahre. Ob die Praxis die Toleranz erhöht oder ob eher tolerante Menschen im Beruf bleiben, lässt sich daraus nicht entscheiden. Die Autoren sagen das selbst und nennen ihre Ergebnisse vorläufig.
Wenn ein Begriff schlecht gemessen wird, sind alle Aussagen über ihn schwach, auch die angenehmen. Deshalb geht dieser Artikel den Umweg über das Gegenteil, das seit Jahrzehnten sauber erfasst wird.
Das Gegenstück
Die klinische Psychologie interessiert sich weniger für die Toleranz als für ihr Fehlen. Unsicherheitsintoleranz beschreibt die Neigung, Ungewissheit als bedrohlich und unerträglich zu erleben, und sie wird seit den 1990er Jahren mit etablierten Fragebögen erfasst.
2011 fasste eine Metaanalyse zusammen, wie stark diese Größe mit Beschwerden zusammenhängt. Ausgewertet wurden zwei gebräuchliche Begriffsfassungen getrennt, mit 56 beziehungsweise 29 Effektstärken.
Generalisierte Angststörung
0,57
Angstbezogene Begriffsfassung
Depression
0,53
Angstbezogene Begriffsfassung
Zwangsstörung
0,5
Angstbezogene Begriffsfassung
Depression
0,46
Zwangsbezogene Begriffsfassung
Zwangsstörung
0,42
Zwangsbezogene Begriffsfassung
| Merkmal | Wert in |
|---|---|
| Generalisierte Angststörung | 0.57 |
| Depression | 0.53 |
| Zwangsstörung | 0.5 |
| Depression | 0.46 |
| Zwangsstörung | 0.42 |
Quelle: Gentes & Ruscio 2011. Alle Werte stammen aus Querschnittsdaten und sagen nichts über die Richtung des Zusammenhangs.
Werte um 0,5 sind in der Psychologie ungewöhnlich hoch. Zum Vergleich: Die meisten Zusammenhänge, über die in Ratgebern berichtet wird, liegen zwischen 0,1 und 0,3. Wer Ungewissheit schlecht aushält, ist also nicht ein bisschen belasteter, sondern deutlich.
85
Studien in der Pandemie-Metaanalyse
22
Herkunftsländer dieser Studien
70.000
Personen darin, gerundet
0,35
mittlerer Zusammenhang mit psychischen Pandemiefolgen
Dass die Größe nicht nur im Fragebogenalltag trägt, zeigte sich in der Pandemie. Eine Auswertung von 85 Studien aus 22 Ländern mit rund 70.000 Personen fand einen mittleren Zusammenhang zwischen Unsicherheitsintoleranz und den psychischen Folgen dieser Zeit. Hinweise auf eine Publikationsverzerrung fanden sich nicht.
Der gescheiterte Anspruch
Interessanter als die Höhe der Werte ist ihr Vergleich untereinander, und genau darum ging es der Metaanalyse von 2011. Unsicherheitsintoleranz war ursprünglich als spezifischer Risikofaktor der generalisierten Angststörung eingeführt worden, also als das Merkmal, das diese Störung von anderen unterscheidet.
Diese Annahme hielt der Prüfung nicht stand. Nur ein einziger Vergleich fiel bedeutsam aus: Mit der angstbezogenen Begriffsfassung hing die Unsicherheitsintoleranz stärker mit der generalisierten Angststörung zusammen als mit der Zwangsstörung. Alle übrigen Unterschiede waren statistisch nicht nachweisbar. Insbesondere lag der Zusammenhang mit Depression fast gleichauf mit dem zur Angststörung.
Was daraus folgt
Unsicherheitsintoleranz ist keine Eigenheit ängstlicher Menschen. Sie ist eine allgemeine Anfälligkeit, die quer durch verschiedene Beschwerdebilder läuft. Für die Praxis ist das eine gute Nachricht: Wer daran arbeitet, arbeitet nicht an einem Randthema, sondern an einer Größe, die in mehreren Bereichen zugleich wirkt.
Lässt es sich ändern?
2023 fasste eine australische Arbeitsgruppe 26 Studien mit 1199 Personen zusammen, die wegen generalisierter Angststörung behandelt worden waren, und schaute gezielt auf die Veränderung der Unsicherheitsintoleranz.
| Was gemessen wurde | Behandlungsende | Nachuntersuchung |
|---|---|---|
| Unsicherheitsintoleranz, innerhalb der Gruppe | 0,88 | 1,05 |
| Sorgen | 1,32 | 1,45 |
| Angst | 0,94 | 1,04 |
| Depression | 0,96 | 1,00 |
| Unsicherheitsintoleranz, gegenüber der Kontrollgruppe | 1,35 | nicht berichtet |
Das sind große Zahlen, und der wichtigste Teil steckt in der Unterscheidung der beiden Spalten. Werte innerhalb einer Gruppe vergleichen dieselben Menschen vorher und nachher. Darin steckt alles, was in dieser Zeit ohnehin passiert wäre. Aussagekräftig ist der Vergleich mit einer Kontrollgruppe, und der fiel mit 1,35 ebenfalls groß aus.
Hilft es, gezielt an der Ungewissheit anzusetzen?
Die Untergruppenanalyse verglich Verfahren, die Unsicherheit über die gesamte Behandlung hinweg ausdrücklich zum Thema machten, mit allgemeiner Verhaltenstherapie. Am Behandlungsende waren die gezielten Verfahren bei der Unsicherheitsintoleranz und bei den Sorgen deutlich überlegen. Bei der Nachuntersuchung war dieser Vorsprung nicht mehr nachweisbar. Zusätzliche Berechnungen zeigten, dass mehr aufgewendete Zeit für dieses Thema mit größeren Veränderungen einherging.
Ein genauer Blick auf den Vergleich
Wie belastbar solche Vorsprünge sind, zeigt eine ältere Studie derselben Denkrichtung. 2010 verglich ein Versuch mit 65 Erwachsenen drei Bedingungen: eine Verhaltenstherapie nach dem Ungewissheitsmodell, ein Entspannungsverfahren und eine Warteliste. Gegenüber der Warteliste war die Verhaltenstherapie klar überlegen, das Entspannungsverfahren nur knapp. Im direkten Vergleich der beiden aktiven Behandlungen fiel der Unterschied dagegen gering aus. Über die Nachuntersuchungen hinweg waren beide gleichauf, mit einer Ausnahme: Nur unter der Verhaltenstherapie verbesserten sich die Werte weiter.
Das ist die nüchterne Fassung: Am Umgang mit Ungewissheit lässt sich arbeiten, und zwar wirksam. Dass ein Verfahren, das ausdrücklich dort ansetzt, den anderen dauerhaft überlegen wäre, ist damit nicht gezeigt.
Was du tun kannst
Der gemeinsame Nenner der wirksamen Verfahren ist kein Umdenken, sondern ein Verhalten: Ungewissheit gezielt stehen lassen und beobachten, was passiert, statt sie durch Rückversicherung zu beenden.
Die Liste der Beender
15 Minuten einmalig, dann täglich zwei Minuten- 1
Sammeln
Notiere eine Woche lang, mit welchen Handlungen du Ungewissheit beendest. Typisch sind: Nachrichten mehrfach prüfen, Rückfragen stellen, deren Antwort du schon kennst, Termine überplanen, Entscheidungen früher treffen als nötig, Bewertungen einholen. - 2
Sortieren
Ordne die Punkte danach, wie unangenehm es wäre, sie einmal zu unterlassen. Fang beim leichtesten an, nicht beim wichtigsten. - 3
Einen Versuch planen
Wähle einen Punkt und lass ihn genau einmal aus. Nicht dauerhaft, nicht als Vorsatz, sondern als einzelner Versuch mit festem Zeitpunkt. - 4
Vorher aufschreiben
Was befürchtest du konkret, und wie wahrscheinlich hältst du es? Ohne diese Notiz erinnerst du dich hinterher an eine mildere Erwartung, als du hattest. - 5
Nachher vergleichen
Was ist tatsächlich passiert, und wie lange hat die Unruhe gedauert? Der zweite Teil der Frage ist der wichtigere, denn meistens ist die Antwort: kürzer als gedacht.
Der Unterschied zum Zähnezusammenbeißen
Es geht nicht darum, Unruhe wegzudrücken. Sie darf da sein und wird in den ersten Versuchen auch da sein. Es geht um die Handlung danach. Ungewissheit auszuhalten heißt nicht, sie nicht zu spüren, sondern sie nicht sofort zu beenden.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Wenn Rückversicherung den Tagesablauf bestimmt, wenn Kontrollen zwanghaft wiederholt werden oder wenn Sorgen den Schlaf über Wochen zerstören, ist die Grenze der Selbsthilfe erreicht. Genau für diese Bilder gibt es die geprüften Behandlungen, von denen dieser Artikel handelt. Der Weg dorthin führt über die hausärztliche oder psychotherapeutische Sprechstunde.
Passend dazu
Kognitive Verzerrungen
Die Denkmuster, mit denen Ungewissheit vorschnell aufgelöst wird.
Radikale Akzeptanz
Die verwandte Haltung gegenüber Umständen, die sich nicht ändern lassen.
Perfektionismus ablegen
Der Maßstab, der Entscheidungen aufschiebt, bis alles geklärt scheint.
Das Paradox der Wahl
Was passiert, wenn zu viele Möglichkeiten gleichzeitig offen sind.
Fazit
Ambiguitätstoleranz ist ein gefragter Begriff mit schwacher Messgrundlage. Wer ihn als Anforderung formuliert, sollte wissen, dass die Fachliteratur selbst seine Erfassung als unzureichend beschreibt.
Sein Gegenstück steht dagegen auf sehr gutem Boden. Unsicherheitsintoleranz hängt mit Angst, Depression und Zwang in ähnlicher Stärke zusammen, mit Werten, die für die Psychologie ungewöhnlich hoch sind. Der ursprüngliche Anspruch, damit ein spezifisches Angstmerkmal gefunden zu haben, hat sich nicht bestätigt, und gerade das macht die Größe praktisch bedeutsam.
Verändern lässt sie sich, und der Hebel liegt nicht im Kopf, sondern im Verhalten. Nicht die Einsicht, dass vieles offen bleiben muss, verringert die Unruhe, sondern die Erfahrung, eine offene Lage einmal nicht beendet zu haben und trotzdem heil daraus hervorgegangen zu sein.
Häufige Fragen
Was ist Ambiguitätstoleranz?
Die Fähigkeit, mehrdeutige, widersprüchliche oder unvollständige Lagen auszuhalten, ohne sie vorschnell aufzulösen. Der Begriff ist alt und weit verbreitet, seine Messung gilt in der Fachliteratur aber als unbefriedigend. Eine Arbeitsgruppe, die 2015 eine neue Skala für Medizinstudierende entwickelte, nannte als Anlass ausdrücklich die begriffliche Unschärfe und die unzureichenden vorhandenen Skalen.
Was ist Unsicherheitsintoleranz?
Das gut untersuchte Gegenstück: die Neigung, Ungewissheit als bedrohlich und unerträglich zu erleben. Diese Größe wird seit den 1990er Jahren mit etablierten Fragebögen erfasst und gehört zu den meistgeprüften Faktoren der klinischen Psychologie.
Wie stark hängt Unsicherheitsintoleranz mit psychischen Beschwerden zusammen?
Eine Metaanalyse von 2011 fand für die verbreitetste Messform mittlere Korrelationen von 0,57 mit generalisierter Angststörung, 0,53 mit Depression und 0,50 mit Zwangsstörung. Das sind für psychologische Verhältnisse hohe Werte.
Ist Unsicherheitsintoleranz typisch für Angststörungen?
Sie war ursprünglich genau so gedacht, als spezifischer Risikofaktor der generalisierten Angststörung. Die Metaanalyse von 2011 widerlegte diese Annahme weitgehend: Bis auf einen einzigen Vergleich unterschieden sich die Zusammenhänge mit Angst, Depression und Zwang nicht bedeutsam. Es handelt sich also um eine allgemeine, nicht um eine spezifische Anfälligkeit.
Lässt sich Unsicherheitsintoleranz verringern?
Ja. Eine Übersicht über 26 Studien mit 1199 Personen fand große Veränderungen vom Beginn bis zum Ende der Behandlung. Verfahren, die Unsicherheit ausdrücklich zum Thema machten, senkten sie stärker als allgemeine Verhaltenstherapie, allerdings war dieser Vorsprung bei der Nachuntersuchung nicht mehr nachweisbar.
Kann man Ambiguitätstoleranz trainieren?
Direkt untersucht ist das kaum. Die Umwege über die klinische Forschung legen nahe, dass sich der Umgang mit Ungewissheit verändern lässt, und zwar über Verhalten statt über Einsicht: durch kleine, geplante Situationen, in denen etwas offen bleibt und man nicht gegensteuert.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Gentes, E. L. & Ruscio, A. M. (2011): A meta-analysis of the relation of intolerance of uncertainty to symptoms of generalized anxiety disorder, major depressive disorder, and obsessive-compulsive disorder. Clinical Psychology Review. 56 Effektstärken für die eine und 29 für die andere gebräuchliche Begriffsfassung
- 2
Hancock, J. et al. (2015): Medical student and junior doctors tolerance of ambiguity: development of a new scale. Advances in Health Sciences Education. Entwicklung der TAMSAD-Skala an 411 Studierenden und 75 jungen Ärztinnen und Ärzten in Exeter
- 3
Akbari, M. et al. (2024): Intolerance of Uncertainty as a Situational Vulnerability Factor in the Context of the Pandemic: A Systematic Review and Meta-Analysis of COVID-19-Related Psychological Impacts. Clinical Psychology & Psychotherapy. 85 Studien aus 22 Ländern mit rund 70.000 Personen
- 4
Wilson, E. J. et al. (2023): The impact of psychological treatment on intolerance of uncertainty in generalized anxiety disorder: A systematic review and meta-analysis. Journal of Anxiety Disorders. 26 Studien mit 1199 Personen und 32 Behandlungsgruppen
- 5
Dugas, M. J. et al. (2010): A randomized clinical trial of cognitive-behavioral therapy and applied relaxation for adults with generalized anxiety disorder. Behavior Therapy. 65 Erwachsene, drei Bedingungen, Nachuntersuchungen bis 24 Monate