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Social Media und mentale Gesundheit

Bei kaum einem Thema klaffen öffentliche Gewissheit und Forschungslage so weit auseinander. Der Streit ist echt, und er lässt sich nachvollziehen.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein Smartphone mit dunklem Bildschirm liegt auf einer Bettdecke neben einem Ladekabel
Die Frage ist nicht, wie lange das Gerät in der Hand liegt, sondern was darauf geschieht. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Dieser Artikel liefert keine Zahl, die man weitergeben kann. Er liefert etwas Nützlicheres: eine Erklärung dafür, warum es diese Zahl nicht gibt, und die Befunde, die trotz des Streits stabil sind.

  • Dieselben Daten führten zu gegensätzlichen Schlussfolgerungen.
  • Der Unterschied lag in vier nachvollziehbaren Rechenentscheidungen.
  • Im Längsschnitt zeigte sich die Richtung teils umgekehrt.
  • Die aussehensbezogene Nutzung sagte Beschwerden vorher, die Zeit nicht.
  • Im Abstinenzexperiment besserte sich auch die Kontrollgruppe.

Der Streit um dieselben Daten

2019 erschien eine Arbeit, die die Debatte verändern sollte. Sie nutzte ein Verfahren namens Spezifikationskurvenanalyse, bei dem nicht ein Modell gerechnet wird, sondern alle vertretbaren Modelle, um zu zeigen, wie stark das Ergebnis von den Analyseentscheidungen abhängt.

355.358

Personen in drei Datensätzen

0,4 %

höchstens erklärte Unterschiede

negativ

Richtung des Zusammenhangs

zu klein

Einschätzung für politische Schritte

Der Zusammenhang, den wir zwischen der Nutzung digitaler Technik und dem Wohlbefinden Jugendlicher finden, ist negativ, aber klein und erklärt höchstens 0,4 Prozent der Unterschiede im Wohlbefinden.
Orben & Przybylski 2019

2022 hat eine andere Arbeitsgruppe dieselben Datensätze mit demselben Verfahren erneut ausgewertet. Sie konnte die ursprünglichen Ergebnisse mit den ursprünglichen Einstellungen reproduzieren, änderte dann aber vier Vorgaben.

Die vier geänderten Vorgaben und ihre Begründung. Quelle: Twenge, Haidt, Lozano & Cummins 2022
ÄnderungGedanke dahinter
Einzelne digitale Tätigkeiten getrennt statt gesamter BildschirmzeitFernsehen und Social Media in einer Größe zusammenzufassen verwischt Unterschiede
Jungen und Mädchen getrennt statt gemeinsamEin Effekt, der nur bei einer Gruppe auftritt, verschwindet im Gesamtwert
Mögliche Vermittler nicht als KontrollgrößenWer den Wirkweg herausrechnet, entfernt den Effekt, den er sucht
Alle Skalen gleich gewichtenEine Skala mit vielen Unterskalen sollte nicht alle anderen dominieren
Berichtete Zusammenhänge im Vergleich, Beträge der mittleren Regressionsgewichte

Social Media bei Mädchen, oberer Wert

0,24

erneute Auswertung

Social Media bei Mädchen, unterer Wert

0,11

erneute Auswertung

Alle Tätigkeiten, oberer Wert

0,04

ursprüngliche Auswertung

Alle Tätigkeiten, unterer Wert

0,01

ursprüngliche Auswertung

MerkmalWert in
Social Media bei Mädchen, oberer Wert0.24
Social Media bei Mädchen, unterer Wert0.11
Alle Tätigkeiten, oberer Wert0.04
Alle Tätigkeiten, unterer Wert0.01

Links die ursprüngliche Auswertung über alle Bildschirmtätigkeiten und beide Geschlechter, rechts die erneute Auswertung für Social Media bei Mädchen. Quellen: Orben & Przybylski 2019 und Twenge et al. 2022.

Beide Seiten haben ein Vergleichsargument

Die erste Arbeitsgruppe verglich den Effekt mit harmlosen Größen in denselben Datensätzen, etwa dem Verzehr von Kartoffeln, und schloss auf fehlende praktische Bedeutung. Die zweite verglich ihre größeren Werte mit Rauschtrinken, sexualisierter Gewalt, Adipositas und hartem Drogenkonsum und schloss auf erhebliche praktische Bedeutung. Beide Vergleiche sind rhetorisch stark und beweisen für sich genommen nichts.

Die Richtung im Längsschnitt

Querschnittsdaten können die Richtung nicht klären. Eine finnische Untersuchung hat deshalb fünf Erhebungswellen mit 2.891 Jugendlichen zwischen 13 und 19 Jahren ausgewertet, und zwar auf der Ebene der einzelnen Person statt im Vergleich zwischen Personen.

  • Die gefundene Richtung war die umgekehrte. Depressive Beschwerden sagten kleine Zunahmen der aktiven Nutzung vorher, sowohl in der frühen als auch in der späten Jugend.
  • Für den umgekehrten Weg fand sich kein Beleg. Aktive Nutzung sagte keine späteren depressiven Beschwerden vorher.
  • Die Zusammenhänge waren sehr klein. Die Autorengruppe beschreibt sie selbst als sehr klein, statistisch schwach und über die Zeit etwas uneinheitlich.
  • Ihre Folgerung ist methodisch. Sie stützt die Auffassung, dass die bisher berichteten direkten Zusammenhänge übertrieben sein könnten, und plädiert für Analysen auf der Ebene der einzelnen Entwicklung.

Warum die Ebene den Unterschied macht

Ein Vergleich zwischen Personen beantwortet die Frage: Geht es Vielnutzenden schlechter als Wenignutzenden? Eine Analyse innerhalb derselben Person beantwortet die Frage: Geht es demselben Jugendlichen schlechter, wenn er mehr nutzt als sonst? Nur die zweite ist die Frage, die Eltern eigentlich stellen.

Was tatsächlich vorhersagte

Wenn die Nutzungsdauer wenig hergibt, liegt der Verdacht auf dem Inhalt. Eine Untersuchung mit 1.594 Jugendlichen zwischen 11 und 15 Jahren hat eine sehr spezifische Größe geprüft: die aussehensbezogene Beschäftigung mit dem eigenen Auftreten in sozialen Medien.

Aufbau und Ergebnisse. Quelle: Maheux et al. 2024
MerkmalAngabe
Stichprobe1.594 Jugendliche zwischen 11 und 15 Jahren
DesignDrei Messzeitpunkte im Abstand von je drei Monaten
ErgebnisZunahmen der aussehensbezogenen Beschäftigung sagten spätere Zunahmen depressiver Beschwerden vorher
Umgekehrte RichtungKein Beleg
GeschlechtsunterschiedeKein Beleg
Wichtigste KontrolleDer Befund blieb bestehen, wenn die auf sozialen Medien verbrachte Zeit und die Selbstobjektivierung außerhalb des Netzes herausgerechnet wurden

Die Arbeit weist Interessenkonflikte aus: Eine Autorin betreibt einen bezahlten Newsletter zu Psychologie und ist Miteigentümerin eines Unternehmens, das Angebote für Eltern im digitalen Bereich bereitstellt.

Der entscheidende Teil ist die letzte Zeile der Tabelle. Der Effekt blieb bestehen, nachdem die Nutzungsdauer herausgerechnet worden war. Damit ist es nicht die Zeit, die den Unterschied macht, sondern die Art der Beschäftigung: die dauernde Frage, wie man auf Bildern wirkt.

Der experimentelle Test

Am Ende hilft nur ein Experiment. Eine Untersuchung hat Teilnehmende zufällig einer vierzehntägigen Abstinenz von sozialen Medien oder einer Kontrollbedingung zugewiesen und täglich befragt.

Ergebnisse nach Zielgröße. Quelle: de Hesselle & Montag 2024
ZielgrößeErgebnis
BildschirmzeitRückgang in der Abstinenzgruppe
Unzufriedenheit mit dem eigenen KörperRückgang in der Abstinenzgruppe
Depressivität und AngstRückgang über den Untersuchungszeitraum, aber kein Unterschied zwischen den Gruppen
Problematische Smartphone-Nutzung, Verpassensangst, EinsamkeitEbenfalls Rückgang ohne Gruppenunterschied
Bewertung des eigenen AussehensAnstieg in beiden Gruppen

Problematische Smartphone-Nutzung hing positiv mit Depressivität, Angst und Verpassensangst zusammen, nicht aber mit der gemessenen Bildschirmzeit.

Der Befund zur Kontrollgruppe

Dass sich Depressivität, Angst, Einsamkeit und Verpassensangst in beiden Gruppen verbesserten, ist die wichtigste Zeile. Es zeigt, wie leicht man eine Pause für wirksam hält, wenn man keine Kontrollgruppe hat. Die tägliche Selbstbeobachtung allein reichte offenbar aus.

Zwei Größen unterschieden sich aber sehr wohl: die Bildschirmzeit, was zu erwarten war, und die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Das passt genau zu dem Befund aus der Längsschnittstudie, wonach die aussehensbezogene Beschäftigung der wirksame Anteil ist.

Wie das zusammenpasst

  • Die reine Nutzungsdauer ist ein schlechtes Maß. Über sie streiten sich die Arbeitsgruppen, und im Längsschnitt sagt sie kaum etwas vorher.
  • Der Inhalt ist das bessere Maß. Die aussehensbezogene Beschäftigung sagte Beschwerden vorher, auch nach Herausrechnen der Zeit. Und im Experiment war das Körperbild eine der beiden Größen mit einem Gruppenunterschied.
  • Mädchen sind vermutlich stärker betroffen. Die erneute Auswertung fand die deutlichen Werte nur bei Mädchen. Die Untersuchung zur Aussehensbeschäftigung fand allerdings keine Geschlechtsunterschiede.
  • Die Richtung ist nicht geklärt. Eine Längsschnittstudie fand den Weg von der Depressivität zur Nutzung, eine andere den Weg von der Aussehensbeschäftigung zur Depressivität. Beides kann gleichzeitig zutreffen.

Praktisch

Für Eltern

  • Frag nach dem Was, nicht nach dem Wie lange. Die Nutzungsdauer war die Größe mit den schwächsten und umstrittensten Befunden.
  • Achte auf aussehensbezogene Inhalte. Sie waren in beiden methodisch starken Untersuchungen die auffällige Größe: im Längsschnitt und im Experiment.
  • Bildschirmzeitbegrenzungen allein tragen wenig. Sie senken die Größe, die am wenigsten vorhersagt.
  • Nimm eine Verhaltensänderung als möglichen Anzeiger. Nach den finnischen Daten kann eine plötzlich steigende Nutzung eine Folge von Beschwerden sein und nicht deren Ursache. Sie ist dann ein Anlass zum Gespräch, nicht zur Sperre.
  • Wenn ihr eine Pause macht, mach sie gemeinsam und ohne große Erwartungen. Im Experiment verbesserte sich auch die Kontrollgruppe. Zuverlässig verändert hat sich nur das Körperbild.

Für Fachkräfte und Medienberichte

  • Nenne den Streit. Wer nur eine der beiden Auswertungen zitiert, vermittelt eine Sicherheit, die es nicht gibt.
  • Prüf die Analyseebene. Zwischen Personen und innerhalb derselben Person sind zwei verschiedene Fragen mit teils gegensätzlichen Antworten.
  • Achte auf Interessenkonflikte. In diesem Feld arbeiten Fachleute häufig zugleich als Buchautoren, Vortragende oder Anbieter. Mehrere der hier zitierten Arbeiten weisen solche Verbindungen selbst aus.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Wenn eine Jugendliche oder ein Jugendlicher sich zurückzieht, den Schlaf verliert, das Essverhalten ändert oder Andeutungen über Selbstverletzung macht, ist die Mediennutzung nicht die vordringliche Frage. Anlaufstellen sind die Kinderarztpraxis, der schulpsychologische Dienst und die Nummer gegen Kummer unter 116 111.

Passend dazu

Fazit

Dieselben drei Datensätze mit 355.358 Jugendlichen führten zu zwei entgegengesetzten Schlüssen. Die erste Auswertung fand einen Zusammenhang, der höchstens 0,4 Prozent der Unterschiede im Wohlbefinden erklärt und zu klein für politische Schritte sei. Die zweite fand nach vier veränderten Vorgaben bei Mädchen Werte zwischen −0,11 und −0,24.

Die Längsschnittdaten weisen zusätzlich in eine unerwartete Richtung. In einer finnischen Studie mit 2.891 Jugendlichen sagten depressive Beschwerden kleine Zunahmen der Nutzung vorher, nicht umgekehrt. In einer amerikanischen Studie mit 1.594 Jugendlichen sagte dagegen die aussehensbezogene Beschäftigung spätere Beschwerden vorher, und zwar auch nach Herausrechnen der Nutzungsdauer.

Der experimentelle Test rundet das Bild ab. Nach vierzehn Tagen Abstinenz sanken Bildschirmzeit und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper in der Abstinenzgruppe. Depressivität, Angst, Einsamkeit und Verpassensangst sanken in beiden Gruppen gleichermaßen. Wer etwas verändern will, sollte am Inhalt ansetzen und nicht an der Uhr.

Häufige Fragen

Wie groß ist der Zusammenhang zwischen Bildschirmnutzung und Wohlbefinden?

Eine Auswertung über drei große Datensätze mit insgesamt 355.358 Jugendlichen fand einen negativen, aber kleinen Zusammenhang, der höchstens 0,4 Prozent der Unterschiede im Wohlbefinden erklärt.

Warum widersprechen andere Studien dem?

Eine zweite Arbeitsgruppe hat dieselben Datensätze mit anderen Vorgaben ausgewertet und fand bei Mädchen für Social Media Zusammenhänge zwischen −0,11 und −0,24, also deutlich größere Werte.

Welche Rechenwege machten den Unterschied?

Vier Änderungen: einzelne digitale Tätigkeiten statt einer Gesamtbildschirmzeit, getrennte Auswertung nach Geschlecht, Verzicht auf mögliche Vermittler unter den Kontrollgrößen und eine Gleichbehandlung der verwendeten Skalen.

Was sagen Längsschnittstudien?

In einer finnischen Studie mit 2.891 Jugendlichen über fünf Erhebungswellen sagten depressive Beschwerden kleine Zunahmen der aktiven Nutzung vorher, nicht umgekehrt. Die Zusammenhänge waren sehr klein und uneinheitlich.

Kommt es auf die Zeit oder auf den Inhalt an?

In einer Untersuchung mit 1.594 Jugendlichen sagte die aussehensbezogene Beschäftigung mit Social Media spätere depressive Beschwerden vorher, und dieser Befund blieb bestehen, wenn man die auf Social Media verbrachte Zeit herausrechnete.

Hilft eine Social-Media-Pause?

In einem Experiment mit vierzehntägiger Abstinenz sanken Bildschirmzeit und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper in der Abstinenzgruppe. Depressivität, Angst, Einsamkeit und Verpassensangst sanken bei allen, ohne Unterschied zwischen den Gruppen.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Orben, A. & Przybylski, A. K. (2019): The association between adolescent well-being and digital technology use. Nature Human Behaviour. Spezifikationskurvenanalyse über drei große Bevölkerungsdatensätze mit insgesamt 355.358 Personen

  2. 2

    Twenge, J. M., Haidt, J., Lozano, J. & Cummins, K. M. (2022): Specification curve analysis shows that social media use is linked to poor mental health, especially among girls. Acta Psychologica. Erneute Auswertung derselben Datensätze mit veränderten Vorgaben an den Raum der Modellspezifikationen

  3. 3

    Puukko, K., Hietajärvi, L., Maksniemi, E., Alho, K. & Salmela-Aro, K. (2020): Social Media Use and Depressive Symptoms-A Longitudinal Study from Early to Late Adolescence. International Journal of Environmental Research and Public Health. Fünf Erhebungswellen mit 2.891 finnischen Jugendlichen zwischen 13 und 19 Jahren, Analyse auf Ebene der einzelnen Person

  4. 4

    Maheux, A. J. et al. (2024): Longitudinal Change in Appearance-Related Social Media Consciousness and Depressive Symptoms: A Within-Person Analysis during Early-to-Middle Adolescence. Journal of Youth and Adolescence. 1.594 Jugendliche zwischen 11 und 15 Jahren, drei Messzeitpunkte im Abstand von drei Monaten, Modell mit zufälligem Achsenabschnitt

  5. 5

    de Hesselle, L. C. & Montag, C. (2024): Effects of a 14-day social media abstinence on mental health and well-being: results from an experimental study. BMC Psychology. Experimentelles Design mit Zufallszuteilung, täglichen Erhebungen über 14 Tage und Nachbefragung