
Auf einen Blick
Cybermobbing unterscheidet sich vom klassischen Mobbing in drei Punkten: Es endet nicht am Schultor, es hat ein Publikum, und es hinterlässt Spuren, die bleiben. Die Datenlage spiegelt das.
- Mobbingerfahrung ging mit einem Quotenverhältnis von 2,23 für Suizidgedanken einher.
- Für Suizidversuche lag es bei 2,55.
- Cybermobbing hing stärker damit zusammen als klassisches Mobbing.
- Kinder mit Entwicklungs- oder psychischen Erkrankungen sind deutlich häufiger betroffen.
- Elternprogramme wirken mit sehr kleinen Effektstärken von 0,17.
Warum es schwerer wiegt
Die maßgebliche Metaanalyse zum Zusammenhang von Mobbing und Suizidalität hat Arbeiten von 1910 bis 2013 durchsucht und für zwei Zielgrößen getrennt gerechnet.
Suizidversuche
2,55
Vertrauensbereich 1,95 bis 3,34
Suizidgedanken
2,23
Vertrauensbereich 2,10 bis 2,37
| Merkmal | Wert in |
|---|---|
| Suizidversuche | 2.55 |
| Suizidgedanken | 2.23 |
Quotenverhältnisse für Betroffene von Mobbing gegenüber Nichtbetroffenen. Quelle: van Geel, Vedder & Tanilon 2014.
Cybermobbing hing stärker mit Suizidgedanken zusammen als klassisches Mobbing.
- Die Befunde waren robust. Die Autorengruppe schreibt, dass sie nicht auf Veröffentlichungsverzerrung zurückzuführen waren.
- Sie galten unabhängig von Geschlecht, Alter und Studienqualität. Keine dieser Größen moderierte die Ergebnisse.
- Es handelt sich um Beobachtungsdaten. Sie zeigen einen Risikofaktor, nicht die Ursache. Belastete Jugendliche werden auch häufiger zur Zielscheibe.
- Die Folgerung der Autoren ist knapp. Schulen sollten auf Verfahren zurückgreifen, für die es Belege gibt, um Mobbing zu verringern.
Wen es besonders trifft
Eine sehr große Metaanalyse hat geprüft, wie stark junge Menschen mit neurologischen Entwicklungs- oder psychischen Erkrankungen betroffen sind. Sie umfasst 212 Studien mit 126.717 Betroffenen und 504.806 Vergleichspersonen.
| Beteiligung | Klassisches Mobbing | Cybermobbing |
|---|---|---|
| Betroffen | 42,2 Prozent | 21,8 Prozent |
| Selbst ausübend | 24,4 Prozent | 19,6 Prozent |
| Beides | 14,0 Prozent | 20,7 Prozent |
Der Vertrauensbereich für die Kombination aus beidem im Netz ist mit 8,4 bis 42,6 Prozent sehr breit. Das mittlere Alter lag bei 12,3 Jahren.
| Rolle | Klassisches Mobbing | Cybermobbing |
|---|---|---|
| Betroffen | Quotenverhältnis 2,85 | Quotenverhältnis 2,07 |
| Selbst ausübend | 2,42 | 1,91 |
| Beides | 3,66 | 1,85 |
Beteiligung am Mobbing ging in dieser Gruppe mit höheren Werten in Maßen der psychischen Gesundheit einher, besonders bei nach innen und nach außen gerichteten Beschwerden.
Der auffälligste Wert steht in der dritten Zeile
Beim klassischen Mobbing ist die Kombination aus Betroffensein und Ausüben mit einem Quotenverhältnis von 3,66 die auffälligste Gruppe. Wer Kinder mit Entwicklungsbesonderheiten nur als Opfer denkt, übersieht diese Gruppe. Sie hat in der Forschung durchgängig die schlechtesten Werte.
Die Überschneidung der Rollen
Eine Metaanalyse über 47 Stichproben mit 43.809 Kindern und Jugendlichen hat untersucht, wie moralische Entkopplung mit den verschiedenen Rollen zusammenhängt. Gemeint sind Denkweisen, mit denen eigenes schädigendes Verhalten vor sich selbst gerechtfertigt wird.
| Rolle | Zusammenhang |
|---|---|
| Mobbing ausüben | Positiv, 0,31 mit Vertrauensbereich 0,27 bis 0,34 |
| Betroffen sein | Positiv, 0,08 mit Vertrauensbereich 0,05 bis 0,12 |
| Verteidigen | Negativ, −0,11 mit Vertrauensbereich −0,17 bis −0,04 |
| Zusehen ohne Eingreifen | Kein bedeutsamer Zusammenhang |
- Verteidigen hängt mit weniger moralischer Entkopplung zusammen. Das ist der einzige negative Zusammenhang und der praktische Ansatzpunkt.
- Beim reinen Zusehen fand sich nichts. Die Autorengruppe erklärt das damit, dass sehr verschiedene Menschen zusehen, und betont die Unterscheidung zwischen schuldbewussten und unbeteiligten Zuschauenden.
- Im Netz überschneiden sich die Rollen besonders stark. Die Autorengruppe hebt die erhebliche Überschneidung zwischen Ausüben und Betroffensein im Cyberbereich ausdrücklich hervor.
- Auch Betroffene zeigten einen leichten Zusammenhang. Er ist mit 0,08 klein, passt aber zu dieser Überschneidung.
Was Elternprogramme leisten
Die naheliegende Antwort auf Cybermobbing sind Programme, die Eltern einbeziehen. Eine Metaanalyse über elf Studien hat geprüft, wie viel sie bewirken.
| Zielgröße | Effektstärke | Vertrauensbereich |
|---|---|---|
| Cybermobbing ausüben | −0,17 | −0,26 bis −0,09 |
| Von Cybermobbing betroffen sein | −0,17 | −0,24 bis −0,10 |
Die Autorengruppe bezeichnet diese Effektstärken selbst als sehr klein. Beide Vertrauensbereiche schließen die Null nicht ein, der Effekt ist also vorhanden, aber gering.
- Die Art der Elternbeteiligung machte keinen Unterschied. Weder die Form der Einbindung noch die Art der Maßnahme moderierten die Wirksamkeit.
- Kürzere Programme wirkten besser als längere, und zwar bei der Verringerung der Betroffenheit. Das ist ungewöhnlich und spricht gegen die Annahme, mehr helfe mehr.
- Programme mit theoretischer Grundlage waren wirksamer als solche ohne. Das ist ein brauchbares Auswahlkriterium für Schulen.
- Die Autorengruppe zieht daraus eine Verbesserungsagenda: wirksamere Einbindung der Eltern, mehr Erziehungskompetenz, bessere Eltern-Kind-Interaktion und Kommunikation.
Praktisch
Für betroffene Jugendliche
- Sichern kommt vor Löschen. Bildschirmfotos mit sichtbarem Datum, Absender und Verlauf sind die Grundlage für jede Meldung an Plattform, Schule oder Polizei.
- Melden und blockieren sind zwei getrennte Schritte. Wer nur blockiert, lässt die Inhalte für andere sichtbar.
- Erzähl es jemandem. Der Zusammenhang mit Suizidgedanken ist der am besten belegte Befund dieses Themas. Er ist ein Grund, nicht damit allein zu bleiben.
- Zurückschlagen verschlechtert die Lage. Im Netz überschneiden sich Ausüben und Betroffensein besonders stark, und die Gruppe mit beiden Rollen hat die schlechtesten Werte.
Für Eltern und Schule
- Erwarte von Elternprogrammen wenig. Effektstärken von 0,17 sind vorhanden, aber klein. Sie ersetzen kein Vorgehen im Einzelfall.
- Wähl Programme mit theoretischer Grundlage und kurzer Dauer. Beides waren die einzigen erkennbaren Wirksamkeitsmerkmale.
- Stärke das Verteidigen. Es war die einzige Rolle mit einem negativen Zusammenhang zur moralischen Entkopplung. Wer Zuschauende zu Eingreifenden macht, setzt an der belegten Stelle an.
- Schau gezielt auf Kinder mit Entwicklungsbesonderheiten. Ihr Quotenverhältnis für Cybermobbing lag bei 2,07 und für klassisches Mobbing bei 2,85.
- Behandle Gerätesperren nicht als Lösung. Sie nehmen dem Kind den Zugang zu seinem sozialen Umfeld und beenden das Mobbing nicht.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Bei Äußerungen über Lebensmüdigkeit, bei Selbstverletzung oder bei Rückzug aus allem gehört sofort Hilfe dazu. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar, die Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche unter 116 111. Bei Bedrohungen, Erpressung oder Verbreitung intimer Aufnahmen ist eine Anzeige bei der Polizei möglich, auch online.
Passend dazu
Fazit
Über 34 Studien mit 284.375 Teilnehmenden hinweg ging Mobbingerfahrung mit einem Quotenverhältnis von 2,23 für Suizidgedanken einher, über neun Studien mit 70.102 Teilnehmenden mit 2,55 für Suizidversuche. Cybermobbing hing dabei stärker mit Suizidgedanken zusammen als klassisches Mobbing.
Besonders betroffen sind junge Menschen mit neurologischen Entwicklungs- oder psychischen Erkrankungen. Gegenüber Vergleichsgruppen lagen ihre Quotenverhältnisse bei 2,07 für Cybermobbing und 2,85 für klassisches Mobbing, und die Gruppe, die beides erlebt und ausübt, hatte mit 3,66 den höchsten Wert.
Die üblichen Gegenmaßnahmen sind schwach. Programme mit Elternbeteiligung erreichten Effektstärken von jeweils −0,17. Erkennbare Wirksamkeitsmerkmale waren nur zwei: eine theoretische Grundlage und eine kürzere Dauer. Der einzige Ansatzpunkt mit einem klaren Vorzeichen bleibt das Verteidigen durch Mitschülerinnen und Mitschüler.
Häufige Fragen
Wie stark hängt Mobbing mit Suizidgedanken zusammen?
Eine Metaanalyse über 34 Studien mit 284.375 Teilnehmenden fand für Mobbingerfahrung ein Quotenverhältnis von 2,23 für Suizidgedanken und über neun Studien mit 70.102 Teilnehmenden ein Quotenverhältnis von 2,55 für Suizidversuche.
Ist Cybermobbing schlimmer als klassisches Mobbing?
In derselben Metaanalyse hing Cybermobbing stärker mit Suizidgedanken zusammen als klassisches Mobbing.
Wie verbreitet ist Cybermobbing?
Bei Kindern und Jugendlichen mit neurologischen Entwicklungs- oder psychischen Erkrankungen lag die gepoolte Häufigkeit bei 21,8 Prozent für Betroffenheit und 19,6 Prozent für eigenes Ausüben.
Wer ist besonders gefährdet?
Junge Menschen mit neurologischen Entwicklungs- oder psychischen Erkrankungen waren gegenüber Vergleichsgruppen häufiger von Cybermobbing betroffen, mit einem Quotenverhältnis von 2,07, und beim klassischen Mobbing mit 2,85.
Helfen Programme, die Eltern einbeziehen?
Nur wenig. Eine Metaanalyse über elf Studien fand sehr kleine Effektstärken von jeweils −0,17 für das Ausüben und für die Betroffenheit.
Was macht solche Programme wirksamer?
Kürzere Programme waren bei der Verringerung der Betroffenheit wirksamer als längere, und Programme mit einer theoretischen Grundlage wirksamer als solche ohne.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
van Geel, M., Vedder, P. & Tanilon, J. (2014): Relationship between peer victimization, cyberbullying, and suicide in children and adolescents: a meta-analysis. JAMA Pediatrics. 34 Studien zu Suizidgedanken mit 284.375 Teilnehmenden und neun Studien zu Suizidversuchen mit 70.102 Teilnehmenden
- 2
Abregó-Crespo, R. et al. (2024): School bullying in children and adolescents with neurodevelopmental and psychiatric conditions: a systematic review and meta-analysis. The Lancet Child & Adolescent Health. 212 eingeschlossene Studien mit 126.717 Betroffenen und 504.806 Vergleichspersonen
- 3
Wang, L. & Jiang, S. (2023): Effectiveness of Parent-Related Interventions on Cyberbullying Among Adolescents: A Systematic Review and Meta-Analysis. Trauma, Violence, & Abuse. Elf eingeschlossene Studien, Zufallseffektmodell, Suche in sieben Datenbanken
- 4
Killer, B., Bussey, K., Hawes, D. J. & Hunt, C. (2019): A meta-analysis of the relationship between moral disengagement and bullying roles in youth. Aggressive Behavior. 47 unabhängige Stichproben mit 43.809 Kindern und Jugendlichen zwischen 7 und 19 Jahren