Kinder, Jugend & FamilieResilienz in der Kindheit

Neurodivergente Kinder

Die Belastung neurodivergenter Kinder wird meist als Folge ihrer Besonderheit gelesen. Zwei gut untersuchte Mechanismen sprechen dagegen, und beide sind veränderbar.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein Kopfhörer mit Bügel liegt auf einem hölzernen Schultisch neben einem Heft und einem kleinen Knetobjekt
Hilfsmittel, die die Umgebung verändern, sind in der Datenlage besser belegt als Training, das das Kind verändern soll. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Zwei Mechanismen erklären in der Forschung einen großen Teil der psychischen Belastung neurodivergenter Kinder und Jugendlicher: was andere ihnen tun und was sie tun, um nicht aufzufallen. Beides liegt nicht in ihnen.

  • Die gepoolte Häufigkeit von Übergriffen lag bei 44 Prozent.
  • Bei mehreren Formen zusammen waren es 84 Prozent.
  • Stärkeres Anpassen ging mit schlechterer psychischer Gesundheit einher.
  • Akzeptanz von außen sagte geringere Depressivität vorher.
  • Kognitives Training halbierte sich bei verblindeter Bewertung.

Wovon dieser Artikel handelt

Neurodivergenz ist ein Sammelbegriff, kein Diagnosebegriff. Er umfasst unter anderem Autismus, Aufmerksamkeitsstörungen und Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten. Die hier ausgewertete Forschung stammt aus zwei dieser Bereiche, Autismus und ADHS. Was für den einen Bereich gilt, gilt nicht automatisch für die anderen.

Zur Sprache

Dieser Artikel verwendet die Begriffe, die in den zitierten Studien verwendet werden, also autistische Menschen und ADHS. Über die richtige Bezeichnung wird in der betroffenen Gemeinschaft und in der Fachwelt gestritten. Die Befunde sind davon unabhängig.

Der erste Mechanismus

Eine Metaanalyse hat verschiedene Formen von Übergriffen gemeinsam betrachtet, statt sich wie frühere Übersichten auf eine zu beschränken. Von 291 geprüften Studien erfüllten 34 die Einschlusskriterien.

Gepoolte Häufigkeit von Übergriffen bei autistischen Menschen

Mehrere Formen zusammen

84 %

Mobbing

47 %

Übergriffe insgesamt

44 %

Gesamtwert

Sexuelle Übergriffe

40 %

Misshandlung in der Kindheit

16 %

Mobbing im Netz

13 %

MerkmalWert in %
Mehrere Formen zusammen84 %
Mobbing47 %
Übergriffe insgesamt44 %
Sexuelle Übergriffe40 %
Misshandlung in der Kindheit16 %
Mobbing im Netz13 %

Gepoolte Häufigkeiten aus 34 Studien mit Kindern und Erwachsenen aus klinischen und allgemeinen Zusammenhängen. Quelle: Trundle et al. 2023.

Auch wenn die Unterschiede zwischen den Studien eine abschließende Deutung der Ergebnisse erschweren, zeigt diese Übersicht den Bedarf an Strategien und Maßnahmen, um die Häufigkeit von Übergriffen zu senken.
Trundle, Jones, Ropar & Egan 2023
  • Die Streuung ist ernst zu nehmen. Eine Bereinigung nach Alter, nach Auskunftsperson und nach Herkunft der Stichprobe verringerte die Unterschiede zwischen den Studien nicht. Die genannten Zahlen sind daher Größenordnungen, keine Punktwerte.
  • Der Wert für mehrere Formen ist der beunruhigendste. 84 Prozent bedeutet: Wer betroffen ist, ist meist mehrfach betroffen.
  • Mobbing im Netz lag mit 13 Prozent am niedrigsten. Das spricht dagegen, die Belastung vorrangig als Bildschirmproblem zu behandeln. Der Ort der Übergriffe ist überwiegend die unmittelbare Umgebung.

Der zweite Mechanismus

Viele autistische Menschen entwickeln Strategien, um im sozialen Alltag mitzuhalten und ihre Unterschiede zu verdecken. Eine Übersicht hat 29 Studien dazu ausgewertet.

Die drei vorläufigen Befunde. Quelle: Cook, Hull, Crane & Mandy 2021
BefundInhalt
Zusammenhang mit autistischen MerkmalenErwachsene mit mehr selbstberichteten autistischen Merkmalen berichteten stärkeres Anpassen
GeschlechtEs bestehen Unterschiede nach Geschlecht und Geschlechtsidentität
Psychische GesundheitStärkeres selbstberichtetes Anpassen ging mit schlechteren Ergebnissen für die psychische Gesundheit einher

Die Übersicht unterscheidet zwei Messwege: die Abweichung zwischen innerem Erleben und äußerem Auftreten sowie die eigene Einschätzung des Anpassungsaufwands. Beide erfassen unterschiedliche Anteile.

Die Einschränkung steht im Abstract

Die Autorengruppe hält die Forschungsgrundlage bei der Beschreibung und Vertretbarkeit der Stichproben für begrenzt und schreibt, dass die Schlussfolgerungen nicht auf die autistische Gemeinschaft insgesamt übertragen werden können. Auch die drei Befunde nennt sie ausdrücklich vorläufig.

Der Zusammenhang ist zudem in beide Richtungen denkbar. Wer sich schlechter fühlt, könnte sich stärker anstrengen, nicht aufzufallen. Und wer sich stärker anstrengt, könnte sich dadurch schlechter fühlen. Die vorliegenden Studien können das nicht trennen. Praktisch bleibt der Hinweis trotzdem brauchbar, weil er einer verbreiteten Erwartung widerspricht: Dass ein Kind nicht auffällt, ist kein Zeichen dafür, dass es ihm gut geht.

Was Akzeptanz vorhersagte

Eine Befragung von 111 autistischen Erwachsenen hat untersucht, wie erlebte Akzeptanz mit psychischen Beschwerden zusammenhängt. Sie ist klein und ein Querschnitt, aber die Ergebnisse sind erstaunlich klar getrennt.

Was was vorhersagte. Quelle: Cage, Di Monaco & Newell 2018
GrößeDepressivitätBelastungserlebenAngst
Akzeptanz durch andereSagte sie bedeutsam vorherSagte es bedeutsam vorherKein Zusammenhang
Eigene AkzeptanzSagte sie bedeutsam vorherNicht berichtetKein Zusammenhang
AnpassenGing mit höherer Depressivität einherNicht berichtetNicht berichtet

Onlinebefragung mit Selbstauskunft. Über die Richtung der Zusammenhänge sagt das Design nichts.

Dass Akzeptanz die Depressivität vorhersagte, die Angst aber nicht, ist ein feiner Befund. Er passt zu dem Bild, dass Angst bei autistischen Menschen stärker mit Reizverarbeitung und Unvorhersehbarkeit zusammenhängt, während Depressivität eher mit der sozialen Erfahrung verbunden ist. Für die Praxis heißt das: Akzeptanz ist wirksam, aber nicht für alles.

Der Trainingsbefund

Der häufigste Vorschlag an Eltern lautet, das Kind zu trainieren. Für ADHS gibt es dazu eine Metaanalyse randomisierter Studien, und sie ist vor allem ein Lehrstück über Bewertungsverblindung.

Effekte kognitiven Trainings bei ADHS. Quelle: Cortese et al. 2015, 16 Studien, 759 Kinder
ZielgrößeEffektstärkeVertrauensbereich
Gesamtsymptomatik, nicht verblindete Bewertung0,370,09 bis 0,66
Gesamtsymptomatik, wahrscheinlich verblindete Bewertung0,200,01 bis 0,40
Unaufmerksamkeit, nicht verblindet0,470,14 bis 0,80
Unaufmerksamkeit, wahrscheinlich verblindet0,32−0,01 bis 0,66, also nicht bedeutsam
Hyperaktivität und ImpulsivitätNicht bedeutsam
Verbales Arbeitsgedächtnis im Labortest0,520,24 bis 0,80
Bildhaftes Arbeitsgedächtnis im Labortest0,470,23 bis 0,70
Handlungssteuerung nach Elternurteil0,350,08 bis 0,61
Schulische LeistungNicht bedeutsam

Wie dieses Muster zu lesen ist

Am größten sind die Effekte dort, wo der Labortest der geübten Aufgabe am nächsten ist, also beim Arbeitsgedächtnis. Sie werden kleiner, je näher die Zielgröße am Alltag liegt, und verschwinden bei der Schulleistung. Zugleich sinkt der Effekt, sobald die Bewertenden nicht wissen, wer trainiert hat. Das ist das typische Bild eines Trainings, das das Trainierte verbessert und wenig darüber hinaus.

Das ist kein Argument gegen jede Förderung. Es ist ein Argument dafür, Fördermaßnahmen danach zu bewerten, ob sie das verändern, worum es im Alltag geht, und danach zu fragen, wer den Erfolg beurteilt hat.

Praktisch

Für Eltern

  • Frag aktiv nach Übergriffen. Die gepoolte Häufigkeit lag bei 44 Prozent, für Mobbing bei 47. Wer nicht fragt, erfährt es oft nicht, weil viele Kinder es für normal halten.
  • Unauffälligkeit ist kein Wohlbefinden. Stärkeres Anpassen ging mit schlechterer psychischer Gesundheit einher. Ein Kind, das in der Schule „gut funktioniert" und zu Hause zusammenbricht, zeigt genau dieses Muster.
  • Akzeptanz ist ein messbarer Faktor. Sowohl Akzeptanz von außen als auch die eigene sagten in der Befragung geringere Depressivität vorher.
  • Bewerte Fördermaßnahmen an der Alltagswirkung. Beim kognitiven Training waren die Effekte auf Labortests am größten und auf die Schulleistung nicht bedeutsam.
  • Achte auf mehrfache Betroffenheit. 84 Prozent für mehrere Formen zusammen heißt: Wenn eine Form auftritt, lohnt die Frage nach den anderen.

Für Schule und Betreuung

  • Schutz vor Übergriffen ist die erste Aufgabe. Sie ist der am besten belegte Belastungsfaktor dieser Gruppe und liegt vollständig im Verantwortungsbereich der Einrichtung.
  • Der Ort ist überwiegend die unmittelbare Umgebung. Mobbing im Netz lag mit 13 Prozent deutlich unter dem Mobbing insgesamt mit 47 Prozent.
  • Verlange kein Anpassen als Integrationsleistung. Genau das ist der Mechanismus, der mit schlechterer psychischer Gesundheit einherging.
  • Umgebung anpassen schlägt Kind trainieren. Reizschutz, Vorhersagbarkeit und Pausenräume verändern die Bedingung, unter der ein Kind arbeitet, und nicht nur seine Leistung in einer geübten Aufgabe.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Bei anhaltender gedrückter Stimmung, Rückzug, Selbstverletzung oder Äußerungen über Lebensmüdigkeit gehört ein Kind in kinder- und jugendpsychiatrische Abklärung. Depression ist bei autistischen Kindern häufig und wird oft übersehen, weil sie sich anders zeigt. Anlaufstellen sind die Kinderarztpraxis, sozialpsychiatrische Dienste und die Nummer gegen Kummer unter 116 111.

Passend dazu

Fazit

Was neurodivergente Kinder belastet, ist nach der Datenlage überwiegend das, was um sie herum passiert. Eine Metaanalyse über 34 Studien fand eine gepoolte Häufigkeit von 44 Prozent für Übergriffe, 47 Prozent für Mobbing und 84 Prozent für mehrere Formen zusammen, bei allerdings erheblichen Unterschieden zwischen den Studien.

Der zweite Mechanismus ist die Anstrengung, nicht aufzufallen. Über 29 Studien hinweg ging stärkeres selbstberichtetes Anpassen mit schlechterer psychischer Gesundheit einher, und in einer Befragung von 111 autistischen Erwachsenen sagten sowohl Akzeptanz von außen als auch eigene Akzeptanz geringere Depressivität vorher, die Angst dagegen nicht.

Die naheliegende Antwort, das Kind zu trainieren, trägt weniger weit als erhofft. Bei ADHS fiel der Effekt kognitiven Trainings auf die Gesamtsymptomatik von 0,37 auf 0,20, sobald die Bewertenden wahrscheinlich verblindet waren, und auf die Schulleistung war er nicht bedeutsam. Am größten war er dort, wo der Test der Übung am nächsten kam.

Häufige Fragen

Wie häufig erleben autistische Menschen Übergriffe?

Eine Metaanalyse über 34 Studien fand eine gepoolte Häufigkeit von 44 Prozent für Übergriffe insgesamt, 47 Prozent für Mobbing, 40 Prozent für sexuelle Übergriffe, 16 Prozent für Misshandlung in der Kindheit und 84 Prozent für mehrere Formen zusammen.

Wie belastbar sind diese Zahlen?

Die Unterschiede zwischen den Studien waren hoch und ließen sich weder durch das Alter der Teilnehmenden noch durch die Auskunftsperson oder die Herkunft der Stichprobe erklären. Die Autorengruppe schreibt selbst, dass dies eine abschließende Deutung erschwert.

Was ist mit Anpassen oder Tarnen gemeint?

Damit sind Strategien gemeint, mit denen autistische Menschen ihre Unterschiede im sozialen Alltag verdecken. Eine Übersicht über 29 Studien kommt zu drei vorläufigen Befunden, darunter der Zusammenhang von stärkerem selbstberichtetem Anpassen mit schlechterer psychischer Gesundheit.

Hilft Akzeptanz durch andere?

In einer Befragung von 111 autistischen Erwachsenen sagten sowohl Akzeptanz von außen als auch eigene Akzeptanz die Depressivität vorher. Akzeptanz durch andere sagte zusätzlich das Belastungserleben vorher, die Angst dagegen nicht.

Wirkt kognitives Training bei ADHS?

Nur begrenzt. Über 16 randomisierte Studien mit 759 Kindern lag der Effekt auf die Gesamtsymptomatik bei 0,37, wenn die Bewertenden nahe am Geschehen und damit meist nicht verblindet waren, und bei 0,20, wenn sie wahrscheinlich verblindet waren.

Verbessert dieses Training die Schulleistung?

Nein. Die Effekte auf die schulische Leistung waren in derselben Metaanalyse nicht statistisch bedeutsam, ebenso die Effekte auf Hyperaktivität und Impulsivität.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Trundle, G., Jones, K. A., Ropar, D. & Egan, V. (2023): Prevalence of Victimisation in Autistic Individuals: A Systematic Review and Meta-Analysis. Trauma, Violence, & Abuse. 291 geprüfte Studien, 34 eingeschlossen, Teilgruppenanalysen zu Moderatoren

  2. 2

    Cook, J., Hull, L., Crane, L. & Mandy, W. (2021): Camouflaging in autism: A systematic review. Clinical Psychology Review. Systematische Suche in acht Datenbanken, 29 Studien zu Kindern und Erwachsenen

  3. 3

    Cage, E., Di Monaco, J. & Newell, V. (2018): Experiences of Autism Acceptance and Mental Health in Autistic Adults. Journal of Autism and Developmental Disorders. Onlinebefragung von 111 autistischen Erwachsenen, Regressionsanalysen

  4. 4

    Cortese, S. et al. (2015): Cognitive training for attention-deficit/hyperactivity disorder: meta-analysis of clinical and neuropsychological outcomes from randomized controlled trials. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry. 16 randomisierte Studien mit 759 Kindern, Bewertung des Verzerrungsrisikos nach Cochrane