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Hochsensibilität im Büro

Der Begriff ist populär, das dazugehörige Selbstbild oft fest gefügt. Die Forschung dazu ist deutlich unruhiger, und genau darin liegt die nützliche Nachricht.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Wasseroberfläche mit unterschiedlich starken konzentrischen Ringen nach mehreren Tropfen
Derselbe Anstoß, unterschiedlich weite Kreise. Das ist die brauchbare Kurzfassung des Merkmals. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Kaum ein Persönlichkeitsbegriff hat es so weit in die Alltagssprache geschafft. Die Forschung dazu stammt teils von denselben Personen, die den Begriff geprägt haben, und sie hat in den letzten Jahren mehrere gängige Annahmen selbst korrigiert.

  • Die Datenanalyse ergab drei Gruppen, nicht zwei.
  • Das Merkmal ist kontinuierlich und annähernd normalverteilt.
  • Die hochsensitive Gruppe lag deutlich höher bei Neurotizismus.
  • Bei hoher Belastung mehr Burnout, bei gutem Klima weniger.
  • Hohe Werte in Sensitivitätsfragebögen sind unspezifisch.

Worum es geht

Gemeint ist ein Persönlichkeitsmerkmal, in der Fachsprache Umweltsensitivität oder sensorische Verarbeitungssensitivität. Es beschreibt, wie stark jemand von Einflüssen der Umgebung berührt wird. Gemessen wird es mit Fragebögen, am bekanntesten mit der Skala für hochsensible Personen.

Kein Krankheitsbild

Hochsensibilität steht in keinem Diagnosehandbuch. Wer hohe Werte erzielt, hat keine Störung, sondern eine Ausprägung eines Merkmals. Das ist wichtig, weil dieser Artikel gleich einige unbequeme Befunde zusammenträgt und diese nichts über den Wert eines Menschen aussagen.

Drei Gruppen statt zwei

Die verbreitete Erzählung kennt zwei Sorten Mensch, in der Bildsprache der Forschung Orchideen und Löwenzahn. Eine Arbeitsgruppe, an der auch die Urheber des Begriffs beteiligt waren, hat das datengetrieben geprüft, statt es vorauszusetzen.

Anteile der drei Sensitivitätsgruppen

Mittlere Sensitivität, Tulpen

40 %

größte Gruppe

Hohe Sensitivität, Orchideen

31 %

nicht 15 bis 20 Prozent

Niedrige Sensitivität, Löwenzahn

29 %

MerkmalWert in %
Mittlere Sensitivität, Tulpen40 %
Hohe Sensitivität, Orchideen31 %
Niedrige Sensitivität, Löwenzahn29 %

Ergebnis der latenten Klassenanalyse an 906 Erwachsenen. Quelle: Lionetti et al. 2018.

Im Gegensatz zu den vorherrschenden Theorien legten die latenten Klassenanalysen durchgängig die Existenz von drei statt zwei Gruppen nahe.
Lionetti, Aron, Aron, Burns, Jagiellowicz & Pluess 2018
Was die Analyse noch ergab. Quelle: Lionetti et al. 2018
FrageBefund
Struktur der SkalaEin Bifaktormodell mit einem allgemeinen Sensitivitätsfaktor
Verteilung des MerkmalsKontinuierlich und annähernd normalverteilt, nicht zweigeteilt
Unterschiede in der PersönlichkeitDie Gruppen unterschieden sich in Neurotizismus und Extraversion
Hochsensitive GruppeDeutlich höhere Werte bei Neurotizismus und emotionaler Reagibilität, niedrigere bei Extraversion
Emotionale ReagibilitätGeprüft an einer unabhängigen Stichprobe mit induzierter positiver Stimmung
  • Die Zahl 31 Prozent widerspricht der geläufigen Angabe. Populär sind 15 bis 20 Prozent. Die Gruppengrenzen hängen allerdings von den gesetzten Schwellenwerten ab, die die Autorengruppe selbst als vorläufig bezeichnet.
  • Normalverteilt heißt: kein Sondertyp. Die meisten Menschen liegen in der Mitte. Die Gruppen sind Abschnitte eines Kontinuums, nicht getrennte Kategorien.
  • Der Befund zur positiven Stimmung ist der interessanteste. Die hochsensitive Gruppe reagierte stärker auf eine positive Stimmungsinduktion. Das ist das Gegenstück zur Belastungsseite.

Der Befund für den Arbeitsplatz

Für die Arbeitswelt gibt es eine Untersuchung, die genau diese Doppelseitigkeit prüft. Sie befragte 198 Lehrkräfte zu Sensitivität, Burnout, erlebter Belastung und Schulklima.

Die beiden Richtungen. Quelle: Sperati et al. 2024
BedingungBefund für hochsensitive Lehrkräfte
InsgesamtHohe Sensitivität hing deutlich mit Burnout zusammen
Bei hoher erlebter BelastungDer Zusammenhang war besonders ausgeprägt, die Autorengruppe spricht von einem Verwundbarkeitseffekt
Bei positivem und unterstützendem SchulklimaHochsensitive Lehrkräfte zeigten geringeres Burnout

Querschnittserhebung mit 198 Lehrkräften, 94 Prozent davon Frauen. Ursache und Wirkung sind damit nicht zu trennen.

Bei positivem und unterstützendem Schulklima zeigten hochsensible Lehrkräfte einen Rückgang des Burnouts, was hohe Sensitivität als wertvolle Stärke erscheinen lässt, um von positiven Erfahrungen zu profitieren.
Sperati et al. 2024

Dieses Muster hat einen Namen: Empfänglichkeit für Umwelteinflüsse in beide Richtungen. Nicht nur die Schlechten treffen härter, auch die Guten wirken stärker. Für die Praxis ist das die wichtigste Aussage des ganzen Themas, weil sie die Umgebung in den Mittelpunkt stellt und nicht die Person.

Zwei unbequeme Befunde

Wer das Thema ernst nimmt, muss zwei Arbeiten kennen, die in Ratgebern selten vorkommen.

Die Überschneidung mit verletzlichem Narzissmus

Eine Arbeitsgruppe hat geprüft, wie stark sich hohe Sensitivität und überempfindlicher Narzissmus in ihren Zusammenhangsmustern gleichen. Untersucht wurden zwei Stichproben mit 280 und 310 Personen.

  • Die Zusammenhänge waren erheblich. Mit überempfindlichem Narzissmus lagen sie zwischen 0,53 und 0,54, mit verletzlichem Narzissmus zwischen 0,44 und 0,54.
  • Neurotizismus erklärt das nicht. Die Zusammenhänge waren nach Angabe der Autoren nicht auf allgemeinen Neurotizismus zurückzuführen.
  • Die Muster ähnelten sich. Beide wiesen auf ein neurotisch-introvertiertes Profil mit eingeschränkter Persönlichkeitsfunktion hin.
  • Die Folgerung der Autoren ist klinisch, nicht wertend. Sie empfehlen Behandelnden, bei Menschen, die sich als hochsensibel darstellen, auch auf narzisstische Selbstregulationsstrategien zu achten. Das heißt nicht, dass hochsensible Menschen narzisstisch sind.

Die Unspezifität hoher Werte

Eine Metaanalyse über 33 Studien mit insgesamt 2.008 Personen hat Muster der sensorischen Verarbeitung bei einem breiten Spektrum psychischer Erkrankungen untersucht, alle mit demselben Instrument.

Das gefundene Muster. Quelle: van den Boogert et al. 2022
BereichAusprägung gegenüber der Vergleichsgruppe
Geringe Registrierung von ReizenErhöht
Sensorische EmpfindlichkeitErhöht
Sensorisches VermeidenErhöht
Sensorisches SuchenVerringert

Die Mehrzahl der Effektstärken war groß bis sehr groß. Die Autorengruppe stuft das Muster als unspezifischen, diagnoseübergreifenden Phänotyp ein.

Was daraus folgt und was nicht

Hohe Werte in Sensitivitätsfragebögen sagen für sich genommen wenig darüber aus, worum es geht. Sie treten bei vielen psychischen Erkrankungen auf und bei vielen gesunden Menschen. Sie sind deshalb kein Beleg für eine Erkrankung, aber auch keine Selbsterklärung, die weitere Fragen erübrigt.

Wie das zusammenpasst

Auf den ersten Blick widersprechen sich die Befunde. Sie tun es nicht, wenn man den Begriff von seiner Deutung trennt.

  • Das Merkmal existiert und ist messbar. Die Skala bildet einen allgemeinen Sensitivitätsfaktor ab, und Menschen unterscheiden sich darin verlässlich.
  • Es ist nicht so besonders, wie die Erzählung nahelegt. Es ist kontinuierlich verteilt, hat drei Abschnitte statt zwei Typen und überschneidet sich stark mit bekannten Persönlichkeitsdimensionen.
  • Es ist trotzdem praktisch bedeutsam. Bei hoher Ausprägung schlägt die Umgebung stärker durch, ins Negative wie ins Positive. Das ist die Aussage, die tatsächlich zu Handlungen führt.
  • Als Selbsterklärung taugt es wenig. Wer anhaltend erschöpft ist, erfährt aus einem hohen Wert nichts über die Ursache. Genau darauf weist die Metaanalyse zur Unspezifität hin.

Praktisch

Für dich selbst

  • Setz an der Umgebung an, nicht am Etikett. Der stärkste Befund für den Arbeitsplatz betrifft das Zusammenspiel von Sensitivität und Umfeld. Beim Umfeld kannst du etwas ändern.
  • Achte auf die positive Seite. Hochsensitive Lehrkräfte hatten bei gutem Klima weniger Burnout, und die hochsensitive Gruppe reagierte stärker auf positive Stimmungsinduktion. Ein gutes Team wirkt bei dir womöglich mehr als bei anderen.
  • Die akustische Umgebung ist der greifbarste Hebel. Zu Störschall und Konzentration gibt es harte Zahlen, unabhängig von der Sensitivitätsdebatte.
  • Erschöpfung braucht eine eigene Abklärung. Weil hohe Werte in Sensitivitätsfragebögen diagnoseübergreifend auftreten, ersetzt die Selbsteinschätzung als hochsensibel keine Untersuchung.

Für Führungskräfte

  • Behandle es als Unterschied in der Empfänglichkeit, nicht als Belastbarkeitsstufe. Die Person reagiert stärker auf das Umfeld, in beide Richtungen. Weniger zuzumuten ist nicht automatisch die richtige Antwort.
  • Das Klima ist der wirksame Faktor. In der Untersuchung war das unterstützende Schulklima genau die Bedingung, unter der sich der Nachteil in einen Vorteil drehte.
  • Verlang keine Selbstauskunft. Niemand muss sich als hochsensibel zu erkennen geben, um Anspruch auf einen ruhigen Arbeitsplatz zu haben. Die Leistungsvorteile ruhiger Bereiche gelten für alle.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Wenn Reizempfindlichkeit mit anhaltender Erschöpfung, Rückzug, Schlafproblemen oder gedrückter Stimmung einhergeht, gehört das ärztlich abgeklärt. Das Merkmal erklärt solche Beschwerden nicht, und eine Selbsteinordnung als hochsensibel kann eine notwendige Abklärung verzögern.

Passend dazu

Fazit

Umweltsensitivität ist ein messbares Persönlichkeitsmerkmal, aber sie ist anders gebaut, als die populäre Darstellung behauptet. Eine Analyse mit 906 Erwachsenen fand drei Gruppen statt zwei, mit 31 Prozent hoher, 40 Prozent mittlerer und 29 Prozent niedriger Sensitivität, und beschreibt das Merkmal als kontinuierlich und annähernd normalverteilt.

Zwei Befunde mahnen zur Vorsicht. Die Zusammenhänge mit überempfindlichem und verletzlichem Narzissmus lagen zwischen 0,44 und 0,54 und ließen sich nicht durch Neurotizismus erklären. Und erhöhte sensorische Empfindlichkeit ist nach einer Metaanalyse über 33 Studien ein unspezifischer Befund, der über viele psychische Erkrankungen hinweg auftritt.

Für die Arbeit bleibt trotzdem eine klare Aussage. Bei 198 Lehrkräften hing hohe Sensitivität mit mehr Burnout zusammen, besonders bei hoher Belastung, und mit weniger Burnout bei unterstützendem Klima. Wer hochsensibel ist, braucht deshalb nicht weniger Aufgaben, sondern ein Umfeld, das er stärker spürt als andere.

Häufige Fragen

Ist Hochsensibilität eine Diagnose?

Nein. Es handelt sich um ein Persönlichkeitsmerkmal, das mit Fragebögen erfasst wird, nicht um eine Störung. In den Diagnosehandbüchern kommt es nicht vor.

Stimmt die Angabe von 15 bis 20 Prozent?

Eine datengetriebene Analyse mit 906 Erwachsenen fand drei statt zwei Gruppen: 31 Prozent mit hoher, 40 Prozent mit mittlerer und 29 Prozent mit niedriger Sensitivität. Das Merkmal ist zudem kontinuierlich und annähernd normalverteilt.

Ist Hochsensibilität nur ein anderes Wort für Neurotizismus?

Nicht ganz, aber die Nähe ist groß. Die hochsensitive Gruppe erzielte deutlich höhere Werte bei Neurotizismus und niedrigere bei Extraversion als die beiden anderen Gruppen.

Führt hohe Sensitivität zu Burnout?

In einer Untersuchung mit 198 Lehrkräften hing sie deutlich mit Burnout zusammen, besonders bei hoher erlebter Belastung. Bei positivem und unterstützendem Schulklima zeigten hochsensitive Lehrkräfte dagegen geringeres Burnout.

Sind hohe Werte in Sensitivitätsfragebögen ein Warnzeichen?

Sie sind vor allem unspezifisch. Eine Metaanalyse über 33 Studien fand erhöhte sensorische Empfindlichkeit über ein breites Spektrum psychischer Erkrankungen hinweg, mit überwiegend großen bis sehr großen Effekten.

Was folgt daraus für die Arbeit?

Dass die Umgebung bei hoher Sensitivität stärker durchschlägt, in beide Richtungen. Ein belastendes Umfeld kostet mehr, ein unterstützendes bringt mehr.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Lionetti, F., Aron, A., Aron, E. N., Burns, G. L., Jagiellowicz, J. & Pluess, M. (2018): Dandelions, tulips and orchids: evidence for the existence of low-sensitive, medium-sensitive and high-sensitive individuals. Translational Psychiatry. 906 Erwachsene, Faktorenanalysen und latente Klassenanalyse, ergänzt um eine unabhängige Stichprobe mit experimenteller Stimmungsinduktion

  2. 2

    Sperati, A. et al. (2024): The role of individual differences in environmental sensitivity in teachers' stress and burnout at work. Stress and Health. 198 Lehrkräfte, mittleres Alter 44,3 Jahre, Prüfung von erlebter Belastung und Schulklima als moderierende Größen

  3. 3

    Jauk, E., Knödler, M., Frenzel, J. & Kanske, P. (2023): Do highly sensitive persons display hypersensitive narcissism? Similarities and differences in the nomological networks of sensory processing sensitivity and vulnerable narcissism. Journal of Clinical Psychology. Zwei Studien mit 280 und 310 Teilnehmenden, Gelegenheits- und repräsentative Stichprobe

  4. 4

    van den Boogert, F. et al. (2022): Sensory processing difficulties in psychiatric disorders: A meta-analysis. Journal of Psychiatric Research. 33 Studien mit insgesamt 2.008 Personen, alle mit dem Adolescent/Adult Sensory Profile