
Auf einen Blick
Wer sich nicht konzentrieren kann, sucht den Fehler meist bei sich. Die Forschung legt eine andere Reihenfolge nahe: Zuerst kommt die Umgebung, dann die Technik der Rückkehr, und erst danach alles, was mit Selbstdisziplin zu tun hat.
- Offene Büros schnitten 14 Prozent schlechter ab als Einzelbüros.
- Der Wechsel in einen Einzelarbeitsraum steigerte die Leistung um 21,9 Prozent.
- Sprache stört ab einem Sprachübertragungsindex von etwa 0,21.
- Am stärksten betroffen ist das verbale Kurzzeitgedächtnis.
- Langsameres Wiedereinsteigen nach einer Unterbrechung senkt die Fehlerzahl.
Was der Begriff ist und was nicht
Deep Work ist ein Begriff aus einem Sachbuch und beschreibt konzentriertes Arbeiten ohne Ablenkung an anspruchsvollen Aufgaben. Es gibt dazu kein Messinstrument, keine Wirksamkeitsstudien und keine Definition, auf die sich eine Fachgemeinschaft geeinigt hätte.
Warum der Artikel trotzdem konkret werden kann
Die beiden Größen, die den Zustand verhindern, sind hervorragend untersucht: der Störschall und die Unterbrechung. Für beide gibt es Feldstudien, Laborexperimente und Zahlen. Dieser Artikel behandelt sie, nicht den Buchbegriff.
Die Feldstudie
Die aussagekräftigste Arbeit zu Bürotypen misst nicht die Zufriedenheit, sondern die Leistung in einer konzentrationsfordernden Aufgabe, und sie tut es im echten Büro. 113 Beschäftigte aus fünf Büros nahmen teil, vier davon zogen in einen tätigkeitsbezogenen Arbeitsplatz um. Ein Akustiker maß die Schallpegel der Arbeitsbereiche.
Wechsel in einen Einzelarbeitsraum
21,9 %
stärkster Zugewinn
Wechsel in die Ruhezone
16,9 %
bereits deutlich
| Merkmal | Wert in % |
|---|---|
| Wechsel in einen Einzelarbeitsraum | 21.9 % |
| Wechsel in die Ruhezone | 16.9 % |
Werte aus dem Vergleich innerhalb derselben Personen nach dem Umzug. Ausgangspunkt ist jeweils die aktive Zone ohne Lärmbeschränkung. Quelle: Jahncke & Hallman 2020.
| Vergleich | Ergebnis |
|---|---|
| Vor dem Umzug: geteiltes oder offenes Büro gegenüber Einzelbüro | 14 Prozent schlechtere Leistung, bei einem um 15 Dezibel höheren Pegel im offenen Büro |
| Nach dem Umzug: aktive Zone ohne Lärmbeschränkung | Deutlich schlechteste Leistung von allen Arbeitsbereichen |
| Wechsel von der aktiven Zone in die Ruhezone | Leistung stieg um 16,9 Prozent |
| Wechsel in einen Einzelarbeitsraum | Leistung stieg um 21,9 Prozent |
Der Vergleich nach dem Umzug erfolgte innerhalb derselben Personen. Damit fallen Unterschiede zwischen den Beschäftigten als Erklärung weg.
Ein täglicher Leistungsabfall bei jedem einzelnen Beschäftigten kann für die Organisation auf Dauer teuer werden.
- Der Vergleich innerhalb derselben Person ist der stärkere. Beim Vergleich vor dem Umzug könnten Unterschiede zwischen den Personen eine Rolle gespielt haben. Nach dem Umzug wechselten dieselben Menschen zwischen den Zonen.
- Es geht um eine konzentrationsfordernde Aufgabe. Für Tätigkeiten mit viel Abstimmung sagt die Studie nichts. Sie ist ein Argument für Wahlmöglichkeiten, nicht gegen offene Flächen an sich.
- Die Folgerung der Autoren ist praktisch. Organisationen sollten ruhige Bereiche oder Räume mit wenigen Ablenkungen zur Verfügung stellen. Die Zonen im tätigkeitsbezogenen Büro wirkten nur, wenn sie tatsächlich Lärmbeschränkungen hatten.
Ab wann Sprache stört
Nicht jeder Schall stört gleich. Der bekannteste Befund der Raumakustik lautet, dass es weniger auf die Lautstärke ankommt als auf die Verständlichkeit. Dafür gibt es eine Messgröße, den Sprachübertragungsindex. Er reicht von 0 für völlig unverständlich bis 1 für perfekt verständlich.
| Kennwert | Angabe |
|---|---|
| Grundlage | 14 Studien mit 34 Prüfungen des Zusammenhangs |
| Beginn der Verschlechterung | Etwa ab einem Index von 0,21 |
| Stärkste Verschlechterung erreicht bei | Einem Index von 0,44 |
| Am stärksten betroffene Aufgaben | Verbales Kurzzeitgedächtnis, mit sehr einheitlichem Befund zwischen 0,12 und 0,51 |
| Weitere Aufgaben | Hinweise bei verbalem Arbeitsgedächtnis, begrenzte Belege bei komplexen verbalen Aufgaben |
Was das über Lösungen sagt
Wenn die Verständlichkeit das Problem ist, hilft es nicht, leiser zu werden, sondern unverständlicher. Genau deshalb arbeiten Akustiker mit Absorption und mit Verdeckung durch gleichmäßigen Hintergrundschall. Ein flüsterndes Gespräch am Nebentisch kann störender sein als ein lauteres, das man nicht mehr entziffern kann.
Das Modell hat die Gestaltungsempfehlungen für Büros mitgeprägt. Die Autorengruppe weist allerdings darauf hin, dass das ältere Modell auf einer dünnen Datenbasis stand und dass weitere Forschung nötig ist, besonders zu aufgabenspezifischen Effekten.
Die vertraute Stimme
Ein Experiment ist besonders aufschlussreich, weil es zeigt, dass es nicht nur um Akustik geht. Untersucht wurde, ob eine bekannte Störstimme anders wirkt als eine unbekannte.
| Gruppe | Verhältnis zur Stimme | Ergebnis |
|---|---|---|
| 66 Studierende | Waren von einer der beiden Sprechpersonen in einem Statistikkurs unterrichtet worden | Machten mehr Fehler, wenn die störende Stimme die vertraute war |
| 20 Angehörige und Freunde | Kannten eine der Sprechpersonen seit über zehn Jahren | Zeigten diesen Effekt nicht |
Interessanterweise wurde der Effekt der Stimmvertrautheit nicht davon beeinflusst, ob aufgabenirrelevante Sprache tatsächlich vorhanden war: Studierende erlebten eine stärkere Störung durch eine vertraute Sprechperson, unabhängig davon, ob sie während der Behaltensphase einen irrelevanten Satz hörten oder ihn lediglich erwarteten.
- Die Erwartung allein genügte. Das ist der eigentliche Befund. Der Nachteil entstand nicht durch den Schall, sondern durch die Bereitschaft, auf ihn zu achten.
- Sehr hohe Vertrautheit zeigte den Effekt nicht. Bei Angehörigen und Freunden trat er nicht auf. Der Grad der Vertrautheit scheint also mitzuentscheiden.
- Praktisch heißt das: Der Kollege, dessen Stimme man kennt, aber nicht gut kennt, ist die ungünstigste Konstellation. Und eine Tür, die vielleicht aufgeht, kostet, auch wenn sie geschlossen bleibt.
Der Preis der Unterbrechung
Die zweite Größe ist die Unterbrechung. Sie kostet Zeit für die Wiederaufnahme und erhöht die Fehlerwahrscheinlichkeit. Zwei Experimente haben geprüft, wie beides zusammenhängt.
| Experiment | Eingriff | Ergebnis |
|---|---|---|
| Experiment 1 | Der Zeitverlust durch einen Fehler wurde zwischen den Bedingungen verändert | Bei hohem Zeitverlust machten die Teilnehmenden weniger Fehler und stiegen langsamer wieder ein |
| Experiment 2 | Nach der Unterbrechungsaufgabe wurde die Rückkehr zehn Sekunden lang gesperrt | Deutlich weniger Fehler bei der Wiederaufnahme, weil schnelles ungenaues Wiedereinsteigen verhindert wurde |
Die Aufgabe war eine geübte Dateneingabe, unterbrochen durch eine anspruchsvolle Kopfrechenaufgabe.
Das Ergebnis ist kontraintuitiv
Längere Wiederaufnahmezeiten nach einer Unterbrechung sind von Vorteil, weil sie die Fehlerwahrscheinlichkeit senken. Der Reflex, nach einer Störung sofort weiterzumachen, um die verlorene Zeit aufzuholen, ist damit genau der falsche.
Was während der Unterbrechung im Kopf passiert, hat eine weitere Arbeitsgruppe mit drei Experimenten untersucht. Ihr Befund: Die zuletzt bearbeitete Teilaufgabe bleibt während der Unterbrechung aktiviert. Das erklärt, warum die Rückkehr nicht bei null beginnt und warum sie zugleich fehleranfällig ist. Der alte Zustand ist noch da, aber nicht mehr passend.
Praktisch
An der Umgebung
- Ein eigener Raum ist die stärkste Einzelmaßnahme. Er brachte in der Feldstudie 21,9 Prozent mehr Leistung gegenüber der aktiven Zone, eine Ruhezone immer noch 16,9 Prozent.
- Verständlichkeit schlägt Lautstärke. Wenn du Sprache noch verstehen kannst, stört sie am meisten. Gleichmäßiger Hintergrundschall, der Wörter unkenntlich macht, ist wirksamer als der Versuch, es ganz still zu bekommen.
- Nicht jede Aufgabe braucht das. Am stärksten betroffen sind Aufgaben mit verbalem Kurzzeitgedächtnis, also Texte, Zahlen, Namen, Korrekturlesen. Für Routinearbeit ist der Effekt kleiner.
- Die erwartete Störung kostet auch. Im Experiment genügte die Erwartung eines störenden Satzes. Ein verlässliches Zeitfenster, in dem sicher niemand kommt, ist deshalb mehr wert als ein zufällig ruhiger Nachmittag.
An der Unterbrechung
- Steig nach einer Störung bewusst langsam wieder ein. In beiden Experimenten senkte das die Fehlerzahl. Ein kurzer Blick darauf, wo du warst, ist keine verlorene Zeit.
- Hinterlass dir eine Spur. Weil die zuletzt bearbeitete Teilaufgabe aktiviert bleibt, aber nicht mehr zum aktuellen Stand passt, hilft eine kurze Notiz über den nächsten Schritt mehr als eine über den letzten.
- Rechne die Kosten der Unterbrechung zu, nicht dir. Der Wiederaufnahmeaufwand ist ein Merkmal der Aufgabe, kein Zeichen mangelnder Konzentration.
Für Organisationen
- Zonen wirken nur mit Regeln. In der Feldstudie war die aktive Zone ohne Lärmbeschränkung der schlechteste Bereich. Eine Ruhezone ohne durchgesetzte Ruheregel ist eine Ruhezone dem Namen nach.
- Der Effekt ist täglich und summiert sich. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass ein täglicher Leistungsabfall je Beschäftigtem über die Zeit teuer wird.
- Wahlmöglichkeit statt Vorgabe. Die Daten sprechen nicht gegen offene Flächen, sondern dafür, dass jemand mit einer konzentrationsfordernden Aufgabe ausweichen kann.
Passend dazu
Fazit
Deep Work ist ein Buchbegriff, aber seine beiden Voraussetzungen sind vermessen. In einer Feldstudie mit 113 Beschäftigten lag die Leistung in geteilten und offenen Büros 14 Prozent unter der in Einzelbüros. Nach dem Umzug in ein tätigkeitsbezogenes Büro stieg sie beim Wechsel in die Ruhezone um 16,9 und in einen Einzelarbeitsraum um 21,9 Prozent.
Entscheidend ist nicht die Lautstärke, sondern die Verständlichkeit. Nach einem Modell aus 14 Laborstudien beginnt die Leistung ab einem Sprachübertragungsindex von etwa 0,21 zu sinken, am stärksten und einheitlichsten bei Aufgaben des verbalen Kurzzeitgedächtnisses. Und selbst die bloße Erwartung einer vertrauten Störstimme reichte in einem Experiment aus, um mehr Fehler zu erzeugen.
Bei der Unterbrechung liegt der praktische Gewinn dort, wo man ihn nicht vermutet. Wurde die Rückkehr zur Aufgabe künstlich verzögert, sank die Fehlerzahl deutlich. Wer nach einer Störung sofort weitermacht, spart Sekunden und zahlt sie in Fehlern zurück.
Häufige Fragen
Ist Deep Work ein wissenschaftlicher Begriff?
Nein. Der Ausdruck stammt aus einem Sachbuch. Die beiden Bedingungen dahinter, die akustische Umgebung und die Unterbrechung, sind dagegen experimentell und in Feldstudien gut untersucht.
Wie viel Leistung kostet ein Großraumbüro?
In einer Feldstudie mit 113 Beschäftigten schnitten Personen in geteilten oder offenen Büros bei einer konzentrationsfordernden Aufgabe 14 Prozent schlechter ab als Personen in Einzelbüros, bei einem um 15 Dezibel höheren Schallpegel.
Bringt eine Ruhezone etwas?
In derselben Studie stieg die Leistung um 16,9 Prozent, wenn Beschäftigte von der aktiven Zone in die Ruhezone wechselten, und um 21,9 Prozent beim Wechsel in einen Einzelarbeitsraum.
Ab wann stört Sprache im Hintergrund?
Nach einem überarbeiteten Modell aus 14 Laborstudien beginnt die Leistung etwa ab einem Sprachübertragungsindex von 0,21 zu sinken, die stärkste Verschlechterung ist bei 0,44 erreicht.
Warum stört eine bekannte Stimme mehr?
In einem Experiment machten Studierende mehr Fehler, wenn die störende Stimme die ihres Dozenten war. Bemerkenswert: Der Effekt trat auch dann auf, wenn der störende Satz gar nicht kam, sondern nur erwartet wurde.
Soll ich nach einer Unterbrechung sofort weiterarbeiten?
Nach zwei Experimenten nicht. Wurde die Rückkehr zur Aufgabe künstlich um zehn Sekunden verzögert, sank die Fehlerzahl deutlich, weil schnelles ungenaues Wiedereinsteigen verhindert wurde.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Jahncke, H. & Hallman, D. M. (2020): Objective measures of cognitive performance in activity based workplaces and traditional office types. Journal of Environmental Psychology. Feldstudie mit 113 Beschäftigten aus fünf Büros, akustische Messung durch einen Sachverständigen, lineare Regression und gemischte Modelle
- 2
Haapakangas, A., Hongisto, V. & Liebl, A. (2020): The relation between the intelligibility of irrelevant speech and cognitive performance-A revised model based on laboratory studies. Indoor Air. Systematische Übersicht über 14 Studien mit insgesamt 34 Prüfungen des Zusammenhangs
- 3
Brumby, D. P., Cox, A. L., Back, J. & Gould, S. J. (2013): Recovering from an interruption: investigating speed-accuracy trade-offs in task resumption behavior. Journal of Experimental Psychology: Applied. Zwei Experimente
- 4
Kreitewolf, J., Wöstmann, M., Tune, S., Plöchl, M. & Obleser, J. (2019): Working-memory disruption by task-irrelevant talkers depends on degree of talker familiarity. Attention, Perception & Psychophysics. Zwei Gruppen: 66 Studierende und 20 Angehörige oder Freunde der Sprecher
- 5
Hirsch, P., Moretti, L., Askin, S. & Koch, I. (2024): Examining the cognitive processes underlying resumption costs in task-interruption contexts: Decay or inhibition of suspended task goals?. Memory & Cognition. Drei Experimente mit dem Paradigma der rückwärtigen Hemmung