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Boundary Management

Die Debatte über Erreichbarkeit dreht sich meist um Regeln. Die Forschung zeigt, dass die Fähigkeit zum Abschalten der frühere Faktor ist und dass sie nicht bei allen dasselbe verlangt.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein niedriger Holzzaun mit einem geschlossenen Gartentor in der Mitte, dahinter eine offene Wiesenlandschaft
Eine Grenze muss nicht hoch sein, um zu wirken. Sie muss zu der Person passen, die sie zieht. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Boundary Management ist der Fachbegriff für etwas, das jeder täglich tut: die Grenze zwischen Arbeit und dem übrigen Leben ziehen, verschieben oder offen lassen. Die Forschungslage widerspricht dabei zwei verbreiteten Annahmen, und zwar in beide Richtungen.

  • Zwei Grundhaltungen: trennen oder verschränken. Beide können funktionieren.
  • Entscheidend ist die Passung zwischen gelebter Grenze und eigener Vorliebe.
  • Das Abschalten sagte die Grenzdurchlässigkeit vorher, nicht umgekehrt.
  • Maßnahmen zum Abschalten wirken mit d = 0,36, also spürbar aber begrenzt.
  • Dauer und Dosis machten den Unterschied, das Vermittlungsformat nicht.

Zwei Grundhaltungen

Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben sind, wie es in der Literatur heißt, sozial gezogene Trennlinien. Menschen ziehen sie unterschiedlich, weil sie unterschiedliche Vorlieben und unterschiedliche Möglichkeiten haben.

Die beiden Enden derselben Achse
HaltungWie sie sich zeigtWas daran gut ist
Segmentierung, also TrennungFeste Zeiten, getrennte Geräte, kein Blick in die Mails am AbendErleichtert das Abschalten und damit die Erholung
Integration, also VerschränkungFließende Übergänge, Arbeit und Privates in denselben ZeitfensternErlaubt Flexibilität und das Verschieben von Aufgaben nach Bedarf

Die Forschung behandelt beides als Vorliebe, nicht als richtig oder falsch.

Der Begriff, auf den es ankommt

Zusätzlich zur Vorliebe gibt es das tatsächliche Verhalten. Stimmen beide überein, spricht die Literatur von Grenzpassung. Genau diese Passung, nicht der Grad der Trennung, ist die Größe, die mit dem Wohlbefinden zusammenhängt.

Was zuerst kommt

Die naheliegende Erklärung lautet: Weil die Grenze durchlässig geworden ist, kann man nicht mehr abschalten. Eine litauische Untersuchung während des Lockdowns hat das mit zwei Erhebungswellen und einem kreuzverzögerten Modell geprüft, also mit einem Design, das die Richtung von Zusammenhängen über die Zeit sichtbar macht.

375

befragte Beschäftigte

2

Erhebungswellen

4

Monate Abstand

eine Richtung

nachweisbarer Effektpfad

Das Abschalten sagte die Grenzdurchlässigkeit und den Arbeit-Familie-Konflikt vier Monate später vorher, nicht umgekehrt.
Žiedelis, Urbanavičiūtė & Lazauskaitė-Zabielskė 2022
  • Die Fähigkeit zum Abschalten ist keine Folge einer dichten Grenze. Die Autorengruppe formuliert das ausdrücklich so und leitet daraus ab, dass Abschalten eher als Strategie dient, Arbeit und Privatleben getrennt zu halten.
  • Die praktische Folgerung steht im Abstract. Bemühungen sollten sich darauf richten, Beschäftigten im Homeoffice das Abschalten zu erleichtern, statt das Verwischen der Grenze zu verhindern.
  • Der Erhebungszeitraum ist eine Einschränkung. Die Daten stammen aus dem verpflichtenden Wechsel ins Homeoffice während der Pandemie. Ob dasselbe Muster bei freiwilliger, geübter Heimarbeit gilt, ist damit nicht geklärt.
  • Zwei Wellen sind besser als eine, aber kein Experiment. Ein kreuzverzögertes Modell zeigt zeitliche Vorhersagbarkeit, nicht Ursächlichkeit.

Passung statt Trennung

Eine dreiwellige Untersuchung hat gefragt, was die Grenze mit dem Wohlbefinden macht, und dabei nicht den Grad der Trennung gemessen, sondern die Übereinstimmung zwischen gelebtem Verhalten und eigener Vorliebe.

  • Die Passung hing direkt mit der Rollenzufriedenheit zusammen und diese wiederum mit dem subjektiven Wohlbefinden.
  • Die Zufriedenheit vermittelte den Zusammenhang. Die Passung wirkte also nicht direkt auf das Wohlbefinden, sondern über die Zufriedenheit mit der jeweiligen Rolle.
  • Die Arbeitsseite wog schwerer. Die Passung auf der Arbeitsseite hatte stärkere direkte und indirekte Effekte als die Passung auf der außerberuflichen Seite.
  • Die Autorengruppe nennt selbst offene Punkte. Sie hält kreuzverzögerte Designs und die Unterscheidung nach körperlichen, zeitlichen und gedanklichen Grenzen für nötig.

Warum eine allgemeine Regel scheitern kann

Wenn die Passung entscheidet, verschlechtert eine strikte Trennungsvorgabe die Lage für alle, die integrieren möchten, genauso wie ständige Erreichbarkeit die Lage für alle verschlechtert, die trennen möchten. Eine einheitliche Regel erzeugt zwangsläufig auf einer Seite eine Fehlpassung.

Vorliebe, Norm und Technik

Eine ältere, viel zitierte Arbeit hat drei Vorbedingungen des Abschaltens zusammen untersucht: die eigene Trennungsvorliebe, die wahrgenommene Trennungsnorm in der Arbeitsgruppe und die Nutzung von Kommunikationstechnik zu Hause.

Die drei Größen und ihr Verhältnis. Quelle: Park, Fritz & Jex 2011
GrößeBefund
Eigene TrennungsvorliebePositiv mit dem Abschalten verknüpft
Wahrgenommene Trennungsnorm der ArbeitsgruppePositiv mit dem Abschalten verknüpft
Techniknutzung zu HauseVermittelte beide Zusammenhänge teilweise

Der Befund zur Norm ist der praktisch nützlichste. Er zeigt, dass nicht nur die eigene Haltung zählt, sondern auch, was in der Gruppe als übliches Verhalten gilt. Und weil die Techniknutzung den Zusammenhang teilweise vermittelt, liegt der Weg über etwas Konkretes: das Gerät und die Frage, ob und wann darauf gearbeitet wird.

Merke

Teilweise vermittelt heißt auch hier: nicht vollständig. Ein Teil der Wirkung von Vorliebe und Norm läuft an der Technik vorbei. Das Gerät wegzulegen ist also ein wirksamer Schritt, aber nicht der ganze.

Was Maßnahmen bringen

Über zwei Jahrzehnte sind zahlreiche Maßnahmen entwickelt worden, um das Abschalten zu verbessern. Eine Metaanalyse hat sie zusammengeführt, mit einer systematischen Suche über veröffentlichte und unveröffentlichte Arbeiten von 1998 bis 2020.

Mittlerer Effekt der Maßnahmen auf das Abschalten

Maßnahmen zum Abschalten, gemittelt

0,36

30 Studien, 34 Maßnahmen

Schwelle für einen kleinen Effekt

0,2

Vergleichsmarke

Schwelle für einen mittleren Effekt

0,5

Vergleichsmarke

MerkmalWert in
Maßnahmen zum Abschalten, gemittelt0.36
Schwelle für einen kleinen Effekt0.2
Schwelle für einen mittleren Effekt0.5

Standardisierte Mittelwertsdifferenz d. Einordnung: ab 0,2 gilt ein Effekt als klein, ab 0,5 als mittel, ab 0,8 als groß. Quelle: Karabinski et al. 2021.

Was den Unterschied machte. Quelle: Karabinski et al. 2021
BedingungBefund
Dauer und Dosis der MaßnahmeLängere und höher dosierte Maßnahmen wirkten stärker
VermittlungsformatMachte keinen Unterschied
Begriffsverständnis von AbschaltenMachte keinen Unterschied, wie die Studien es fassten
MesskontextOb außerhalb der Arbeit oder bei der Arbeit gemessen wurde, beeinflusste das Ergebnis bedeutsam
AnsatzpunktMaßnahmen an Belastungen sowie an erster und zweiter Bewertung wirkten alle; nur die an der ersten Bewertung wirkten stärker als die übrigen
TeilnehmendeStärkere Wirkung bei älteren Personen und bei bereits bestehenden Gesundheits- oder Erholungsproblemen

Die erste Bewertung meint die Frage, ob eine Situation überhaupt als bedrohlich eingeordnet wird, die zweite die Frage, ob man sich ihr gewachsen fühlt. Dass Maßnahmen an der ersten Bewertung besser abschnitten, spricht dafür, an der Einordnung von Anforderungen zu arbeiten und nicht nur an Bewältigungstechniken.

Ein Effekt von 0,36 ist kein Freibrief

Er bedeutet, dass Maßnahmen im Mittel etwas bewirken, nicht dass sie ein Erreichbarkeitsproblem lösen. Dass sie bei Personen mit bereits eingeschränkter Erholung stärker wirkten, ist ein Argument dafür, sie gezielt dort einzusetzen und nicht als Angebot für alle zu verteilen.

Praktisch

Für dich selbst

  • Kläre erst deine Vorliebe. Willst du trennen oder verschränken? Beides ist zulässig. Erst danach lässt sich sagen, ob deine gelebte Grenze passt.
  • Beginne beim Abschalten, nicht bei der Grenze. In der Zweiwellenstudie war das Abschalten die vorlaufende Größe. Wer erst die perfekte Grenze bauen will, beginnt am späteren Ende.
  • Setz auf Dauer statt auf Einmaligkeit. Längere und höher dosierte Maßnahmen wirkten in der Metaanalyse besser. Ein Tagesseminar ersetzt keine über Wochen geübte Gewohnheit.
  • Das Gerät ist der greifbarste Hebel. Die Techniknutzung zu Hause vermittelte den Zusammenhang von Vorliebe und Norm zum Abschalten teilweise. Getrennte Geräte oder getrennte Profile sind mehr als Symbolik.
  • Arbeite an der Einordnung, nicht nur an der Technik. Maßnahmen an der ersten Bewertung schnitten besser ab. Die Frage, ob die offene Mail wirklich dringend ist, ist wirksamer als jede Atemübung danach.

Für Teams und Führungskräfte

  • Die Gruppennorm wirkt messbar. Die wahrgenommene Trennungsnorm hing positiv mit dem Abschalten der Einzelnen zusammen. Was Führungskräfte um 22 Uhr senden, setzt diese Norm mit.
  • Vermeide einheitliche Vorgaben, wo es um die Grenze geht. Weil die Passung entscheidet, erzeugt jede allgemeine Regel bei einem Teil der Belegschaft eine Fehlpassung. Sinnvoller ist eine Regel für die Erwartung, nicht für das Verhalten: Wer abends nichts liest, verpasst nichts.
  • Richte Angebote auf die, bei denen sie wirken. Die Metaanalyse fand stärkere Effekte bei Personen mit bestehenden Erholungsproblemen.
  • Achte auf die Arbeitsseite. Die Passung auf der Arbeitsseite hatte stärkere Effekte als die auf der privaten. Sie ist auch die Seite, die eine Organisation gestalten kann.

Passend dazu

Fazit

Boundary Management wird meist als Frage der Regeln verhandelt. Die Daten legen zwei andere Schwerpunkte nahe. Erstens die Richtung: In einer Zweiwellenstudie mit 375 Beschäftigten sagte das Abschalten die Grenzdurchlässigkeit und den Arbeit-Familie-Konflikt vier Monate später vorher, nicht umgekehrt.

Zweitens die Passung. In einer dreiwelligen Untersuchung hing nicht der Grad der Trennung mit dem Wohlbefinden zusammen, sondern die Übereinstimmung zwischen gelebter Grenze und eigener Vorliebe, vermittelt über die Zufriedenheit mit der Rolle, und auf der Arbeitsseite stärker als auf der privaten.

Maßnahmen zum Abschalten wirken, aber begrenzt. Über 30 Studien mit 34 Maßnahmen und 3.725 Teilnehmenden lag der mittlere Effekt bei d = 0,36. Was ihn erhöhte, waren Dauer und Dosis sowie der Ansatz an der Einordnung von Anforderungen. Was keine Rolle spielte, war das Format.

Häufige Fragen

Was ist Boundary Management?

Der Umgang mit den Grenzen zwischen Arbeit und dem übrigen Leben. Die Forschung unterscheidet zwei Grundhaltungen: Segmentierung, also Trennung, und Integration, also Verschränkung.

Ist Trennung immer besser?

Nein. Eine dreiwellige Untersuchung zeigt, dass es auf die Passung ankommt: Der Zusammenhang mit dem Wohlbefinden bestand dann, wenn die gelebte Grenze zur eigenen Vorliebe passte, unabhängig davon, ob diese trennend oder verschränkend war.

Verursacht Homeoffice das Abschaltproblem?

Nach einer Zweiwellenstudie mit 375 Beschäftigten ist die Richtung umgekehrt: Das Abschalten sagte die Durchlässigkeit der Grenze und den Arbeit-Familie-Konflikt vier Monate später vorher, nicht umgekehrt.

Wie wirksam sind Maßnahmen zum Abschalten?

Eine Metaanalyse über 30 Studien mit 34 Maßnahmen und 3.725 Teilnehmenden fand einen mittleren Effekt von d = 0,36. Das ist ein kleiner bis mittlerer Effekt.

Was macht Maßnahmen wirksamer?

Längere Dauer und höhere Dosis. Ob die Maßnahme in Gruppen, einzeln oder digital vermittelt wurde, machte keinen Unterschied. Am stärksten wirkten Maßnahmen bei älteren Teilnehmenden und bei Personen mit bereits bestehenden Gesundheits- oder Erholungsproblemen.

Hilft eine Erreichbarkeitsregel im Team?

Die wahrgenommene Trennungsnorm in der Arbeitsgruppe hing positiv mit dem Abschalten zusammen, und die Techniknutzung zu Hause vermittelte diesen Zusammenhang teilweise. Regeln wirken also, aber über das Verhalten am Gerät.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Karabinski, T., Haun, V. C., Nübold, A., Wendsche, J. & Wegge, J. (2021): Interventions for improving psychological detachment from work: A meta-analysis. Journal of Occupational Health Psychology. 30 Studien mit 34 Maßnahmen, 3.725 Teilnehmende, Zufallseffektmodell

  2. 2

    Žiedelis, A., Urbanavičiūtė, I. & Lazauskaitė-Zabielskė, J. (2022): Family boundary permeability, difficulties detaching from work, and work-home conflict: what comes first during the lockdown?. Current Psychology. 375 Beschäftigte, zwei Erhebungswellen im Abstand von vier Monaten, kreuzverzögertes Strukturgleichungsmodell

  3. 3

    Michel, J. S., Rotch, M. A. & O’Neill, S. K. (2022): The effects of work and nonwork boundary fit on role satisfaction and subjective well-being. Stress and Health. Dreiwellige Untersuchung mit Vermittlungsanalyse

  4. 4

    Park, Y., Fritz, C. & Jex, S. M. (2011): Relationships between work-home segmentation and psychological detachment from work: the role of communication technology use at home. Journal of Occupational Health Psychology. Untersuchung von Trennungsvorliebe, Trennungsnorm und Techniknutzung