
Auf einen Blick
Dieser Artikel behandelt nicht die Frage, ob Inklusion richtig ist. Sie ist in Deutschland seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 rechtlich entschieden. Er behandelt die Frage, was über ihr Gelingen bekannt ist, und die Antwort fällt kürzer aus als erwartet.
- Nur 16 von 108 Studien betrafen die Klassenzimmerebene.
- Einbezogene Kinder sind 2,85-mal so häufig von Mobbing betroffen.
- Die Kombination aus Ausüben und Betroffensein liegt bei 3,66.
- Zugehörigkeit ist der genannte Wirkfaktor.
- Ihre Erforschung berücksichtigt die Ebenen kaum, auf die es ankommt.
Die Forschungslücke
Eine systematische Übersicht hat 108 qualitative Studien zu Anpassungs- und Veränderungsstrategien für autistische Schülerinnen und Schüler in Regelschulen zusammengeführt und dabei nach der Ebene sortiert, auf der sie ansetzen.
108
eingeschlossene Studien
89
auf Schulebene
16
auf Klassenzimmerebene
3
keiner Ebene zugeordnet
Die Ergebnisse der qualitativen Auswertung deuten auf einen Schwerpunkt bei den Haltungen der Lehrkräfte und den sozialen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler hin.
- Die Ebene, auf der Inklusion stattfindet, ist die am wenigsten untersuchte. Nur 16 von 108 Studien betreffen den Unterricht selbst.
- Der thematische Schwerpunkt verschiebt die Last. Haltungen der Lehrkräfte und soziale Fähigkeiten der Kinder sind beide Merkmale von Personen, nicht der Unterrichtsgestaltung.
- Die Autorinnen nennen das Feld selbst unterforscht. Strategien zur Veränderung und Anpassung des Unterrichtsrahmens seien zu wenig untersucht.
- Es handelt sich um qualitative Studien. Sie beschreiben, was in der Praxis geschieht, und liefern keine Wirksamkeitsbelege.
Das gemessene Problem
Wo die Forschungslage dagegen sehr klar ist, betrifft sie das größte soziale Risiko der einbezogenen Kinder. Eine Metaanalyse über 212 Studien hat es beziffert.
Ausüben und Betroffensein zugleich
3,66
klassisches Mobbing
Betroffen
2,85
klassisches Mobbing
Selbst ausübend
2,42
klassisches Mobbing
Betroffen
2,07
Mobbing im Netz
| Merkmal | Wert in |
|---|---|
| Ausüben und Betroffensein zugleich | 3.66 |
| Betroffen | 2.85 |
| Selbst ausübend | 2.42 |
| Betroffen | 2.07 |
Junge Menschen mit neurologischen Entwicklungs- oder psychischen Erkrankungen gegenüber Kontrollgruppen. Quelle: Abregó-Crespo et al. 2024.
| Beteiligung | Klassisches Mobbing |
|---|---|
| Betroffen | 42,2 Prozent |
| Selbst ausübend | 24,4 Prozent |
| Beides zugleich | 14,0 Prozent |
126.717 Betroffene und 504.806 Vergleichspersonen, mittleres Alter 12,3 Jahre. Beteiligung am Mobbing ging mit höheren Werten in Maßen der psychischen Gesundheit einher, besonders bei nach innen und nach außen gerichteten Beschwerden.
Was das für die Inklusionsdebatte bedeutet
Diese Zahlen sagen nichts darüber aus, ob Regelschule oder Förderschule besser ist, denn sie unterscheiden nicht nach Schulform. Sie sagen aber, dass die soziale Seite der Inklusion nicht von selbst gelingt. Ein Kind an einer Regelschule ist räumlich einbezogen und kann sozial dennoch am Rand stehen.
Zugehörigkeit als Ansatz
Der in der Forschung genannte Gegenbegriff zur räumlichen Einbeziehung heißt Zugehörigkeit. Eine systematische Übersicht hat 86 Studien aus den Jahren 1990 bis 2023 ausgewertet und nach dem bioökologischen Entwicklungsmodell geordnet, das von der Person über das unmittelbare Umfeld bis zur Gesellschaft reicht.
- Zugehörigkeit gilt als bedeutsam für schulische, verhaltensbezogene und psychische Ergebnisse.
- Die gefundenen Vorhersagegrößen liegen überwiegend bei der Person. Die Übersicht nennt individuelle Faktoren als wichtige Prädiktoren.
- Die Lücke ist die entscheidende Aussage. Die Autorengruppe stellt einen Mangel an Studien fest, die das Zusammenspiel der verschiedenen Ebenen berücksichtigen.
- Damit fehlt genau das, was Inklusion braucht. Eine einzelne Schülerin gehört nicht durch eigene Merkmale dazu, sondern durch das Verhältnis zwischen ihr, der Klasse, der Schule und dem Umfeld.
- Die Folgerung ist zurückhaltend. Wegen der Vielschichtigkeit sei weitere Forschung nötig, um belegbasierte Maßnahmen zur Förderung von Zugehörigkeit zu entwickeln.
Ein Muster, das sich wiederholt
Auch hier zeigt sich, was die erste Übersicht bereits fand: Die Forschung sucht die Erklärung bei den Merkmalen einzelner Personen, während die Aufgabe im Verhältnis zwischen ihnen liegt. Für die Praxis heißt das, dass sich Inklusionsmaßnahmen kaum auf gesicherte Wirksamkeitsbelege stützen können.
Was Krisen sichtbar machen
Eine Erhebung aus Hongkong hat während der Schulschließungen im April 2020 417 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Förderschulen mit 25.427 Kindern ohne Förderbedarf an Regelschulen verglichen.
| Größe | Befund |
|---|---|
| Lebensqualität insgesamt | Bei Kindern mit Förderbedarf deutlich schlechter: 68,05 gegenüber 80,65 |
| Schwere körperliche Übergriffe | 23,5 Prozent erlebten mindestens eine Episode, 1,9 Prozent eine sehr schwere |
| Veränderung der Übergriffsrate | Anstieg von 59,8 auf 71,2 Prozent |
| Kinder mit psychischer Erkrankung | Erhöhtes Risiko für schwere körperliche Übergriffe, relatives Risiko 1,58 |
Onlinebefragung von Eltern und Betreuungspersonen während der Schulschließungen. Die Gruppen unterscheiden sich außer im Förderbedarf auch in der Schulform, weshalb sich beides nicht trennen lässt.
Der praktische Kern dieser Zahlen ist nicht die Pandemie, sondern die Abhängigkeit. Als der schulische Rahmen wegfiel, verschlechterte sich die Lage dieser Kinder überproportional. Die Autorengruppe leitet daraus die Notwendigkeit ab, medizinische und rehabilitative Versorgung auch in Krisen fortzuführen und Kindesmisshandlung gezielt im Blick zu behalten.
Praktisch
Für Schulen
- Mobbingschutz ist der belegteste Teil der Inklusion. Die Quotenverhältnisse von 2,85 für Betroffensein und 3,66 für die Kombination beider Rollen sind die klarsten Zahlen des ganzen Feldes.
- Achte auf die Kinder in beiden Rollen. Sie haben durchgängig die höchsten Werte und werden am ehesten als Störung statt als Bedarf gelesen.
- Räumliche Anwesenheit ist nicht Zugehörigkeit. Die Zugehörigkeitsforschung nennt sie als eigenständige Größe mit Bezug zu schulischen, verhaltensbezogenen und psychischen Ergebnissen.
- Erwarte keine belegten Rezepte für den Unterricht. Nur 16 von 108 Studien betrafen die Klassenzimmerebene, und sie sind qualitativ.
- Plan für Ausnahmezustände mit. Als der schulische Rahmen wegfiel, stiegen die Übergriffsraten in dieser Gruppe deutlich.
Für Eltern
- Frag gezielt nach Mobbing. Über 40 Prozent der Kinder in dieser Gruppe sind betroffen, und viele halten es für normal.
- Frag nach Zugehörigkeit, nicht nur nach Leistung. Ob ein Kind dazu gehört, ist die Größe mit dem Bezug zu allen drei Ergebnisbereichen.
- Die Schulform beantwortet die Frage nicht. Die vorliegenden Zahlen unterscheiden nicht nach Regel- oder Förderschule.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Bei körperlichen Übergriffen, bei anhaltendem Rückzug oder bei Schulvermeidung braucht es Unterstützung von außen. Anlaufstellen sind Schulsozialarbeit, der schulpsychologische Dienst, sozialpädiatrische Zentren und die Nummer gegen Kummer unter 116 111. Bei Gewalt gegen Kinder ist das Jugendamt zuständig.
Passend dazu
Fazit
Zur Frage, wie Inklusion im Unterricht gelingt, gibt es weniger Forschung als erwartet. Von 108 qualitativen Studien zu Anpassungsstrategien betrafen 89 die Schulebene und nur 16 die Klassenzimmerebene, mit einem Schwerpunkt auf Haltungen der Lehrkräfte und sozialen Fähigkeiten der Kinder.
Klar ist dagegen das Risiko. Über 212 Studien mit 126.717 Betroffenen lag die Häufigkeit klassischen Mobbings bei 42,2 Prozent, mit einem Quotenverhältnis von 2,85 gegenüber Vergleichsgruppen und 3,66 für die Kombination aus Ausüben und Betroffensein.
Der genannte Wirkfaktor heißt Zugehörigkeit. Eine Übersicht über 86 Studien bestätigt ihre Bedeutung für schulische, verhaltensbezogene und psychische Ergebnisse, findet die Vorhersagegrößen aber überwiegend bei der einzelnen Person und stellt einen Mangel an Studien fest, die das Zusammenspiel der Ebenen berücksichtigen. Genau darin liegt die eigentliche Aufgabe.
Häufige Fragen
Wie gut ist Inklusion erforscht?
Ungleich. Eine systematische Übersicht über 108 qualitative Studien zu Anpassungsstrategien fand 89 Arbeiten auf Schulebene und nur 16 auf Klassenzimmerebene.
Worauf richtet sich die vorhandene Forschung?
Nach derselben Übersicht auf die Haltungen der Lehrkräfte und auf die sozialen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler.
Wie häufig sind einbezogene Kinder von Mobbing betroffen?
Deutlich häufiger. In einer Metaanalyse über 212 Studien lag die gepoolte Häufigkeit klassischen Mobbings bei 42,2 Prozent und das Quotenverhältnis gegenüber Vergleichsgruppen bei 2,85.
Was ist der wirksame Ansatzpunkt?
Zugehörigkeit. Sie gilt in der Forschung als bedeutsam für schulische, verhaltensbezogene und psychische Ergebnisse.
Ist die Forschung zur Zugehörigkeit ausreichend?
Nein. Eine Übersicht über 86 Studien fand vor allem individuelle Merkmale als Vorhersagegrößen und stellt einen Mangel an Studien fest, die das Zusammenspiel der verschiedenen Ebenen berücksichtigen.
Wie ging es Kindern mit Förderbedarf während der Schulschließungen?
Schlechter. In einer Erhebung in Hongkong lag ihre Lebensqualität bei 68,05 gegenüber 80,65 bei Kindern ohne Förderbedarf, und die Rate körperlicher Übergriffe stieg von 59,8 auf 71,2 Prozent.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Petersson-Bloom, L. & Holmqvist, M. (2022): Strategies in supporting inclusive education for autistic students-A systematic review of qualitative research results. Autism & Developmental Language Impairments. Systematische Übersicht nach PRISMA, 108 eingeschlossene Studien aus vier Datenbanken
- 2
Abregó-Crespo, R. et al. (2024): School bullying in children and adolescents with neurodevelopmental and psychiatric conditions: a systematic review and meta-analysis. The Lancet Child & Adolescent Health. 212 eingeschlossene Studien mit 126.717 Betroffenen und 504.806 Vergleichspersonen
- 3
Štremfel, U., Šterman Ivančič, K. & Peras, I. (2024): Addressing the Sense of School Belonging Among All Students? A Systematic Literature Review. European Journal of Investigation in Health, Psychology and Education. 86 Studien aus den Jahren 1990 bis Februar 2023, Vorgehen nach PRISMA 2020, bioökologisches Entwicklungsmodell als Ordnungsrahmen
- 4
Tso, W. W. Y. et al. (2022): Mental health & maltreatment risk of children with special educational needs during COVID-19. Child Abuse & Neglect. 417 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Förderschulen und 25.427 Kinder ohne Förderbedarf an Regelschulen in Hongkong, Onlinebefragung im April 2020