
Auf einen Blick
Bei Lernstörungen gilt derselbe Grundsatz wie bei anderen Behandlungen: Wirksam ist, was genau an der gestörten Stelle ansetzt. Der Markt bietet eine Reihe von Verfahren, die das nicht tun, und ihre Wirkung ist geprüft worden.
- Nur die Lautschulung war statistisch bestätigt wirksam.
- Farbfilter, Hörtrainings und Bewegungsübungen erreichten keine Bedeutsamkeit.
- Die Belegqualität ist auch beim wirksamen Ansatz teils niedrig.
- Die phonemische Bewusstheit ist die Kerngröße.
- Bei Rechenstörung liegt die mittlere Effektstärke bei 0,52.
Was beim Lesen wirkt
Eine Metaanalyse hat alle verfügbaren randomisierten Studien zu Behandlungen bei Lese-Rechtschreib-Störung zusammengetragen, einschließlich einer Suche nach unveröffentlichten Studien.
| Ansatz | Zahl der Vergleiche |
|---|---|
| Systematische Vermittlung von Laut-Buchstaben-Zuordnungen | 29 |
| Training der Leseflüssigkeit | 5 |
| Training der phonemischen Bewusstheit | 3 |
| Training des Leseverständnisses | 3 |
| Hörtraining | 3 |
| Farbige Folien oder Linsen | 4 |
| Medizinische Behandlungen | 2 |
| Sonnenblumentherapie und Bewegungsübungen | je 1 |
Insgesamt 22 randomisierte Studien mit 49 Vergleichen von Experimental- und Kontrollgruppen.
Die Vermittlung von Laut-Buchstaben-Zuordnungen ist nicht nur der am häufigsten untersuchte Ansatz, sondern auch der einzige, dessen Wirkung auf Lese- und Rechtschreibleistung bei Kindern und Jugendlichen mit Lese-Rechtschreib-Störung statistisch bestätigt ist.
- Die mittleren Effektstärken der übrigen Ansätze erreichten keine statistische Bedeutsamkeit. Das gilt auch für Verfahren, die als Behandlung angeboten werden.
- Die Zahl der Vergleiche erklärt einen Teil davon. Für die meisten anderen Ansätze lagen nur zwei bis fünf Vergleiche vor. Fehlender Nachweis ist nicht dasselbe wie Nachweis der Unwirksamkeit.
- Die Gesamtaussage ist trotzdem ermutigend. Die Autorengruppe hält fest, dass sich schwere Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten mit geeigneter Behandlung bessern lassen.
- Sie fordert bessere Studien. Die Forschung solle verblindete randomisierte kontrollierte Studien verstärkt einsetzen.
Der genauere Blick
Eine Cochrane-Übersicht hat den wirksamen Ansatz eigens untersucht und die Belegqualität nach GRADE bewertet. Eingeschlossen wurden 14 Studien mit 923 Teilnehmenden aus Australien, Kanada, dem Vereinigten Königreich und den USA.
Wörter, die den Regeln nicht folgen
0,67
VB 0,26 bis 1,07, zehn Studien, 682 Teilnehmende
Regelmäßige und neue Wörter
0,51
VB 0,13 bis 0,90, elf Studien, 701 Teilnehmende
| Merkmal | Wert in |
|---|---|
| Wörter, die den Regeln nicht folgen | 0.67 |
| Regelmäßige und neue Wörter | 0.51 |
Standardisierte Mittelwertsdifferenzen. Die Belegqualität für beide Werte wurde als niedrig eingestuft. Quelle: McArthur et al. 2018.
- Die Belegqualität ist teils niedrig. Für diese beiden Zielgrößen stufte die Übersicht sie als niedrig ein, für andere als mittel.
- Das Verzerrungsrisiko war dagegen gering. Alle Studien wurden für die meisten Kriterien mit niedrigem Risiko bewertet.
- Die Umsetzung war sehr unterschiedlich. Die Studien unterschieden sich in Umfang bis zu vier Stunden pro Woche, in Dauer bis zu sieben Monaten, in der Gruppengröße und darin, ob Menschen oder Rechner die Vermittlung übernahmen.
- Die Finanzierung ist ausgewiesen. Sechs Studien wurden von Regierungsstellen finanziert, eine über eine Hochschulförderung, die übrigen von Stiftungen.
Warum ausgerechnet dieser Ansatz
Dass gerade die Arbeit an Laut-Buchstaben-Zuordnungen wirkt, hat einen Grund, der in einer sehr großen Auswertung sichtbar wird. Sie hat 235 Studien mit 995 berechneten Effektstärken zusammengeführt und drei Fähigkeiten verglichen.
235
ausgewertete Studien
995
berechnete Effektstärken
−1,37
Rückstand bei phonemischer Bewusstheit
−0,71
Rückstand beim verbalen Kurzzeitgedächtnis
| Fähigkeit | Gegenüber Gleichaltrigen | Gegenüber Gleichlesenden |
|---|---|---|
| Phonemische Bewusstheit | −1,37 | −0,57 |
| Reimbewusstheit | −0,93 | −0,37 |
| Verbales Kurzzeitgedächtnis | −0,71 | −0,09 |
Der Vergleich mit Gleichlesenden ist der strengere: Er vergleicht mit jüngeren Kindern auf demselben Lesestand und trennt damit Ursache von Folge.
Der Vergleich mit Gleichlesenden ist entscheidend
Gegenüber Gleichaltrigen sind alle drei Werte deutlich. Gegenüber Kindern auf demselben Lesestand bleibt nur bei der phonemischen Bewusstheit ein nennenswerter Rückstand, während der beim verbalen Kurzzeitgedächtnis mit −0,09 praktisch verschwindet. Das spricht dafür, dass die phonemische Bewusstheit die eigentliche Störungsstelle ist und die übrigen Rückstände Folgen des geringeren Leseumfangs sind.
In den Untersuchungen an nicht ausgewählten Stichproben war die phonemische Bewusstheit zudem der stärkste Zusammenhang mit Unterschieden in der Worterkennung, und dieser Effekt blieb bestehen, nachdem verbales Kurzzeitgedächtnis und Reimbewusstheit herausgerechnet worden waren.
Die Rechenstörung
Für die Rechenstörung gibt es eine deutsche Leitlinie, an deren Erstellung 20 Fachgesellschaften und Verbände beteiligt waren und der eine systematische Literatursuche zugrunde liegt.
| Punkt | Angabe |
|---|---|
| Häufigkeit | 3 bis 7 Prozent bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen |
| Folgen | Deutliche Beeinträchtigung in Schule, Beruf und Alltag sowie erhöhtes Risiko für begleitende psychische Erkrankungen |
| Diagnosestellung | Nur bei unterdurchschnittlicher mathematischer Leistung im Zusammenhang mit Vorgeschichte, Testbefunden, klinischer Untersuchung und psychosozialer Einschätzung |
| Ausrichtung der Behandlung | Auf die individuellen mathematischen Problembereiche |
| Mittlere Effektstärke über alle Interventionsstudien | 0,52 mit Vertrauensbereich 0,42 bis 0,62 |
Der Grundsatz ist derselbe wie beim Lesen: Die Behandlung richtet sich auf die konkreten Problembereiche, nicht auf allgemeine Fähigkeiten. Eine Effektstärke von 0,52 ist dabei ein mittlerer Effekt und damit größer als vieles, was in der schulischen Förderung sonst erreicht wird.
Praktisch
Für Eltern
- Frag nach dem Verfahren, nicht nach dem Anbieter. Bestätigt ist die systematische Arbeit an Laut-Buchstaben-Zuordnungen. Alles andere hat in der Metaanalyse keine statistisch bedeutsame Wirkung gezeigt.
- Sei bei Farbfiltern und Hörtrainings zurückhaltend. Beide wurden geprüft und erreichten keine Bedeutsamkeit.
- Die Umsetzungsform ist frei. In der Cochrane-Übersicht unterschieden sich die Studien in Umfang, Dauer, Gruppengröße und darin, ob Menschen oder Rechner vermittelten.
- Bei Rechenstörung gilt dasselbe Prinzip. Die Behandlung soll auf die individuellen Problembereiche zielen, nicht auf allgemeines Denktraining.
- Rechne mit begleitenden Belastungen. Die Leitlinie nennt ein erhöhtes Risiko für begleitende psychische Erkrankungen.
Für Schule und Förderung
- Der Vergleich mit Gleichlesenden ist der aussagekräftige. Er zeigt, welche Rückstände Ursache und welche Folge des geringeren Leseumfangs sind.
- Frühe Erkennung ist möglich. Die phonemische Bewusstheit ist der stärkste Zusammenhang mit Unterschieden in der Worterkennung und lässt sich früh erheben.
- Nenne die Belegqualität mit. Selbst beim wirksamen Ansatz stufte die Cochrane-Übersicht die Belege für zwei zentrale Zielgrößen als niedrig ein.
- Ein Kind, das dem Unterricht nicht folgen kann, hat einen guten Grund, ihn zu meiden. Ein abweichender Lernbedarf gehört zu den Hauptmerkmalen, die Kinder mit Schulverweigerung von anderen unterscheiden.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Der Verdacht auf eine Lese-Rechtschreib- oder Rechenstörung gehört fachlich abgeklärt, nicht mit Nachhilfe beantwortet. Anlaufstellen sind die Kinderarztpraxis, die schulpsychologische Beratung und kinder- und jugendpsychiatrische Ambulanzen. Kommen anhaltende Niedergeschlagenheit oder Schulvermeidung dazu, ist die Abklärung dringend.
Passend dazu
Fazit
Über 22 randomisierte Studien mit 49 Vergleichen war die systematische Vermittlung von Laut-Buchstaben-Zuordnungen der einzige Behandlungsansatz bei Lese-Rechtschreib-Störung, dessen Wirkung statistisch bestätigt wurde. Trainings der Leseflüssigkeit, des Leseverständnisses, Hörtrainings, farbige Folien und Linsen, medizinische Behandlungen, eine Sonnenblumentherapie und Bewegungsübungen erreichten keine Bedeutsamkeit.
Warum gerade dieser Ansatz wirkt, zeigt eine Auswertung von 235 Studien. Der Rückstand bei der phonemischen Bewusstheit betrug gegenüber Gleichaltrigen −1,37 und blieb auch im Vergleich mit Kindern auf demselben Lesestand mit −0,57 bestehen, während er beim verbalen Kurzzeitgedächtnis dort auf −0,09 schrumpfte.
Bei der Rechenstörung gilt derselbe Grundsatz. Zwischen 3 und 7 Prozent sind betroffen, die Behandlung soll sich auf die individuellen Problembereiche richten, und die mittlere Effektstärke über alle Interventionsstudien lag bei 0,52.
Häufige Fragen
Welche Behandlung bei Lese-Rechtschreib-Störung ist belegt?
In einer Metaanalyse über 22 randomisierte Studien mit 49 Vergleichen war die systematische Vermittlung von Laut-Buchstaben-Zuordnungen der einzige Ansatz, dessen Wirkung auf Lese- und Rechtschreibleistung statistisch bestätigt wurde.
Was wurde außerdem geprüft?
Trainings zur Leseflüssigkeit, zur phonemischen Bewusstheit und zum Leseverständnis, Hörtrainings, medizinische Behandlungen, farbige Folien und Linsen, eine sogenannte Sonnenblumentherapie und Bewegungsübungen. Ihre mittleren Effektstärken erreichten keine statistische Bedeutsamkeit.
Wie stark wirkt die Lautschulung?
Eine Cochrane-Übersicht über 14 Studien mit 923 Teilnehmenden fand bei niedriger Belegqualität eine Verbesserung der Lesegenauigkeit für regelmäßige und neue Wörter von 0,51 und für unregelmäßige Wörter von 0,67.
Warum wirkt gerade dieser Ansatz?
Weil die phonemische Bewusstheit die stärkste Größe ist. In einer Auswertung von 235 Studien lag der Rückstand von Kindern mit Lese-Rechtschreib-Störung gegenüber Gleichaltrigen bei −1,37.
Wie häufig ist eine Rechenstörung?
Zwischen 3 und 7 Prozent der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen sind betroffen.
Wie wirksam sind Behandlungen bei Rechenstörung?
Die mittlere Effektstärke über alle Interventionsstudien lag bei 0,52 mit einem Vertrauensbereich von 0,42 bis 0,62. Die Behandlung soll sich auf die individuellen mathematischen Problembereiche richten.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Galuschka, K., Ise, E., Krick, K. & Schulte-Körne, G. (2014): Effectiveness of treatment approaches for children and adolescents with reading disabilities: a meta-analysis of randomized controlled trials. PLoS ONE. 22 randomisierte Studien mit 49 Vergleichen von Experimental- und Kontrollgruppen, ergänzt um eine Suche nach unveröffentlichten Studien
- 2
McArthur, G. et al. (2018): Phonics training for English-speaking poor readers. Cochrane Database of Systematic Reviews. 14 eingeschlossene Studien mit 923 Teilnehmenden, Bewertung der Belegqualität nach GRADE
- 3
Melby-Lervåg, M., Lyster, S. A. & Hulme, C. (2012): Phonological skills and their role in learning to read: a meta-analytic review. Psychological Bulletin. 235 eingeschlossene Studien mit 995 berechneten Effektstärken, Gruppenvergleiche und Korrelationsstudien
- 4
Haberstroh, S. & Schulte-Körne, G. (2019): The Diagnosis and Treatment of Dyscalculia. Deutsches Ärzteblatt International. Systematische Literatursuche in acht Datenbanken als Grundlage einer Leitlinie von 20 beteiligten Fachgesellschaften und Verbänden