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Schulabsentismus

Fehlzeiten galten lange als Frage der Einordnung: Schwänzen oder Angst. Die Fachliteratur hat diese Frage aufgegeben, aus einem guten Grund.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein leerer Stuhl an einem Schulpult in einer sonst besetzten Sitzreihe eines Klassenzimmers
Der leere Platz ist das Signal. Der Grund dahinter ist selten nur einer. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Fehlzeiten sind einer der zuverlässigsten Frühindikatoren für spätere Probleme, und zugleich eine der wenigen Größen, die eine Schule ohne Aufwand messen kann. Das macht sie praktisch besonders wertvoll.

  • Zwölf Risikobereiche zeigten für Fehlzeiten große Effekte.
  • Für den Schulabbruch waren es andere Bereiche.
  • Die Beteiligung der Eltern an der Schule gehört dazu.
  • Angst und abweichender Lernbedarf kennzeichnen die Schulverweigerung.
  • Unentschuldigte Fehlzeiten sind häufiger als Verhaltensstörungen.

Die Verschiebung

Lange stand die Einordnung im Mittelpunkt: Ist ein Kind unerlaubt fern geblieben, oder hält Angst es zu Hause? Aus dieser Unterscheidung folgten unterschiedliche Zuständigkeiten, Schule oder Klinik.

Frühere Forschung konzentrierte sich darauf, zwischen Schwänzen und angstgetriebener Schulverweigerung zu unterscheiden. Die heutige Ausrichtung zielt darauf, Fehlzeiten aus jedem Grund zu verringern.
Allen, Diamond-Myrsten & Rollins 2018
  • Der Grund für die Verschiebung liegt in den Ursachen. Anhaltende Fehlzeiten werden nach dieser Übersicht von einander überlappenden medizinischen, persönlichen, familiären und sozialen Faktoren getragen.
  • Die genannte Liste ist lang. Chronische Erkrankung, psychische Erkrankung, Mobbing, fehlendes Sicherheitsgefühl, gesundheitliche Bedürfnisse anderer Familienmitglieder, uneinheitliche Erziehung, schlechtes Schulklima, wirtschaftliche Benachteiligung und unzuverlässige Beförderung.
  • Die Zuordnung zu einer Ursache scheitert an der Häufung. Wer eine Hauptursache sucht, findet meist mehrere und verliert Zeit.
  • Hausärztliche Praxen kommen ins Spiel. Die Übersicht sieht sie in einer guten Ausgangslage, um häufige Fehlzeiten früh zu erkennen und den Behandlungsplan auf medizinischen und sozialen Bedarf zuzuschneiden.

Die Risikofaktoren

Die umfangreichste quantitative Auswertung hat 75 Studien zusammengeführt und daraus 781 mögliche Risikofaktoren für Fehlzeiten und 635 für Schulabbruch geordnet.

75

ausgewertete Studien

781

geprüfte Risikofaktoren

44

gebildete Risikobereiche

28

Bereiche mit bedeutsamem Effekt

Bereiche mit großen Effekten auf Fehlzeiten. Quelle: Gubbels, van der Put & Assink 2019
RisikobereichWas gemeint ist
Ablehnende Haltung zur SchuleDie Einstellung des Jugendlichen zur Schule selbst
SubstanzkonsumAlkohol, Tabak und andere Substanzen
Nach außen gerichtete ProblemeAggression, Regelverstöße, Impulsivität
Nach innen gerichtete ProblemeAngst, Niedergeschlagenheit, Rückzug
Geringe Beteiligung der Eltern an der SchuleDer einzige Bereich auf dieser Liste, der weder beim Kind noch in der Schule liegt

Insgesamt fanden sich zwölf Bereiche mit großen Effekten. Die genannten fünf sind die von der Autorenschaft namentlich hervorgehobenen.

Der Elternbefund ist der handhabbarste

Von den namentlich genannten Bereichen ist die Beteiligung der Eltern an der Schule der einzige, den eine Schule direkt beeinflussen kann, ohne in die Behandlung eines Kindes eingreifen zu müssen. Er passt zu dem, was die hausärztliche Übersicht als wirksam beschreibt: Eltern über den Zusammenhang von Schulbesuch und Schulerfolg zu informieren.

Fernbleiben und Abbruch

Dieselbe Metaanalyse hat den Schulabbruch getrennt gerechnet, und das Ergebnis unterscheidet sich deutlich.

Bereiche mit großen Effekten im Vergleich. Quelle: Gubbels et al. 2019
ZielgrößeBereiche mit großen Effekten
FehlzeitenAblehnende Haltung zur Schule, Substanzkonsum, nach außen und nach innen gerichtete Probleme, geringe Beteiligung der Eltern
SchulabbruchKlassenwiederholungen in der Vorgeschichte, geringe kognitive Fähigkeiten oder Lernschwierigkeiten, geringe schulische Leistung

Für den Abbruch waren 23 von 42 Bereichen mit einem bedeutsamen Effekt verknüpft, für Fehlzeiten 28 von 44.

  • Fehlzeiten sind eher ein Verhaltens- und Beziehungsproblem. Die großen Effekte liegen bei Haltung, Substanzen, Verhalten und Elternbeteiligung.
  • Der Abbruch ist eher ein Leistungsproblem. Die großen Effekte liegen bei Wiederholungen, Lernschwierigkeiten und Leistung.
  • Das hat praktische Folgen. Wer Fehlzeiten mit Nachhilfe bekämpft, setzt an den Faktoren des Abbruchs an. Wer Abbruch mit Motivationsgesprächen bekämpft, setzt an den Faktoren der Fehlzeiten an.
  • Beides hängt trotzdem zusammen. Fehlzeiten gehen dem Abbruch meist voraus, weshalb der Nutzen früher Aufmerksamkeit hoch ist.

Wenn Angst dahintersteht

Für den angstbedingten Anteil gibt es eine eigene systematische Übersicht. Sie hat 15 Studien mit 67 untersuchten Faktoren ausgewertet und gefragt, was Kinder mit Schulverweigerung von anderen unterscheidet.

  • 44 Faktoren unterschieden die Gruppen. Sie verteilen sich auf persönliche, soziale und kontextbezogene Ebenen.
  • Zwei Punkte stechen heraus: Angst beziehungsweise angstbezogene Beschwerden und ein abweichender Lernbedarf.
  • Der zweite Punkt wird oft übersehen. Ein Kind, das dem Unterricht nicht folgen kann, hat einen sehr guten Grund, ihn zu meiden. Das ist keine Angststörung und braucht eine andere Antwort.
  • Die Grundlage ist schmal. 15 Studien sind wenig für eine Aussage über 44 Faktoren. Die Autorenschaft ordnet ihre Ergebnisse ausdrücklich als Hilfe für die gezielte Vorbeugung ein, nicht als Diagnoseraster.

Die Folgen

Eine ältere, viel zitierte Übersicht ordnet ein, warum das Thema als Gesundheitsproblem behandelt wird.

Die Häufigkeit unentschuldigter Fehlzeiten übersteigt die der wichtigsten Verhaltensstörungen des Kindesalters und ist ein zentraler Risikofaktor für Gewalt, Verletzungen, Substanzkonsum, psychiatrische Erkrankungen und wirtschaftliche Benachteiligung.
Kearney 2008

Als Kontextfaktoren nennt dieselbe Übersicht unter anderem Wohnungslosigkeit und Armut, Schwangerschaft im Jugendalter, Gewalt und Übergriffe in der Schule, Schulklima und Verbundenheit mit der Schule sowie die Beteiligung der Eltern. Die hausärztliche Übersicht ergänzt die langfristige Seite: unmittelbare und dauerhafte negative Wirkungen auf Schulleistung, soziales Funktionieren, Abschlussquoten, späteres Einkommen, Gesundheit und Lebenserwartung.

Wie diese Aufzählungen zu lesen sind

Es handelt sich um Zusammenhänge aus Beobachtungsdaten, nicht um Wirkungen der Fehlzeiten selbst. Wer nicht zur Schule geht, hat oft schon vorher Probleme. Der praktische Wert liegt darin, dass die Fehlzeit ein früh sichtbares und leicht messbares Zeichen ist, nicht darin, dass sie die Ursache wäre.

Praktisch

Für Schulen

  • Zähl die Tage, frag nicht nach der Kategorie. Die heutige Ausrichtung zielt auf die Verringerung von Fehlzeiten aus jedem Grund.
  • Sprich früh mit den Eltern. Die geringe Beteiligung der Eltern an der Schule war einer der Bereiche mit großen Effekten.
  • Nenn den Zusammenhang ausdrücklich. Eltern über die Verbindung von Schulbesuch und Schulerfolg zu informieren, gilt als wirksam.
  • Prüf den Lernbedarf. Ein abweichender Lernbedarf war eines der beiden Hauptunterscheidungsmerkmale bei der Schulverweigerung.
  • Trenne die Strategie für Fehlzeiten und für Abbruch. Ihre großen Risikofaktoren sind unterschiedlich.

Für Eltern

  • Frag nach Mobbing und nach Sicherheit. Beides steht auf der Liste der Kontextfaktoren.
  • Nimm körperliche Beschwerden ernst und schau zugleich weiter. Bauch- und Kopfschmerzen am Morgen sind bei angstbedingtem Fernbleiben typisch, können aber auch eine körperliche Ursache haben.
  • Wart nicht ab. Je länger die Abwesenheit, desto schwerer die Rückkehr, weil der Anschluss fehlt und die Angst vor dem Wiedereinstieg wächst.
  • Halt den Kontakt zur Schule, auch wenn es unangenehm ist. Die Elternbeteiligung ist einer der wenigen beeinflussbaren Faktoren mit großem Effekt.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Wenn ein Kind über mehrere Wochen nicht zur Schule geht, morgens mit heftigen körperlichen Beschwerden reagiert oder sich vollständig zurückzieht, gehört das in kinder- und jugendpsychiatrische Abklärung. Anlaufstellen sind der schulpsychologische Dienst, die Schulsozialarbeit, die Kinderarztpraxis und die Nummer gegen Kummer unter 116 111.

Passend dazu

Fazit

Die Fachliteratur hat die Frage nach dem Grund zugunsten der Frage nach der Zahl der Fehltage aufgegeben, weil die Ursachen sich überlappen. Über 75 Studien mit 781 geprüften Risikofaktoren fanden sich für Fehlzeiten zwölf Bereiche mit großen Effekten, darunter eine ablehnende Haltung zur Schule, Substanzkonsum, nach außen und nach innen gerichtete Probleme sowie eine geringe Beteiligung der Eltern an der Schule.

Für den Schulabbruch gilt ein anderes Muster. Dort zeigten Klassenwiederholungen, Lernschwierigkeiten und geringe schulische Leistung die großen Effekte. Wer beides mit derselben Maßnahme angeht, trifft jeweils die falsche Größe.

Beim angstbedingten Fernbleiben sind Angst und ein abweichender Lernbedarf die beiden hervorstechenden Unterscheidungsmerkmale. Und als wirksame und kostenlose Einzelmaßnahme nennt die hausärztliche Übersicht, Eltern über den Zusammenhang von Schulbesuch und Schulerfolg zu informieren.

Häufige Fragen

Warum unterscheidet man nicht mehr zwischen Schwänzen und Schulangst?

Weil sich die Ausrichtung geändert hat. Frühere Forschung trennte Schwänzen von angstbedingtem Fernbleiben, die heutige Ausrichtung zielt darauf, Fehlzeiten aus jedem Grund zu verringern.

Welche Risikofaktoren haben die größten Effekte?

Eine Metaanalyse über 75 Studien fand für Fehlzeiten zwölf Bereiche mit großen Effekten, darunter eine ablehnende Haltung zur Schule, Substanzkonsum, nach außen und nach innen gerichtete Probleme sowie eine geringe Beteiligung der Eltern an der Schule.

Sind die Ursachen für Fehlzeiten und Schulabbruch dieselben?

Nein. Für den Abbruch zeigten andere Bereiche große Effekte: Klassenwiederholungen in der Vorgeschichte, geringe kognitive Fähigkeiten oder Lernschwierigkeiten und geringe schulische Leistung.

Wie verbreitet sind unentschuldigte Fehlzeiten?

Nach einer Übersichtsarbeit übersteigt ihre Häufigkeit die der wichtigsten Verhaltensstörungen des Kindesalters.

Welche Rolle spielt Angst?

Eine systematische Übersicht über 15 Studien mit 67 geprüften Faktoren stellt Angst und angstbezogene Beschwerden sowie einen abweichenden Lernbedarf als die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale heraus.

Was hilft nachweislich?

Eine Übersichtsarbeit für die hausärztliche Praxis nennt als wirksam, Eltern über den Zusammenhang von Schulbesuch und Schulerfolg zu informieren.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Gubbels, J., van der Put, C. E. & Assink, M. (2019): Risk Factors for School Absenteeism and Dropout: A Meta-Analytic Review. Journal of Youth and Adolescence. 75 eingeschlossene Studien mit 781 geprüften Risikofaktoren für Fehlzeiten und 635 für Schulabbruch, dreistufige Metaanalysen

  2. 2

    Kearney, C. A. (2008): School absenteeism and school refusal behavior in youth: a contemporary review. Clinical Psychology Review. Übersicht zu Häufigkeit, Begleiterkrankungen, Einteilung, Kontextfaktoren, Erhebung und Maßnahmen

  3. 3

    Leduc, K., Tougas, A. M., Robert, V. & Boulanger, C. (2024): School Refusal in Youth: A Systematic Review of Ecological Factors. Child Psychiatry & Human Development. 15 eingeschlossene Studien mit 67 untersuchten Faktoren, Vorgehen nach den Leitlinien des Centre for Reviews and Dissemination

  4. 4

    Allen, C. W., Diamond-Myrsten, S. & Rollins, L. K. (2018): School Absenteeism in Children and Adolescents. American Family Physician. Übersichtsarbeit für die hausärztliche Praxis