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Mobbing-Prävention

Bei Mobbingprogrammen sind die Effektstärken klein und die Wirkung trotzdem beachtlich. Dieser scheinbare Widerspruch ist der Kern des Themas.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein leerer Schulhof mit aufgemalten Spielfeldlinien auf dem Asphalt und einer Bank am Rand
Der Ort, an dem die meisten Vorfälle stattfinden, und der Ort, an dem Programme ansetzen. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Antimobbing-Programme gehören zu den am besten geprüften Maßnahmen im Schulbereich. Ihre Effektstärken sind klein, und trotzdem ist die Schlussfolgerung der größten Metaanalyse positiv. Warum das kein Widerspruch ist, erklärt dieser Artikel.

  • Die Effektstärke auf Mobbing liegt bei −0,150.
  • Auf psychische Probleme bei −0,205, also größer.
  • 147 erreichte Kinder verhindern einen Mobbingfall.
  • Die Dauer der Maßnahme spielte keine Rolle.
  • Die Wirkung nahm über die Nachbeobachtung nicht ab.

Die Wirkung

Die methodisch strengste Zusammenfassung schließt ausschließlich randomisierte Studien ein. Aus zunächst 34.798 gesichteten Arbeiten blieben am Ende 69 Studien mit 77 auswertbaren Stichproben.

69

randomisierte Studien

111.659

Teilnehmende

11,1

mittleres Alter in Jahren

4 bis 17

Altersspanne

Effektstärken der Programme

Psychische Probleme

0,205

Vertrauensbereich −0,277 bis −0,133

Mobbing

0,15

Vertrauensbereich −0,191 bis −0,109

MerkmalWert in
Psychische Probleme0.205
Mobbing0.15

Beträge der Effektstärken. Beide Werte sind negativ, also im Sinne einer Verbesserung. Quelle: Fraguas et al. 2021.

Der Effekt auf die Psyche ist größer als der auf das Mobbing

Das ist bemerkenswert. Die Programme verringern das Mobbing um weniger, als sie das Befinden verbessern. Möglich ist, dass sie zusätzlich etwas anderes bewirken: ein Klima, in dem Betroffene sich eher melden und Unterstützung finden, auch wenn die Vorfälle weiterbestehen.

Warum kleine Effekte reichen

Der eigentliche Beitrag dieser Metaanalyse ist die Umrechnung kleiner Effektstärken in eine verständliche Größe: die Zahl der Kinder, die man erreichen muss, damit ein Fall verhindert wird.

Bevölkerungsbezogene Kennzahlen für an alle gerichtete Programme. Quelle: Fraguas et al. 2021
ZielgrößeZu erreichende KinderVertrauensbereich
Ein verhindertes psychisches Problem10773 bis 173
Ein verhinderter Mobbingfall147113 bis 213

Die Angaben gelten für Programme, die sich an die gesamte Schülerschaft richten.

Trotz der kleinen Effektstärken und einiger regionaler Unterschiede in der Wirksamkeit erscheint die Bevölkerungswirkung schulischer Antimobbing-Maßnahmen erheblich.
Fraguas et al. 2021

Eine Schule mit 600 Kindern verhindert nach dieser Rechnung rund vier Mobbingfälle und rund sechs psychische Probleme pro Programmdurchlauf. Das ist wenig pro Kind und viel pro Schule. Genau darin liegt der Unterschied zwischen klinischer und bevölkerungsbezogener Betrachtung.

Zwei widerlegte Annahmen

  • Länger ist nicht besser. Die Dauer der Maßnahme hing nicht statistisch bedeutsam mit ihrer Wirksamkeit zusammen. Die untersuchten Programme reichten von einer bis 144 Wochen, im Mittel 29,4 Wochen.
  • Die Wirkung verfällt nicht. Über eine mittlere Nachbeobachtung von 30,9 Wochen und bis zu 104 Wochen nahm die Wirksamkeit nicht ab.
  • Beides zusammen ist ungewöhnlich. Die meisten schulischen Programme zeigen genau das umgekehrte Muster: Wirkung während der Maßnahme, Verfall danach.
  • Die Autorengruppe bleibt trotzdem kritisch. Sie hält besser angelegte Studien für nötig, die den günstigsten Zeitpunkt und die günstigste Dauer prüfen.

Ausüben und Betroffensein

Eine zweite große Übersicht, die auch nicht randomisierte Studien einschließt, hat beide Rollen getrennt gerechnet.

Wirkung nach Rolle. Quelle: Gaffney, Ttofi & Farrington 2021
ZielgrößeQuotenverhältnisVertrauensbereich
Mobbing ausüben1,3091,24 bis 1,38
Von Mobbing betroffen sein1,2441,19 bis 1,31

Quotenverhältnisse über 1 bedeuten hier eine Verringerung in der Programmgruppe. Die Unterschiede zwischen den Studien waren erheblich, mit Werten von 73,7 und 77,5 Prozent. Hinweise auf Veröffentlichungsverzerrung fanden sich nicht.

  • Programme wirken durchgängig stärker auf das Ausüben als auf das Betroffensein. Das galt in beiden Rechenmodellen der Übersicht.
  • Die Autorengruppe nennt die Effektstärken bescheiden. Sie bestätigt die Wirksamkeit und ordnet sie zugleich ein.
  • Die Streuung zwischen den Studien ist hoch. Sie ließ sich nicht durch die Bewertungsmethodik erklären. Die Übersicht führt sie auf die Vielzahl unterschiedlicher Programme, Methoden, Messverfahren und Stichproben zurück.

Ein Beispiel für ein einzelnes gut geprüftes Programm ist eine finnische Untersuchung mit 8.237 Kindern der Klassen vier bis sechs. 78 Schulen wurden zufällig zugewiesen, je 39 zu Programm und Kontrolle. Nach neun Monaten Umsetzung zeigten sich beständige günstige Wirkungen bei 7 von 11 untersuchten Größen, darunter selbst und von Mitschülern berichtete Betroffenheit sowie selbst berichtetes Mobbing.

Die Rolle der Eltern

Eine eigene Metaanalyse hat Programme zusammengefasst, die Eltern einbeziehen, sowohl schulbasierte als auch aufsuchende.

Ergebnisse zu Elternprogrammen. Quelle: Chen, Zhu & Chui 2021
BefundAngabe
Gesamteffektstärke0,640 mit Vertrauensbereich 0,239 bis 1,041
Betroffene ZielgrößenSowohl Ausüben als auch Betroffensein waren geringer
Bedeutsame EinflussgrößenErziehungsstil, Einfühlungsvermögen der Kinder und Gespräche zwischen Eltern und Kind über Mobbing

Der Vertrauensbereich reicht von 0,239 bis 1,041 und ist damit sehr breit. Der Punktwert von 0,640 ist entsprechend unsicher.

Warum der Punktwert hier täuscht

Eine Effektstärke von 0,640 wäre deutlich größer als alles, was die randomisierten Studien für schulische Programme finden. Der Vertrauensbereich reicht aber von einem kleinen bis zu einem sehr großen Effekt. Wer den Punktwert zitiert, ohne den Bereich zu nennen, verspricht mehr, als die Daten hergeben.

Praktisch

Für Schulen

  • Programme lohnen sich, obwohl die Effekte klein sind. 147 erreichte Kinder für einen verhinderten Mobbingfall ist für eine Schule eine erreichbare Größe.
  • Kürzere Programme sind nicht schlechter. Die Dauer hing nicht mit der Wirksamkeit zusammen. Das spricht gegen aufwendige Langzeitformate.
  • Rechne mit anhaltender Wirkung. Über bis zu 104 Wochen nahm sie nicht ab, was gegen die Notwendigkeit ständiger Wiederholung spricht.
  • Erwarte den größeren Effekt beim Befinden. Er lag bei −0,205 und damit über dem auf das Mobbing selbst.
  • Beziehe Eltern ein, aber ohne überzogene Erwartung. Der Befund ist positiv, sein Vertrauensbereich aber sehr breit.

Für Eltern

  • Gespräche über Mobbing sind eine geprüfte Einflussgröße. Die Metaanalyse zu Elternprogrammen nennt sie ausdrücklich, ebenso den Erziehungsstil und das Einfühlungsvermögen der Kinder.
  • Frag die Schule nach dem Programm. Die Wirksamkeit hängt weniger an der Dauer als daran, dass überhaupt eines läuft.
  • Auch das mobbende Kind braucht Unterstützung. Die Programme wirken auf das Ausüben sogar stärker als auf das Betroffensein.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Bei Schulvermeidung, körperlichen Beschwerden, Rückzug oder Äußerungen über Lebensmüdigkeit braucht es mehr als ein Schulprogramm. Anlaufstellen sind Schulsozialarbeit, der schulpsychologische Dienst, die Kinderarztpraxis und die Nummer gegen Kummer unter 116 111.

Passend dazu

Fazit

Über 69 randomisierte Studien mit 111.659 Teilnehmenden verringerten schulische Antimobbing-Programme das Mobbing mit einer Effektstärke von −0,150 und verbesserten psychische Probleme mit −0,205. Man muss 147 Kinder erreichen, um einen Mobbingfall zu verhindern, und 107, um ein psychisches Problem zu verhindern.

Zwei verbreitete Annahmen halten dabei nicht. Längere Programme wirkten nicht besser, und die Wirkung nahm über eine Nachbeobachtung von bis zu 104 Wochen nicht ab. Eine zweite große Übersicht bestätigt die Wirksamkeit mit Quotenverhältnissen von 1,309 für das Ausüben und 1,244 für das Betroffensein, bei erheblicher Streuung zwischen den Studien.

Elternprogramme erreichten in einer eigenen Metaanalyse eine Effektstärke von 0,640, deren Vertrauensbereich allerdings von 0,239 bis 1,041 reicht. Als bedeutsame Einflussgrößen nennt sie den Erziehungsstil, das Einfühlungsvermögen der Kinder und Gespräche zwischen Eltern und Kind über Mobbing.

Häufige Fragen

Wirken Antimobbing-Programme?

Ja. Eine Metaanalyse über 69 randomisierte Studien mit 111.659 Teilnehmenden fand eine Verringerung des Mobbings mit einer Effektstärke von −0,150 und eine Verbesserung psychischer Probleme mit −0,205.

Wie viele Kinder muss man erreichen, um einen Fall zu verhindern?

Bei an alle gerichteten Programmen 147 Kinder, um einen Mobbingfall zu verhindern, und 107 Kinder, um ein psychisches Problem zu verhindern.

Wirken längere Programme besser?

Nein. Die Dauer der Maßnahme hing nicht statistisch bedeutsam mit ihrer Wirksamkeit zusammen, bei einer mittleren Dauer von 29,4 Wochen und einer Spanne von einer bis 144 Wochen.

Lässt die Wirkung nach?

Nach diesen Daten nicht. Die Wirksamkeit nahm während der Nachbeobachtung nicht ab, bei einer mittleren Nachbeobachtung von 30,9 Wochen.

Wirken die Programme stärker auf Täter oder auf Betroffene?

Auf das Ausüben. Eine zweite große Übersicht fand für das Ausüben ein Quotenverhältnis von 1,309 und für das Betroffensein von 1,244, und die Studien waren beim Ausüben durchgängig wirksamer.

Lohnt es sich, Eltern einzubeziehen?

Eine Metaanalyse zu Elternprogrammen fand eine Gesamteffektstärke von 0,640 mit einem Vertrauensbereich von 0,239 bis 1,041. Der breite Bereich zeigt allerdings erhebliche Unsicherheit.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Fraguas, D. et al. (2021): Assessment of School Anti-Bullying Interventions: A Meta-analysis of Randomized Clinical Trials. JAMA Pediatrics. 77 Stichproben aus 69 randomisierten Studien mit 111.659 Teilnehmenden, mittleres Alter 11,1 Jahre

  2. 2

    Gaffney, H., Ttofi, M. M. & Farrington, D. P. (2021): Effectiveness of school-based programs to reduce bullying perpetration and victimization: An updated systematic review and meta-analysis. Campbell Systematic Reviews. Aktualisierung einer früheren Metaanalyse, Zufallseffektmodell und mehrvariable Auswertung

  3. 3

    Kärnä, A. et al. (2011): A large-scale evaluation of the KiVa antibullying program: grades 4-6. Child Development. 8.237 Kinder aus 78 Schulen, zufällige Zuweisung von je 39 Schulen zu Programm und Kontrolle, neun Monate Umsetzung

  4. 4

    Chen, Q., Zhu, Y. & Chui, W. H. (2021): A Meta-Analysis on Effects of Parenting Programs on Bullying Prevention. Trauma, Violence, & Abuse. Zusammenführung schulbasierter und aufsuchender Elternprogramme