Kinder, Jugend & FamilieResilienz in der Kindheit

Geschwisterrivalität

Zwei Dinge werden regelmäßig verwechselt: Rivalität und Schikane. Die Forschung unterscheidet sie klar, und die Folgen sind sehr unterschiedlich.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein geteiltes Kinderzimmer mit zwei Betten an gegenüberliegenden Wänden, jede Seite mit eigener Bettwäsche, eigenem Poster und eigenen Spielsachen
Der Unterschied zwischen Reibung und Schikane liegt nicht in der Lautstärke, sondern in der Wiederholung. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Über Geschwisterstreit wird häufig gesagt, das gehöre eben dazu. Das stimmt für Reibung und Wettbewerb. Für das, was die Forschung untersucht hat, stimmt es nicht, und die Unterscheidung ist der Kern dieses Artikels.

  • Untersucht ist nicht Streit, sondern wiederholte Schikane.
  • Die Rolle war egal: Auch Schikanierende hatten schlechtere Werte.
  • Wo die Schikane abnahm, verlief die Entwicklung wie bei nie Betroffenen.
  • Geschwister- und Gleichaltrigenschikane summierten sich.
  • Bei Ungleichbehandlung zählte die Veränderung, nicht der Stand.

Rivalität und Schikane

In der Forschung heißt der untersuchte Gegenstand Geschwisterschikane. Gemeint ist wiederholtes, absichtliches Verletzen bei ungleicher Macht, also derselbe Begriff, der auch bei Mobbing verwendet wird, nur innerhalb der Familie.

Zwei Dinge, die häufig verwechselt werden
MerkmalRivalitätSchikane
AnlassWechselnd, oft situationsbezogenWiederkehrend, oft grundlos
MachtverhältnisWechselnd, beide gewinnen malEinseitig und stabil
HäufigkeitGelegentlichRegelmäßig über längere Zeit
Reaktion des betroffenen KindesÄrger, der wieder vergehtVermeidung, Rückzug, Angst vor Zuhause

Die Trennung folgt der in den zitierten Studien verwendeten Begriffsbestimmung von Schikane. Die Beispiele sind zur Veranschaulichung ergänzt.

Warum das im Alltag schwer zu erkennen ist

Anders als bei Gleichaltrigen gibt es kein Entkommen, keinen Schulwechsel und keine neutrale Aufsichtsperson. Zugleich normalisieren Erwachsene das Geschehen leicht, weil beide Kinder zur Familie gehören und man niemanden bevorzugen will.

Die Folgen der Schikane

Die größte Untersuchung dazu stammt aus einer bevölkerungsbezogenen Studie mit 17.157 Jugendlichen und drei Messzeitpunkten.

17.157

untersuchte Jugendliche

11, 14, 17

Messalter in Jahren

unabhängig

von der Rolle beim Schikanieren

steigend

Schwere bei steigender Häufigkeit

Insgesamt ging Schikane, unabhängig von der Rolle, mit schlechteren psychischen Ergebnissen in der späten Jugend einher.
Toseeb & Wolke 2022
  • Die Rolle spielte keine schützende Bedeutung. Wer schikanierte, wer schikaniert wurde und wer beides tat, hatte jeweils schlechtere Ergebnisse als Unbeteiligte.
  • Die Häufigkeit war entscheidend. Je stärker die Schikane zwischen früher und mittlerer Jugend zunahm, desto schwerer fielen die Ergebnisse in der späten Jugend aus.
  • Auch der Verlauf nach außen war betroffen. Die Entwicklung nach außen gerichteter Auffälligkeiten wurde durch Schikane in der frühen Jugend beeinflusst.
  • Die Studie ist prospektiv, aber nicht experimentell. Sie zeigt zeitliche Vorhersagen, keine Ursächlichkeit im strengen Sinn.

Der wichtigste Befund

Eine zweite große Kohorte hat gefragt, ob sich die psychische Gesundheit verbessert, wenn die Schikane aufhört. Die Antwort ist der praktisch bedeutsamste Satz dieses Artikels.

Verläufe nach Veränderung der Schikane. Quelle: Sharpe, Fink, Duffy & Patalay 2022, 13.912 Kinder
Verlauf zwischen 11 und 14 JahrenPsychische Entwicklung
Durchgehend betroffenGrößte Beeinträchtigung über alle Zielgrößen
Zunehmend betroffenDeutlichere Verschlechterung als bei nie Betroffenen
Abnehmend betroffenÄhnliche Entwicklung wie bei Kindern, die nie betroffen waren
Nie betroffenBezugsgruppe

Erfasst wurden depressive Beschwerden, Lebenszufriedenheit, Selbstwert und Körperbild, jeweils in Selbstauskunft.

Was daraus folgt

Es lohnt sich, einzugreifen, und zwar auch spät. Der Befund spricht dagegen, das Geschehen als abgeschlossenen Schaden zu behandeln. Die Autorengruppe leitet daraus ausdrücklich Hoffnung für Maßnahmen gegen Mobbing ab.

Zwei weitere Ergebnisse derselben Arbeit gehören dazu. Erstens summierten sich die Erfahrungen: Wer sowohl von Gleichaltrigen als auch von Geschwistern schikaniert wurde, hatte schlechtere Werte als bei nur einer Quelle. Zweitens waren die Effektstärken für Erfahrungen mit Gleichaltrigen im Allgemeinen größer. Geschwisterschikane ist damit ein eigenständiger, aber im Mittel etwas schwächerer Faktor.

Ungleichbehandlung

Der häufigste Vorwurf in Geschwisterkonflikten lautet, die Eltern bevorzugten das andere Kind. Eine Längsschnittstudie mit 179 Familien und drei jährlichen Befragungen hat das geprüft, und zwar an Müttern, Vätern und je zwei jugendlichen Geschwistern.

  • Entscheidend war die Veränderung, nicht der Stand. Nahm die Zuwendung eines Elternteils im Vergleich zum Geschwisterkind über die Zeit ab oder nahm der Konflikt zu, stiegen riskantes Verhalten und depressive Beschwerden.
  • Die durchschnittliche Beziehungsqualität war herausgerechnet. Der Effekt bestand also zusätzlich zu dem, wie gut die Beziehung insgesamt war.
  • Es gab bedeutsame Ausnahmen. Der Zusammenhang zeigte sich nicht, wenn Mütter viel kulturelle Vermittlung leisteten, und nicht in Familien unter hoher finanzieller Belastung.
  • Die Stichprobe ist eng umgrenzt. 179 afroamerikanische Familien, drei Erhebungswellen. Die Autorengruppe hebt die Bedeutung des soziokulturellen Rahmens selbst hervor.

Praktisch heißt das: Vollkommene Gleichbehandlung ist weder möglich noch nötig. Was auffiel, war eine Verschiebung über die Zeit, und die bemerken Kinder genau.

Wenn Gewalt im Haus ist

Eine Untersuchung mit 894 Schülerinnen und Schülern hat Geschwisteraggression zusammen mit Gewalt in der Familie und Mobbing unter Gleichaltrigen betrachtet und dabei Untergruppen gebildet.

Die gefundenen Profile und ihre Folgen. Quelle: Ingram, Espelage, Davis & Merrin 2020
BefundInhalt
Vier ProfileHohe Werte in allem, überwiegend Geschwisteraggression, überwiegend Aggression unter Gleichaltrigen, niedrige Werte in allem
Rolle familiärer GewaltWer mehr Gewalt zu Hause miterlebte, landete deutlich häufiger in der Gruppe mit reiner Geschwisteraggression oder in der Gruppe mit hohen Werten überall
Spätere FolgenDie Gruppe mit hohen Werten überall zeigte in der Oberstufe häufiger Substanzkonsum, Depressivität und Regelverstöße

Geschwisteraggression als Anzeiger

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass ausgeprägte Aggression zwischen Geschwistern ein Hinweis auf Gewalt im Haushalt sein kann. Wer sie nur als Erziehungsproblem behandelt, übersieht möglicherweise die Ursache.

Praktisch

Für Eltern

  • Prüf die Wiederholung, nicht die Lautstärke. Ein heftiger Streit ist kein Warnsignal. Ein Muster, in dem immer dasselbe Kind unterliegt, ist eines.
  • Greif ein, auch spät. Kinder, deren Schikane zwischen 11 und 14 Jahren abnahm, entwickelten sich psychisch wie nie Betroffene.
  • Nimm auch das schikanierende Kind ernst. Die Rolle machte für die psychischen Ergebnisse keinen schützenden Unterschied. Bestrafung allein greift zu kurz.
  • Achte auf Verschiebungen in deiner eigenen Zuwendung. Nicht der absolute Unterschied, sondern die Veränderung über die Zeit sagte die Beschwerden der Jugendlichen vorher.
  • Frag nach der Schule. Die Erfahrungen summierten sich, und die Effekte bei Gleichaltrigen waren im Mittel größer. Ein Kind, das zu Hause und in der Schule betroffen ist, braucht an beiden Stellen Unterstützung.

Für Fachkräfte

  • Frag Geschwisterschikane gezielt ab. Sie wird selten von selbst berichtet, weil sie als normal gilt.
  • Ausgeprägte Geschwisteraggression kann ein Anzeiger sein. Wer mehr Gewalt zu Hause miterlebte, fand sich häufiger in genau diesem Profil.
  • Die Nachricht der Umkehrbarkeit gehört ins Gespräch. Sie ist der Grund, warum ein Eingreifen sich lohnt, und sie entlastet Eltern, die glauben, es sei zu spät.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Bei körperlicher Gewalt zwischen Geschwistern, bei sexuellen Übergriffen oder wenn ein Kind Angst hat, nach Hause zu gehen, braucht es Unterstützung von außen. Erziehungsberatungsstellen beraten kostenfrei, die Nummer gegen Kummer ist unter 116 111 erreichbar, das Elterntelefon unter 0800 111 0 550 und das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch unter 0800 22 55 530.

Passend dazu

Fazit

Untersucht ist nicht der Geschwisterstreit, sondern die wiederholte Schikane. In einer Kohorte mit 17.157 Jugendlichen ging sie unabhängig von der Rolle mit schlechteren psychischen Ergebnissen in der späten Jugend einher, und je häufiger sie wurde, desto schwerer fielen diese aus.

Der beste Befund ist zugleich der hoffnungsvollste. In einer Kohorte mit 13.912 Kindern entwickelten sich diejenigen, deren Schikane zwischen 11 und 14 Jahren abnahm, psychisch ähnlich wie Kinder, die nie betroffen waren. Erfahrungen mit Geschwistern und mit Gleichaltrigen summierten sich dabei, mit im Mittel größeren Effekten bei Gleichaltrigen.

Bei der Ungleichbehandlung durch Eltern zählte nicht der Stand, sondern die Veränderung. Und ausgeprägte Aggression zwischen Geschwistern kann ein Hinweis auf Gewalt im Haushalt sein, weshalb sie nicht nur als Erziehungsfrage behandelt werden sollte.

Häufige Fragen

Ist Streit zwischen Geschwistern schädlich?

Gelegentlicher Streit ist Teil des Aufwachsens. Untersucht und mit Folgen verknüpft ist etwas anderes: wiederholte Schikane durch ein Geschwisterkind, in der Forschung als sibling bullying bezeichnet.

Wie stark wirkt Geschwisterschikane?

In einer Kohorte mit 17.157 Jugendlichen ging Schikane unabhängig von der Rolle mit schlechteren psychischen Ergebnissen in der späten Jugend einher, und mit zunehmender Häufigkeit stieg die Schwere.

Gilt das auch für die Kinder, die schikanieren?

Ja. In derselben Studie war die Rolle nicht entscheidend. Auch wer schikanierte, hatte im Mittel schlechtere psychische Ergebnisse.

Bleiben die Folgen bestehen?

Nicht zwangsläufig. In einer Kohorte mit 13.912 Kindern entwickelten sich jene, deren Schikane zwischen 11 und 14 Jahren abnahm, psychisch ähnlich wie Kinder, die nie betroffen waren.

Wirkt Geschwisterschikane so stark wie Mobbing durch Gleichaltrige?

Beides wirkte, und die Effekte summierten sich. Die Effektstärken waren für Erfahrungen mit Gleichaltrigen im Allgemeinen größer.

Schadet Ungleichbehandlung durch die Eltern?

In einer Längsschnittstudie mit 179 Familien waren nicht die absoluten Werte entscheidend, sondern die Veränderung: Nahm die Zuwendung im Vergleich zum Geschwisterkind ab oder der Konflikt zu, stiegen riskantes Verhalten und depressive Beschwerden.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Toseeb, U. & Wolke, D. (2022): Sibling Bullying: A Prospective Longitudinal Study of Associations with Positive and Negative Mental Health during Adolescence. Journal of Youth and Adolescence. Bevölkerungsbezogene Studie mit 17.157 Jugendlichen, Messzeitpunkte mit 11, 14 und 17 Jahren

  2. 2

    Sharpe, H., Fink, E., Duffy, F. & Patalay, P. (2022): Changes in peer and sibling victimization in early adolescence: longitudinal associations with multiple indices of mental health in a prospective birth cohort study. European Child & Adolescent Psychiatry. 13.912 Teilnehmende der landesweit vertretenen britischen Millennium-Kohorte, Erhebung mit 11 und 14 Jahren

  3. 3

    Solmeyer, A. R. & McHale, S. M. (2017): Parents' Differential Treatment of Adolescent Siblings in African American Families. Family Process. 179 Familien mit Müttern, Vätern und zwei jugendlichen Geschwistern, Befragung an drei aufeinanderfolgenden Jahren, Mehrebenenmodelle

  4. 4

    Ingram, K. M., Espelage, D. L., Davis, J. P. & Merrin, G. J. (2020): Family Violence, Sibling, and Peer Aggression During Adolescence: Associations With Behavioral Health Outcomes. Frontiers in Psychiatry. 894 Schülerinnen und Schüler aus vier Mittelschulen, latente Klassenanalyse und Mischverteilungsmodelle