
Auf einen Blick
In Deutschland ist gewaltfreie Erziehung seit 2000 gesetzlich verankert. Die Forschung dahinter ist umfangreich, in der Richtung eindeutig und in der Frage der Ursächlichkeit seit Jahrzehnten umstritten. Dieser Artikel zeigt beides.
- Körperlich bestrafte Kinder waren 24 Prozent seltener altersgerecht entwickelt.
- In keinem der 49 Länder gab es einen positiven Zusammenhang.
- Die Verbreitung im Land erklärte die Unterschiede nicht.
- Länder mit vollständigem Verbot hatten weniger Jugendgewalt.
- Elternprogramme wirkten unabhängig von der sozialen Lage.
Die Größenordnung
Die breiteste Einzelauswertung stützt sich auf 69 bevölkerungsbezogene Erhebungen in 49 Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Erfasst wurden die Entwicklung der Kinder und die körperliche Bestrafung im vorangegangenen Monat.
131.164
einbezogene Kinder
49
Länder
36 bis 59
Alter in Monaten
24 %
seltener altersgerecht entwickelt
Körperliche Bestrafung war in keinem Land mit irgendeinem positiven Entwicklungsergebnis verknüpft.
- Der gepoolte Wert liegt bei 0,76. Mit einem Vertrauensbereich von 0,72 bis 0,80, also einem etwa 24 Prozent geringeren Anteil altersgerecht entwickelter Kinder.
- Der Bereich mit dem stärksten Beitrag ist die Gefühls- und Sozialentwicklung. Sie könnte den Zusammenhang der Autorenschaft zufolge tragen.
- Die Verbreitung erklärt nichts. Die geringen Unterschiede zwischen den Ländern ließen sich nicht dadurch erklären, wie üblich körperliche Bestrafung dort ist. Das widerspricht dem verbreiteten Argument, in manchen Kulturen sei sie harmlos.
- Es sind Querschnittsdaten. Die Autorenschaft leitet daraus dennoch die Forderung nach öffentlicher Aufklärung und gesetzlichem Verbot ab.
Der ernsthafte Einwand
Zum Thema gibt es einen jahrzehntealten Fachstreit, der bis heute nicht abgeschlossen ist. Eine bekannte Kritik von 2002 richtete sich gegen die damals maßgebliche Metaanalyse.
Die Autoren legen nahe, dass unerwünschte Ergebnisse bei Kindern mit körperlicher Bestrafung einhergehen, weil dieses Merkmal ungeschickte, harte Erziehung kennzeichnet.
- Der Kern des Einwands ist die Verwechslung von Ursache und Kennzeichen. Wer schlägt, erzieht möglicherweise auch sonst ungünstiger. Dann wäre nicht der Schlag die Ursache, sondern das, was ihn begleitet.
- Die Kritik unterscheidet klar. Sie hält die schädlichen Wirkungen körperlicher Misshandlung und extremer Bestrafung für eindeutig belegt.
- Ihr Schluss betrifft nur die pauschale Aussage. Ein generelles Verbot des Klapses sei durch die damals vorgelegten Belege nicht gerechtfertigt.
- Der Einwand ist methodisch ernst zu nehmen. Er ist der Grund, warum die beiden folgenden Abschnitte wichtig sind: Sie umgehen ihn auf zwei verschiedene Weisen.
Wie dieser Artikel damit umgeht
Die Kritik stammt von 2002 und bezieht sich auf den damaligen Forschungsstand. Sie ist hier genannt, weil sie den methodisch schwächsten Punkt der Korrelationsstudien präzise benennt. Wer die heutige Beweislage darstellt, sollte sie kennen und beantworten, statt sie zu übergehen.
Der Ländervergleich
Ein Weg um das Ursächlichkeitsproblem herum führt über den Vergleich von Ländern mit und ohne gesetzliches Verbot. Eine Studie hat 88 Länder verglichen, von einkommensschwachen bis einkommensstarken.
Ohne Verbot, Bezugswert
100 %
20 Länder
Vollständiges Verbot, Jungen
69 %
30 Länder
Teilweises Verbot, Mädchen
56 %
38 Länder
Vollständiges Verbot, Mädchen
42 %
30 Länder
| Merkmal | Wert in % |
|---|---|
| Ohne Verbot, Bezugswert | 100 % |
| Vollständiges Verbot, Jungen | 69 % |
| Teilweises Verbot, Mädchen | 56 % |
| Vollständiges Verbot, Mädchen | 42 % |
Anteil der Prügeleirate gegenüber 20 Ländern ohne Verbot, gesetzt als 100 Prozent. Häufige Prügeleien sind vier oder mehr Vorfälle im Vorjahr. Quelle: Elgar et al. 2018.
- Vollständige Verbote gelten in Schule und Familie. Teilweise Verbote nur in der Schule. Bei diesen zeigte sich nur bei Mädchen weniger Gewalt.
- Die Ausgangswerte schwanken stark. Von 0,9 Prozent bei costa-ricanischen Mädchen bis 34,8 Prozent bei samoanischen Jungen.
- Die Autorenschaft bleibt vorsichtig. Ob Verbote die Erziehung veränderten oder ein gesellschaftliches Klima widerspiegeln, das Jugendgewalt hemmt, bleibt wegen des Studiendesigns offen.
- Es sind Länderdaten, keine Personendaten. Von einem Länderbefund auf einzelne Familien zu schließen, wäre ein Fehlschluss.
Was an die Stelle tritt
Der zweite Weg um den Einwand herum sind randomisierte Studien zu Erziehungsprogrammen. Eine Auswertung individueller Daten hat 14 solcher Studien aus sechs Ländern zusammengeführt.
| Frage | Ergebnis |
|---|---|
| Wirkt das Programm bei benachteiligten Familien schlechter? | Nein. Es fanden sich keine unterschiedlichen Wirkungen nach sozialer oder wirtschaftlicher Benachteiligung, nach ethnischer Herkunft, nach Erziehungsstil oder nach Alter des Kindes |
| Wo wirkte es stärker? | Bei Kindern mit ausgeprägterem Ausgangsverhalten, bei Jungen und bei Kindern von Eltern mit stärkerer Depressivität |
| Weitere Wirkungen | Weniger Aufmerksamkeitssymptome beim Kind, mehr Lob durch die Eltern, weniger harte und uneinheitliche Bestrafung |
| Keine Wirkung | Auf Depressivität, Belastung und Selbstwirksamkeit der Eltern sowie auf emotionale Probleme der Kinder |
Der wichtigste Satz steht in der dritten Zeile
Das Programm verringerte harte und uneinheitliche Bestrafung. Das ist ein experimenteller Beleg dafür, dass sich Erziehungsverhalten gezielt verändern lässt, und damit die eigentliche Antwort auf die Frage, was an die Stelle der Strafe tritt. Zugleich zeigt die letzte Zeile die Grenze: Auf das Befinden der Eltern wirkte es nicht.
Praktisch
Für Eltern
- Es gibt keinen belegten Nutzen. Über 49 Länder hinweg fand sich kein einziger positiver Zusammenhang mit einem Entwicklungsergebnis.
- Das Argument der kulturellen Üblichkeit trägt nicht. Die Unterschiede zwischen den Ländern ließen sich nicht dadurch erklären, wie verbreitet die Praxis dort ist.
- Programme wirken auch bei knappen Verhältnissen. Die Auswertung fand keine geringeren Wirkungen bei sozial benachteiligten Familien.
- Am stärksten wirken sie dort, wo es am schwierigsten ist. Bei Kindern mit ausgeprägterem Ausgangsverhalten und bei Eltern mit stärkerer Depressivität.
- Erwarte keine Entlastung für dich selbst. Auf Depressivität, Belastung und Selbstwirksamkeit der Eltern wirkte das Programm nicht. Dafür braucht es eigene Hilfe.
Für Fachkräfte
- Nenne den methodischen Einwand mit. Er ist ernst zu nehmen, und die Antwort darauf sind die Länder- und die Programmdaten, nicht das Wiederholen der Korrelationen.
- Elternprogramme sind der belegte Weg. Sie verringerten in randomisierten Studien harte und uneinheitliche Bestrafung.
- Der Zugang entscheidet, nicht die Zielgruppe. Weil die Wirkung nicht nach sozialer Lage variierte, ist die Frage, wen man erreicht, wichtiger als die Frage, für wen das Programm passt.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Wer in der Erziehung an eigene Grenzen kommt, findet Hilfe bei Erziehungsberatungsstellen, die kostenfrei und auf Wunsch anonym beraten. Das Elterntelefon ist unter 0800 111 0 550 erreichbar, die Nummer gegen Kummer für Kinder unter 116 111. Bei Gewalt gegen Kinder ist das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch unter 0800 22 55 530 zuständig, in akuten Fällen das Jugendamt oder die Polizei.
Passend dazu
Fazit
Über 69 Erhebungen mit 131.164 Kindern in 49 Ländern waren körperlich bestrafte Kinder etwa 24 Prozent seltener altersgerecht entwickelt, und in keinem einzigen Land fand sich ein positiver Zusammenhang mit irgendeinem Entwicklungsergebnis. Wie verbreitet die Praxis im jeweiligen Land war, erklärte die Unterschiede nicht.
Der ernsthafteste Einwand lautet, körperliche Bestrafung sei nur ein Kennzeichen harter Erziehung insgesamt. Zwei Datenquellen umgehen ihn. In 88 Ländern mit 403.604 Jugendlichen hatten Länder mit vollständigem Verbot 69 Prozent der Prügeleirate bei Jungen und 42 Prozent bei Mädchen im Vergleich zu Ländern ohne Verbot.
Und randomisierte Studien zeigen, dass sich Erziehungsverhalten ändern lässt. In einer Auswertung individueller Daten aus 14 Studien mit 1.799 Familien verringerte ein Elternprogramm harte und uneinheitliche Bestrafung, und zwar unabhängig von sozialer Lage, Herkunft und Erziehungsstil.
Häufige Fragen
Wie stark hängt körperliche Bestrafung mit der Entwicklung zusammen?
In einer Auswertung von 69 Erhebungen mit 131.164 Kindern zwischen 36 und 59 Monaten aus 49 Ländern waren körperlich bestrafte Kinder etwa 24 Prozent seltener altersgerecht entwickelt.
Gibt es auch positive Zusammenhänge?
Nein. Körperliche Bestrafung war in keinem der 49 Länder mit irgendeinem positiven Entwicklungsergebnis verknüpft.
Macht es einen Unterschied, ob Schläge in einem Land üblich sind?
Nein. Die geringen Unterschiede zwischen den Ländern ließen sich nicht dadurch erklären, wie verbreitet körperliche Bestrafung dort ist.
Was ist der Haupteinwand gegen solche Befunde?
Dass Ursache und Wirkung nicht zu trennen sind. Eine bekannte Fachkritik von 2002 argumentiert, körperliche Bestrafung sei vor allem ein Kennzeichen ungeschickter, harter Erziehung insgesamt.
Was zeigt der Ländervergleich?
In 88 Ländern mit 403.604 Jugendlichen hatten Länder mit vollständigem Verbot in Schule und Familie 69 Prozent der Prügeleirate bei Jungen und 42 Prozent bei Mädchen im Vergleich zu Ländern ohne Verbot.
Wirken Elternprogramme auch bei benachteiligten Familien?
Ja. Eine Auswertung individueller Daten aus 14 randomisierten Studien mit 1.799 Familien fand keine unterschiedlichen Wirkungen nach sozialer Benachteiligung, ethnischer Herkunft, Erziehungsstil oder Alter.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Cuartas, J. (2021): Corporal punishment and early childhood development in 49 low- and middle-income countries. Child Abuse & Neglect. 69 bevölkerungsbezogene Erhebungen mit 131.164 Kindern zwischen 36 und 59 Monaten, Zufallseffektmodell und Moderatoranalyse
- 2
Elgar, F. J. et al. (2018): Corporal punishment bans and physical fighting in adolescents: an ecological study of 88 countries. BMJ Open. Ökologische Studie über 88 Länder mit 403.604 Jugendlichen aus schulbasierten Gesundheitsbefragungen
- 3
Baumrind, D., Larzelere, R. E. & Cowan, P. A. (2002): Ordinary physical punishment: is it harmful? Comment on Gershoff (2002). Psychological Bulletin. Fachkritik an der damals maßgeblichen Metaanalyse zur körperlichen Bestrafung
- 4
Gardner, F. et al. (2017): Could scale-up of parenting programmes improve child disruptive behaviour and reduce social inequalities? Using individual participant data meta-analysis to establish for whom programmes are effective and cost-effective. Public Health Research, NIHR Journals Library. Auswertung individueller Daten aus 14 randomisierten Studien mit 1.799 Familien aus sechs Ländern