
Auf einen Blick
Der Begriff kam 2020 auf und hatte binnen Monaten eine fertige Erklärung im Gepäck: der ständige Blick auf das eigene Bild, die fehlende Körpersprache, die unnatürliche Nähe der Gesichter. Was davon geprüft wurde und was dabei herauskam, sind zwei sehr unterschiedliche Geschichten.
- Die Kameranutzung wurde in einem Feldexperiment gezielt verändert, nicht nur erfragt.
- Eingeschaltete Kamera hing mit stärkerer Tagesmüdigkeit zusammen.
- Die Müdigkeit hing mit weniger Wortbeiträgen und weniger Beteiligung zusammen.
- Zur Erklärung über die Selbstansicht widersprechen sich zwei Experimente.
- Der Zusammenhang mit Depressivität und Burnout ist mehrfach berichtet.
Der belegte Befund
Die methodisch stärkste Arbeit zum Thema ist ein Feldexperiment. Statt Menschen zu fragen, ob Videokonferenzen sie ermüden, wurde über vier Wochen die Kameranutzung selbst verändert und täglich gemessen.
4
Wochen Erhebungsdauer
103
teilnehmende Beschäftigte
1.408
Tagesbeobachtungen
Kamera an/aus
veränderte Bedingung
Das ist deshalb wichtig, weil die allermeisten Aussagen zu Zoom-Fatigue aus Querschnittsbefragungen stammen. Wer angibt, erschöpft zu sein, gibt oft auch an, viele Videokonferenzen zu haben. Erst die gezielte Veränderung der Bedingung innerhalb derselben Person trennt beides.
Der theoretische Rahmen
Die Autorengruppe stützt sich auf Theorien zur Selbstdarstellung. Die Annahme lautet: Sichtbar zu sein verlangt eine fortlaufende Steuerung des eigenen Auftretens, und diese Steuerung kostet. Das ist derselbe Mechanismus, der auch bei emotionaler Arbeit greift.
Was die Müdigkeit anrichtet
Das geprüfte Modell hörte nicht bei der Müdigkeit auf, sondern verfolgte, was sie in den Besprechungen selbst bewirkte.
| Schritt | Befund |
|---|---|
| Bedingung Kamera an gegenüber Kamera aus | Hing mit stärkerer Tagesmüdigkeit zusammen |
| Tagesmüdigkeit und Wortbeiträge | Negativer Zusammenhang |
| Tagesmüdigkeit und Beteiligung | Negativer Zusammenhang |
| Zeitliche Reichweite | Ergänzende Auswertungen deuten auf Wirkungen am selben und am folgenden Tag hin |
Ergebnisse aus 1.408 Tagesbeobachtungen von 103 Beschäftigten stützten das vorgeschlagene Modell, wobei ergänzende Auswertungen nahelegen, dass die Müdigkeit die Leistung in Besprechungen am selben und am folgenden Tag beeinflusst.
Der Befund zur Beteiligung ist der praktisch wichtigste. Die eingeschaltete Kamera wird meist verlangt, um Beteiligung sicherzustellen. Nach diesen Daten bewirkt sie über die Müdigkeit das Gegenteil.
Der Spiegeleffekt auf dem Prüfstand
Die populärste Erklärung lautet, das eigene Bild auf dem Schirm wirke wie ein Spiegel und erzwinge eine dauernde Selbstbeobachtung, was besonders Frauen belaste. Diese Annahme stammt aus Selbstauskünften. Eine Arbeitsgruppe hat sie mit einer körpernahen Messung geprüft.
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Teilnehmende | 32 Freiwillige, 16 Männer und 16 Frauen |
| Bedingung | Dieselbe Person mit Selbstansicht ein und aus |
| Messung | Elektroenzephalografie während einer Videobesprechung |
| Ergebnis zur Selbstansicht | Deutlich höhere Alpha-Aktivität bei eingeschalteter Selbstansicht |
| Verlauf über 20 Minuten | Keine bedeutsame Veränderung |
| Unterschied zwischen Männern und Frauen | Nicht bedeutsam |
Unsere Studie repliziert nicht die früheren Befunde, wonach Frauen wegen der erhöhten Selbstaufmerksamkeit beim Blick auf das eigene Bild stärkere Videokonferenz-Erschöpfung erleben.
- Der Effekt der Selbstansicht selbst wurde bestätigt. Die Alpha-Aktivität war bei eingeschalteter Selbstansicht deutlich höher. Die Autorengruppe wertet das als Bestätigung eines Ermüdungseffekts.
- Der Geschlechtsunterschied wurde nicht bestätigt. Genau er ist aber der Kern der populären Erzählung.
- Die Stichprobe ist klein. 32 Personen sind für einen Gruppenunterschied wenig. Ein ausbleibender Nachweis ist nicht dasselbe wie der Nachweis, dass es keinen Unterschied gibt.
- Die Sitzungen dauerten 20 Minuten. Ob sich über einen ganzen Tag hinweg ein Unterschied aufbaut, kann dieses Design nicht zeigen.
Ein zweites Experiment
Eine weitere Arbeit ist der Frage von einer anderen Seite nachgegangen. 167 Studentinnen wurden zufällig einer von drei Kameraeinstellungen zugewiesen und bearbeiteten anschließend eine Gruppenaufgabe, Fragen zur Selbstwahrnehmung und einen Rechentest.
| Bedingung | Ergebnis |
|---|---|
| Kamera an mit Selbstansicht | Kein bedeutsamer Unterschied zu den übrigen Bedingungen |
| Kamera an ohne Selbstansicht | Schlechteres Ergebnis im Rechentest als bei ausgeschalteter Kamera |
| Kamera aus | Bestes Ergebnis im Rechentest |
Die Kameraeinstellung hatte keinen Effekt auf die situative Selbstobjektivierung oder die Aussehensangst.
- Das Ergebnis widerspricht der Spiegelerklärung an mehreren Stellen. Nicht die Selbstansicht schnitt am schlechtesten ab, sondern die Bedingung ohne sie, bei der die Teilnehmerinnen für andere trotzdem sichtbar waren.
- Wer stark zur Selbstobjektivierung neigt, reagierte nicht empfindlicher. Die Autorinnen bezeichnen das selbst als überraschend.
- Die situative Selbstobjektivierung sagte die geistige Leistung nicht vorher. Der angenommene Wirkweg wurde also nicht bestätigt.
- Ein Effekt der Kameraeinstellung auf die Leistung blieb trotzdem bestehen. Er lief nur nicht über den vermuteten Mechanismus.
Was daraus folgt
Die Datenlage stützt: Sichtbarkeit kostet. Sie stützt nicht: Das eigene Bild ist der Grund, und Frauen leiden deshalb mehr. Wer eine Kameraregel begründen will, sollte sich auf die belegte Aussage stützen und nicht auf die griffige.
Wen es trifft
Zwei weitere Arbeiten geben Hinweise darauf, bei wem Videokonferenz-Erschöpfung besonders häufig auftritt und womit sie einhergeht.
| Quelle | Befund |
|---|---|
| 386 Medizinstudierende in Thailand | Anteil mit hoher Ausprägung 9,6 Prozent; niedrigeres Studienjahr und mehr Online-Einheiten sagten sie vorher, regelmäßige Bewegung wirkte schützend |
| Dieselbe Erhebung | Deutlicher Zusammenhang zwischen depressiver Störung und Zoom-Fatigue; die Autorengruppe empfiehlt, bei Zoom-Fatigue gezielt auf Depression zu prüfen |
| 311 Befragte im Internet | Videokonferenz-Erschöpfung, Burnout, Depressivität und Neurotizismus hingen robust positiv zusammen |
| Dieselbe Untersuchung | Die Zusammenhänge von Neurotizismus mit Burnout und Depressivität wurden teilweise durch Videokonferenz-Erschöpfung vermittelt |
Beides sind Querschnittserhebungen. Die Autorengruppen weisen selbst darauf hin, dass Ursache und Wirkung damit nicht zu trennen sind.
Aus dem Feldexperiment stammt ein weiterer Hinweis: Dort war die Kameranutzung für Frauen und für neuere Mitglieder der Organisation belastender. Beide Gruppen haben gemeinsam, dass ihr Auftreten stärker beobachtet und bewertet wird, was zur Erklärung über Selbstdarstellung passt und nicht die Selbstansicht braucht.
Praktisch
Für dich selbst
- Die Kamera abzuschalten ist die belegteste Einzelmaßnahme. Sie war die Bedingung, die im Feldexperiment tatsächlich verändert wurde.
- Die Selbstansicht auszublenden schadet jedenfalls nicht. Ein EEG-Experiment fand bei eingeschalteter Selbstansicht höhere Alpha-Aktivität. Der Aufwand ist ein Klick.
- Die Zahl der Einheiten zählt. Unter Studierenden sagte die Anzahl der Online-Einheiten die Erschöpfung vorher. Vier kurze Konferenzen sind nicht dasselbe wie eine lange.
- Bewegung war der einzige schützende Faktor in dieser Erhebung. Regelmäßige Bewegung ging dort mit weniger Zoom-Fatigue einher.
- Nimm anhaltende Erschöpfung ernst. Die Zusammenhänge mit Depressivität sind mehrfach berichtet. Eine der Autorengruppen empfiehlt ausdrücklich, bei ausgeprägter Zoom-Fatigue auf Depression zu prüfen.
Für Teams
- Kamerapflicht erreicht das Gegenteil ihres Zwecks. Sie wird meist mit Beteiligung begründet. Im Feldexperiment hing die daraus folgende Müdigkeit negativ mit Wortbeiträgen und Beteiligung zusammen.
- Achte auf die Neuen. Für neuere Mitglieder der Organisation war die Kameranutzung belastender. Gerade dort wird sie am häufigsten erwartet.
- Der Effekt reicht in den nächsten Tag. Ergänzende Auswertungen deuten auf Wirkungen am Folgetag hin. Ein voller Konferenztag kostet also mehr als diesen Tag.
- Argumentiere mit dem, was belegt ist. Die Erklärung über den Spiegeleffekt und die stärkere Belastung von Frauen hat zwei Experimente nicht überstanden. Sie taugt nicht als Begründung für eine Regel.
Passend dazu
Fazit
Ein Teil des Begriffs hält der Prüfung stand. In einem vierwöchigen Feldexperiment mit 103 Beschäftigten und 1.408 Tagesbeobachtungen wurde die Kameranutzung gezielt verändert, und die Bedingung mit eingeschalteter Kamera hing mit stärkerer Tagesmüdigkeit zusammen. Diese Müdigkeit ging mit weniger Wortbeiträgen und weniger Beteiligung einher, mit Wirkungen bis in den Folgetag.
Der andere Teil hält nicht stand. Die Erklärung, das eigene Bild wirke wie ein Spiegel und belaste deshalb besonders Frauen, wurde in einem EEG-Experiment ohne Geschlechtsunterschied und in einem Experiment mit 167 Studentinnen ohne Effekt auf Selbstobjektivierung und Aussehensangst nicht bestätigt.
Praktisch bleibt eine einfache Regel: Sichtbarkeit kostet, unabhängig davon, ob man sich selbst dabei sieht. Wer weniger Kamera verlangt, bekommt nach den Daten mehr Beteiligung, nicht weniger.
Häufige Fragen
Macht die eingeschaltete Kamera wirklich müder?
Nach der besten verfügbaren Untersuchung ja. In einem vierwöchigen Feldexperiment mit 103 Beschäftigten und 1.408 Tagesmessungen wurde die Kameranutzung gezielt verändert. Die Bedingung mit eingeschalteter Kamera hing mit stärkerer Tagesmüdigkeit zusammen.
Hat das Folgen für die Besprechung selbst?
Ja. Die Tagesmüdigkeit hing negativ mit Wortbeiträgen und Beteiligung in den Besprechungen zusammen. Ergänzende Auswertungen deuten auf Effekte am selben und am folgenden Tag hin.
Stimmt es, dass Frauen stärker betroffen sind?
Im Feldexperiment war die Kameranutzung für Frauen und für neuere Mitglieder der Organisation belastender. Ein späteres Experiment mit EEG-Messung fand dagegen keinen Geschlechtsunterschied bei der Selbstansicht.
Ist die Selbstansicht das eigentliche Problem?
Das ist offen. Ein EEG-Experiment fand bei eingeschalteter Selbstansicht eine deutlich höhere Alpha-Aktivität, aber ohne Geschlechtsunterschied. Ein Experiment mit 167 Studentinnen fand gar keinen Effekt der Kameraeinstellung auf Selbstobjektivierung oder Aussehensangst.
Wie verbreitet ist starke Zoom-Fatigue?
In einer Erhebung unter 386 thailändischen Medizinstudierenden lag der Anteil mit hoher Ausprägung bei 9,6 Prozent. Vorhersagend waren ein niedrigeres Studienjahr und eine höhere Zahl an Online-Einheiten, schützend regelmäßige Bewegung.
Hängt Zoom-Fatigue mit Depression zusammen?
In mehreren Erhebungen ja. Eine Untersuchung mit 311 Teilnehmenden fand robuste positive Zusammenhänge zwischen Videokonferenz-Erschöpfung, Burnout, Depressivität und Neurotizismus.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Shockley, K. M. et al. (2021): The fatiguing effects of camera use in virtual meetings: A within-person field experiment. Journal of Applied Psychology. Vierwöchiges Feldexperiment mit wiederholter Tagesmessung, 103 Beschäftigte, 1.408 Tagesbeobachtungen
- 2
Xu, J., Whelan, E., O'Brien, A. & O'Hora, D. (2024): Does Self-View Mode Generate More Videoconferencing Fatigue in Women than Men? An Experiment Using EEG Signals. Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking. Experiment mit 32 Freiwilligen, je 16 Männer und Frauen, EEG-Messung
- 3
Savage, L. R. & Couture Bue, A. C. (2023): Objectifying the classroom: Examining self-objectification and its effects on cognitive resources within virtual class environments. Body Image. Experiment mit 167 Studentinnen und drei zufällig zugewiesenen Kameraeinstellungen
- 4
Montag, C., Rozgonjuk, D., Riedl, R. & Sindermann, C. (2022): On the associations between videoconference fatigue, burnout and depression including personality associations. Journal of Affective Disorders Reports. Befragung von 311 Teilnehmenden, enthält eine deutsche Fassung der Zoom Exhaustion and Fatigue Scale
- 5
Charoenporn, V. et al. (2024): Zoom fatigue related to online learning among medical students in Thailand: Prevalence, predictors, and association with depression. F1000Research. Querschnittserhebung unter 386 Medizinstudierenden