Praxis, Übungen & TrainingKurse & Coaching

Selbsthilfegruppen

Ein Stuhlkreis, kein Fachpersonal, kein Geld. Bei einer Erkrankung ist das nachweislich wirksamer als eine anerkannte Psychotherapie. Bei den meisten anderen fehlt dieser Nachweis.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein Stuhlkreis aus unterschiedlichen einfachen Stühlen in einem schlichten Gemeindesaal, in der Mitte eine Thermoskanne und Tassen auf einem kleinen Tisch
Gemeindesaal, geliehene Stühle, Kaffee aus der Kanne. Das ist der Rahmen, in dem die besten Zahlen dieses Themenbereichs entstanden sind. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Selbsthilfegruppen sind in diesem Themenbereich die große Ausnahme: Es gibt eine Cochrane-Übersicht mit hochwertigen Belegen. Nur gilt sie nicht für alles, was so heißt.

  • Bei Alkoholabhängigkeit gibt es hochwertige Belege für einen Vorteil gegenüber etablierten Verfahren.
  • Der Effekt hielt über 36 Monate und ging mit Kosteneinsparungen einher.
  • Bei psychischen Erkrankungen allgemein zeigten sich nur kleine Verbesserungen der persönlichen Genesung.
  • Für pflegende Angehörige fand eine Metaanalyse über 30 Studien mittlere Effekte.
  • Vier typische Schwierigkeiten sind gut beschrieben und lassen sich vorher ansprechen.

Was Selbsthilfegruppen sind

Eine Selbsthilfegruppe ist ein Treffen von Betroffenen ohne professionelle Leitung. Das unterscheidet sie von der Gruppentherapie und von den geleiteten Peer-Angeboten, die Kliniken zunehmend anbieten. Der Unterschied ist nicht nur formal, denn er verändert, was in der Gruppe gesagt werden kann.

Drei Formate, die gern verwechselt werden
FormatLeitungKostenZiel
SelbsthilfegruppeBetroffene selbstKeine, allenfalls RaumbeteiligungAustausch, gegenseitige Unterstützung
Angeleitete Peer-GruppeGeschulte Betroffene, oft angestelltÜber Träger finanziertStrukturiertes Programm mit definierten Zielen
GruppentherapieApprobierte FachpersonKassenleistungBehandlung einer Erkrankung

Die Forschung vermischt diese Formate häufig, was ein Teil des Problems bei der Bewertung ist.

Der Sonderfall Sucht

Die Anonymen Alkoholiker gibt es seit über 80 Jahren, aber ernsthaft untersucht wurden sie erst spät. Eine Cochrane-Übersicht hat 27 Studien mit 10.565 Teilnehmenden zusammengetragen, darunter 21 randomisierte oder quasirandomisierte Untersuchungen.

27

eingeschlossene Studien

10.565

Teilnehmende

RR 1,21

Abstinenz nach 12 Monaten

hoch

Verlässlichkeit dieses Befunds

Verglichen wurde nicht gegen eine Warteliste, sondern gegen etablierte Behandlungen wie die kognitive Verhaltenstherapie und die motivierende Gesprächsführung. Das ist der schwerste Vergleich, den es gibt, und genau deshalb zählt das Ergebnis.

Es gibt hochwertige Belege dafür, dass manualisierte Zwölf-Schritte-Verfahren wirksamer sind als andere etablierte Behandlungen wie die kognitive Verhaltenstherapie, wenn es um die Erhöhung der Abstinenz geht.
Kelly, Humphreys & Ferri 2020
Was in welchem Bereich gefunden wurde. Quelle: Cochrane 2020
ZielgrößeErgebnisVerlässlichkeit
Durchgehende Abstinenz nach 12 MonatenDeutlich besser als andere Verfahren, auch nach 24 und 36 MonatenHoch
Anteil abstinenter TageNach 12 Monaten gleichauf, nach 24 und 36 Monaten besserSehr niedrig bis niedrig
Trinkmenge an TrinktagenGleichaufMittel
Alkoholbedingte FolgeproblemeWahrscheinlich gleichaufMittel
GesundheitskostenHöhere Einsparungen als bei ambulanter BehandlungMittel

Ein wichtiges Kleingedrucktes

Der hochwertige Befund betrifft manualisierte Verfahren, also professionell angeleitete Programme, die Menschen systematisch an die Gruppen heranführen. Für die nicht manualisierte Form, also den bloßen Besuch von Treffen, heißt es vorsichtiger, sie könne genauso gut abschneiden wie etablierte Behandlungen. Das ist ein Unterschied.

Zur Einordnung gehört auch: Die ersten beiden Autoren erhalten Forschungsmittel für Untersuchungen zu Selbsthilfeorganisationen. Das ist in der Arbeit offengelegt und in diesem Feld kaum vermeidbar, denn wer sonst untersucht dieses Thema. Es gehört trotzdem dazugesagt.

Psychische Erkrankungen

Der Erfolg bei Suchterkrankungen lässt sich nicht ohne Weiteres übertragen. Eine Metaanalyse hat randomisierte Studien zu Peer-Unterstützung in Gruppenform bei psychischen Erkrankungen zusammengetragen. Acht Studien erfüllten die Kriterien, mit insgesamt 2131 Teilnehmenden.

  • Was sich verbesserte: die persönliche Genesung insgesamt, und zwar in kleinem Umfang.
  • Was sich nicht verbesserte: Hoffnung und Selbstwirksamkeit einzeln betrachtet sowie die klinischen Symptome.
  • Die Qualitätsbewertung: Sechs der acht Studien hatten ein hohes oder unklares Verzerrungsrisiko.
  • Eine auffällige Lücke: Soziale Zielgrößen fehlten in der Literatur fast vollständig, obwohl gerade sie bei Gruppenangeboten naheliegen würden.
Aus den Studien zu Peer-Unterstützung in Gruppenform liegen derzeit nicht genügend Belege vor, um solche Angebote in der psychiatrischen Regelversorgung breit einzuführen.
Lyons, Cooper & Lloyd-Evans 2021

Persönliche Genesung ist nicht nichts

Der Begriff meint nicht Symptomfreiheit, sondern die Fähigkeit, mit einer Erkrankung ein Leben zu führen, das man als eigenes erkennt. Dass ausgerechnet dieser Bereich sich verbesserte und die Symptome nicht, passt zu dem, was Selbsthilfegruppen für sich selbst beanspruchen. Sie behandeln nicht, sie begleiten.

Pflegende Angehörige

Ein dritter, gut untersuchter Bereich sind Unterstützungsgruppen für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz. Eine Metaanalyse hat 30 kontrollierte Studien ausgewertet, sowohl reine Austauschgruppen als auch psychoedukative Formate.

Effekte von Unterstützungsgruppen für pflegende Angehörige

Psychisches Wohlbefinden

0,44

mittlerer Effekt

Depressivität

0,4

mittlerer Effekt

Soziale Zielgrößen

0,4

mittlerer Effekt

Belastungserleben

0,23

kleiner Effekt

MerkmalWert in
Psychisches Wohlbefinden0.44
Depressivität0.4
Soziale Zielgrößen0.4
Belastungserleben0.23

Beträge der Effektstärken nach Hedges. Quelle: Chien et al. 2011.

Interessant ist, welche Merkmale einen Unterschied machten. Die Verwendung eines theoretischen Modells sowie Dauer und Dichte der Treffen beeinflussten die Wirkung auf Wohlbefinden und Depressivität bedeutsam. Eine lose Runde alle paar Monate ist also etwas anderes als eine strukturierte Gruppe mit festem Rhythmus.

Das Belastungserleben bewegt sich am wenigsten

Das ist plausibel und ehrlich zugleich. Eine Gruppe nimmt niemandem die Pflege ab. Sie verändert, wie man damit umgeht, nicht wie viel zu tun ist.

Was schwierig ist

Über die Schattenseiten wird selten gesprochen. Eine Auswertung von 20 qualitativen Studien zu Krebs-Selbsthilfegruppen hat sie systematisch erhoben, aus der Sicht der Mitglieder selbst.

Nutzen und Schwierigkeiten aus Sicht der Mitglieder. Quelle: Jablotschkin et al. 2022
Was hilftWas schwierig ist
Informationen von Menschen mit derselben ErfahrungKonfrontation mit dem Leid anderer, auch mit schweren Verläufen
Das Erleben geteilter ErfahrungSehr unterschiedliche Informationsbedürfnisse innerhalb einer Gruppe
Lernen von anderenBelastende Gruppendynamiken
Selbst helfen zu könnenFragen der Leitung und des dauerhaften Fortbestands der Gruppe
Humor als gemeinsame Bewältigungsform

Die Autorengruppe folgert daraus, dass Gruppen niedrigschwellige Angebote brauchen, auf die sie im Bedarfsfall zurückgreifen können.

Der erste Punkt in der rechten Spalte ist der häufigste Grund für einen Abbruch. Wer neu erkrankt ist und in einer Runde sitzt, in der jemand einen schweren Verlauf schildert, erlebt das nicht als Unterstützung, sondern als Vorschau. Gute Gruppen sprechen das an, statt es zu übergehen.

Praktisch

Wie du eine passende Gruppe findest

  • Über die regionale Kontaktstelle. In Deutschland gibt es in fast jedem Landkreis eine Selbsthilfekontaktstelle, die vermittelt und die Gruppen kennt.
  • Zwei bis drei Treffen probieren. Eine einzelne Sitzung sagt wenig. Gruppen haben unterschiedliche Zusammensetzungen an verschiedenen Terminen.
  • Auf den Rhythmus achten. Dichte und Dauer der Treffen beeinflussten in der Metaanalyse die Wirkung. Alle zwei Wochen ist etwas anderes als zweimal im Jahr.
  • Ohne Verkauf. Wenn in einer Gruppe Produkte, Behandlungen oder Seminare empfohlen werden, ist es keine Selbsthilfegruppe mehr.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Eine Selbsthilfegruppe ist keine Behandlung und ersetzt keine. Bei akuter Suizidgedanken, bei einer schweren Depression oder bei einem Rückfall in eine Abhängigkeit ist der richtige Weg die ärztliche oder psychotherapeutische Versorgung. Die Gruppe kann daneben laufen, und in der Suchtbehandlung tut sie das mit den besten Belegen dieses Themenbereichs.

Passend dazu

Fazit

Selbsthilfegruppen sind kein Ersatzangebot für Menschen ohne Therapieplatz. Bei Alkoholabhängigkeit sind zwölfschrittbasierte Verfahren nach hochwertigen Belegen wirksamer als die kognitive Verhaltenstherapie, wenn es um durchgehende Abstinenz geht, und das über drei Jahre hinweg.

Bei psychischen Erkrankungen allgemein sieht es anders aus: kleine Verbesserungen der persönlichen Genesung, keine bei den Symptomen, und eine Beleglage, die nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren für eine flächendeckende Einführung nicht ausreicht. Für pflegende Angehörige liegen die Effekte im mittleren Bereich.

Die Schwierigkeiten sind gut beschrieben und lassen sich vorher ansprechen. Und der Preis bleibt bemerkenswert: In einem Feld, in dem Wochenendseminare vierstellig kosten, ist ausgerechnet das kostenlose Format dasjenige mit den besten Zahlen.

Häufige Fragen

Was ist eine Selbsthilfegruppe?

Ein regelmäßiges Treffen von Menschen mit derselben Erkrankung oder Belastung, das von den Betroffenen selbst geleitet wird. Es gibt keine professionelle Leitung, keine Behandlung und in der Regel keine Kosten.

Wie gut sind Selbsthilfegruppen belegt?

Das hängt stark vom Bereich ab. Bei Alkoholabhängigkeit gibt es hochwertige Belege, dass zwölfschrittbasierte Ansätze die Abstinenzraten stärker erhöhen als etablierte Behandlungen wie die kognitive Verhaltenstherapie. Bei psychischen Erkrankungen allgemein ist die Lage deutlich dünner.

Wie groß ist der Unterschied bei Alkoholabhängigkeit?

Für durchgehende Abstinenz nach zwölf Monaten lag das relative Risiko bei 1,21 gegenüber anderen klinischen Verfahren, geprüft an zwei Studien mit 1936 Teilnehmenden. Der Effekt blieb auch nach 24 und 36 Monaten bestehen.

Helfen Selbsthilfegruppen bei Depression oder Angst?

Eine Metaanalyse über acht randomisierte Studien mit 2131 Teilnehmenden fand kleine Verbesserungen bei der persönlichen Genesung, aber nicht bei Hoffnung, Selbstwirksamkeit oder klinischen Symptomen. Die Autorinnen und Autoren halten die Belege für unzureichend, um solche Angebote flächendeckend einzuführen.

Und für pflegende Angehörige?

Eine Metaanalyse über 30 kontrollierte Studien zu Unterstützungsgruppen bei Demenz fand mittlere Verbesserungen des psychischen Wohlbefindens und der Depressivität sowie eine kleinere Verringerung der Belastung.

Was kann in einer Selbsthilfegruppe schiefgehen?

Eine Auswertung von 20 qualitativen Studien nennt vier wiederkehrende Schwierigkeiten: die Konfrontation mit dem Leid anderer, unterschiedliche Informationsbedürfnisse, belastende Gruppendynamiken und Probleme mit Leitung und Fortbestand der Gruppe.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Kelly, J. F., Humphreys, K. & Ferri, M. (2020): Alcoholics Anonymous and other 12-step programs for alcohol use disorder. Cochrane Database of Systematic Reviews. 27 Studien mit 10.565 Teilnehmenden. Die ersten beiden Autoren erhalten Forschungsmittel für Untersuchungen zu Selbsthilfeorganisationen, was offengelegt ist

  2. 2

    Lyons, N., Cooper, C. & Lloyd-Evans, B. (2021): A systematic review and meta-analysis of group peer support interventions for people experiencing mental health conditions. BMC Psychiatry. Acht randomisierte Studien mit 2131 Teilnehmenden

  3. 3

    Chien, L. Y. et al. (2011): Caregiver support groups in patients with dementia: a meta-analysis. International Journal of Geriatric Psychiatry. 30 kontrollierte Studien zu Unterstützungsgruppen für nicht professionell Pflegende

  4. 4

    Jablotschkin, M. et al. (2022): Benefits and challenges of cancer peer support groups: A systematic review of qualitative studies. European Journal of Cancer Care. 20 von 978 gesichteten Arbeiten, ausgewertet mit dem Critical Appraisal Skills Programme