
Auf einen Blick
Selbsthilfegruppen sind in diesem Themenbereich die große Ausnahme: Es gibt eine Cochrane-Übersicht mit hochwertigen Belegen. Nur gilt sie nicht für alles, was so heißt.
- Bei Alkoholabhängigkeit gibt es hochwertige Belege für einen Vorteil gegenüber etablierten Verfahren.
- Der Effekt hielt über 36 Monate und ging mit Kosteneinsparungen einher.
- Bei psychischen Erkrankungen allgemein zeigten sich nur kleine Verbesserungen der persönlichen Genesung.
- Für pflegende Angehörige fand eine Metaanalyse über 30 Studien mittlere Effekte.
- Vier typische Schwierigkeiten sind gut beschrieben und lassen sich vorher ansprechen.
Was Selbsthilfegruppen sind
Eine Selbsthilfegruppe ist ein Treffen von Betroffenen ohne professionelle Leitung. Das unterscheidet sie von der Gruppentherapie und von den geleiteten Peer-Angeboten, die Kliniken zunehmend anbieten. Der Unterschied ist nicht nur formal, denn er verändert, was in der Gruppe gesagt werden kann.
| Format | Leitung | Kosten | Ziel |
|---|---|---|---|
| Selbsthilfegruppe | Betroffene selbst | Keine, allenfalls Raumbeteiligung | Austausch, gegenseitige Unterstützung |
| Angeleitete Peer-Gruppe | Geschulte Betroffene, oft angestellt | Über Träger finanziert | Strukturiertes Programm mit definierten Zielen |
| Gruppentherapie | Approbierte Fachperson | Kassenleistung | Behandlung einer Erkrankung |
Die Forschung vermischt diese Formate häufig, was ein Teil des Problems bei der Bewertung ist.
Der Sonderfall Sucht
Die Anonymen Alkoholiker gibt es seit über 80 Jahren, aber ernsthaft untersucht wurden sie erst spät. Eine Cochrane-Übersicht hat 27 Studien mit 10.565 Teilnehmenden zusammengetragen, darunter 21 randomisierte oder quasirandomisierte Untersuchungen.
27
eingeschlossene Studien
10.565
Teilnehmende
RR 1,21
Abstinenz nach 12 Monaten
hoch
Verlässlichkeit dieses Befunds
Verglichen wurde nicht gegen eine Warteliste, sondern gegen etablierte Behandlungen wie die kognitive Verhaltenstherapie und die motivierende Gesprächsführung. Das ist der schwerste Vergleich, den es gibt, und genau deshalb zählt das Ergebnis.
Es gibt hochwertige Belege dafür, dass manualisierte Zwölf-Schritte-Verfahren wirksamer sind als andere etablierte Behandlungen wie die kognitive Verhaltenstherapie, wenn es um die Erhöhung der Abstinenz geht.
| Zielgröße | Ergebnis | Verlässlichkeit |
|---|---|---|
| Durchgehende Abstinenz nach 12 Monaten | Deutlich besser als andere Verfahren, auch nach 24 und 36 Monaten | Hoch |
| Anteil abstinenter Tage | Nach 12 Monaten gleichauf, nach 24 und 36 Monaten besser | Sehr niedrig bis niedrig |
| Trinkmenge an Trinktagen | Gleichauf | Mittel |
| Alkoholbedingte Folgeprobleme | Wahrscheinlich gleichauf | Mittel |
| Gesundheitskosten | Höhere Einsparungen als bei ambulanter Behandlung | Mittel |
Ein wichtiges Kleingedrucktes
Der hochwertige Befund betrifft manualisierte Verfahren, also professionell angeleitete Programme, die Menschen systematisch an die Gruppen heranführen. Für die nicht manualisierte Form, also den bloßen Besuch von Treffen, heißt es vorsichtiger, sie könne genauso gut abschneiden wie etablierte Behandlungen. Das ist ein Unterschied.
Zur Einordnung gehört auch: Die ersten beiden Autoren erhalten Forschungsmittel für Untersuchungen zu Selbsthilfeorganisationen. Das ist in der Arbeit offengelegt und in diesem Feld kaum vermeidbar, denn wer sonst untersucht dieses Thema. Es gehört trotzdem dazugesagt.
Psychische Erkrankungen
Der Erfolg bei Suchterkrankungen lässt sich nicht ohne Weiteres übertragen. Eine Metaanalyse hat randomisierte Studien zu Peer-Unterstützung in Gruppenform bei psychischen Erkrankungen zusammengetragen. Acht Studien erfüllten die Kriterien, mit insgesamt 2131 Teilnehmenden.
- Was sich verbesserte: die persönliche Genesung insgesamt, und zwar in kleinem Umfang.
- Was sich nicht verbesserte: Hoffnung und Selbstwirksamkeit einzeln betrachtet sowie die klinischen Symptome.
- Die Qualitätsbewertung: Sechs der acht Studien hatten ein hohes oder unklares Verzerrungsrisiko.
- Eine auffällige Lücke: Soziale Zielgrößen fehlten in der Literatur fast vollständig, obwohl gerade sie bei Gruppenangeboten naheliegen würden.
Aus den Studien zu Peer-Unterstützung in Gruppenform liegen derzeit nicht genügend Belege vor, um solche Angebote in der psychiatrischen Regelversorgung breit einzuführen.
Persönliche Genesung ist nicht nichts
Der Begriff meint nicht Symptomfreiheit, sondern die Fähigkeit, mit einer Erkrankung ein Leben zu führen, das man als eigenes erkennt. Dass ausgerechnet dieser Bereich sich verbesserte und die Symptome nicht, passt zu dem, was Selbsthilfegruppen für sich selbst beanspruchen. Sie behandeln nicht, sie begleiten.
Pflegende Angehörige
Ein dritter, gut untersuchter Bereich sind Unterstützungsgruppen für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz. Eine Metaanalyse hat 30 kontrollierte Studien ausgewertet, sowohl reine Austauschgruppen als auch psychoedukative Formate.
Psychisches Wohlbefinden
0,44
mittlerer Effekt
Depressivität
0,4
mittlerer Effekt
Soziale Zielgrößen
0,4
mittlerer Effekt
Belastungserleben
0,23
kleiner Effekt
| Merkmal | Wert in |
|---|---|
| Psychisches Wohlbefinden | 0.44 |
| Depressivität | 0.4 |
| Soziale Zielgrößen | 0.4 |
| Belastungserleben | 0.23 |
Beträge der Effektstärken nach Hedges. Quelle: Chien et al. 2011.
Interessant ist, welche Merkmale einen Unterschied machten. Die Verwendung eines theoretischen Modells sowie Dauer und Dichte der Treffen beeinflussten die Wirkung auf Wohlbefinden und Depressivität bedeutsam. Eine lose Runde alle paar Monate ist also etwas anderes als eine strukturierte Gruppe mit festem Rhythmus.
Das Belastungserleben bewegt sich am wenigsten
Das ist plausibel und ehrlich zugleich. Eine Gruppe nimmt niemandem die Pflege ab. Sie verändert, wie man damit umgeht, nicht wie viel zu tun ist.
Was schwierig ist
Über die Schattenseiten wird selten gesprochen. Eine Auswertung von 20 qualitativen Studien zu Krebs-Selbsthilfegruppen hat sie systematisch erhoben, aus der Sicht der Mitglieder selbst.
| Was hilft | Was schwierig ist |
|---|---|
| Informationen von Menschen mit derselben Erfahrung | Konfrontation mit dem Leid anderer, auch mit schweren Verläufen |
| Das Erleben geteilter Erfahrung | Sehr unterschiedliche Informationsbedürfnisse innerhalb einer Gruppe |
| Lernen von anderen | Belastende Gruppendynamiken |
| Selbst helfen zu können | Fragen der Leitung und des dauerhaften Fortbestands der Gruppe |
| Humor als gemeinsame Bewältigungsform |
Die Autorengruppe folgert daraus, dass Gruppen niedrigschwellige Angebote brauchen, auf die sie im Bedarfsfall zurückgreifen können.
Der erste Punkt in der rechten Spalte ist der häufigste Grund für einen Abbruch. Wer neu erkrankt ist und in einer Runde sitzt, in der jemand einen schweren Verlauf schildert, erlebt das nicht als Unterstützung, sondern als Vorschau. Gute Gruppen sprechen das an, statt es zu übergehen.
Praktisch
Wie du eine passende Gruppe findest
- Über die regionale Kontaktstelle. In Deutschland gibt es in fast jedem Landkreis eine Selbsthilfekontaktstelle, die vermittelt und die Gruppen kennt.
- Zwei bis drei Treffen probieren. Eine einzelne Sitzung sagt wenig. Gruppen haben unterschiedliche Zusammensetzungen an verschiedenen Terminen.
- Auf den Rhythmus achten. Dichte und Dauer der Treffen beeinflussten in der Metaanalyse die Wirkung. Alle zwei Wochen ist etwas anderes als zweimal im Jahr.
- Ohne Verkauf. Wenn in einer Gruppe Produkte, Behandlungen oder Seminare empfohlen werden, ist es keine Selbsthilfegruppe mehr.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Eine Selbsthilfegruppe ist keine Behandlung und ersetzt keine. Bei akuter Suizidgedanken, bei einer schweren Depression oder bei einem Rückfall in eine Abhängigkeit ist der richtige Weg die ärztliche oder psychotherapeutische Versorgung. Die Gruppe kann daneben laufen, und in der Suchtbehandlung tut sie das mit den besten Belegen dieses Themenbereichs.
Passend dazu
Fazit
Selbsthilfegruppen sind kein Ersatzangebot für Menschen ohne Therapieplatz. Bei Alkoholabhängigkeit sind zwölfschrittbasierte Verfahren nach hochwertigen Belegen wirksamer als die kognitive Verhaltenstherapie, wenn es um durchgehende Abstinenz geht, und das über drei Jahre hinweg.
Bei psychischen Erkrankungen allgemein sieht es anders aus: kleine Verbesserungen der persönlichen Genesung, keine bei den Symptomen, und eine Beleglage, die nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren für eine flächendeckende Einführung nicht ausreicht. Für pflegende Angehörige liegen die Effekte im mittleren Bereich.
Die Schwierigkeiten sind gut beschrieben und lassen sich vorher ansprechen. Und der Preis bleibt bemerkenswert: In einem Feld, in dem Wochenendseminare vierstellig kosten, ist ausgerechnet das kostenlose Format dasjenige mit den besten Zahlen.
Häufige Fragen
Was ist eine Selbsthilfegruppe?
Ein regelmäßiges Treffen von Menschen mit derselben Erkrankung oder Belastung, das von den Betroffenen selbst geleitet wird. Es gibt keine professionelle Leitung, keine Behandlung und in der Regel keine Kosten.
Wie gut sind Selbsthilfegruppen belegt?
Das hängt stark vom Bereich ab. Bei Alkoholabhängigkeit gibt es hochwertige Belege, dass zwölfschrittbasierte Ansätze die Abstinenzraten stärker erhöhen als etablierte Behandlungen wie die kognitive Verhaltenstherapie. Bei psychischen Erkrankungen allgemein ist die Lage deutlich dünner.
Wie groß ist der Unterschied bei Alkoholabhängigkeit?
Für durchgehende Abstinenz nach zwölf Monaten lag das relative Risiko bei 1,21 gegenüber anderen klinischen Verfahren, geprüft an zwei Studien mit 1936 Teilnehmenden. Der Effekt blieb auch nach 24 und 36 Monaten bestehen.
Helfen Selbsthilfegruppen bei Depression oder Angst?
Eine Metaanalyse über acht randomisierte Studien mit 2131 Teilnehmenden fand kleine Verbesserungen bei der persönlichen Genesung, aber nicht bei Hoffnung, Selbstwirksamkeit oder klinischen Symptomen. Die Autorinnen und Autoren halten die Belege für unzureichend, um solche Angebote flächendeckend einzuführen.
Und für pflegende Angehörige?
Eine Metaanalyse über 30 kontrollierte Studien zu Unterstützungsgruppen bei Demenz fand mittlere Verbesserungen des psychischen Wohlbefindens und der Depressivität sowie eine kleinere Verringerung der Belastung.
Was kann in einer Selbsthilfegruppe schiefgehen?
Eine Auswertung von 20 qualitativen Studien nennt vier wiederkehrende Schwierigkeiten: die Konfrontation mit dem Leid anderer, unterschiedliche Informationsbedürfnisse, belastende Gruppendynamiken und Probleme mit Leitung und Fortbestand der Gruppe.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Kelly, J. F., Humphreys, K. & Ferri, M. (2020): Alcoholics Anonymous and other 12-step programs for alcohol use disorder. Cochrane Database of Systematic Reviews. 27 Studien mit 10.565 Teilnehmenden. Die ersten beiden Autoren erhalten Forschungsmittel für Untersuchungen zu Selbsthilfeorganisationen, was offengelegt ist
- 2
Lyons, N., Cooper, C. & Lloyd-Evans, B. (2021): A systematic review and meta-analysis of group peer support interventions for people experiencing mental health conditions. BMC Psychiatry. Acht randomisierte Studien mit 2131 Teilnehmenden
- 3
Chien, L. Y. et al. (2011): Caregiver support groups in patients with dementia: a meta-analysis. International Journal of Geriatric Psychiatry. 30 kontrollierte Studien zu Unterstützungsgruppen für nicht professionell Pflegende
- 4
Jablotschkin, M. et al. (2022): Benefits and challenges of cancer peer support groups: A systematic review of qualitative studies. European Journal of Cancer Care. 20 von 978 gesichteten Arbeiten, ausgewertet mit dem Critical Appraisal Skills Programme