
Auf einen Blick
Dieser Artikel widerspricht einer verbreiteten Rangfolge. Er behauptet nicht, dass die Gruppe besser ist, sondern dass sie nicht schlechter ist, und dass das mehr Konsequenzen hat, als es klingt.
- Gruppenverhaltensaktivierung bei Depression wirkt wie andere aktive Behandlungen.
- Die Abbruchquote lag mit 14 Prozent sogar unter der von Einzelbehandlungen.
- Der Zusammenhalt in der Gruppe gilt als nachweislich wirksamer Beziehungsfaktor.
- Bei der Schematherapie war die Gruppenform in einer Untergruppenanalyse deutlich stärker.
- Der größte praktische Vorteil ist die kürzere Wartezeit.
Die falsche Rangfolge
Wer einen Therapieplatz sucht, denkt an Einzeltherapie. Die Gruppe erscheint als Notlösung: weniger Aufmerksamkeit, fremde Menschen, das eigene Anliegen unter vielen. Diese Rangfolge ist so selbstverständlich, dass sie selten hinterfragt wird.
Sie ist auch nachvollziehbar. Über die eigenen Schwierigkeiten vor sieben fremden Menschen zu sprechen, ist etwas anderes, als es zu zweit zu tun. Die Frage ist nur, ob sich das in den Ergebnissen niederschlägt.
Was die Zahlen zeigen
Am klarsten lässt sich das an einem Verfahren zeigen, das ursprünglich als Einzelbehandlung entwickelt wurde: der Verhaltensaktivierung bei Depression. Eine Metaanalyse hat 19 randomisierte Studien zur Gruppenform ausgewertet.
19
randomisierte Studien zur Gruppenform
0,72
Effekt gegenüber Kontrollbedingungen
0,14
Unterschied zu anderen aktiven Behandlungen
14 %
Abbruchquote in der Gruppe
Gegenüber Kontrollbedingungen
0,72
13 Studien, 461 Personen; mittlerer bis großer Effekt
Gegenüber anderen aktiven Behandlungen
0,14
15 Studien, 526 Personen; Vertrauensbereich schließt die Null ein
| Merkmal | Wert in |
|---|---|
| Gegenüber Kontrollbedingungen | 0.72 |
| Gegenüber anderen aktiven Behandlungen | 0.14 |
Standardisierte Mittelwertdifferenzen. Quelle: Simmonds-Buckley et al. 2019.
Verhaltensaktivierung in der Gruppe erziele einen mittleren bis großen Effekt auf depressive Symptome und solle als angemessene Erstlinienbehandlung in Betracht gezogen werden.
Der Wert von 0,14 gegenüber anderen aktiven Behandlungen ist der eigentliche Befund. Er bedeutet Gleichstand, und die Ergebnisse blieben in der Nachbeobachtung erhalten.
Zur Einordnung
Zum Vergleich: Die größte Metaanalyse zu kognitiver Verhaltenstherapie bei Depression über 409 Studien mit 52.702 Patientinnen und Patienten findet gegenüber Kontrollbedingungen g = 0,79, also einen Wert in derselben Größenordnung wie die 0,72 der Gruppenform. Auch dort ist der Unterschied zu anderen Psychotherapien mit g = 0,06 praktisch nicht vorhanden.
Die Sache mit dem Abbruch
Der häufigste Einwand gegen Gruppen lautet, die Menschen blieben nicht dabei. Die Metaanalyse hat das mitgemessen.
| Behandlung | Abbruchquote |
|---|---|
| Verhaltensaktivierung in der Gruppe | 14 Prozent |
| Andere aktive Behandlungen bei Depression | 17 Prozent |
Ein bedeutsamer Unterschied bestand nicht. Die Zahl für die Gruppe liegt numerisch sogar niedriger.
Damit fällt das häufigste Praxisargument gegen die Gruppe weg. Menschen bleiben in Gruppenbehandlungen mindestens so zuverlässig dabei wie in Einzelbehandlungen.
Der Zusammenhalt als Wirkfaktor
Dass die Gruppe nicht nur ein Sparformat ist, sondern einen eigenen Wirkfaktor mitbringt, ist gut belegt. Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe hat die Beziehungsfaktoren in der Psychotherapie in mehreren Metaanalysen ausgewertet und nach Beleggüte sortiert.
| Einstufung | Faktoren |
|---|---|
| Nachweislich wirksam | Arbeitsbündnis in Einzeltherapie, in der Jugendlichentherapie und in der Familientherapie; Zusammenhalt in der Gruppentherapie; Empathie; das Einholen von Rückmeldungen der Behandelten |
| Wahrscheinlich wirksam | Zielübereinstimmung, Zusammenarbeit, positive Wertschätzung |
| Vielversprechend, aber unzureichend belegt | Echtheit, das Reparieren von Brüchen im Arbeitsbündnis, der Umgang mit Gegenübertragung |
Der Zusammenhalt in der Gruppe steht in derselben Kategorie wie das Arbeitsbündnis in der Einzeltherapie. Das ist kein Zusatznutzen, sondern der Wirkfaktor selbst, nur in anderer Form.
Der Befund aus der Schematherapie
Ein zusätzlicher Hinweis stammt aus einem ganz anderen Feld. In einer Metaanalyse zur Schematherapie bei Persönlichkeitsstörungen lag die Gruppenform bei g = 0,859 und die Einzelform bei g = 0,163. Es handelt sich um eine Untergruppenanalyse aus acht Studien und nicht um einen direkten randomisierten Vergleich, weshalb der Befund ein Hinweis bleibt. Ein sehr deutlicher.
Wann die Gruppe passt
- Wenn Scham und Isolation zum Problem gehören. Genau dann ist die Gruppe kein Nachteil, sondern der Wirkstoff. Zu erleben, dass andere dasselbe erleben, lässt sich einzeln nicht herstellen.
- Wenn es um zwischenmenschliche Muster geht. In der Gruppe zeigen sie sich, statt nur erzählt zu werden.
- Wenn die Wartezeit sonst zu lang ist. Bei vergleichbarer Wirksamkeit ist der frühere Beginn ein echter Vorteil.
- Weniger geeignet bei akuter Krise. Bei akuter Suizidalität oder schwerer Instabilität steht die individuelle Sicherung im Vordergrund. Die Gruppe kann danach folgen.
- Weniger geeignet bei ausgeprägter sozialer Angst am Anfang. Auch hier ist die Gruppe oft das Ziel und selten der erste Schritt. Manche Programme beginnen bewusst einzeln und wechseln später.
Praktisch
| Frage | Warum sie zählt |
|---|---|
| Wie groß ist die Gruppe? | In der Richtlinienpsychotherapie sind je nach Verfahren drei bis neun Teilnehmende üblich |
| Ist die Gruppe offen oder geschlossen? | Geschlossene Gruppen starten gemeinsam und enden gemeinsam. Offene Gruppen nehmen laufend auf, was den Zusammenhalt anders formt |
| Gibt es Einzelgespräche daneben? | Viele Programme kombinieren beides. Das ist meist die belastbarste Form |
| Wie ist die Schweigepflicht der Teilnehmenden geregelt? | Für Behandelnde gilt sie gesetzlich, für Mitteilnehmende nur durch Vereinbarung. Eine gute Gruppe klärt das zu Beginn |
| Wird sie von der Krankenkasse bezahlt? | Gruppenpsychotherapie ist bei approbierten Behandelnden Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung |
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Eine Gruppe ersetzt keine Krisenversorgung. Wenn es dir akut sehr schlecht geht, ist der nächste Schritt die ärztliche oder psychotherapeutische Sprechstunde, nicht die nächste Gruppensitzung. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar, die Terminservicestelle unter 116 117.
Passend dazu
Fazit
Die Gruppe gilt als zweite Wahl, und die Zahlen stützen das nicht. Verhaltensaktivierung bei Depression erreicht in der Gruppe einen Effekt von 0,72 gegenüber Kontrollbedingungen und liegt mit 0,14 gegenüber anderen aktiven Behandlungen praktisch gleichauf. Die Abbruchquote lag mit 14 gegenüber 17 Prozent numerisch sogar niedriger.
Der Zusammenhalt in der Gruppe steht in der Aufstellung belegter Beziehungsfaktoren in derselben Kategorie wie das Arbeitsbündnis in der Einzeltherapie. Und bei der Schematherapie deutet eine Untergruppenanalyse auf einen erheblichen Vorsprung der Gruppenform hin.
Praktisch heißt das: Wenn dir ein Gruppenplatz angeboten wird und der Einzelplatz Monate entfernt ist, ist die Annahme nicht der Kompromiss, für den du sie hältst.
Häufige Fragen
Ist Gruppentherapie schlechter als Einzeltherapie?
Nach der Studienlage nicht. Eine Metaanalyse über 19 randomisierte Studien zur Verhaltensaktivierung bei Depression fand für die Gruppenform gegenüber Kontrollbedingungen eine standardisierte Mittelwertdifferenz von 0,72 und gegenüber anderen aktiven Behandlungen 0,14, also praktisch Gleichstand.
Brechen mehr Menschen in der Gruppe ab?
Nein. In derselben Auswertung lag die Abbruchquote in der Gruppe bei 14 Prozent und bei anderen aktiven Depressionsbehandlungen bei 17 Prozent. Ein bedeutsamer Unterschied bestand nicht.
Was macht die Gruppe wirksam?
Ein eigener Beziehungsfaktor. Eine Expertengruppe zu belegten Wirkfaktoren der therapeutischen Beziehung ordnete den Zusammenhalt in der Gruppe ausdrücklich den nachweislich wirksamen Elementen zu, gemeinsam mit dem Arbeitsbündnis in Einzel-, Jugendlichen- und Familientherapie sowie mit Empathie.
Gibt es Verfahren, die in der Gruppe sogar besser wirken?
Hinweise darauf gibt es. In einer Metaanalyse zur Schematherapie bei Persönlichkeitsstörungen lag die Gruppenform bei g = 0,859 und die Einzelform bei g = 0,163. Es handelt sich um eine Untergruppenanalyse und nicht um einen direkten Vergleich, der Hinweis ist trotzdem deutlich.
Warum wollen dann alle Einzeltherapie?
Vermutlich aus Scham und aus der Annahme, individuelle Aufmerksamkeit sei automatisch besser. Beides ist nachvollziehbar, und beides wird von der Beleglage nicht gestützt.
Was ist der praktische Vorteil?
Die Wartezeit. Gruppenplätze sind in der Regel deutlich schneller verfügbar als Einzelplätze. Bei vergleichbarer Wirksamkeit ist das ein starkes Argument.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Simmonds-Buckley, M. et al. (2019): Acceptability and Efficacy of Group Behavioral Activation for Depression Among Adults: A Meta-Analysis. Behavior Therapy. 19 randomisierte Studien, getrennte Auswertung für Wirksamkeit, Genesungs- und Abbruchraten
- 2
Norcross, J. C. & Wampold, B. E. (2011): Evidence-based therapy relationships: research conclusions and clinical practices. Psychotherapy. Abschlussbeitrag einer Arbeitsgruppe zu belegten Wirkfaktoren der therapeutischen Beziehung, gestützt auf mehrere Metaanalysen
- 3
Zhang, K. et al. (2023): The efficacy of schema therapy for personality disorders: a systematic review and meta-analysis. Nordic Journal of Psychiatry. Untergruppenanalyse mit Vergleich von Gruppen- und Einzelform
- 4
Cuijpers, P. et al. (2023): Cognitive behavior therapy vs. control conditions, other psychotherapies, pharmacotherapies and combined treatment for depression: a comprehensive meta-analysis including 409 trials with 52,702 patients. World Psychiatry. Hier als Bezugsgröße für die Wirksamkeit im üblichen Einzelsetting