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Gruppendynamik

Über Gruppendynamik wird viel geraunt. Dabei sind die Größen, auf die es ankommt, gut vermessen, und zwei von ihnen kann eine Leitung unmittelbar beeinflussen.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein heller Tisch von oben mit mehreren halbvollen Kaffeetassen, leeren Notizblöcken und Stiften, unregelmäßig verteilt
Was eine Gruppe leistet, entscheidet sich weniger an den Personen als an wenigen Bedingungen, die man herstellen kann. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Der nützliche Teil der Gruppenforschung ist nicht die Beschreibung von Phasen und Rollen, sondern die Frage, welche Stellschrauben sich tatsächlich drehen lassen. Es sind erstaunlich wenige, und sie sind gut untersucht.

  • Zusammenhalt hängt mittelstark mit dem Behandlungsergebnis zusammen.
  • Er lässt sich durch gezielte Maßnahmen der Leitung erhöhen.
  • Psychologische Sicherheit lässt sich in 13 konkrete Bedingungen zerlegen.
  • Teamtraining wirkt auf allen vier Bewertungsebenen.
  • Die Streuung zwischen den Studien ist hoch. Ein Durchschnittswert sagt wenig über deine Gruppe.

Worum es geht

Gruppendynamik meint alles, was zwischen den Beteiligten entsteht und keiner einzelnen Person zuzuordnen ist. Eine Gruppe kann leistungsfähiger sein als die Summe ihrer Mitglieder oder deutlich weniger, und derselbe Mensch verhält sich in zwei Gruppen unterschiedlich.

Die Größen, zu denen es brauchbare Zahlen gibt
GrößeWas gemeint istBeeinflussbar durch
ZusammenhaltVerbundenheit mit der Gruppe, Zugehörigkeit, Bereitschaft zu bleibenLeitungsverhalten, Gruppenart, Anzahl der Treffen
Psychologische SicherheitÜberzeugung, ohne Bestrafung widersprechen oder Fehler zugeben zu könnenFührungsverhalten, Hierarchie, Vertrautheit
Betonung der InteraktionWie sehr im Format der Austausch untereinander im Mittelpunkt stehtAufbau des Formats
DosisAnzahl und Dichte der gemeinsamen SitzungenPlanung

Alle vier tauchen in den zitierten Auswertungen als bedeutsame Einflussgrößen auf.

Zusammenhalt

Der Zusammenhalt ist die am besten untersuchte Größe in der Gruppenforschung. Eine Metaanalyse hat 55 Studien zum Zusammenhang zwischen Zusammenhalt und Behandlungsergebnis zusammengefasst.

55

ausgewertete Studien

r = 0,26

Zusammenhang mit dem Ergebnis

d = 0,56

entsprechende Effektstärke

6

bedeutsame Einflussfaktoren

Der wichtigste Befund steckt nicht in der Korrelation, sondern in der Liste der Einflussfaktoren. Sie sagt, wovon es abhängt, ob Zusammenhalt tatsächlich etwas bewirkt.

Die sechs Faktoren, die den Zusammenhang bedeutsam vorhersagten. Quelle: Burlingame et al. 2018
FaktorPraktische Übersetzung
Art der ErgebnismessungWomit gemessen wird, verändert das Ergebnis
Maßnahmen der Leitung zur Steigerung des ZusammenhaltsZusammenhalt entsteht nicht von selbst, sondern lässt sich gezielt fördern
Theoretische AusrichtungDie Schule des Verfahrens spielt eine Rolle
Art der GruppeBehandlungsgruppe, Selbsthilfegruppe und Trainingsgruppe sind nicht dasselbe
Betonung der Interaktion untereinanderFormate, in denen die Teilnehmenden miteinander arbeiten statt nur mit der Leitung, profitieren stärker
Anzahl der SitzungenZusammenhalt braucht Zeit und wiederholte Begegnung

Ein Vorbehalt, der zu jeder Metaanalyse gehört

Die Streuung zwischen den Studien war hoch, mit einem I² von 79,3 Prozent. Der Mittelwert von 0,26 beschreibt deshalb keine feste Größe, sondern eine grobe Größenordnung. Genau deshalb sind die Einflussfaktoren interessanter als der Durchschnitt.

Psychologische Sicherheit

Die zweite gut untersuchte Größe ist die psychologische Sicherheit. Eine systematische Übersicht hat 36 Arbeiten aus zwanzig Jahren ausgewertet und daraus 13 Bedingungen herausgearbeitet, die sich fünf Themen zuordnen lassen.

  • Vorrang für die Sicherheit der Behandelten. Wo das Ziel unstrittig über allem steht, kostet ein Einwand weniger.
  • Ausrichtung auf Lernen und Verbesserung. Wenn Fehler als Material gelten und nicht als Vergehen, werden sie berichtet.
  • Unterstützung. Durch die Leitung, durch Kolleginnen und Kollegen und durch die Organisation als Ganzes.
  • Vertrautheit untereinander. Wer sich kennt, spricht eher an. Ständig wechselnde Besetzungen kosten Sicherheit.
  • Status, Hierarchie und Einbeziehung. Je steiler das Gefälle, desto teurer der Widerspruch von unten.

Diese Liste ist deshalb nützlich, weil sie das Diffuse konkret macht. Psychologische Sicherheit ist keine Stimmung, die entsteht oder nicht, sondern ein Ergebnis von Bedingungen, die sich benennen und verändern lassen.

Der wichtigste Hebel liegt bei der Leitung

Vier der fünf Themen betreffen unmittelbar das Verhalten der Führungs- oder Leitungsperson. Wer wissen will, warum in einem Team niemand mehr etwas sagt, sollte nicht zuerst das Team betrachten.

Lässt es sich trainieren?

Wenn diese Größen beeinflussbar sind, müsste sich Gruppenarbeit trainieren lassen. Eine Metaanalyse hat Teamtrainings im Gesundheitswesen anhand des vierstufigen Modells von Kirkpatrick untersucht: Wie zufrieden waren die Teilnehmenden, was haben sie gelernt, was davon zeigen sie im Alltag, und was ändert sich am Ergebnis.

Spannweite der Effekte über die vier Bewertungsebenen

Oberer Wert der Spannweite

0,89

stärkster Effekt

Unterer Wert der Spannweite

0,37

schwächster Effekt

MerkmalWert in
Oberer Wert der Spannweite0.89
Unterer Wert der Spannweite0.37

Die Metaanalyse berichtet Effekte zwischen diesen beiden Werten über alle vier Ebenen hinweg. Quelle: Hughes et al. 2016.

  • Alle vier Ebenen verbesserten sich. Das ist ungewöhnlich, denn viele Trainings wirken auf Zufriedenheit und Wissen, aber nicht auf das tatsächliche Verhalten.
  • Die Ergebnisse waren weitgehend unabhängig von der Zusammensetzung der Teilnehmenden, der Trainingsstrategie und den Merkmalen der Arbeitsumgebung.
  • Die einzige Ausnahme: Programme mit Rückmeldeanteil waren weniger wirksam als solche ohne.
  • Die Wirkkette wurde bestätigt: Training führt zu Lernen, Lernen zu Übertragung in den Alltag, Übertragung zu besseren Ergebnissen. Wer eine dieser Stufen überspringt, verliert die nächste.

Warum Feedback hier schlechter abschnitt

Die Metaanalyse berichtet den Befund, ohne ihn zu erklären. Naheliegend ist, dass Rückmeldung an Teams nur dann trägt, wenn sie in einer Umgebung mit psychologischer Sicherheit ankommt. Wo das nicht der Fall ist, erzeugt sie Verteidigung statt Lernen. Das ist eine Deutung, kein Studienergebnis.

Grenzen der Forschung

Zum ehrlichen Bild gehört, wie dünn die Datenlage außerhalb der Kernbereiche wird. Eine Übersicht wollte prüfen, wie Beziehungsfaktoren in psychotherapeutischen Angeboten für Menschen mit Krebserkrankungen wirken. Von 742 gesichteten Arbeiten erfüllten acht die Einschlusskriterien.

Insgesamt ist die vorhandene Literatur zur Rolle von Beziehungsfaktoren bei Menschen mit Krebserkrankungen spärlich, und es ist deutlich mehr Forschung nötig.
Schnur & Montgomery 2010

Immerhin: Von der Fachperson eingeschätzter Kontakt und Gruppenzusammenhalt hingen mit besseren Ergebnissen zusammen. Zu Empathie fand sich keine einzige Studie, obwohl kaum ein Begriff häufiger als wirksamer Faktor genannt wird.

Praktisch

Was du in einer Gruppe tatsächlich beeinflussen kannst

  • Auf Interaktion umbauen. Formate, in denen die Teilnehmenden miteinander arbeiten statt nacheinander mit der Leitung, profitieren nachweislich stärker vom Zusammenhalt.
  • Zusammenhalt aktiv herstellen. Gemeinsame Regeln zu Beginn, das Benennen von Gemeinsamkeiten, das Aufgreifen von Beiträgen anderer. Das ist Arbeit, nicht Atmosphäre.
  • Besetzung stabil halten. Vertrautheit war eines der fünf Themen für psychologische Sicherheit. Ständiger Wechsel setzt jede Gruppe zurück.
  • Als Leitung zuerst den eigenen Anteil prüfen. Vier von fünf Themen hängen am Verhalten der Leitung, nicht an der Gruppe.
  • Genug Termine ansetzen. Die Anzahl der Sitzungen war einer der sechs Einflussfaktoren. Ein einzelner Workshop erzeugt keinen Zusammenhalt.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Gruppendynamische Übungen mit hohem Offenbarungsdruck, etwa das Erzählen belastender persönlicher Erfahrungen vor Kolleginnen und Kollegen, gehören nicht in ein Arbeitsteam. Sie erzeugen keine Sicherheit, sondern verbrauchen sie. Die Vertraulichkeit endet spätestens beim nächsten Personalgespräch.

Passend dazu

Fazit

Gruppendynamik lässt sich auf wenige messbare Größen herunterbrechen. Zusammenhalt hängt mittelstark mit dem Ergebnis zusammen, und einer von sechs Einflussfaktoren war ausdrücklich das gezielte Bemühen der Leitung darum. Zusammenhalt ist also machbar.

Psychologische Sicherheit lässt sich in 13 Bedingungen zerlegen, von denen die meisten am Verhalten der Leitung hängen. Und Teamtraining verbessert nachweislich alle vier Ebenen, mit der auffälligen Ausnahme von Programmen mit Rückmeldeanteil.

Was du daraus mitnehmen kannst: Wenn in einer Gruppe nichts vorangeht, liegt das selten an den Persönlichkeiten. Es liegt meist an Format, Frequenz und Leitung, und alle drei lassen sich ändern.

Häufige Fragen

Was ist Gruppendynamik?

Die Gesamtheit der Prozesse, die sich zwischen Menschen in einer Gruppe abspielen: Zusammenhalt, Rollen, Rangordnung, Normen, Konflikte. Gemeint ist das, was zwischen den Personen entsteht und keiner einzelnen von ihnen gehört.

Wie stark hängt Zusammenhalt mit dem Erfolg zusammen?

Eine Metaanalyse über 55 Studien fand einen mittleren Zusammenhang zwischen Gruppenzusammenhalt und Behandlungsergebnis, mit einer Korrelation von 0,26. Umgerechnet entspricht das einer Effektstärke von 0,56.

Lässt sich Zusammenhalt gezielt erhöhen?

Ja. Gezielte Maßnahmen der Leitung zur Steigerung des Zusammenhalts waren einer von sechs Faktoren, die die Stärke des Zusammenhangs bedeutsam vorhersagten. Zusammenhalt ist damit gestaltbar und nicht bloß Glückssache.

Was ist psychologische Sicherheit?

Die geteilte Überzeugung, dass man in dieser Gruppe ein Risiko eingehen kann, also nachfragen, widersprechen oder einen Fehler zugeben, ohne dafür bestraft zu werden.

Wirkt Teamtraining?

Eine Metaanalyse zu Teamtraining im Gesundheitswesen fand Effekte zwischen 0,37 und 0,89 über alle vier Bewertungsebenen hinweg. Bemerkenswert war, dass Programme mit Rückmeldeanteil schwächer abschnitten.

Gilt das auch für private Gruppen?

Die Forschung stammt aus Therapiegruppen und Arbeitsteams. Die Größen selbst, also Zusammenhalt, Sicherheit und Klarheit über Rollen, sind aber nicht auf berufliche Zusammenhänge beschränkt.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Burlingame, G. M. et al. (2018): Cohesion in group therapy: A meta-analysis. Psychotherapy. 55 Studien zum Zusammenhang von Gruppenzusammenhalt und Behandlungsergebnis

  2. 2

    O'Donovan, R. & McAuliffe, E. (2020): A systematic review of factors that enable psychological safety in healthcare teams. International Journal for Quality in Health Care. 36 ausgewertete Arbeiten aus den Jahren 1999 bis 2019

  3. 3

    Hughes, A. M. et al. (2016): Saving lives: A meta-analysis of team training in healthcare. Journal of Applied Psychology. Auswertung nach dem vierstufigen Bewertungsmodell von Kirkpatrick

  4. 4

    Schnur, J. B. & Montgomery, G. H. (2010): A systematic review of therapeutic alliance, group cohesion, empathy, and goal consensus/collaboration in psychotherapeutic interventions in cancer: Uncommon factors?. Clinical Psychology Review. Acht von 742 gesichteten Arbeiten erfüllten die Einschlusskriterien