
Auf einen Blick
Dieser Artikel behandelt ein Verfahren aus der Richtlinienpsychotherapie, kein Coachingformat. Wer nach einem Resilienzkurs sucht, findet hier die Abgrenzung dazu.
- Die Schematherapie richtet sich an tief verankerte, früh entstandene Muster.
- Für Persönlichkeitsstörungen liegt ein mittlerer Effekt von g = 0,359 vor.
- In der Gruppenform war der Effekt fünfmal so groß wie in der Einzelform.
- Gegenüber dialektisch-behavioraler Therapie zeigte sich kein Unterschied.
- Die Behandlungsdauer liegt bei ein bis drei Jahren.
Was Schematherapie ist
Der Ausgangspunkt ist eine Beobachtung aus der Praxis: Ein Teil der Menschen, die eine kognitive Verhaltenstherapie durchlaufen, verbessert sich nicht ausreichend. Häufig sind es Menschen mit langjährigen, immer wiederkehrenden Mustern, die weit vor dem aktuellen Anlass beginnen.
Die Schematherapie erweitert die Verhaltenstherapie deshalb um Bausteine aus Bindungstheorie, Gestalttherapie und psychodynamischen Ansätzen. Im Mittelpunkt stehen Schemata: früh entstandene Überzeugungen darüber, wie die Welt und man selbst beschaffen sind, die sich später in Beziehungen und Krisen automatisch aktivieren.
Der Unterschied zur klassischen Verhaltenstherapie
Die klassische Verhaltenstherapie arbeitet vorrangig an aktuellen Gedanken und Verhaltensweisen. Die Schematherapie fragt zusätzlich, woher ein Muster kommt und welches unerfüllte Bedürfnis dahintersteht, und arbeitet mit erlebnisorientierten Techniken. Das erklärt einen Teil der längeren Behandlungsdauer.
Die Gründungsstudie
Bekannt wurde das Verfahren durch eine niederländische Studie von 2006. Untersucht wurden 88 Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung an vier Einrichtungen der Regelversorgung, zufällig zugeteilt zu drei Jahren Schematherapie oder drei Jahren übertragungsfokussierter Psychotherapie, jeweils mit zwei Sitzungen pro Woche.
88
Teilnehmende der Gründungsstudie
3
Jahre Behandlungsdauer, zweimal wöchentlich
2,18
relatives Risiko für Genesung gegenüber der Vergleichsbehandlung
587
Teilnehmende in der späteren Metaanalyse
| Zielgröße | Ergebnis |
|---|---|
| Beide Verfahren | statistisch und klinisch bedeutsame Verbesserungen bei allen Maßen nach 1, 2 und 3 Jahren |
| Genesung | relatives Risiko 2,18 zugunsten der Schematherapie |
| Verlässliche klinische Verbesserung | relatives Risiko 2,33 zugunsten der Schematherapie |
| Behandlungsabbruch | höheres Abbruchrisiko in der Vergleichsgruppe |
| Lebensqualität | stärkere Verbesserung unter Schematherapie |
Was diese Studie nicht zeigt
Verglichen wurde mit einem einzigen anderen Verfahren, nicht mit der üblichen Versorgung und nicht mit dialektisch-behavioraler Therapie, dem damals wie heute am besten belegten Verfahren für diese Störung. Ein Vorsprung gegenüber einem Verfahren ist kein Vorsprung gegenüber allen.
Was die Metaanalyse zeigt
2023 erschien eine systematische Übersicht mit Metaanalyse, die acht randomisierte Studien mit 587 Teilnehmenden und zusätzlich sieben Einzelgruppenstudien mit 163 Teilnehmenden auswertete.
Gruppenform, Symptomatik
0,859
großer Effekt
Frühe maladaptive Schemata
0,59
Symptomatik insgesamt
0,359
mittlerer Effekt
Lebensqualität
0,256
Einzelform, Symptomatik
0,163
kleiner Effekt
| Merkmal | Wert in |
|---|---|
| Gruppenform, Symptomatik | 0.859 |
| Frühe maladaptive Schemata | 0.59 |
| Symptomatik insgesamt | 0.359 |
| Lebensqualität | 0.256 |
| Einzelform, Symptomatik | 0.163 |
Hedges’ g gegenüber Kontrollbedingungen. Quelle: Zhang et al. 2023.
Die Gruppenform erreichte in dieser Auswertung einen mehr als fünfmal so großen Effekt wie die Einzelform. Das widerspricht der verbreiteten Annahme, bei schweren Störungen sei Einzeltherapie grundsätzlich die stärkere Behandlung.
Wie belastbar dieser Unterschied ist
Es handelt sich um eine Untergruppenanalyse aus acht Studien, nicht um einen direkten randomisierten Vergleich von Gruppe gegen Einzel. Solche Vergleiche zwischen Studien sind anfällig für Unterschiede in Schweregrad, Setting und Behandlungsdauer. Der Befund ist ein starker Hinweis und kein Nachweis.
Der Vergleich mit DBT
Die praktisch wichtigste Frage lautet, wie sich Schematherapie gegen das etablierteste Verfahren für Borderline-Persönlichkeitsstörung schlägt, die dialektisch-behaviorale Therapie. Beide waren nie direkt verglichen worden, bis 2024 eine deutsche Studie das nachholte.
Eingeschlossen wurden 164 ambulante Patientinnen und Patienten zwischen 18 und 65 Jahren mit Borderline-Persönlichkeitsstörung als Hauptdiagnose. Sie erhielten über eineinhalb Jahre je eine Einzel- und eine Gruppensitzung pro Woche, die Beurteilung erfolgte verblindet.
| Befund | Wert |
|---|---|
| Unterschied zwischen den Verfahren | nicht bedeutsam (mittlere Differenz 3,32; p = 0,094) |
| Verbesserung unter dialektisch-behavioraler Therapie | d = 2,45 |
| Verbesserung unter Schematherapie | d = 1,78 |
Beide Vorher-Nachher-Effekte sind sehr groß. Die Autoren betonen, dass auch schwer betroffene Patientinnen und Patienten mit zahlreichen Begleiterkrankungen erheblich profitierten.
Damit fügt sich das Bild zusammen: Die Schematherapie gehört zu den wirksamen Verfahren für diese Störungsgruppe und ist den anderen wirksamen Verfahren nicht überlegen. Das ist derselbe Befund wie bei den Traumatherapien, und er hat dieselbe praktische Folge.
Für wen es infrage kommt
- Bei Persönlichkeitsstörungen. Das ist das Anwendungsgebiet mit der belegten Wirksamkeit, insbesondere bei Borderline-Persönlichkeitsstörung.
- Bei chronischen, wiederkehrenden Verläufen. Wenn dieselben Muster über Jahre in wechselnden Beziehungen und Arbeitsverhältnissen auftreten, ist das ein typischer Anlass.
- Wenn eine Verhaltenstherapie nicht gereicht hat. Genau dafür wurde das Verfahren entwickelt. Das ist kein Versagen der vorherigen Behandlung, sondern der vorgesehene Weg.
- Nicht als Resilienztraining. Für gesunde Menschen, die belastbarer werden möchten, ist die Schematherapie weder gedacht noch untersucht. Sie ist eine Behandlung, kein Kurs.
Ein Wort zur antisozialen Persönlichkeitsstörung
Für ein anderes Störungsbild derselben Gruppe sieht es deutlich schlechter aus. Eine Cochrane-Übersicht über 19 randomisierte Studien zu psychologischen Behandlungen bei antisozialer Persönlichkeitsstörung kommt zu einem sehr zurückhaltenden Ergebnis. Wer die guten Zahlen für Borderline auf alle Persönlichkeitsstörungen überträgt, überdehnt sie.
Praktisch
| Frage | Warum sie zählt |
|---|---|
| Ist die behandelnde Person approbiert? | Schematherapie ist Teil einer Psychotherapie. Sie wird auch von nicht approbierten Personen angeboten |
| Gibt es eine Gruppenmöglichkeit? | Nach der Metaanalyse ist das die Form mit dem größeren Effekt, und sie ist meist auch schneller verfügbar |
| Über welchen Zeitraum ist die Behandlung geplant? | Die belegten Ergebnisse stammen aus Behandlungen über ein bis drei Jahre. Ein Zehnstundenpaket ist etwas anderes |
| Wird sie von der Krankenkasse übernommen? | Als Teil einer Richtlinienpsychotherapie bei approbierten Behandelnden in der Regel ja |
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Die Arbeit mit frühen Erfahrungen kann vorübergehend belasten. Bei akuter Suizidalität, schwerer Selbstverletzung oder ausgeprägter Instabilität steht die Sicherung im Vordergrund, und die Behandlung beginnt entsprechend anders. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar, bei akuter Gefahr der Notruf 112.
Passend dazu
Fazit
Die Schematherapie ist ein gut untersuchtes Verfahren für Persönlichkeitsstörungen. Die Gründungsstudie zeigte nach drei Jahren deutliche Vorteile gegenüber einer psychodynamischen Vergleichsbehandlung, und eine Metaanalyse über acht randomisierte Studien bestätigt einen mittleren Gesamteffekt.
Zwei Befunde verdienen dabei mehr Aufmerksamkeit, als sie bekommen. Erstens: Die Gruppenform erreichte in der Untergruppenanalyse einen weit größeren Effekt als die Einzelform. Zweitens: Im direkten Vergleich mit dialektisch-behavioraler Therapie zeigte sich kein Unterschied, bei sehr großen Verbesserungen in beiden Gruppen.
Für die Praxis heißt das: ein wirksames Verfahren unter mehreren, mit ungewöhnlich guten Argumenten für das Gruppenformat und mit einer Behandlungsdauer, die man kennen sollte, bevor man beginnt.
Häufige Fragen
Was ist Schematherapie?
Eine Weiterentwicklung der kognitiven Verhaltenstherapie, die um Elemente aus Bindungstheorie, Gestalttherapie und psychodynamischen Ansätzen erweitert wurde. Sie arbeitet mit sogenannten Schemata, also früh entstandenen und tief verankerten Mustern des Denkens, Fühlens und Verhaltens.
Für wen wurde sie entwickelt?
Ursprünglich für Menschen, bei denen die klassische Verhaltenstherapie nicht ausreichend wirkte, insbesondere bei Persönlichkeitsstörungen und bei chronischen, wiederkehrenden Verläufen.
Wie gut ist die Beleglage?
Für Persönlichkeitsstörungen ordentlich. Eine Metaanalyse über acht randomisierte Studien mit 587 Teilnehmenden fand einen mittleren Effekt von g = 0,359 gegenüber Kontrollbedingungen bei der Verringerung der Symptomatik.
Wirkt sie in der Gruppe oder einzeln besser?
Das ist der überraschendste Befund derselben Auswertung: In der Untergruppenanalyse lag die Gruppenform bei g = 0,859, die Einzelform bei g = 0,163. Das ist ein erheblicher Unterschied und widerspricht der verbreiteten Annahme, Einzeltherapie sei bei schweren Störungen grundsätzlich überlegen.
Ist sie besser als andere anerkannte Verfahren?
Nicht nachweisbar. Eine deutsche randomisierte Studie mit 164 Patientinnen und Patienten verglich Schematherapie direkt mit dialektisch-behavioraler Therapie bei Borderline-Persönlichkeitsstörung. Ein Jahr nach Behandlungsende zeigte sich kein bedeutsamer Unterschied, beide Gruppen verbesserten sich erheblich.
Wie lange dauert eine Schematherapie?
Deutlich länger als eine Kurzzeittherapie. Die Gründungsstudie behandelte über drei Jahre mit zwei Sitzungen pro Woche, die deutsche Vergleichsstudie über eineinhalb Jahre mit je einer Einzel- und einer Gruppensitzung wöchentlich.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Giesen-Bloo, J. et al. (2006): Outpatient psychotherapy for borderline personality disorder: randomized trial of schema-focused therapy vs transference-focused psychotherapy. Archives of General Psychiatry. Mehrzentrische randomisierte Studie an vier Versorgungseinrichtungen, 88 Patientinnen und Patienten, drei Jahre Behandlung
- 2
Zhang, K. et al. (2023): The efficacy of schema therapy for personality disorders: a systematic review and meta-analysis. Nordic Journal of Psychiatry. Acht randomisierte Studien mit 587 Teilnehmenden und sieben Einzelgruppenstudien mit 163 Teilnehmenden
- 3
Assmann, N. et al. (2024): The Effectiveness of Dialectical Behavior Therapy Compared to Schema Therapy for Borderline Personality Disorder: A Randomized Clinical Trial. Psychotherapy and Psychosomatics. 164 ambulante Patientinnen und Patienten in Lübeck, verblindete Beurteilung, Nachbeobachtung nach einem Jahr
- 4
Gibbon, S. et al. (2020): Psychological interventions for antisocial personality disorder. Cochrane Database of Systematic Reviews. 19 randomisierte Studien, Aktualisierung der Übersicht von 2010