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Peer-Support-Programme

Menschen mit eigener Krankheitserfahrung als Teil des Versorgungsteams. Die Idee überzeugt sofort, die Zahlen sind bescheidener, und die schwierigste Frage betrifft nicht die Wirkung, sondern die Arbeitsbedingungen.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Zwei leere Sessel stehen schräg zueinander an einem Fenster, dazwischen ein kleiner Beistelltisch mit zwei Gläsern Wasser
Zwei Sessel statt Schreibtisch gegenüber: Das Setting ist bewusst anders als das Behandlungszimmer. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Peer-Support ist eine der wenigen Neuerungen im Versorgungssystem, die nicht aus der Forschung kamen, sondern aus der Praxis. Die Forschung ist hinterhergelaufen und liefert jetzt ein Bild, das weder die Begeisterten noch die Skeptiker ganz zufriedenstellt.

  • Kleine, aber über viele Studien hinweg konsistente Effekte.
  • Klinische und persönliche Genesung ja, funktionale Genesung nicht.
  • Auf Klinikaufenthalte und Gesamtsymptomatik zeigte sich kein Einfluss.
  • Außerhalb der Psychiatrie ist die Datenlage sehr dünn.
  • Die Einführung scheitert öfter an der Organisation als an der Idee.

Was Peer-Support ist

Der Grundgedanke: Wer eine Krise selbst durchlebt hat, kann etwas anbieten, was Fachpersonal nicht anbieten kann. Nämlich den Beweis, dass es weitergeht. In Deutschland heißt das ausgebildete Format Genesungsbegleitung, international spricht man von Peer Support Workers.

Die drei Formen, die in den Studien unterschieden werden
FormWas gemeint ist
Gegenseitige UnterstützungBetroffene unterstützen sich wechselseitig, ohne feste Rollen. Nahe an der Selbsthilfegruppe
Peer-UnterstützungsdiensteEine ausgebildete Person mit eigener Erfahrung begleitet andere zusätzlich zur regulären Behandlung
Von Peers erbrachte RegelleistungenMenschen mit eigener Erfahrung übernehmen Aufgaben, die sonst Fachpersonal erledigt

Die drei Formen wurden in den Auswertungen getrennt betrachtet, weil sie sich in Anspruch und Anforderung deutlich unterscheiden.

Die aktuellen Zahlen

Die neueste und größte Auswertung hat 3455 Arbeiten gesichtet, 30 randomisierte Studien eingeschlossen und 28 davon rechnerisch zusammengefasst, mit 4152 Personen.

Effekte auf drei Genesungsbereiche

Klinische Genesung

0,19

bedeutsam

Persönliche Genesung

0,15

bedeutsam

Funktionale Genesung

0,08

nicht bedeutsam

MerkmalWert in
Klinische Genesung0.19
Persönliche Genesung0.15
Funktionale Genesung0.08

Effektstärken nach Hedges. Die funktionale Genesung verfehlte die statistische Bedeutsamkeit. Quelle: Smit et al. 2023.

Was die drei Bereiche bedeuten
BereichWoran gemessen
Klinische GenesungSymptome, Beschwerden, klinische Messwerte
Persönliche GenesungHoffnung, Selbstbestimmung, ein Leben mit der Erkrankung führen
Funktionale GenesungArbeit, Ausbildung, Wohnen, Alltagsbewältigung, soziale Teilhabe

Die Autorengruppe schränkt selbst ein

Die Ergebnisse seien mit Vorsicht zu betrachten, da die eingeschlossenen Studien nur mäßige Qualität aufwiesen. Bemerkenswert ist trotzdem die geringe Streuung bei der klinischen Genesung, mit einem I² von 10 Prozent. Der kleine Effekt fällt also über sehr verschiedene Studien hinweg ähnlich aus.

Dass gerade die funktionale Genesung ausbleibt, ist der praktisch wichtigste Befund. Wer hofft, dass Peer-Begleitung Menschen zurück in Arbeit oder eigene Wohnung bringt, findet dafür in den Zahlen bisher keine Grundlage.

Der Blick zurück

Fast zehn Jahre früher hatte eine andere Metaanalyse 18 Studien mit 5597 Teilnehmenden zu Peer-Unterstützung bei schweren psychischen Erkrankungen ausgewertet. Ihr Befund fiel schärfer aus.

18

randomisierte Studien

5597

Teilnehmende

kein Beleg

für weniger Klinikaufenthalte

hoch

Verzerrungsrisiko

Trotz der internationalen Förderung und Verbreitung von Peer-Unterstützung gibt es aus den vorliegenden Studien nur wenige Belege über deren Wirkungen bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen.
Lloyd-Evans et al. 2014
  • Ohne Beleg blieben: Klinikaufenthalte, Gesamtsymptomatik und Zufriedenheit mit den Diensten.
  • Hinweise gab es für Hoffnung, Genesungserleben und Selbstwirksamkeit, teilweise auch über das Ende der Maßnahme hinaus.
  • Aber: Diese Hinweise waren weder innerhalb einer Form von Peer-Support noch zwischen den Formen einheitlich.
  • Und: Die Zielgrößen wurden in den Studien unvollständig berichtet, das Verzerrungsrisiko war hoch.

Der Fortschritt zwischen den beiden Auswertungen ist real, aber bescheiden. Was 2014 als uneinheitliche Hinweise galt, ist 2023 ein kleiner, konsistenter Effekt. Die großen Versprechen, also weniger Klinikaufenthalte und mehr Teilhabe, sind in beiden Auswertungen nicht eingelöst.

Außerhalb der Psychiatrie

Peer-Support wird zunehmend auch in der somatischen Medizin eingesetzt, etwa nach schweren Krankheitsverläufen. Eine Übersicht hat das für die Intensivmedizin geprüft, und ihre Zahlen zeigen vor allem eines: wie jung das Feld ist.

Peer-Support in der Intensivmedizin. Quelle: Haines et al. 2018
KennzahlWert
Gesichtete Arbeiten2932
Eingeschlossene Studien8
Beteiligte Angehörige192
Beteiligte Patientinnen und Patienten92
Studien mit auswertbarem Ergebnis2

In diesen beiden Studien verringerte sich die psychische Belastung, und soziale Unterstützung sowie Selbstwirksamkeit nahmen zu. In beiden Fällen handelte es sich um Begleitung von Person zu Person, nicht um Gruppenangebote. Bei den übrigen sechs Studien war das Ergebnis wegen unzureichender Berichterstattung und geringer Qualität nicht zu beurteilen.

Ein Muster, das sich wiederholt

Auch hier war die Einzelbegleitung das, was messbar wirkte, während das häufigste angebotene Format die begleitete Gruppe für Angehörige war. Das am meisten praktizierte Format ist also nicht das am besten belegte.

Die Rollenfrage

Die interessantesten Erkenntnisse betreffen nicht die Wirkung, sondern die Umsetzung. Eine Übersicht über 24 Studien zu jungen Peer-Begleitenden hat sechs Rollen und fünf Themenfelder herausgearbeitet.

Die sechs Rollen. Quelle: de Beer et al. 2024
RolleWas dahintersteckt
Zugang schaffenKontakt herstellen zu Menschen, die von Fachpersonal nicht erreicht werden
Emotionale UnterstützungDa sein, zuhören, das Erleben einordnen
Orientieren und planenDurch ein unübersichtliches Versorgungssystem lotsen
Interessen vertretenFür die Belange der Begleiteten eintreten, auch gegenüber dem Team
ForschungErfahrungswissen in Studien und Entwicklung einbringen
Bilden und schulenFachpersonal und Öffentlichkeit über das Erleben aufklären

Die vierte Rolle enthält den Konflikt: Wer die Interessen der Begleiteten gegenüber dem eigenen Arbeitgeber vertritt, steht in einer schwierigen Lage.

  • Klare und realistische Erwartungen setzen. Unklare Rollen sind die häufigste Ursache für Überforderung.
  • Machtgefälle bedenken. Die Übersicht nennt ausdrücklich mögliche Ungleichgewichte zwischen Peer-Begleitenden und Nicht-Peer-Personal.
  • Ausreichende Mittel bereitstellen. Peer-Support ist keine kostenlose Ergänzung, sondern eine Stelle mit Einarbeitung, Supervision und Ausstattung.
  • Mit einer Entwicklungshaltung einführen. Die Autorengruppe empfiehlt ausdrücklich, den Aufbau als Lernprozess anzulegen, nicht als Umstellung.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Die Frage, die selten gestellt wird: Wie geht es den Peer-Begleitenden selbst? Sie arbeiten täglich an dem Thema, das ihre eigene Krise war, oft befristet, oft schlechter bezahlt als das übrige Team und in einer Rolle, die es vor zehn Jahren nicht gab. Supervision und ein tragfähiger Arbeitsvertrag sind hier keine Extras.

Praktisch

Wenn du selbst Begleitung suchst

  • Frag in der Klinik oder beim Sozialpsychiatrischen Dienst nach. Genesungsbegleitung ist inzwischen in vielen Einrichtungen verfügbar und kostet dich nichts.
  • Erwarte Begleitung, keine Behandlung. Die Zahlen zeigen Wirkungen bei Hoffnung und Genesungserleben, nicht bei Symptomen und Klinikaufenthalten.
  • Einzelbegleitung, wenn möglich. In den auswertbaren Studien war es das Format mit den messbaren Ergebnissen.
  • Es ersetzt nichts. In allen zitierten Studien lief Peer-Support zusätzlich zur regulären Versorgung, nie an ihrer Stelle.

Passend dazu

Fazit

Peer-Support wirkt, aber anders und schwächer als erhofft. In der größten Auswertung, 28 randomisierte Studien mit 4152 Personen, zeigten sich kleine Effekte auf klinische und persönliche Genesung und kein bedeutsamer Effekt auf die funktionale Genesung, also auf Arbeit, Wohnen und Teilhabe.

Die ältere Auswertung fand keine Belege für weniger Klinikaufenthalte oder geringere Symptomlast. Außerhalb der Psychiatrie ist die Datenlage so dünn, dass sich kaum etwas sagen lässt.

Bemerkenswert ist, wo die Wirkung liegt: bei Hoffnung, Selbstwirksamkeit und dem Erleben von Genesung. Das sind genau die Bereiche, die eine klassische Behandlung am wenigsten bedient. Als Ergänzung ist Peer-Support damit gut begründet. Als Sparmodell für fehlendes Fachpersonal nicht.

Häufige Fragen

Was sind Peer-Support-Programme?

Angebote, in denen Menschen mit eigener Erkrankungs- oder Krisenerfahrung andere Betroffene begleiten, meist geschult und häufig angestellt. In Deutschland ist die Genesungsbegleitung die bekannteste Form.

Wie unterscheidet sich das von einer Selbsthilfegruppe?

In der Selbsthilfegruppe sind alle gleichermaßen betroffen und niemand hat eine Funktion. Im Peer-Support gibt es eine Rolle, oft eine Ausbildung und in der Regel eine Bezahlung. Damit ist es Teil des Versorgungssystems.

Wie stark ist die Wirkung?

Eine Metaanalyse über 28 randomisierte Studien mit 4152 Personen fand kleine, aber bedeutsame Effekte für die klinische Genesung (0,19) und die persönliche Genesung (0,15). Für die funktionale Genesung, also Arbeit und Alltagsbewältigung, zeigte sich kein bedeutsamer Effekt.

Verhindert Peer-Support Klinikaufenthalte?

Eine ältere Metaanalyse über 18 Studien mit 5597 Teilnehmenden fand dafür wenig bis keine Belege, ebenso wenig für eine Verringerung der Gesamtsymptomatik oder für eine höhere Zufriedenheit mit den Diensten.

Wo zeigten sich dann Wirkungen?

Bei Hoffnung, Genesungserleben und Selbstwirksamkeit, allerdings nicht durchgängig über die verschiedenen Formen von Peer-Support hinweg. Es sind genau die Größen, die klassische Behandlung am wenigsten adressiert.

Worauf kommt es bei der Einführung an?

Auf klare und realistische Erwartungen an die Rolle, auf einen bewussten Umgang mit dem Machtgefälle gegenüber dem übrigen Personal und auf ausreichende Mittel. Eine Übersicht über 24 Studien nennt diese drei Punkte ausdrücklich.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Smit, D. et al. (2023): The effectiveness of peer support for individuals with mental illness: systematic review and meta-analysis. Psychological Medicine. 30 randomisierte Studien in der Übersicht, 28 in der Berechnung mit 4152 Personen

  2. 2

    Lloyd-Evans, B. et al. (2014): A systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials of peer support for people with severe mental illness. BMC Psychiatry. 18 randomisierte Studien mit 5597 Teilnehmenden

  3. 3

    Haines, K. J. et al. (2018): Peer Support in Critical Care: A Systematic Review. Critical Care Medicine. Acht von 2932 gesichteten Arbeiten, insgesamt 192 Angehörige und 92 Patientinnen und Patienten

  4. 4

    de Beer, C. R. M. et al. (2024): A systematic review exploring youth peer support for young people with mental health problems. European Child & Adolescent Psychiatry. 24 Studien, thematische Synthese zu Rollen, Hindernissen und förderlichen Bedingungen