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Sexualität und Identität

Der Belastungsfaktor ist nicht die Identität, sondern die Stigmatisierung. Und die wirksamen Gegenmaßnahmen kosten fast nichts.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Ein leerer Schulflur mit einer Reihe geschlossener Spinde und einer offenen Tür am Ende
Was in Schulordnungen steht, wirkt messbar, und zwar auf alle. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Zwei der hier beschriebenen Befunde haben eine Eigenschaft, die in der Präventionsforschung selten ist: eine erkennbare Dosis-Wirkungs-Beziehung. Mehr davon ist besser, und das ist das stärkste Argument für eine ursächliche Wirkung, das Beobachtungsdaten liefern können.

  • Der Belastungsfaktor ist die Stigmatisierung, nicht die Identität.
  • Verinnerlichte Stigmatisierung hängt mit 0,19 bis 0,24 mit Depressivität zusammen.
  • Unterstützende Schulregeln wirken, und zwar mit der Anzahl.
  • Sie wirken auch bei heterosexuellen Jugendlichen.
  • Der gewählte Name wirkt umso stärker, je mehr Bereiche ihn übernehmen.

Der Belastungsfaktor

Eine Metaanalyse hat den Zusammenhang zwischen verinnerlichter Stigmatisierung und depressiven Beschwerden sowie Suizidrisiko bei queeren Jugendlichen in den USA zusammengetragen. Verinnerlichte Stigmatisierung meint, dass negative gesellschaftliche Sichtweisen auf die eigene Gruppe übernommen und auf sich selbst angewendet werden.

Ergebnisse und Lücken. Quelle: Williams et al. 2023
BefundAngabe
Allgemeine verinnerlichte Stigmatisierung und depressive BeschwerdenZwischen 0,19 mit Vertrauensbereich 0,14 bis 0,25 und 0,24 mit Vertrauensbereich 0,19 bis 0,29
Der höhere WertErgab sich bei einheitlicheren Messverfahren für Depression
Verinnerlichte Transphobie und DepressivitätKleiner Zusammenhang
Untersuchte FormenÜberwiegend allgemeine verinnerlichte Homophobie, nur wenige Arbeiten zu Biphobie oder Transphobie
Nicht untersuchtKeine der 22 Studien untersuchte selbstverletzendes Verhalten ohne Suizidabsicht

Alle Studien stammen aus den USA. Zu Suizidgedanken und suizidalem Verhalten lagen nur wenige Arbeiten vor.

Warum die Unterscheidung wichtig ist

Nicht die sexuelle Orientierung oder die Geschlechtsidentität sagt die Belastung vorher, sondern die übernommene Abwertung. Das ist der Kern des Modells der Minderheitenbelastung und der Grund, warum Maßnahmen an der Umgebung ansetzen und nicht an der Person.

Die Familie

Ein Fachbeitrag aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie fasst zusammen, was Stigmatisierungserfahrungen für diese Gruppe bedeuten, und nennt die fehlende Annahme in der Familie ausdrücklich als Beispiel.

  • Die genannten Folgen sind erheblich: Depression, Angst, Substanzmissbrauch, Suizidalität und Risikoverhalten, das die Ansteckung mit HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen vermittelt.
  • Religiöse und weltanschauliche Prägungen können den Ausschlag geben. Der Beitrag beschreibt sie als möglichen Einflussfaktor auf das Risiko, Stigmatisierung zu erleben.
  • Es gibt eigene Entwicklungsaufgaben. Genannt werden Konflikte um die Zusammenführung der eigenen Identität und um deren Offenlegung.
  • Der vorgeschlagene Ansatz ist verbindend. Er zielt darauf, religiöse mit anderen Anteilen der Identität zusammenzuführen, religiös begründete Stigmatisierung zu verringern und die familiäre Verbundenheit zu stützen.

Es handelt sich um einen Fachbeitrag, nicht um eine Metaanalyse. Die genannten Zusammenhänge sind in der Literatur gut belegt, die vorgeschlagene Vorgehensweise dagegen nicht in kontrollierten Studien geprüft.

Was Schulregeln bewirken

Die praktisch wichtigste Untersuchung verknüpft Angaben von Schulleitungen und Gesundheitslehrkräften aus 117 Schulen mit den Antworten von 75.638 Schülerinnen und Schülern derselben Schulen.

117

einbezogene Schulen

75.638

befragte Jugendliche

Anzahl

entscheidende Größe

alle

profitierende Gruppen

Ergebnisse nach Gruppe. Quelle: Kaczkowski, Li, Cooper & Robin 2022
GruppeVerknüpfte Verbesserungen
Lesbische, schwule und bisexuelle JugendlicheGeringere Wahrscheinlichkeit, sich in der Schule bedroht zu fühlen, suizidbezogenes Verhalten zu zeigen und illegale Drogen zu konsumieren
Heterosexuelle JugendlicheEine Schülergruppe für sexuelle Vielfalt war mit mehreren Gesundheitsgrößen verknüpft; weitere Regeln mit geringeren Sicherheitssorgen, weniger erzwungenem Geschlechtsverkehr, weniger Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit sowie weniger Drogenkonsum
Mit steigender Anzahl der RegelnGeringere Wahrscheinlichkeit suizidbezogenen Verhaltens bei lesbischen, schwulen und bisexuellen Jugendlichen sowie geringere Sicherheitssorgen und weniger Drogenkonsum

Querschnittsauswertung mit Mehrebenenmodellen, bereinigt um Geschlecht, Klassenstufe, Herkunft und die Schwerpunktsetzung der Schule.

Der Befund für heterosexuelle Jugendliche

Er ist politisch der relevanteste. Eine Schule, die queere Jugendliche schützt, wird offenbar für alle sicherer. Der übliche Einwand, solche Regeln bevorzugten eine kleine Gruppe, wird von diesen Daten nicht gestützt.

Der gewählte Name

Die konkreteste Einzelmaßnahme betrifft trans Jugendliche und ist überraschend klein: die Verwendung des selbst gewählten Namens. Untersucht wurde sie in einer gemeindebasierten Kohorte mit 129 Jugendlichen aus drei Städten, über vier Lebensbereiche hinweg.

Depression, Suizidgedanken und suizidales Verhalten waren am niedrigsten, wenn der gewählte Name in allen vier Bereichen verwendet werden konnte.
Russell, Pollitt, Li & Grossman 2018
  • Die Beziehung ist gestuft. Je mehr Bereiche den Namen übernahmen, desto niedriger fielen die Werte aus.
  • Der Effekt bestand nach Bereinigung. Berücksichtigt wurden persönliche Merkmale und die soziale Unterstützung.
  • Die Stichprobe ist klein. 129 Jugendliche aus drei US-Städten, im Querschnitt erhoben. Der Befund ist ein starker Hinweis, kein Wirksamkeitsnachweis.
  • Der Aufwand ist praktisch null. Ein Name in der Klassenliste, im Sportverein, zu Hause und im Freundeskreis kostet nichts.

Praktisch

Für Eltern

  • Annahme in der Familie ist der stärkste Einzelfaktor. Ihr Fehlen wird in der Fachliteratur ausdrücklich als Form von Stigmatisierung geführt.
  • Den gewählten Namen zu verwenden, ist eine konkrete Handlung. Sie war in der Untersuchung mit niedrigeren Werten für Depression und Suizidalität verknüpft.
  • Verbundenheit erhalten schlägt Zustimmung erzwingen. Der zitierte Fachbeitrag zielt ausdrücklich darauf, die familiäre Verbundenheit zu stützen, auch wo weltanschauliche Unterschiede bestehen.
  • Achte auf die verinnerlichte Seite. Der gemessene Zusammenhang mit Depressivität betraf nicht das, was andere sagen, sondern das, was das Kind darüber denkt.

Für Schulen

  • Die Anzahl der Regeln zählt. Mit steigender Zahl unterstützender Regeln und Praktiken sanken die Wahrscheinlichkeiten für suizidbezogenes Verhalten und Sicherheitssorgen.
  • Eine Schülergruppe für sexuelle Vielfalt wirkt breit. Bei heterosexuellen Jugendlichen war sie mit mehreren Gesundheitsgrößen verknüpft.
  • Der gewählte Name gehört in die Schulverwaltung. Er ist einer der vier untersuchten Lebensbereiche und in der Schule am leichtesten zu regeln.
  • Nenne den Nutzen für alle. Die Daten zeigen Verbesserungen auch bei heterosexuellen Jugendlichen, was die Einführung solcher Regeln politisch erleichtert.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Bei Suizidgedanken, Selbstverletzung oder anhaltender Niedergeschlagenheit braucht es fachliche Hilfe. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar, die Nummer gegen Kummer für Jugendliche unter 116 111. Für queere Jugendliche gibt es zudem eigene Beratungsangebote von Jugendverbänden vor Ort.

Passend dazu

Fazit

Was queere Jugendliche belastet, ist die Stigmatisierung und besonders deren verinnerlichte Form. Über 22 Studien hinweg lag der Zusammenhang mit depressiven Beschwerden zwischen 0,19 und 0,24. Die Forschungslage ist dabei schief: Zu Biphobie und Transphobie liegt deutlich weniger vor, zu selbstverletzendem Verhalten ohne Suizidabsicht gar nichts.

Wirksam sind Maßnahmen an der Umgebung. In 117 Schulen mit 75.638 Jugendlichen hingen unterstützende Schulregeln mit weniger Bedrohungsgefühl, weniger suizidbezogenem Verhalten und weniger Drogenkonsum zusammen, und die Wirkung stieg mit ihrer Anzahl. Heterosexuelle Jugendliche profitierten ebenfalls.

Die kleinste und konkreteste Maßnahme betrifft den Namen. Bei 129 trans Jugendlichen waren Depression, Suizidgedanken und suizidales Verhalten umso niedriger, in je mehr Lebensbereichen der gewählte Name verwendet werden konnte, und am niedrigsten, wenn er in allen vier Bereichen galt.

Häufige Fragen

Was belastet queere Jugendliche?

Stigmabezogene Belastungen, darunter verinnerlichte Stigmatisierung. Eine Metaanalyse über 22 Studien fand Zusammenhänge zwischen allgemeiner verinnerlichter Stigmatisierung und depressiven Beschwerden zwischen 0,19 und 0,24.

Ist die Forschungslage ausgewogen?

Nein. Die meisten Studien untersuchten allgemeine verinnerlichte Homophobie, nur wenige verinnerlichte Biphobie oder Transphobie, und keine einzige selbstverletzendes Verhalten ohne Suizidabsicht.

Welche Rolle spielt die Familie?

Fehlende Annahme in der Familie gilt als eine Form von Stigmatisierung und ist mit ungünstigen psychischen Verläufen verknüpft, darunter Depression, Angst, Substanzkonsum und Suizidalität.

Wirken unterstützende Schulregeln?

In einer Auswertung von 117 Schulen und 75.638 Schülerinnen und Schülern hingen mehrere solcher Regeln mit geringerer Wahrscheinlichkeit zusammen, sich in der Schule bedroht zu fühlen, suizidbezogenes Verhalten zu zeigen und illegale Drogen zu konsumieren.

Profitieren nur queere Jugendliche davon?

Nein. Bei heterosexuellen Schülerinnen und Schülern war eine Schülergruppe für sexuelle Vielfalt mit mehreren Gesundheitsgrößen verknüpft, andere Regeln mit geringeren Sicherheitssorgen, weniger erzwungenem Geschlechtsverkehr, weniger Traurigkeit und weniger Drogenkonsum.

Was bewirkt die Nutzung des gewählten Namens?

In einer Untersuchung mit 129 trans und geschlechtsnonkonformen Jugendlichen war die Nutzung des gewählten Namens in mehr Lebensbereichen mit weniger Depression, Suizidgedanken und suizidalem Verhalten verknüpft. Am niedrigsten waren die Werte, wenn der Name in allen vier Bereichen genutzt werden konnte.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Williams, D. Y. et al. (2023): Relationships between internalized stigma and depression and suicide risk among queer youth in the United States: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Psychiatry. 22 eingeschlossene Studien aus den USA, Suchzeitraum September 2008 bis März 2022, Vorgehen nach PRISMA

  2. 2

    Kaczkowski, W., Li, J., Cooper, A. C. & Robin, L. (2022): Examining the Relationship Between LGBTQ-Supportive School Health Policies and Practices and Psychosocial Health Outcomes of Lesbian, Gay, Bisexual, and Heterosexual Students. LGBT Health. Daten aus 117 Schulen und von 75.638 Schülerinnen und Schülern, Mehrebenen-Regressionen mit Bereinigung um Geschlecht, Klassenstufe und Herkunft

  3. 3

    Russell, S. T., Pollitt, A. M., Li, G. & Grossman, A. H. (2018): Chosen Name Use Is Linked to Reduced Depressive Symptoms, Suicidal Ideation, and Suicidal Behavior Among Transgender Youth. Journal of Adolescent Health. Gemeindebasierte Kohorte mit 129 trans und geschlechtsnonkonformen Jugendlichen aus drei US-Städten

  4. 4

    Adelson, S. L., Walker-Cornetta, E. & Kalish, N. (2019): LGBT Youth, Mental Health, and Spiritual Care: Psychiatric Collaboration With Health Care Chaplains. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry. Fachbeitrag aus einer Tagung des Ethikausschusses für Kinderheilkunde am Columbia University Medical Center