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Die erste Liebe

Die erste Beziehung ist eine Entwicklungsaufgabe mit eigener Forschungslage. Sie ist überwiegend eine gute Nachricht, mit einer klaren Ausnahme.

Veröffentlicht am Redaktion Resilienzkurse.de

Zwei Fahrräder lehnen nebeneinander an einer Mauer an einem sonnigen Nachmittag
Die erste Beziehung ist eine Entwicklungsaufgabe, keine Nebensache. Bild: KI generiert.

Auf einen Blick

Die erste Beziehung wird von Erwachsenen häufig als Ablenkung behandelt. In der Entwicklungspsychologie gilt sie als eigene Aufgabe mit eigener Bedeutung, und die Datenlage stützt das.

  • Beziehungen können eine wichtige Quelle des Wohlbefindens sein.
  • Die Forschung dazu ist begrifflich uneinheitlich.
  • Depressive Beschwerden gingen mit kürzeren Beziehungen einher.
  • Präventionsprogramme senken körperliche Gewalt, sexualisierte nicht belegbar.
  • Dauer und Intensität der Programme machten keinen Unterschied.

Liebe und Wohlbefinden

Eine systematische Übersicht hat 112 Studien aus drei Jahrzehnten zusammengeführt, um den Zusammenhang zwischen romantischen Beziehungen und Wohlbefinden in Jugend und jungem Erwachsenenalter zu klären.

Diese Arbeiten zeigten, dass romantische Beziehungen sowohl für Jugendliche als auch für junge Erwachsene eine wichtige Quelle des Wohlbefindens sein können.
Gómez-López, Viejo & Ortega-Ruiz 2019
  • Die Übersicht kritisiert das eigene Fach deutlich. Sie nennt die uneinheitliche Begriffsverwendung beim Wohlbefinden und die verbreitete Praxis, es über die Abwesenheit von Krankheitszeichen zu messen.
  • Beides kann zutreffen. Beziehungen sind in dieser Lebensphase eine Quelle des Wohlbefindens und zugleich möglicher negativer Erfahrungen.
  • Vor dem Erwachsenenalter ist wenig untersucht. Die Autorengruppe nennt die begrenzte Zahl solcher Studien ausdrücklich als Problem.
  • Ihre Forderung ist eine Aufwertung. Sie hält mehr empirische, erzieherische und gemeindebezogene Anstrengungen zur romantischen Entwicklung vor dem Erwachsenenalter für nötig.

Trennung und Stimmung

Eine niederländische Untersuchung hat 80 jugendliche Paare zwischen 13 und 19 Jahren begleitet und geprüft, ob der Konfliktstil erklärt, warum depressive Beschwerden mit kürzeren Beziehungen einhergehen.

Die Ergebnisse. Quelle: Ha, Overbeek, Cillessen & Engels 2012
FrageErgebnis
Vermittelt der Konfliktstil den Zusammenhang?Nein, dafür fand sich keine Bestätigung
Depressive Beschwerden bei MädchenUnmittelbar mit kürzeren Beziehungen verknüpft
Depressive Beschwerden und KonfliktverhaltenBei beiden Geschlechtern mehr ungünstige und weniger positive Problemlösestrategien
Wirkung auf den PartnerDepressive Beschwerden der Mädchen hingen mit mehr positivem Problemlösen bei den Jungen zusammen

80 Paare sind eine kleine Stichprobe für Modelle wechselseitiger Abhängigkeit. Die Befunde sind Hinweise, keine gesicherten Größen.

Der letzte Befund ist der interessanteste

Dass die depressiven Beschwerden der Mädchen mit mehr positivem Problemlösen bei den Jungen zusammenhingen, spricht gegen die einfache Vorstellung, Belastung mache Beziehungen automatisch schlechter. Das Gegenüber reagiert, und zwar teils unterstützend.

Gewalt in Beziehungen

Ein Teil jugendlicher Beziehungen ist von Gewalt geprägt. Dieser Teil ist am besten untersucht, weil er messbare Schäden hat.

Wirkung von Präventionsprogrammen, Quotenverhältnisse

Kontrollgruppe als Bezugswert

1

Bezugswert

Körperliche Gewalt, Ausüben

0,74

VB 0,59 bis 0,92

Körperliche und sexualisierte Gewalt insgesamt

0,78

VB 0,69 bis 0,89

Körperliche Gewalt, Betroffensein

0,78

VB 0,64 bis 0,95

MerkmalWert in
Kontrollgruppe als Bezugswert1
Körperliche Gewalt, Ausüben0.74
Körperliche und sexualisierte Gewalt insgesamt0.78
Körperliche Gewalt, Betroffensein0.78

Ein Wert unter 1 bedeutet weniger Gewalt in der Programmgruppe. Quelle: Piolanti & Foran 2022.

Der Nullbefund bei sexualisierter Gewalt

Für sexualisierte Gewalt allein war der Zusammenhang nicht statistisch bedeutsam. Das ist der wichtigste Vorbehalt gegenüber diesen Programmen, denn sexualisierte Gewalt ist in jugendlichen Beziehungen ein zentrales Thema. Die Autorengruppe fordert ausdrücklich weitere Forschung zu den wirksamen Bestandteilen, besonders in diesem Bereich.

Was Prävention leistet

Was die Wirksamkeit beeinflusste. Quelle: Piolanti & Foran 2022
MerkmalBefund
Programme für besonders gefährdete JugendlicheDeutlich größere Effektstärken
Programme für Ältere über 15 JahreDeutlich größere Effektstärken
Programme mit Einbeziehung der ElternDeutlich größere Effektstärken
Dauer und Intensität des ProgrammsKein bedeutsamer Zusammenhang mit der Wirkung
VeröffentlichungsverzerrungBeobachtet, die bereinigten Quotenverhältnisse blieben aber bedeutsam
Unerwünschte WirkungenDrei Studien berichteten Zusammenhänge in ungünstiger Richtung
  • Das Muster ist bekannt. Gezielte Programme für Risikogruppen wirken stärker als solche für alle, und die Einbeziehung von Eltern hilft.
  • Mehr ist nicht besser. Weder Länge noch Intensität hingen mit der Wirkung zusammen. Das ist derselbe Befund wie bei Programmen gegen Cybermobbing.
  • Die drei Studien mit ungünstiger Richtung gehören genannt. Auch Präventionsprogramme können schaden, und dieser Befund wird selten mitzitiert.

Praktisch

Für Eltern

  • Nimm die Beziehung ernst. Sie ist nach der Übersicht eine mögliche Quelle des Wohlbefindens und eine Entwicklungsaufgabe.
  • Deine Einbeziehung wirkt messbar. Programme, die Eltern einbezogen, hatten deutlich größere Effekte bei der Verhinderung von Gewalt.
  • Trennungsschmerz und Depressivität hängen zusammen. In beide Richtungen. Ein Kind, das nach einer Trennung länger als üblich leidet, braucht möglicherweise mehr als Trost.
  • Sprich über sexualisierte Gewalt gesondert. Genau hier fanden die geprüften Programme keinen bedeutsamen Effekt.

Für Schulen

  • Programme wirken, aber begrenzt. Ein Quotenverhältnis von 0,78 für körperliche und sexualisierte Gewalt insgesamt ist ein realer, aber moderater Effekt.
  • Setz bei Älteren an. Bei Jugendlichen über 15 Jahren waren die Effekte deutlich größer.
  • Kürzer ist nicht schlechter. Dauer und Intensität hingen nicht mit der Wirkung zusammen, was gegen aufwendige Langzeitformate spricht.

Wann professionelle Hilfe nötig ist

Bei Gewalt, Kontrolle, Drohungen oder sexualisierten Übergriffen in einer Beziehung braucht es Hilfe von außen. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist unter 116 016 erreichbar, das Hilfetelefon für Männer unter 0800 123 9900, das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch unter 0800 22 55 530 und die Nummer gegen Kummer für Jugendliche unter 116 111.

Passend dazu

Fazit

Über 112 Studien aus drei Jahrzehnten hinweg können romantische Beziehungen in Jugend und jungem Erwachsenenalter eine wichtige Quelle des Wohlbefindens sein. Die Übersicht kritisiert allerdings, dass Wohlbefinden in diesem Feld meist nur als Abwesenheit von Krankheitszeichen gemessen wird.

Depressive Beschwerden und Beziehungsverläufe hängen zusammen. In einer Untersuchung mit 80 jugendlichen Paaren waren sie bei Mädchen unmittelbar mit kürzeren Beziehungen verknüpft, und bei beiden Geschlechtern mit ungünstigeren Formen der Konfliktlösung. Der vermutete Umweg über den Konfliktstil bestätigte sich dagegen nicht.

Bei Gewalt in Beziehungen ist die Lage klar und begrenzt. Über 18 randomisierte Studien mit 22.781 Jugendlichen senkten Präventionsprogramme körperliche und sexualisierte Gewalt insgesamt mit einem Quotenverhältnis von 0,78, für sexualisierte Gewalt allein war der Effekt jedoch nicht bedeutsam. Wirksamer waren Programme für Ältere, für gefährdete Jugendliche und solche, die Eltern einbezogen.

Häufige Fragen

Sind erste Beziehungen gut für Jugendliche?

Eine systematische Übersicht über 112 Studien aus drei Jahrzehnten kommt zu dem Ergebnis, dass romantische Beziehungen für Jugendliche und junge Erwachsene eine wichtige Quelle des Wohlbefindens sein können.

Warum ist die Forschungslage trotzdem unklar?

Die Übersicht kritisiert die uneinheitliche Begriffsverwendung und dass Wohlbefinden häufig nur als Abwesenheit von Krankheitszeichen gemessen wird.

Wie hängen Trennungen mit der Stimmung zusammen?

In einer Untersuchung mit 80 Paaren zwischen 13 und 19 Jahren waren depressive Beschwerden bei Mädchen unmittelbar mit kürzeren Beziehungen verknüpft. Der vermutete Umweg über den Konfliktstil bestätigte sich nicht.

Wie wirken sich depressive Beschwerden auf den Streit aus?

Jungen und Mädchen mit mehr depressiven Beschwerden nutzten häufiger ungünstige Formen der Konfliktlösung und seltener positive Problemlösestrategien.

Helfen Programme gegen Gewalt in jugendlichen Beziehungen?

Über 18 randomisierte Studien mit 22.781 Jugendlichen senkten sie körperliche und sexualisierte Gewalt insgesamt mit einem Quotenverhältnis von 0,78. Für sexualisierte Gewalt allein war der Zusammenhang nicht statistisch bedeutsam.

Was machte die Programme wirksamer?

Größere Effekte fanden sich bei Programmen für besonders gefährdete Jugendliche, für Ältere über 15 Jahre und für Programme, die Eltern einbezogen. Dauer und Intensität machten keinen Unterschied.

Quellen

Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.

  1. 1

    Gómez-López, M., Viejo, C. & Ortega-Ruiz, R. (2019): Well-Being and Romantic Relationships: A Systematic Review in Adolescence and Emerging Adulthood. International Journal of Environmental Research and Public Health. 112 eingeschlossene Studien aus drei Jahrzehnten, Vorgehen nach PRISMA-P

  2. 2

    Piolanti, A. & Foran, H. M. (2022): Efficacy of Interventions to Prevent Physical and Sexual Dating Violence Among Adolescents: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Pediatrics. 18 randomisierte Studien mit 22.781 Jugendlichen, Zufallseffektmodell, Bewertung des Verzerrungsrisikos nach Cochrane

  3. 3

    Ha, T., Overbeek, G., Cillessen, A. H. & Engels, R. C. (2012): A longitudinal study of the associations among adolescent conflict resolution styles, depressive symptoms, and romantic relationship longevity. Journal of Adolescence. 80 Paare zwischen 13 und 19 Jahren, mittleres Alter 15,48 Jahre, Auswertung mit Modellen wechselseitiger Abhängigkeit

  4. 4

    Williams, D. Y. et al. (2023): Relationships between internalized stigma and depression and suicide risk among queer youth in the United States: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Psychiatry. 22 eingeschlossene Studien, hier für den Zusammenhang von Stigmatisierung und Beziehungserfahrungen herangezogen