
Auf einen Blick
Die wissenschaftliche Frage, ob Kinder gleichgeschlechtlicher Eltern schlechter dastehen, gilt seit langem als beantwortet. Interessanter und praktisch nützlicher ist, was die Studien über Ausgrenzung und über einen konkret herstellbaren Schutzfaktor sagen.
- Zur Anpassung der Kinder fand sich kein Unterschied nach Familienform.
- Vorhersagend sind Erziehungsprozesse, nicht Gruppenzugehörigkeit.
- Ausgrenzung wurde insgesamt selten berichtet, aber unterschiedlich nach Geschlecht.
- Wo sie auftrat, hatte sie messbare Folgen.
- Kontakt zu anderen Kindern aus solchen Familien schützte den Selbstwert.
Der Hauptbefund
Eine Übersicht hat Studien zu Familien zusammengefasst, in denen nur ein Elternteil genetisch mit dem Kind verwandt ist. Dazu gehören geplante lesbische Mutter- und schwule Vaterfamilien ebenso wie heterosexuelle Familien nach Samen- oder Eizellspende.
Obwohl mehrere Studien zeigen, dass Eltern in diesen Familien emotional stärker in ihrer Erziehung engagiert sind als Eltern nach natürlicher Zeugung, fand sich kein empirischer Beleg dafür, dass sich die psychische Anpassung der Kinder unterscheidet.
Eine zweite Übersicht formuliert die allgemeine Regel, die sich über verschiedene Familienformen hinweg abzeichnet, und tut das in einem einzigen Satz.
Insgesamt sind Erziehungsprozesse, etwa unterstützende gegenüber belastender Familieninteraktion, bessere Vorhersagegrößen für die kindliche Anpassung als Gruppenunterschiede, etwa offene gegenüber geschlossener Adoption oder Adoption durch heterosexuelle gegenüber gleichgeschlechtlichen Eltern.
Warum dieser Satz zentral ist
Er verschiebt die Frage von der Kategorie zum Verhalten. Damit gilt für Regenbogenfamilien dasselbe wie für Patchwork-, Adoptiv- und Ursprungsfamilien: Was zählt, sind Unterstützung, Verlässlichkeit und der Umgang mit Konflikten.
Im Jugendalter
Ein häufiger Einwand lautet, Schwierigkeiten zeigten sich erst in der Pubertät. Eine Übersicht zu Jugendlichen aus Familien, die mit Fortpflanzungsmedizin entstanden sind, hat das geprüft.
- Die Anpassung war nicht beeinträchtigt. Die psychische Anpassung der Jugendlichen wurde nach dieser Übersicht durch die Art ihrer Zeugung nicht beeinträchtigt.
- Die Beziehungen zu den Eltern waren gut. Und sie unterschieden sich nicht von denen spontan gezeugter Jugendlicher.
- Eine echte Wissenslücke bleibt. Ob die Entwicklung einer eigenen reproduktiven Identität in der Jugend das Interesse an der Suche nach Spendern, Leihmüttern oder Spenderhalbgeschwistern beeinflusst, ist offen.
- Die Datenlage ist ungleich verteilt. Untersucht sind überwiegend heterosexuelle und lesbische Elternfamilien. Die Autorengruppe hält weitere Forschung zu Familien mit alleinerziehenden, schwulen, bisexuellen und trans Eltern ausdrücklich für nötig.
Was Ausgrenzung bewirkt
Wenn die Familienform selbst nicht der Faktor ist, bleibt die Umgebung. Eine niederländische Untersuchung hat Kinder zwischen 8 und 12 Jahren in geplanten lesbischen Familien danach befragt, ob und wie sie Ausgrenzung erleben. Befragt wurden Mütter und Kinder getrennt.
| Befund | Inhalt |
|---|---|
| Ausmaß insgesamt | Die Kinder berichteten insgesamt geringe Ausgrenzung |
| Bei Jungen | Häufiger die Wahrnehmung, wegen der nicht traditionellen Familienform von Gleichaltrigen ausgeschlossen zu werden |
| Bei Mädchen | Häufiger die Wahrnehmung, dass andere Kinder über die zwei Mütter tuschelten |
| Folge bei Jungen | Höhere Ausgrenzung ging mit mehr Hyperaktivität einher |
| Folge bei Mädchen | Höhere Ausgrenzung ging mit geringerem Selbstwert einher |
Querschnittserhebung mit Fragebögen. Die Studie stammt aus den Niederlanden und ist inzwischen älter; die gesellschaftliche Lage hat sich seitdem verändert.
Die unterschiedliche Form der Ausgrenzung nach Geschlecht ist bemerkenswert: Ausschluss bei den Jungen, Gerede bei den Mädchen. Und die Folgen fielen entsprechend unterschiedlich aus. Wer nur nach einer Form sucht, findet die andere nicht.
Der herstellbare Schutzfaktor
Der praktisch wertvollste Befund dieser Untersuchung betrifft nicht das Problem, sondern seinen Puffer.
Häufiger Kontakt zu anderen Kindern, die eine lesbische Mutter oder einen schwulen Vater haben, schützt gegen den negativen Einfluss der Ausgrenzung auf den Selbstwert.
- Der Puffer wirkt genau dort, wo der Schaden entsteht. Er verhindert nicht die Ausgrenzung, sondern deren Wirkung auf den Selbstwert.
- Er ist herstellbar. Anders als gesellschaftliche Einstellungen lässt sich der Kontakt zu anderen Familien organisieren, über Verbände, Gruppen und Treffen.
- Die Autorengruppe formuliert daraus eine klare Folgerung. Kinder in geplanten lesbischen Familien profitieren davon, andere Kinder aus ähnlichen Familien kennenzulernen.
- Der Mechanismus ist naheliegend. Was in der eigenen Umgebung als Ausnahme erscheint, wird in einer Gruppe zur Normalität. Damit verliert der Vorwurf seine Grundlage.
Der Weg in die Elternschaft
Ein Bereich, in dem sich reale Unterschiede zeigen, betrifft nicht die Kinder, sondern die Versorgung der Eltern auf dem Weg dorthin. Eine Auswertung dreier Längsschnittkohorten mit insgesamt 124.710 Teilnehmenden hat Schwangerschaftsverläufe nach sexueller Orientierung verglichen.
| Gruppe | Befund |
|---|---|
| Sexuelle Minderheiten außer lesbischen Frauen | Insgesamt häufiger Schwangerschaften, Schwangerschaften im Jugendalter und Schwangerschaftsabbrüche als heterosexuelle Gleichaltrige |
| Bisexuelle Teilnehmende einer der Kohorten | Dreimal so häufig ein Schwangerschaftsabbruch, Risikoverhältnis 3,21 mit Vertrauensbereich 1,94 bis 5,34 |
| Lesbische Frauen | In allen Kohorten etwa halb so häufig eine Schwangerschaft wie heterosexuelle Frauen |
| Alter bei der ersten Geburt | Kaum Unterschiede zwischen den Gruppen |
US-amerikanische Kohorten, Beobachtung von 1989 bis 2017. Die Autorengruppe führt das erhöhte Risiko ungeplanter Schwangerschaften auf strukturelle Zugangshürden zu sexueller und reproduktiver Gesundheitsversorgung zurück.
Diese Zahlen sagen nichts über die Kinder aus. Sie sind hier genannt, weil sie zeigen, wo die belegbaren Nachteile tatsächlich liegen: nicht in der Familienform, sondern im Zugang zu Beratung und Versorgung. Die Autorengruppe leitet daraus die Forderung ab, dass Aufklärungsangebote alle einbeziehen und Behandelnde keine heteronormativen Annahmen über ihre Patientinnen treffen.
Praktisch
Für Eltern
- Organisier den Kontakt zu anderen Familien. Er war der einzige in dieser Untersuchung geprüfte Schutzfaktor gegen die Folgen von Ausgrenzung auf den Selbstwert.
- Frag nach beiden Formen. Jungen berichteten eher Ausschluss, Mädchen eher Gerede. Die Frage „Wirst du geärgert?" trifft möglicherweise nur eine davon.
- Die Interaktion in der Familie ist der Hebel. Sie sagt die Anpassung besser vorher als jede Gruppenzugehörigkeit, und sie liegt vollständig in eurer Hand.
- Rechne mit Fragen zur Herkunft im Jugendalter. Die Übersicht nennt genau das als offenen Punkt und empfiehlt, Offenlegung und Identitätsfragen bei Beratung mitzudenken.
Für Kita, Schule und Fachkräfte
- Die Familienform ist kein Risikofaktor. Sie in Anamnesen oder Gesprächen als solcher zu behandeln, erzeugt genau die Ausgrenzungserfahrung, um die es geht.
- Materialien und Formulare prägen die Normalität mit. Ein Formular mit „Mutter" und „Vater" macht jede Woche dieselbe Aussage.
- Der Forschungsstand ist ungleich. Zu Familien mit schwulen, bisexuellen, trans und alleinerziehenden Eltern liegt deutlich weniger vor. Aussagen dazu sollten entsprechend vorsichtig ausfallen.
Passend dazu
Fazit
Zur psychischen Anpassung von Kindern in Regenbogenfamilien fand sich in den ausgewerteten Übersichten kein Beleg für einen Unterschied. Was die Anpassung vorhersagt, sind Erziehungsprozesse wie unterstützende gegenüber belastender Familieninteraktion, nicht Gruppenunterschiede. Dasselbe gilt für Jugendliche.
Wo Nachteile auftreten, kommen sie von außen. In einer niederländischen Untersuchung mit 8- bis 12-Jährigen wurde Ausgrenzung insgesamt selten berichtet, nahm aber unterschiedliche Formen an: Ausschluss bei Jungen, Gerede bei Mädchen. Wo sie auftrat, ging sie bei Jungen mit mehr Hyperaktivität und bei Mädchen mit geringerem Selbstwert einher.
Der praktisch wertvollste Befund ist der Puffer. Häufiger Kontakt zu anderen Kindern mit einer lesbischen Mutter oder einem schwulen Vater schützte gegen die Wirkung der Ausgrenzung auf den Selbstwert. Das ist ein Schutzfaktor, den Familien selbst herstellen können.
Häufige Fragen
Entwickeln sich Kinder in Regenbogenfamilien anders?
Nach einer Übersicht über Familien, die mit Fortpflanzungsmedizin entstanden sind, fand sich kein empirischer Beleg dafür, dass sich die psychische Anpassung dieser Kinder von der in Familien mit natürlicher Zeugung unterscheidet.
Was sagt die Anpassung der Kinder dann vorher?
Eine Übersichtsarbeit zur Adoptivelternschaft formuliert es allgemein: Erziehungsprozesse wie unterstützende gegenüber belastender Familieninteraktion sind bessere Vorhersagegrößen als Gruppenunterschiede, etwa Adoption durch heterosexuelle gegenüber gleichgeschlechtlichen Eltern.
Gilt das auch für Jugendliche?
Eine Übersicht zu Jugendlichen aus Familien, die mit Fortpflanzungsmedizin entstanden sind, kommt zu demselben Ergebnis: Die Anpassung wird durch die Art der Zeugung nicht beeinträchtigt, und die Beziehungen zu den Eltern unterscheiden sich nicht.
Erleben die Kinder Ausgrenzung?
In einer niederländischen Untersuchung mit 8- bis 12-Jährigen berichteten die Kinder insgesamt geringe Ausgrenzung. Jungen berichteten häufiger, wegen der Familienform von Gleichaltrigen ausgeschlossen zu werden, Mädchen häufiger, dass über ihre Familie geredet wurde.
Welche Folgen hatte die Ausgrenzung?
Höhere Werte für Ausgrenzung gingen bei Jungen mit mehr Hyperaktivität und bei Mädchen mit geringerem Selbstwert einher.
Was schützte dagegen?
Häufiger Kontakt zu anderen Kindern, die ebenfalls eine lesbische Mutter oder einen schwulen Vater haben, schützte gegen den negativen Einfluss der Ausgrenzung auf den Selbstwert.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Grotevant, H. D. & Lo, A. Y. (2017): Adoptive parenting. Current Opinion in Psychology. Übersicht zu drei Feldern der Adoptivelternschaft, darunter Erfahrungen lesbischer und schwuler Adoptiveltern
- 2
Bos, H. & van Balen, F. (2010): Children of the new reproductive technologies: social and genetic parenthood. Patient Education and Counseling. Übersicht empirischer Studien zu Familien mit nur einem genetisch verwandten Elternteil, darunter geplante lesbische Mutter- und schwule Vaterfamilien
- 3
Bos, H. M. & van Balen, F. (2008): Children in planned lesbian families: stigmatisation, psychological adjustment and protective factors. Culture, Health & Sexuality. Untersuchung von Kindern zwischen 8 und 12 Jahren in den Niederlanden, Fragebögen von Müttern und Kindern
- 4
Quintigliano, M. et al. (2022): Adolescent Development and the Parent-Adolescent Relationship in Diverse Family Forms Created by Assisted Reproduction. International Journal of Environmental Research and Public Health. Übersicht zu Jugendlichen aus überwiegend heterosexuellen und lesbischen Elternfamilien
- 5
Charlton, B. M. et al. (2020): Sexual Orientation Differences in Pregnancy and Abortion Across the Lifecourse. Women’s Health Issues. 124.710 Teilnehmende aus drei US-amerikanischen Längsschnittkohorten, Beobachtungszeitraum 1989 bis 2017