
Auf einen Blick
Zu kaum einem Thema der Entwicklungspsychologie gibt es so große Datensätze, weil Adoption ein natürliches Experiment ist: Dieselben Kinder wechseln von einer Umgebung in eine andere, und beides lässt sich vergleichen.
- Adoption führte über 270 Studien hinweg zu einem enormen Aufholen.
- Unvollständig blieb es vor allem beim Wachstum und bei der Bindung.
- Verhaltensunterschiede sind klein, Überweisungsunterschiede groß.
- Bis sechs Monate Heimaufenthalt: kaum Unterschiede im Verlauf.
- Über sechs Monate: mehrere Auffälligkeiten bis ins Erwachsenenalter.
Das enorme Aufholen
Eine Arbeitsgruppe hat eine Reihe von Metaanalysen zusammengeführt, um zu prüfen, ob Adoption als Entwicklungsmaßnahme wirkt. Die Grundlage ist außergewöhnlich breit.
über 270
einbezogene Studien
über 230.000
Kinder und Eltern
12 Monate
kritisches Adoptionsalter
unvollständig
Aufholen bei Wachstum und Bindung
Auch wenn das Aufholen gegenüber den heutigen Gleichaltrigen in einigen Bereichen unvollständig blieb, übertrafen adoptierte Kinder ihre zurückgebliebenen Altersgenossen deutlich.
| Befund | Inhalt |
|---|---|
| Unvollständiges Aufholen | Besonders beim Körperwachstum und bei der Bindungssicherheit |
| Adoptionsalter | Adoptionen vor dem zwölften Monat gingen mit vollständigerem Aufholen bei Körperhöhe, Bindung und Schulleistung einher |
| Ausland gegenüber Inland | Auslandsadoptionen führten in den meisten Bereichen nicht zu geringerem Aufholen |
| Gesamteinschätzung der Autoren | Adoption ist eine wirksame Maßnahme und zeigt die Formbarkeit kindlicher Entwicklung |
Verglichen wurde sowohl mit Gleichaltrigen im Aufnahmeland als auch mit Kindern, die in der Herkunftssituation blieben. Beide Vergleiche fallen unterschiedlich aus.
Zwei Vergleiche, zwei Antworten
Gegenüber den Kindern, die nicht adoptiert wurden, ist der Vorsprung groß. Gegenüber den Gleichaltrigen im Aufnahmeland bleibt in einigen Bereichen ein Rückstand. Beides ist richtig, und wer nur eines nennt, erzeugt ein falsches Bild.
Das Überweisungsparadox
Der aufschlussreichste Einzelbefund stammt aus einer Metaanalyse, die zwei Größen getrennt gerechnet hat: die tatsächlichen Verhaltensauffälligkeiten und die Inanspruchnahme psychosozialer Dienste.
Inanspruchnahme psychosozialer Dienste
0,72
große Effektstärke
Verhaltensauffälligkeiten, oberer Wert
0,24
kleine Effektstärke
Verhaltensauffälligkeiten, unterer Wert
0,16
kleine Effektstärke
| Merkmal | Wert in |
|---|---|
| Inanspruchnahme psychosozialer Dienste | 0.72 |
| Verhaltensauffälligkeiten, oberer Wert | 0.24 |
| Verhaltensauffälligkeiten, unterer Wert | 0.16 |
Effektstärken d. Zur Einordnung: ab 0,2 gilt ein Effekt als klein, ab 0,5 als mittel, ab 0,8 als groß. Quelle: Juffer & van IJzendoorn 2005.
- Die Zahlengrundlage ist sehr groß. 25.281 Adoptierte standen 80.260 Vergleichspersonen gegenüber, für die Überweisungen wurden 5.092 Fälle ausgewertet.
- Der Unterschied zwischen 0,72 und 0,24 ist der eigentliche Befund. Wenn die Überweisungsquote deutlich stärker abweicht als das Verhalten, kann das Verhalten die Überweisungen nicht allein erklären.
- Mögliche Erklärungen sind mehrere. Adoptiveltern nehmen Hilfe schneller in Anspruch, sind oft besser informiert und finanziell besser gestellt. Fachkräfte könnten bei bekanntem Adoptivstatus eher überweisen. Und es kann Probleme geben, die Fragebögen zu Verhaltensauffälligkeiten nicht erfassen.
- Die Metaanalyse trennt diese Erklärungen nicht. Sie zeigt nur, dass beide Größen unterschiedlich stark abweichen.
Im Jugendalter
Für die Pubertät gibt es eine eigene Auswertung. Sie ist kleiner, aber besonders klar in ihrer Aussage.
| Bereich | Effektstärke | Bedeutsamkeit |
|---|---|---|
| Auffälligkeiten insgesamt | 0,08 | p = 0,02, also bedeutsam |
| Nach außen gerichtete Auffälligkeiten | 0,11 | p < 0,01 |
| Nach innen gerichtete Auffälligkeiten | 0,05 | p = 0,12, also nicht bedeutsam |
| Mädchen | 0,10 | p = 0,03 |
| Jungen | 0,07 | p = 0,22, also nicht bedeutsam |
Bei Auffälligkeiten im klinisch bedeutsamen Bereich waren die Unterschiede etwas größer.
Die Mehrzahl der adoptierten Jugendlichen ist gut angepasst und zeigt nicht bedeutsam mehr Auffälligkeiten als ihre nicht adoptierten Altersgenossen.
Bei Effektstärken um 0,1 ist die Überschneidung der Verteilungen fast vollständig. Aus einem solchen Unterschied lässt sich über ein einzelnes Kind nichts ableiten. Er ist ein Argument gegen die Erwartung, Adoption bringe im Jugendalter zwangsläufig Schwierigkeiten mit sich.
Die Sechs-Monats-Grenze
Die aufschlussreichste Langzeitstudie verfolgt Kinder, die nach dem Sturz des rumänischen Regimes Anfang der 1990er Jahre aus Heimen nach Großbritannien adoptiert wurden. Sie verbrachten dort zwischen wenigen Wochen und 43 Monaten. Verglichen wurden sie mit britischen Adoptivkindern ohne solche Erfahrung.
| Gruppe | Verlauf |
|---|---|
| Weniger als sechs Monate im Heim | Über die meisten Altersstufen und Zielgrößen ähnlich niedrige Werte wie die britische Vergleichsgruppe |
| Mehr als sechs Monate im Heim | Dauerhaft höhere Raten an Merkmalen aus dem Autismusspektrum, an ungehemmter Kontaktaufnahme sowie an Unaufmerksamkeit und Überaktivität, bis ins junge Erwachsenenalter |
| Kognitive Beeinträchtigung | In der Gruppe über sechs Monate deutlich erhöht mit 6 und 11 Jahren, im jungen Erwachsenenalter auf normalem Niveau |
| Weitere Unterschiede | Höherer Anteil mit geringem Bildungsabschluss, mit Erwerbslosigkeit und mit Inanspruchnahme psychosozialer Dienste |
Ein Fünftel war durchgehend unauffällig
Von den Kindern mit mehr als sechs Monaten Heimaufenthalt waren 15 Personen, also etwa ein Fünftel, zu allen Messzeitpunkten ohne Auffälligkeiten. Das ist der Widerstandsbefund dieser Studie und der Grund, warum keine Prognose für ein einzelnes Kind möglich ist.
Das späte Muster
Ein Ergebnis derselben Studie verdient besondere Aufmerksamkeit, weil es dem üblichen Verlauf widerspricht.
- Die kognitive Beeinträchtigung ging zurück. Deutlich erhöht mit 6 und 11 Jahren, im jungen Erwachsenenalter kein bedeutsamer Unterschied mehr zur Vergleichsgruppe.
- Die emotionalen Beschwerden gingen den umgekehrten Weg. Mit 11 und 15 Jahren nur geringe Unterschiede, im jungen Erwachsenenalter ein deutlicher Anstieg, sowohl in der Selbstauskunft als auch im Elternurteil.
- Praktisch heißt das: Entwarnung im Jugendalter ist verfrüht. Wer die Begleitung mit dem Ende der Schulzeit beendet, verpasst nach diesen Daten möglicherweise den Zeitraum mit dem höchsten Bedarf.
- Die Autorengruppe formuliert es nüchtern. Längere frühe Entbehrung ging mit langfristig nachteiligen Wirkungen auf das Wohlbefinden einher, die auch durch Jahre der Fürsorge und Unterstützung in Adoptivfamilien nicht aufzuheben schienen.
Wofür diese Studie steht und wofür nicht
Untersucht wurde schwerste Vernachlässigung in Heimen unter Extrembedingungen. Die Ergebnisse gelten für diese Ausgangslage, nicht für Adoption allgemein. Genau deshalb ist die Gruppe mit weniger als sechs Monaten so wichtig: Sie zeigt, dass eine kurze Entbehrung im selben Kontext folgenlos bleiben konnte.
Praktisch
Für Adoptiveltern
- Die Erwartung schwieriger Kinder ist datenmäßig nicht gedeckt. Im Jugendalter lag der Unterschied bei 0,08. Die Mehrzahl der adoptierten Jugendlichen war gut angepasst.
- Wachstum und Bindung sind die Bereiche mit dem langsamsten Aufholen. Hier ist Geduld angebracht, und hier lohnen sich fachliche Begleitung und regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen besonders.
- Frühe Hilfe ist kein Zeichen von Scheitern. Adoptivfamilien nehmen deutlich häufiger Hilfe in Anspruch, als es der Verhaltensunterschied erwarten ließe. Das ist eher eine Stärke als ein Problem.
- Plan die Begleitung über die Schulzeit hinaus. Bei den Kindern mit langer Entbehrung stiegen die emotionalen Beschwerden erst im jungen Erwachsenenalter deutlich an.
Für Fachkräfte
- Die Dauer früherer Entbehrung ist die entscheidende Angabe. In der Langzeitstudie trennte die Grenze von sechs Monaten zwei völlig unterschiedliche Verläufe.
- Prüf den eigenen Überweisungsreflex. Die Überweisungsquote wich mit einer Effektstärke von 0,72 ab, das Verhalten nur mit 0,16 bis 0,24. Der Adoptivstatus allein ist keine Indikation.
- Nenne auch die Widerstandszahlen. Ein Fünftel der am stärksten belasteten Gruppe war zu allen Messzeitpunkten unauffällig. Eltern haben ein Recht darauf, das zu erfahren.
Passend dazu
Fazit
Adoption gehört zu den wirksamsten Maßnahmen, die die Entwicklungsforschung untersucht hat. Über mehr als 270 Studien mit über 230.000 Kindern zeigte sich ein enormes Aufholen, unvollständig vor allem beim Körperwachstum und bei der Bindung, und vollständiger bei Adoptionen vor dem zwölften Lebensmonat.
Zugleich besteht ein auffälliges Missverhältnis: Über 25.281 Adoptierte hinweg lagen die Verhaltensunterschiede bei kleinen Effektstärken von 0,16 bis 0,24, die Inanspruchnahme psychosozialer Dienste dagegen bei 0,72. Im Jugendalter betrug der Unterschied nur 0,08, und die Mehrzahl der Jugendlichen war gut angepasst.
Wo frühe Entbehrung länger dauerte, bleibt sie wirksam. In der englisch-rumänischen Langzeitstudie unterschieden sich Kinder mit weniger als sechs Monaten Heimaufenthalt kaum von der Vergleichsgruppe, während bei über sechs Monaten mehrere Auffälligkeiten bis ins junge Erwachsenenalter fortbestanden. Die kognitive Beeinträchtigung bildete sich zurück, die emotionalen Beschwerden stiegen erst spät an. Und ein Fünftel dieser Gruppe war zu allen Zeitpunkten unauffällig.
Häufige Fragen
Wirkt Adoption als Entwicklungsmaßnahme?
Eine Reihe von Metaanalysen über mehr als 270 Studien mit über 230.000 Kindern kommt zu dem Schluss, dass Adoption zu einem enormen Aufholen führt. Vollständig war es nicht in allen Bereichen, besonders nicht beim Körperwachstum und bei der Bindung.
Spielt das Alter bei der Adoption eine Rolle?
Ja. Adoptionen vor dem zwölften Lebensmonat gingen mit einem vollständigeren Aufholen bei Körperhöhe, Bindung und Schulleistung einher als spätere Adoptionen.
Sind Auslandsadoptionen ungünstiger?
Nach denselben Auswertungen führten Auslandsadoptionen in den meisten Entwicklungsbereichen nicht zu geringerem Aufholen als Inlandsadoptionen.
Haben Adoptivkinder mehr Verhaltensauffälligkeiten?
Im Mittel etwas mehr, aber die Unterschiede sind klein. Über 25.281 Adoptierte und 80.260 Vergleichspersonen lagen die Effektstärken zwischen 0,16 und 0,24.
Warum sind sie dann so häufig in Behandlung?
Dieselbe Metaanalyse fand für die Inanspruchnahme psychosozialer Dienste eine große Effektstärke von 0,72. Der Unterschied bei den Überweisungen ist also deutlich größer als der Unterschied im Verhalten.
Bleiben frühe Entbehrungen dauerhaft wirksam?
Nach der englisch-rumänischen Langzeitstudie hängt das von der Dauer ab. Kinder mit weniger als sechs Monaten Heimaufenthalt unterschieden sich kaum von der Vergleichsgruppe. Bei über sechs Monaten bestanden mehrere Auffälligkeiten bis ins junge Erwachsenenalter fort.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
van IJzendoorn, M. H. & Juffer, F. (2006): The Emanuel Miller Memorial Lecture 2006: adoption as intervention. Meta-analytic evidence for massive catch-up and plasticity in physical, socio-emotional, and cognitive development. Journal of Child Psychology and Psychiatry. Reihe von Metaanalysen über mehr als 270 Studien mit über 230.000 adoptierten und nicht adoptierten Kindern
- 2
Juffer, F. & van IJzendoorn, M. H. (2005): Behavior problems and mental health referrals of international adoptees: a meta-analysis. JAMA. 64 Arbeiten zu Verhaltensauffälligkeiten und 34 zu Überweisungen, 25.281 Adoptierte und 80.260 Vergleichspersonen
- 3
Sonuga-Barke, E. J. S. et al. (2017): Child-to-adult neurodevelopmental and mental health trajectories after early life deprivation: the young adult follow-up of the longitudinal English and Romanian Adoptees study. The Lancet. Natürliches Experiment mit Messzeitpunkten im Alter von 6, 11 und 15 Jahren sowie zwischen 22 und 25 Jahren
- 4
Bimmel, N., Juffer, F., van IJzendoorn, M. H. & Bakermans-Kranenburg, M. J. (2003): Problem behavior of internationally adopted adolescents: a review and meta-analysis. Harvard Review of Psychiatry. Zehn Studien, 2.317 im Ausland adoptierte Jugendliche gegenüber 14.345 nicht adoptierten