
Auf einen Blick
Lifespan Integration ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein beeindruckendes Ergebnis entstehen kann, ohne dass daraus ein starker Beleg wird. Der Unterschied liegt nicht an der Studie, sondern an dem, womit verglichen wurde.
- Es gibt eine randomisierte Studie, mit 36 ausgewerteten Frauen.
- Verglichen wurde gegen eine Warteliste, nicht gegen eine Behandlung.
- Gegen inaktive Kontrollen erzielen psychosoziale Maßnahmen generell große Effekte.
- Die übrige Literatur besteht aus sorgfältigen Einzelfallstudien.
- Es traten keine Abbrüche und keine unerwünschten Wirkungen auf.
Was LI ist
Das Verfahren wurde in den 2000er Jahren in den Vereinigten Staaten entwickelt. Die Klientin geht eine belastende Erinnerung durch und wird anschließend an einer Reihe von Erinnerungsbildern entlang bis in die Gegenwart geführt, meist mehrfach hintereinander. Die Idee dahinter: Das Nervensystem soll dabei lernen, dass das Ereignis vorbei ist.
| Bestandteil | Was passiert | Ähnlich in |
|---|---|---|
| Aufsuchen der belastenden Erinnerung | Das Ereignis wird bewusst hervorgeholt und beschrieben | Allen Traumaverfahren |
| Zeitlinie aus Erinnerungsbildern | Eine Liste von Bildern aus dem eigenen Leben wird vorbereitet | Der eigene Anteil des Verfahrens |
| Wiederholtes Durchlaufen | Die Zeitlinie wird mehrfach durchgegangen, bis die Belastung nachlässt | Wiederholte Konfrontation in der Expositionstherapie |
| Verankerung in der Gegenwart | Der Abschluss betont, dass das Ereignis vorbei ist | Stabilisierungstechniken der Traumatherapie |
Wie bei vielen neueren Verfahren ist der geliehene Anteil größer als der eigene. Ob der eigene Anteil nötig ist, wurde nie geprüft.
Die eine Studie
Es gibt eine randomisierte kontrollierte Studie. Sie stammt aus Schweden, prüfte eine abgewandelte Fassung des Verfahrens und ist ausdrücklich als Pilotstudie angelegt.
38
eingeschlossene Frauen
1
Behandlungssitzung
72 %
ohne PTBS-Schwelle danach
6 %
in der Wartelistengruppe
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Teilnehmende | Frauen, Durchschnittsalter 24, mit PTBS nach einem einzelnen sexuellen Übergriff |
| Interessierte insgesamt | 135, davon 38 eingeschlossen |
| Behandlung | Eine Sitzung von 90 bis 140 Minuten |
| Vergleichsbedingung | Warteliste |
| Nachbeobachtung | Drei Wochen |
| Ausschlusskriterien | Mehrfache Traumatisierung, aktive Suchterkrankung, akute Psychose, ADHS, Autismus-Spektrum-Störung, geringe Sprachkenntnisse |
| Abbrüche und unerwünschte Wirkungen | Keine |
Was zur Einordnung gehört
Die Erstautorin ist Gründerin und Vorsitzende der Organisation, die die Behandlung anbietet, und war zugleich die Ärztin, die die Teilnehmenden untersuchte. Eine weitere Autorin war eine der fünf behandelnden Personen. Das ist in der Arbeit offengelegt und in einer Pilotstudie einer kleinen Organisation kaum vermeidbar. Es ist trotzdem eine Konstellation, in der der Glaube an das Verfahren an mehreren Stellen zugleich wirkt.
Auch die Auswahl ist eng: Von 135 interessierten Personen blieben 38 übrig. Ausgeschlossen wurden unter anderem Menschen mit mehrfacher Traumatisierung, also gerade die Gruppe, die in der Versorgung den größten Anteil ausmacht. Die Autorengruppe formuliert ihre Schlussfolgerung entsprechend vorsichtig und macht sie ausdrücklich von einer Wiederholung abhängig.
Das Problem mit der Warteliste
72 Prozent gegen 6 Prozent klingt nach einem Durchbruch. Um diese Zahl einzuordnen, muss man wissen, wie andere Verfahren in genau diesem Vergleich abschneiden. Dazu gibt es eine Cochrane-Übersicht mit 36 Studien und 3992 Teilnehmenden.
| Zielgröße | Effekt | Verlässlichkeit |
|---|---|---|
| Posttraumatische Belastungssymptome | SMD −0,83, großer Effekt | Niedrig |
| Depressive Symptome | SMD −0,82, großer Effekt | Niedrig |
| Behandlungsabbruch | Kein erhöhtes Risiko | Niedrig |
| Unerwünschte Ereignisse | Kein erhöhtes Risiko | Sehr niedrig |
Die Übersicht nennt Lifespan Integration ausdrücklich unter den neuen, nicht expositionsbasierten Ansätzen. Bei 43 Prozent der PTBS-Ergebnisse bestand ein hohes Verzerrungsrisiko, die Streuung lag bei I² = 87 Prozent.
Wir schließen daraus, dass eine Reihe verhaltensbezogener und kognitiv-verhaltensbezogener Maßnahmen die psychische Gesundheit von Überlebenden kurzfristig verbessern kann.
- Der Kern der Sache: Gegen eine inaktive Kontrolle erzielen psychosoziale Maßnahmen in diesem Bereich im Schnitt große Effekte. Das Ergebnis der Pilotstudie liegt damit im erwartbaren Bereich, ganz gleich welches Verfahren angewendet wird.
- Die Cochrane-Gruppe empfiehlt ausdrücklich, künftig direkte Vergleiche zwischen Verfahren durchzuführen, gerade bei neuen und aufkommenden Ansätzen, und über mindestens ein Jahr nachzubeobachten.
- Und ein methodischer Hinweis der Gruppe: Belege aus Studien ohne aktiven Vergleich zur Dauerhaftigkeit der Wirkung zu gewinnen sei praktisch kaum machbar und möglicherweise sogar unethisch.
Was das nicht heißt
Es heißt nicht, dass Lifespan Integration nicht wirkt. Es heißt, dass die vorliegende Studie nicht zeigen kann, dass es besser wirkt als irgendetwas anderes, was man in derselben Zeit hätte tun können.
Der Rest der Literatur
Neben dieser Studie gibt es zwei Arbeiten mit einem sorgfältigen Einzelfallverfahren. Es nennt sich hermeneutisches Einzelfall-Wirksamkeitsdesign und sammelt bewusst Argumente für und gegen die Wirksamkeit, die anschließend von unabhängigen Fachleuten beurteilt werden.
| Arbeit | Beteiligte | Umfang | Beurteilung |
|---|---|---|---|
| Rensch et al. 2021 | Ein zwölfjähriges Kind nach Traumatisierung | Neun Sitzungen über drei Monate | Deutliche Veränderung, dem Verfahren zugerechnet |
| Lewis et al. 2022 | Ein zwölfjähriges adoptiertes Kind mit Adoptivmutter | Zehn Sitzungen | Veränderung von drei Fachleuten dem Verfahren zugerechnet |
Beide Arbeiten stammen aus derselben Forschungsgruppe. Beide sind methodisch sauber gemacht und beide erlauben keine Aussage über Wirksamkeit jenseits der jeweiligen Person.
Ein Einzelfall ist kein schwacher Beleg, sondern eine andere Art von Wissen. Er zeigt, was bei einem Menschen geschehen ist, oft in großer Genauigkeit. Er kann nicht zeigen, was bei hundert Menschen geschehen wäre, und schon gar nicht, ob dasselbe mit einem anderen Verfahren auch passiert wäre.
Was fehlen würde
Es ist wenig, was für einen belastbaren Nachweis noch fehlt, und genau das macht die Lage unbefriedigend. Die Bausteine sind bekannt.
- Ein direkter Vergleich mit einem leitliniengestützten Verfahren, etwa der traumafokussierten kognitiven Verhaltenstherapie oder EMDR.
- Verblindete Beurteilung durch Personen, die nicht wissen, welche Behandlung stattgefunden hat.
- Unabhängige Durchführung durch eine Gruppe ohne Bindung an das Verfahren.
- Längere Nachbeobachtung als drei Wochen, idealerweise über ein Jahr.
- Eine Wiederholung der bisherigen Ergebnisse an anderer Stelle. Die Autorengruppe selbst macht ihre Empfehlung ausdrücklich davon abhängig.
Praktisch
Wenn du damit zu tun hast
- Frag zuerst nach den empfohlenen Verfahren. Bei posttraumatischer Belastungsstörung gehören traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie und EMDR zu den Verfahren mit der breitesten Beleglage.
- Prüfe die Grundqualifikation. Lifespan Integration wird als Zusatzausbildung vermittelt. Entscheidend ist, ob die Person auch ohne dieses Verfahren behandeln darf.
- Als Ergänzung ist es risikoarm. In der Studie traten keine Abbrüche und keine unerwünschten Wirkungen auf, was bei einem Traumaverfahren nicht selbstverständlich ist.
- Sei skeptisch bei Ein-Sitzungs-Versprechen. Die Studie prüfte eine Sitzung bei einer sehr eng ausgewählten Gruppe mit einem einzelnen Ereignis. Für komplexe oder wiederholte Traumatisierung sagt sie nichts.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Die Studie schloss Menschen mit mehrfacher Traumatisierung, aktiver Suchterkrankung und akuter Psychose ausdrücklich aus. Wer zu einer dieser Gruppen gehört, findet in dieser Beleglage keine Aussage über sich. Der Weg führt dann über die psychotherapeutische Sprechstunde, erreichbar über die Terminservicestelle unter 116 117.
Passend dazu
Fazit
Zu Lifespan Integration gibt es eine randomisierte Studie mit 36 ausgewerteten Frauen. Sie fand nach einer einzigen Sitzung 72 Prozent ohne PTBS-Schwelle gegenüber 6 Prozent in der Wartelistengruppe, ohne Abbrüche und ohne unerwünschte Wirkungen.
Die Einordnung liefert eine Cochrane-Übersicht über 36 Studien mit 3992 Teilnehmenden: Psychosoziale Maßnahmen erzielen gegen inaktive Kontrollen in diesem Bereich generell große Effekte. Das Ergebnis der Pilotstudie liegt damit dort, wo fast jede Behandlung in diesem Vergleich landet.
Was fehlt, ist ein direkter Vergleich mit einem etablierten Verfahren, verblindet beurteilt, unabhängig durchgeführt und länger nachbeobachtet. Bis dahin gilt: als Ergänzung risikoarm, als erste Wahl bei einer posttraumatischen Belastungsstörung nicht begründet.
Häufige Fragen
Was ist Lifespan Integration?
Ein Verfahren, bei dem Erinnerungen entlang einer Zeitlinie vom belastenden Ereignis bis zur Gegenwart wiederholt durchgegangen werden. Ziel ist, dass die Erinnerung als vergangen erlebt wird und sich in die eigene Lebensgeschichte einfügt.
Gibt es randomisierte Studien dazu?
Eine. Eine schwedische Pilotstudie prüfte eine einzige Sitzung einer abgewandelten Fassung bei Frauen mit posttraumatischer Belastungsstörung nach einem sexuellen Übergriff, im Vergleich zu einer Warteliste.
Wie fiel das Ergebnis aus?
In der Behandlungsgruppe erreichten 72 Prozent nach drei Wochen nicht mehr die Schwelle für eine posttraumatische Belastungsstörung, in der Wartelistengruppe 6 Prozent. Die Symptomwerte halbierten sich im Mittel.
Warum ist das trotzdem kein starker Beleg?
Weil eine Warteliste die schwächste Vergleichsbedingung ist. Eine Cochrane-Übersicht über 36 Studien zeigt, dass psychosoziale Maßnahmen gegen inaktive Kontrollen im Schnitt große Effekte erzielen, unabhängig vom Verfahren.
Was gibt es sonst an Forschung?
Im Wesentlichen Einzelfallstudien nach einem strukturierten Auswertungsverfahren, jeweils mit einem einzigen zwölfjährigen Kind. Sie sind sorgfältig gemacht, tragen aber keine Aussage über Wirksamkeit im Allgemeinen.
Sollte man es also meiden?
Nicht unbedingt. Es gab in der Studie keine Abbrüche und keine unerwünschten Wirkungen. Aber wer eine posttraumatische Belastungsstörung hat, sollte zuerst nach den Verfahren fragen, die in Leitlinien empfohlen werden.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Rajan, G. et al. (2022): A One-Session Treatment of PTSD After Single Sexual Assault Trauma. A Pilot Study of the WONSA MLI Project: A Randomized Controlled Trial. Journal of Interpersonal Violence. 38 eingeschlossene Frauen, 36 in der Intention-to-treat-Auswertung. Die Erstautorin ist Gründerin und Vorsitzende der durchführenden Organisation und war zugleich die untersuchende Ärztin, was offengelegt ist
- 2
O'Doherty, L. et al. (2023): Psychosocial interventions for survivors of rape and sexual assault experienced during adulthood. Cochrane Database of Systematic Reviews. 36 Studien aus den Jahren 1991 bis 2021 mit 3992 Teilnehmenden
- 3
Rensch, C. et al. (2021): Lifespan Integration Therapy with Trauma-Exposed Children: a Hermeneutic Single Case Efficacy Study. Journal of Child & Adolescent Trauma. Ein zwölfjähriges Kind, neun Sitzungen über drei Monate
- 4
Lewis, C. et al. (2022): Integrating Attachment Processes with Lifespan Integration Therapy: a Hermeneutic Single Case Efficacy Design with an Adopted Child. Journal of Child & Adolescent Trauma. Ein zwölfjähriges adoptiertes Kind, zehn Sitzungen im Beisein der Adoptivmutter