
Auf einen Blick
Dieser Artikel ordnet EMDR im Vergleich mit anderen Traumatherapien ein. Er ersetzt keine Beratung: Welche Behandlung für dich richtig ist, entscheidet sich in der Sprechstunde und nicht im Ranking.
- EMDR ist ein anerkanntes traumafokussiertes Verfahren in acht Phasen.
- Gegenüber anderen psychologischen Traumabehandlungen zeigt sich kein Unterschied.
- Bei Kindern und Jugendlichen liegt es im Mittelfeld der geprüften Verfahren.
- Die Augenbewegungen haben im Labor einen eigenen, messbaren Effekt.
- Ob dieser Effekt den Behandlungserfolg erklärt, ist offen.
Was EMDR ist
Die Abkürzung steht für Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung. Das Verfahren wurde Ende der 1980er Jahre entwickelt und folgt einem festen Ablauf aus acht Phasen, von denen die eigentliche Verarbeitung nur eine ist.
Schritt 1
Vorbereitung
Anamnese, Behandlungsplanung, Stabilisierung und Aufbau innerer sicherer Orte.
Schritt 2
Bewertung
Auswahl des belastenden Erinnerungsbildes, der damit verbundenen negativen Überzeugung und einer erwünschten positiven.
Schritt 3
Verarbeitung
Abruf der Erinnerung bei gleichzeitiger beidseitiger Reizfolge, meist geführte Augenbewegungen.
Schritt 4
Abschluss
Verankerung der positiven Überzeugung, Prüfung von Körperempfindungen, Nachbesprechung.
Die Phasen der Vorbereitung nehmen in der Praxis oft mehr Zeit ein als die Verarbeitung selbst.
Was dabei häufig übersehen wird
EMDR ist kein Verfahren, das aus Augenbewegungen besteht. Es enthält Konfrontation mit der belastenden Erinnerung, Arbeit an Überzeugungen und Stabilisierung, also Bausteine, die auch in anderen Traumatherapien vorkommen. Das ist einer der Gründe, warum der Vergleich mit anderen Verfahren so ausgeht, wie er ausgeht.
Die Beleglage
346
Patienten in der Einzeldatenauswertung
2.260
Teilnehmende in der Netzwerkanalyse bei Jüngeren
4.929
Patienten in der Metaanalyse zur Konfrontationstherapie
8
Phasen im EMDR-Ablauf
Dass EMDR wirkt, ist unstrittig und in Leitlinien abgebildet. Interessant wird es bei der Frage, wie es im direkten Vergleich abschneidet, und dazu liegt seit 2024 eine ungewöhnlich saubere Auswertung vor.
Der Vergleich mit anderen Verfahren
Der Goldstandard beim Vergleich von Behandlungen ist die Auswertung individueller Patientendaten. Statt nur veröffentlichte Mittelwerte zusammenzufassen, werden die Rohdaten der Einzelstudien zusammengeführt. Von 15 geeigneten randomisierten Studien konnten acht mit insgesamt 346 Personen so ausgewertet werden.
| Zielgröße | Ergebnis |
|---|---|
| Symptomschwere der Belastungsstörung | kein bedeutsamer Unterschied |
| Ansprechen auf die Behandlung | kein bedeutsamer Unterschied |
| Remission | kein bedeutsamer Unterschied |
| Behandlungsabbruch | kein bedeutsamer Unterschied |
Verglichen wurde unter anderem mit Entspannungsverfahren, Klopfakupressur, traumafokussierten kognitiv-verhaltenstherapeutischen Verfahren und einer REM-Desensibilisierung. In den Moderatoranalysen zeigten arbeitslose Teilnehmende unter EMDR höhere Symptomwerte am Behandlungsende, und Männer brachen häufiger ab als Frauen.
Wenn mehrere Verfahren gleich gut wirken, hast du eine Wahl. Das ist in der Medizin seltener, als man denkt, und für Menschen mit Traumafolgestörungen praktisch wertvoll.
Bei Kindern und Jugendlichen
Eine Netzwerkmetaanalyse hat 32 Studien mit 17 Verfahren und 2260 Teilnehmenden ausgewertet und alle Verfahren gegen Warteliste gerankt. EMDR liegt darin im Mittelfeld. Die größten Effekte zeigten individuelle Formen der traumafokussierten kognitiven Verhaltenstherapie, allen voran die kognitive Therapie für Belastungsstörungen.
Wie belastbar diese Rangfolge ist
Die Autoren stufen die Beleglage insgesamt als von mittlerer bis niedriger Qualität ein. Die Vertrauensbereiche der Rangplätze überlappen erheblich. Eine Rangliste sieht eindeutiger aus, als sie ist, und die größte Datenbasis hatten ausgerechnet nicht die vorderen Plätze.
Ein dritter Blickwinkel bestätigt das Bild. Eine Metaanalyse zur Konfrontationstherapie über 65 Arbeiten mit 4929 Patienten fand große Effekte gegenüber Warteliste und üblicher Versorgung, einen kleinen Effekt gegenüber nicht traumafokussierten Verfahren und einen vernachlässigbaren gegenüber anderen traumafokussierten Behandlungen.
Die Frage der Augenbewegungen
Wenn EMDR genauso gut wirkt wie Verfahren ohne Augenbewegungen, liegt der Schluss nahe, dass die Augenbewegungen nichts beitragen. So einfach ist es nicht, und die Laborforschung zeigt warum.
In einer Untersuchung riefen 73 Studierende zwei belastende eigene Erinnerungen ab, eine davon mit geführten Augenbewegungen, die andere ohne. Die Hälfte tat das über vier Abschnitte von je 24 Sekunden, die andere Hälfte über acht.
| Bedingung | Sofort | Nach 24 Stunden |
|---|---|---|
| Abruf mit Augenbewegungen, vier Abschnitte | Lebhaftigkeit der Erinnerung nimmt ab, emotionale Ladung nicht | kein anhaltender Effekt auf beides |
| Abruf mit Augenbewegungen, acht Abschnitte | Lebhaftigkeit nimmt ab | Lebhaftigkeit und emotionale Ladung nehmen ab |
| Abruf ohne Augenbewegungen | keine Abnahme | keine Abnahme |
Es wurden ausschließlich Selbsteinschätzungen erhoben, was die Autoren als Einschränkung benennen.
Der Abruf mit Augenbewegungen bewirke Veränderungen der Lebhaftigkeit und emotionalen Ladung über 24 Stunden, was einen Teil des EMDR-Behandlungseffekts erklären könnte, und diese Effekte hingen von der Dauer der Anwendung ab.
Wie beide Befunde zusammenpassen
Die Augenbewegungen haben einen eigenen, messbaren Effekt auf Erinnerungen. Zugleich wirkt EMDR insgesamt nicht besser als Verfahren ohne sie. Beides ist gleichzeitig möglich, wenn die verschiedenen Verfahren über unterschiedliche Wege zum selben Ergebnis kommen. Genau das ist die derzeit plausibelste Lesart, und sie erklärt, warum die Debatte zwischen Anhängern und Kritikern seit Jahrzehnten nicht endet.
Für wen es infrage kommt
- Bei posttraumatischer Belastungsstörung. Das ist das Anwendungsgebiet mit der belegten Wirksamkeit. Für andere Beschwerdebilder ist die Beleglage deutlich dünner, auch wenn EMDR zunehmend breiter angeboten wird.
- Wenn ausführliches Sprechen schwerfällt. EMDR verlangt weniger detaillierte Schilderung des Erlebten als manche Konfrontationsverfahren. Für Menschen, denen das Erzählen unerträglich ist, kann das den Zugang erleichtern.
- Wenn es verfügbar ist. Bei vergleichbarer Wirksamkeit ist die Wartezeit ein zulässiges Auswahlkriterium. Eine Behandlung, die in sechs Wochen beginnt, schlägt eine gleich wirksame, die in acht Monaten beginnt.
- Nicht als alleinige Antwort bei komplexen Verläufen. Bei früher, wiederholter Traumatisierung sehen Leitlinien in der Regel eine längere, mehrphasige Behandlung vor. Das ist keine Ablehnung von EMDR, sondern eine Frage des Rahmens.
Praktisch
| Frage | Warum sie zählt |
|---|---|
| Ist die Person approbiert? | EMDR ist Teil einer Psychotherapie, keine eigenständige Berufsbezeichnung. Angeboten wird es auch von nicht approbierten Personen |
| Gibt es eine anerkannte EMDR-Fortbildung? | In Deutschland vergeben Fachgesellschaften entsprechende Nachweise. Danach kann man fragen |
| Wird die Behandlung von der Krankenkasse übernommen? | Bei approbierten Behandelnden im Rahmen einer Richtlinienpsychotherapie in der Regel ja |
| Wie viel Zeit ist für Stabilisierung vorgesehen? | Eine Behandlung, die in der ersten Sitzung mit der Verarbeitung beginnt, überspringt die Vorbereitung |
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Traumaverarbeitung kann vorübergehend belasten. Eine kurzfristige Zunahme von Unruhe, Träumen oder Erinnerungsbildern ist bekannt und wird in der Behandlung aufgefangen. Wenn du dich außerhalb der Sitzungen nicht mehr stabilisieren kannst, sprich das umgehend an. Bei akuten Krisen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar, bei akuter Gefahr der Notruf 112.
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Fazit
EMDR wirkt bei posttraumatischer Belastungsstörung, und es wirkt nicht besser als andere traumafokussierte Verfahren. Die bisher sauberste Auswertung, eine Zusammenführung individueller Patientendaten aus acht Studien, fand bei keiner der vier Zielgrößen einen bedeutsamen Unterschied.
Die Augenbewegungen sind dabei kein Placebo: Im Labor verändern sie Lebhaftigkeit und emotionale Ladung von Erinnerungen messbar, und zwar abhängig von der Anwendungsdauer. Dass sie den Behandlungserfolg erklären, folgt daraus aber nicht.
Die praktische Folgerung ist entspannter, als die Debatte vermuten lässt: Nimm das wirksame Verfahren, das du bekommst, bei einer Person, der du vertraust. Bei vergleichbarer Wirksamkeit sind Verfügbarkeit und Passung die besseren Auswahlkriterien als die Methode.
Häufige Fragen
Was ist EMDR?
Ein traumafokussiertes Psychotherapieverfahren in acht Phasen. Kernstück ist, dass die belastende Erinnerung aufgerufen und gleichzeitig eine beidseitige Reizfolge angeboten wird, meist geführte Augenbewegungen. In Deutschland ist EMDR zur Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung bei Erwachsenen anerkannt.
Wirkt EMDR?
Ja. In den Leitlinien und Netzwerkanalysen zur Behandlung von Belastungsstörungen taucht es regelmäßig unter den wirksamen Verfahren auf. Die Frage ist nicht ob, sondern wie es im Vergleich zu anderen Traumatherapien abschneidet.
Ist EMDR besser als andere Traumatherapien?
Nach der bisher besten Auswertung nicht. Eine Metaanalyse individueller Patientendaten aus acht randomisierten Studien mit 346 Personen fand keinen bedeutsamen Unterschied zu anderen psychologischen Behandlungen, weder bei der Symptomschwere noch beim Ansprechen, bei der Remission oder beim Behandlungsabbruch.
Was sagt die Forschung bei Kindern und Jugendlichen?
Eine Netzwerkmetaanalyse über 32 Studien mit 17 Verfahren und 2260 Teilnehmenden ordnet EMDR im Mittelfeld ein. Vorn lagen individuelle Formen der traumafokussierten kognitiven Verhaltenstherapie, insbesondere die kognitive Therapie für Belastungsstörungen.
Sind die Augenbewegungen der Wirkfaktor?
Das ist die umstrittenste Frage. Laborstudien zeigen einen eigenen Effekt: Erinnerungsabruf mit Augenbewegungen verringerte die Lebhaftigkeit der Erinnerung sofort und, bei längerer Anwendung, auch die emotionale Ladung noch nach 24 Stunden. Ob das den Behandlungserfolg erklärt, ist damit nicht gezeigt.
Was folgt daraus für die Wahl?
Dass die Auswahl weniger nach dem Verfahren und mehr nach der Passung erfolgen sollte. Wenn mehrere wirksame Behandlungen gleich gut abschneiden, entscheiden Verfügbarkeit, Zugang und Vertrauen zur behandelnden Person.
Quellen
Alle Angaben in diesem Artikel stützen sich auf die folgenden Veröffentlichungen. Die Links führen direkt zur jeweiligen Fundstelle.
- 1
Wright, S. L. et al. (2024): EMDR v. other psychological therapies for PTSD: a systematic review and individual participant data meta-analysis. Psychological Medicine. 15 gefundene randomisierte Studien, 8 davon mit Einzeldaten auswertbar, 346 Patientinnen und Patienten
- 2
Mavranezouli, I. et al. (2020): Research Review: Psychological and psychosocial treatments for children and young people with post-traumatic stress disorder: a network meta-analysis. Journal of Child Psychology and Psychiatry. 32 Studien, 17 Verfahren, 2260 Teilnehmende
- 3
McLean, C. P. et al. (2022): Exposure therapy for PTSD: A meta-analysis. Clinical Psychology Review. 65 eingeschlossene Arbeiten mit insgesamt 4929 Patientinnen und Patienten
- 4
Leer, A. et al. (2014): How eye movements in EMDR work: changes in memory vividness and emotionality. Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry. 73 Studierende, Vergleich von Abruf mit und ohne Augenbewegungen, Nachtestung nach 24 Stunden